Wenn Glauben Wissen macht

Ich freue mich, heute Gerd Maas als Gastautor bei uns begrüßen zu können. Sein Beitrag Wenn Glauben Wissen macht setzt sich kritisch mit Beispielen der gegenwärtigen Kursangebote der deutschen Volkshochschulen auseinander. (Bild: VHS Plakat 2017; Foto Gerd Maas). Der Artikel ist im Dezember 2017 in seiner Seite Neues aus Absurdistan erschienen. Gerd Maas hat Betriebswirtschaft studiert und ist als beratender Betriebswirt und Sachverständiger für die Bereiche Kommunikation, Logistik und Projektmanagement tätig. Als Unternehmer engagiert er sich als Regionalvorsitzender im Wirtschaftsverband Die Familienunternehmer und beim Bund der Steuerzahler für Generationengerechtigkeit und eine zukunftsfähige Wirtschaftsordnung. Hier ist sein Beitrag:

Grundsätzlich hab ich sehr viel Sympathie für die zu tiefst aufklärerische Idee der Volkshochschulen (VHS) und fraglos großen Respekt vor dem mannigfaltigen haupt-, neben- und ehrenamtlichen Engagement rund um diese Einrichtungen. Der Gedanke, dass Freiheit nicht nur Abwesenheit von Zwang bedeutet, sondern auch die Befähigung zur individuellen Entfaltung, ist nach meinem Dafürhalten tragend für unsere Kultur und das freiheitlich demokratische System.

Um wirklich frei zu sein, muss man den Verführungen, die in einer offenen Gesellschaft naturgemäß zahllos vorkommen, skeptisch entgegentreten können. Skeptisch wie Karl Popper es verstanden hat: prüfend erwägen. Versuchen einen Blick hinter Fassaden zu werfen, um schöngefärbte Konsum-, Politik- oder Heils- und Glaubensangebote bloßstellen zu können.

Nach meiner Erfahrung wird da an Volkshochschulen in Deutschland wirklich gute Arbeit geleistet. Zum Beispiel durch viele, viele weltöffnende Sprachkurse oder als Anschlusshelfer in die digitale Welt und allein schon, weil in Volkshochschulen ganz generell Denken und Lernen gefördert wird. Wahrscheinlich die wichtigsten Kulturtugenden.

Bei allem Wohlwollen also gegenüber der VHS-Idee und seiner Umsetzung in Deutschland, musste ich doch sehr schmunzeln, als ich jüngst eine Plakatwerbung der Volkshochschulen sah. »vorher: meinen – nachher: wissen« stand da als Slogan. Richtig, bravo, das ist genau die Idee der Aufklärung, dass sich die Menschen nicht mehr so leicht jeden Bären aufbinden lassen.

In der bundesweiten VHS-Realität schaut es mit dem Verständnis von Meinen und Wissen dann aber doch ein wenig anders aus. Wenn man einmal durch die verschiedenen Programme blättert, trifft man auf äußerst erstaunliche Angebote. Zugegeben, oft ein wenig versteckt und ganz gewiss auch nicht schwerpunktmäßig, deswegen aber nicht minder bedenklich:

Die VHS Mainz bietet unter der Kategorie „Neue Wege (Psychologie, Kommunikation, Astrologie, Esoterik)“ den Kurs „NLP – Grundlagen, Techniken, Strategien“ an. Durch das Neurolinguistische Programmieren soll man Klarheit über seine Werte, Glaubensätze und Ziele bekommen. Versprochen wird „maximale Motivation“ aus der „Lebenszielarbeit“, um nicht mehr und nicht weniger als „künftige Aufgaben und schwierige Situationen erfolgreich zu meistern“. Trotz anhaltend großem Interesse an NLP fehlt aber bisher jeder nachvollziehbare, stichhaltige wissenschaftliche Nachweis der Wirksamkeit. In der psychologischen Forschung und Lehre kommt NLP allenfalls als Beispiel für Pseudowissenschaften vor.

Bei der VHS Frankfurt können Sie „System- und Familienaufstellungen“ nicht nur kennenlernen sondern machen lassen. Es wird unterstellt, dass „viele“ Probleme ihre Ursachen in „Verstrickungen“ mit der Herkunftsfamilie haben. „Möglicherweise haben wir unbewusst Gefühle oder Lebensentwürfe von anderen Familienmitgliedern übernommen.“ Im Kurs soll zwar angeblich auch die kritische Einschätzung gelehrt werden, aber man bekommt auch die Möglichkeit eigene Themen „aufzustellen“. Tatsächlich wird in der psychotherapeutisch anerkannten Systemischen Familientherapie auch mit Aufstellungen zur Veranschaulichung von Lösungswegen gearbeitet. Aber als Hilfsmittel, nicht als Therapie. Und nicht um unterbewusste, sondern um ganz konkrete Wechselwirkungen des sozialen Kontextes zu veranschaulichen.

In Allershausen können Sie sich an der VHS „Die Arbeit mit Reiki und der katathym-imaginativen Psychotherapie“ ansehen. Auch hier soll „vieles“ gelöst werden, denn „vielen Krankheiten liegen Blockaden zugrunde“. Namentlich „Glaubenssätze aus der Kindheit“ blockieren uns, wenn nicht sogar unterbewusst gespeicherte Erfahrungen und Erinnerungen unserer Vorfahren. Man muss sich aber keine Sorgen machen, die Kursleiterin weiß zu demonstrieren, wie sie mit bloßen Händen elektromagnetische Felder aufbauen kann, die blockierte Energiebahnen lösen. Mehr als etwas wohltuende Wirkung aus vielleicht gläubiger Erwartungshaltung und ein wenig Placebo-Effekt ist allerdings von solcher Quacksalberei nicht zu erwarten.

Dies nur eine kleine Auswahl. Populäre Glaubenschaften wie Homöopathie, Schüßler-Salze oder Kinesiologie sind sowieso wie überall auch in den Volkshochschulen allgegenwärtig. Ohne dass zu diesen Heilsmethoden über den Placebo-Effekt hinaus medizinische Evidenz vorhanden wäre.

Dazu kommt noch, dass sich viele Aura-, Chakra- und Sonstwie-Wunderheiler hinter unauffälligen Yoga oder Qi Gong oder Ähnlichem Kursen verstecken. An der VHS Herzogenaurach macht das Reikistudio Sylvia Hellmold die „Tai Chi Qi Gong Gesundheitsübungen“, an der VHS Bad Dürkheim bietet die schamanische Heilerin Jutta Kramme unter dem Titel „Entspannung und Harmonie für Körper, Geist und Seele“ Meditationsarbeit. Die Yogalehrerin Ursula Katharina Huber der VHS Traunstein betitelt sich selbst als Visionssucheleiterin und bietet auf ihrer eigenen Homepage auch Parawissenschaften wie Geomantie, Radiästhesie oder den schamanischen Medizinkreis an. Und und und. Ich schätze, derart werden Sie fast bei jeder VHS fündig werden.

Da fürchte ich wenig Wissen. Wenig Aufklärung. Viel Meinen und Glauben.

Wirklich erschreckend ist aber, dass Kurse à la „Wie und woran erkenne ich wertlose (und teure) Alternativmedizin“, „Wie schütze ich mich vor fragwürdigen Lebenswegberatern“ oder „Warum die Wünschelrute wirklich wackelt“ eher fehlen – ein paar Ausnahmen zum Beispiel auf Initiative der ehrenwerten Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) ausgenommen. Mehr Volkserziehung zur skeptischen Grundhaltung und zum Selber-Denken würde sicher auch so manche politische Verführung erschweren. Mehr gesunde Skepsis, mehr Freiheit.

Dimidium facti, qui coepit, habet: sapere aude, incipe. – Wer anfängt, hat schon halb gehandelt: Traue dich, Weisheit zu erlangen. Fang an! (Horaz: Epistulae 20 v. Chr.)

 

Bekannte Bücher von Gerd Maas:

Wer zwei Paar Hosen hat, mache eins zu Geld und schaffe sich dieses Buch an – Versuche zur neuen Aufklärung. Inspiriert und ausstaffiert mit Aphorismen des Georg Christoph Lichtenberg; Thalia/Kindle 2013

Warum Erben gerecht ist. Schluss mit der Neiddebatte – ein Plädoyer für Subsidiarität, Eigenverantwortung und Familienunternehmertum, gegen die Besteuerung von Erbschaften in Deutschland; FinanzBuch-Verlag 2015

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1 Response to Wenn Glauben Wissen macht

  1. Johann Wolfgang Goethe sagt:

    VHS ist aus meiner Sicht nur eine Institution für Weiterbildung. Man bekommt ein Zertifikat für die Teilnahme, was für das Brufleben keine Bedeutung hat. Finanziert wird VHS durch die Beiträge der Schüler. Eigentlich dürften sie sich nicht Hochschule nennen.

    JWG

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