Mündiger Bürger? Wie geht das?

Was hätte wohl Immanuel Kant gesagt oder geschrieben, wenn er die Situation im heutigen Deutschland kennengelernt hätte? Da kann man nur spekulieren. (Bild: Immanuel Kant; Quelle Wikimedia, bearbeitet) Er hat aber einige Maximen formuliert, die wir uns auch heute noch immer wieder bewusst machen sollten. Eine zentrale Forderung betrifft die Mündigkeit der Bürger (in Was ist Aufklärung? von 1784):

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. ‚Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

Wenn man heute im Netz nach „Der mündige Bürger sucht, stammen die ersten fünf Treffer von bpb, Wikipedia, Spiegel-online und studlib (sowie einem weiteren Wikipedia-Artikel zu einer Splitterpartei, die es nicht mehr gibt). Ich habe die ersten vier Artikel hier zur Einstimmung kurz zusammengefasst, um Ihnen einen Eindruck des gegenwärtigen Verständnisses vom mündigen Bürger zu vermitteln.

Wikipedia schreibt zur Mündigkeit aus Sicht der Philosophie: Es ist die Fähigkeit des einzelnen Menschen zur Selbstbestimmung und Eigenverantwortung, sich selbst gegenüber und in der Gemeinschaft. Mündigkeit ist ein Zustand der Unabhängigkeit und besagt, dass man für sich selbst sprechen und sorgen kann. Hier werden dazu die oben genannte Sätze von Kant zitiert.

Und weiter: Wie wird man ein mündiger Bürger? Die persönliche Entwicklung beginnt in der Kindheit, setzt sich verstärkt in der Jugend fort und ist während des ganzen Lebens notwendig. Zu den Herausforderungen dieser Entwicklung schreibt Kant:

„Daß der bei weitem größte Teil der Menschen (…) den Schritt zur Mündigkeit außer dem, daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben.“

Bild: Aktive (Selbst-)Entmündigung eines Bürgers (eigenes Foto, 2014)

Erstaunlicherweise ist es in der Gegenwart wegen des raschen Wandels der Gesellschaft und ihrer Kultur, wegen des Wohlstands, der bequem und träge macht, und wegen der omnipräsenten, perfiden Verführung durch die Massenmedien gegen jede rationale Erwartung unerwartet schwierig geworden, mündig zu werden und die Mündigkeit zu bewahren.

Ganz andere Schwerpunkte als Kant beschreibt die Bundeszentrale für politische Bildung:

„Wenn man sagt, dass jemand ein „mündiger Mensch“ ist, heißt das, jemand ist volljährig, voll geschäftsfähig und auch straffähig. Er oder sie hat die vollen Bürgerrechte, kann wählen gehen und selbst gewählt werden

Das ist sozusagen die administrative Sicht. Aber auch: „Ein mündiger Mensch muss für die Dinge, die er tut, einstehen, er muss dafür die Verantwortung übernehmen.“ Und: „Mündigkeit hat noch eine weitergehende Bedeutung. Gemeint ist damit auch Selbstbestimmung und Urteilsfähigkeit. Man spricht oftmals von „mündigen Bürgern“ und meint damit, dass die Bürger und Bürgerinnen nicht nur für sich selbst Verantwortung übernehmen, sondern auch für ihren Staat und ihre Gesellschaft. In einer Demokratie wie in Deutschland ist das besonders wichtig. Die Demokratie braucht mündige Bürger und Bürgerinnen, die sich interessieren und engagieren, die bereit sind, politisch im Staat mitzuwirken.“

Der Spiegel beschäftigt sich in einem Artikel zum mündigen Bürger mit der Frage, welche politischen Begriffe und Zusammenhänge der Fernsehzuschauer kennen sollte, um die Tagesschau zu verstehen. Die sehr vordergründige Antwort des Spiegel lautet: „Ursächlich für den fehlenden Durchblick ist wohl etwas anderes: Der breiten Mehrheit der Tagesschau-Konsumenten mangelt es einfach am Basiswissen über politische Begriffe und Zusammenhänge, um der wichtigsten Informationssendung des deutschen Fernsehens folgen zu können.“ Als Beispiele für fehlendes Wissen werden genannt: Was ist der Bundesrat, und wie funktioniert er? Wer kann Gesetze initiieren? Wer wählt den Bundeskanzler? Wer wählt den Bundespräsidenten? Was ist das deutsche Wappentier? Und danach, mit etwas mehr Niveau: Dass sich die Demokratie durch die Gewaltenteilung auszeichnet. Die Fragen des Artikels betreffen also politische Strukturen und Prozesse, die vor allem für die Politiker selbst wichtig sind. Macht dieses Wissen den Bürger schon mündig? Was ist mit den anderen Berichten der Tagesschau wie Kriege, Terrorismus, Massenmigration, Staatsverschuldung, Probleme der EU, Klimawandel, Gender usw.? Was sind dabei Ursachen, Folgen und Risiken?

Die vierte Quelle nennt sich freie digitale Bibliothek Studlib; sie schreibt zum Thema mündiger Bürger: „Welche Bürger braucht ein menschenwürdiges Gemeinwesen? Es braucht Menschen, die sich ihrer Würde bewusst sind: Menschen mit aufrechtem Gang, einem weichen Herzen und einem kühlen Kopf. Sie müssen in der Lage sein, ihr Gemeinwesen zu verteidigen, zu kritisieren und Widerstand zu leisten, wenn es nötig ist.“ Daraus wird mutig gefolgert: „Ein menschenwürdiges Gemeinwesen braucht mündige Bürger. Und Mündigkeit muss gelernt und geübt werden, genauso wie das menschenwürdige Gemeinwesen aufgebaut und gepflegt werden muss.“ Dieser Folgerung kann ich zustimmen, aber was ist mit den ersten drei Sätzen konkret gemeint?

Weiter geht es mit den Begriffen Mündigkeit und Bürger nach dem etwas eigenartigen Verständnis „Mündig ist, wer selbstständig seinen Mund aufmacht.“ Zur Aufklärung gibt es in der Studlib aber einen interessanten Hinweis auf die kollektiven Selbstaufklärung des Menschen, die Kant für „beinahe unausbleiblich“ hält. Leider ist es seither ganz anders gekommen; Kant kannte halt die Methoden und Ziele der heutigen M-Medien noch nicht.

Als Ergebnis von 200 Jahren Aufklärung beschränkt sich der Artikel aber vorwiegend auf das Versagen der Vernunft, die Barbarei des Dritten Reiches und den scheinbar unnötigen Unterschied von Reich und Arm in der gegenwärtigen Welt. Das ist eine sehr einseitige Auswahl, die keine mündigen, sondern einseitig indoktrinierte Bürger fördert.

Bild: Passive (Fremd-)Entmündigung durch die „Hofberichterstattung“ uva. (Quelle: Pixabay)

Angesichts dieser Informationslage ist es offenbar wichtig, selbst über die Faktoren und Fähigkeiten zu recherchieren und nachzudenken, die Mündigkeit bewirken können. Dazu gehören – kurz zusammengefasst – in erster Linie ein ausreichendes Wissen jedes einzelnen Bürgers, und seine Fähigkeit zum kritischen Denken, das die systematische, durch Wissen begründete Analyse von Ursachen und ihren Wirkungen erfordert. Menschen, die noch an einen Gott glauben, könne erst dann mündig werden, wenn die individuelle Angst vor Gott und dem Jenseits weg ist. Erst dann ist für sie Religions- und Gottkritik möglich. Zu glauben, was ein Chor von weitgehend gleichgeschalteten Massenmedien in ihren oft desinformativen Berichten und Kommentaren verkündet, ist zwar viel bequemer, führt aber nicht zur Mündigkeit, sondern zu fremd verschuldeter Unmündigkeit und letztlich statt der wünschenswerten Schwarmintelligenz in der Gesellschaft zu einem Herdenverhalten wie bei den sprichwörtlichen Lemmingen.

Deshalb ist ein Paradigmenwechsel dringend nötig, weg von der gegenwärtigen Glaubens- zur einer Wissensgesellschaft, die frei ist von Desinformation, Demagogie und Ideologie, und deren Vierte Gewalt die naturwissenschaftlich-empirische Arbeits- und Erkenntnismethode ist.

Und noch ein wichtiger Hinweis: PC und Internet bieten nach einer langen Durststrecke wegen der Informationseinbahnstrassen der Bücher und M-Medien von „oben“ nach „unten“ endlich wieder die volle Dialogfähigkeit; nutzen Sie diesen Paradigemenwechsel: Schreiben Sie einen Kommentar, wenn Sie ein Anliegen haben. Natürlich einen sachlichen Kommentar … wir freuen uns über jeden konstruktiven Beitrag.

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3 Responses to Mündiger Bürger? Wie geht das?

  1. w.mueller sagt:

    Das ist ein guter Start für den mündigen Bürger. Den ollen Kant hätte ich nicht unbedingt vorangestellt, weil der zuviel Idealistisches von sich gegeben hat, und das ist das Gegenteil von mündig. Sonst begrüße ich die Chance, die sich hier auftut. Ich bin dabei!

  2. Günter Dedie sagt:

    Ich finde das, was ich von Kant zum mündigen Bürger zitiert habe, nicht zu idealistisch, sondern schlicht und einfach nur zutreffend. Dass das sicher noch nicht alles ist, was wir zum mündigen Bürger zu sagen haben, steht auf einem anderen Blatt, bzw. hoffentlich in vielen weiteren Beiträgen.

  3. Johann Wolfgang Goethe sagt:

    Mündiger Bürger? Wie geht das?

    Ich denke, ein mündiger Bürger ist dann ein mündiger Bürger, wenn man sich an den staatlichen Regeln hält. Wenn nicht, wird man für nicht mündig erklärt.

    Beispiel: In eigener Sache: Ich habe einen Frührentenantrag 2014 gestellt. Erster Schritt: Orthopädisches Gutachten! (habe Einspruch eingelegt). Zweiter Schritt: Psychiatrisches Gutachten!
    Der Psychiater stellte gleich klar, dass ich auf seine Fragen nur mit ″JA″ oder ″NEIN″ zu antworten habe, sonst beendet er die Begutachtung. Ich wurde nicht angehört und kam mir wie ein unmündiger Bürger vor. Mein Antrag läuft bereits 5 Jahre – ich werde als mündiger Bürger nicht ernst genommen.

    JWG

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