Die Zukunft gehört dem Analphabetismus

Heutzutage ist es anscheinend wichtiger, ein Alpha-Männchen oder -Weibchen zu sein, als alphabetisiert. Viele sind’s jedenfalls nicht – alphabetisiert – – allein in Deutschland sind das Millionen, und es werden immer mehr. Ein Artikel der FAS von vor der Immigrantenflut hieß denn auch Nur noch Analphabeten (2014), und das sollte keine Frage sein, sondern eine Feststellung (Bild: anatom5 GmbH, Wikimedia Commons).

Früher galt es als Behinderung, wenn jemand nicht lesen und schreiben konnte, allmählich wird das zum Standard. SMS und Internet täuschen über die Entwicklung hinweg, indem sie einen vorübergehenden Boom des Schriftlichen hervorbrachten. Die FAS bemängelt in dem unten verlinkten Artikel, wie wenig das diskutiert wird. Die Frage ist, kann der Mensch der Zukunft überhaupt noch lesen? Oder wird nicht bloß das Papier überflüssig, sondern das Geschriebene überhaupt? Das führt den FAS-Autor Markus Günther zu der Prognose, die Welt werde bald nur noch wenige Menschen brauchen, die lesen und schreiben können.

Die Argumente für den Analphabetismus sind immerhin gewichtig, aber sie stoßen zunehmend auf Widerspruch. Ja, die Kulturtechniken werden in der Schule noch gelehrt, aber die digitalen Umwälzungen steuern in eine audiovisuelle Welt hinein. Demnach wäre die fast vollständige Alphabetisierung der Welt ein kurzlebiges Phänomen, und wir wären auf dem Weg aus der Alphabetisierung heraus. Umwälzungen gab es ja schon immer, z.B. als das Auto die Pferde verdrängte.

Derzeit ist man von Schriften geradezu umzingelt. Es wurde noch nie so viel geschrieben wie heute. Die Schriftkultur ist essentiell für Leben, Arbeit, Schule. Doch die Erosion läuft, und dafür gibt es beeindruckende Beispiele. Wer seine Schrift nicht eintippen will, kann sie in den Computer oder das Smartphone reinsprechen. Diktate werden inzwischen ziemlich gut aufgenommen, und die Entwicklung geht weiter. Man muss die Niederschrift nicht mal mehr lesen. Auf Tastendruck kann man sich den Text vorlesen lassen.

Die Spitzentechnik ist inzwischen schneller, als Geübte tippen können, sogar mit automatischer Wortvervollständigung.  Schneller als Schüler beim Diktat ist die Technik allemal, und meistens ist das Ergebnis wohl auch richtiger. Betroffen ist das Privatleben genauso wie der Beruf und die Ausbildung. Inzwischen werden geschriebene Gebrauchsanleitungen mit großem Erfolg durch Videos ersetzt. Das Video ist eingängiger, effizienter, plastischer. Die Handlung im Video muss auch nicht übersetzt werden. Dieser Fortschritt gibtder audiovisuellen Kommunikation auch in anderen Branchen Auftrieb. Piktogramme, Blink- und Piepssignale greifen um sich (der FAS-Artikel fügt eine schöne Sammlung an). In der Medizin sind Lehrfilme erfolgreicher als Seminare; anderswo desgleichen, und diese Erfolge sorgen für weiteres Zurückdrängen der Schriftkultur.

Noch ist Google die Nummer 1 unter den Suchmaschinen, aber Youtube ist schon die Nummer 3 (mit weitem Abstand, siehe Link unten, der Artikel behauptet sogar Nummer 2) Bei Youtube kann man sein Begehren schon reinsprechen und wird mit ausdiovisuellen Antworten belohnt wird. Das Spektrum ist riesig: Medizinische Fragen, Kochrezepte, Reparatur- und Arbeitsanweisungen, Vergleichstests, Mode, Archäologie, Erste Hilfe, Anleitung zum Musikmachen, und die Liste der Beispiele ließe sich noch verlängern.

Wenn man der Argumentation der FAS folgt, ist der Erfolg nicht nur an der Technologie festzumachen, sondern an der Wechselwirkung von neuen Möglichkeiten, alten Triebkräften, Effizienzsteigerungen und Wettbewerbsdruck. Der Autor Markus Günther sieht darin eine kapitalistische Grundeigenschaft wie die Produktivitätssteigerung. Die immanente Systemlogik bekämpft demnach Wachstums- und Handelshemmnisse – und dazu könnte die Schriftsprache werden. Die FAS listet ein paar Hemmnisse auf, in summarischer Wiedergabe:

  • Unterschiede in politischen und Rechtssystemen,
  • Währungs- und Sprachunterschiede,
  • Unter- und Überqualifizierung der Arbeiter und Konsumenten.

An gebildeten Menschen habe der Kapitalismus kein Interesse, heißt es, denn er bemisst die Qualifikationen funktional und nicht kulturell. Deshalb werde die elitäre Fähigkeit der Schriftsprache künftig nur noch für Eliten gebraucht, und die Allgemeinheit könne getrost darauf verzichten.

Die Abschaffung der Handschrift kommt ja schon gut voran, und das ist mit einem Produktivitätsschub verbunden. Der audiovisuelle Markt ist Gold wert, weil er die Interaktion beschleunigt. Die Analphabetisierung beschleunigt sich dementsprechend, und die USA machen es vor. Dort ist die Allgemeinheit viel weniger geschult, sie macht keine mehrjährige Lehre mit Berufsschule. In den USA reicht eine kurze Einweisung, und es wird losgearbeitet. Die Zukunft sieht dann wohl so aus, dass einer mangelhaft ausgebildeten Masse eine hochgebildete Elite gegenübersteht. (Einwurf ZmB: finanziell steht der verarmenden Masse bereits eine superreiche Elite gegenüber, wenn die ihren Reichtum auch nicht etwa durch Bildung anhäuft, sondern durch Abzocke).

Die Geschichte der allgemeinen Alphabetisierung ist recht kurz, wie der FAS-Artikel bemerkt. Erst seit den letzten 150 Jahren ist die Schriftsprache bei der Masse der Menschen angekommen. Und jetzt geht sie eben wieder, wie auch andere Propheten voraussagen. Wir werden wieder zu einer „oralen“ Gesellschaft. Die Schrift war ja vor allem deshalb so erfolgreich, weil sich ansonsten kein Wort speichern ließ. Dazu passt das Gleichnis, die Welt sei in Programmierer und Programmierte zerfallen. Anders ausgedrückt könnte man sagen, der Kanon aus Lesen, Schreiben, Rechnen sei nicht für alle Zeit in Stein gemeißelt.

Das läuft dann unter Niveauverlust und Analphabetisierung. Weder Wirtschaft noch Schule seien dauerhaft auf den Alphabetismus angewiesen. Und wie steht es mit dem Eigeninteresse? Ein gutes Buch, eine niveauvolle literarische Unterhaltung, seriöser Journalismus? Tja, das hört sich schön an, aber es erodiert schon weg. Man schreibt keine Briefe mehr, man liest keine Bücher mehr. Es fehlt die Ruhe, die Geduld, die Übung. Auch das viele Lesen im Internet sei mehr ein Gerücht, heißt es, denn richtig lesen würde nur noch eine kleine Minderheit. Die anderen gucken sich bloß die Schlagzeilen und die Kurzinfos an.

Die Hitliste im Netz sieht so aus: Suchen, Porno, Entertainment, Shopping und Service-Infos. Die Zeitungshäuser generieren die meisten Klicks mit Bildergalerien und Kurzvideos, und das gilt auch für die seriösen Nachrichtenportale. Wo rationalisiert wird, kommen mehr Videos ins Programm rein (eigene Beobachtung dazu: wo Zeitungsstände reorganisiert werden, fliegt die Zeit raus). Texte sind heute nur noch Vertiefung für eine Minderheit. Unterhaltung steht ganz im Vordergrund, dazu Werbung in allen Spielarten und grafisch aufbereitete Kurzinfos. Die Nachrichten werden auf diese Weise zum Konsumartikel mit beliebigem Inhalt.

Dass die Menschen an der Lesekultur hängen und das geschriebene Wort brauchen und um die Lesefähigkeit kämpfen, ist laut FAS- und FAZ-Autor Markus Günther vorerst nicht erkennbar. Er sieht eine Regierung der manipulativen Kräfte von Märkten und Monopolen.

Dazu ließe sich ergänzen, dass die Manipulatuere tendentiell bloß das umsetzen, was gewollt ist und ankommt. Wenn die Masse nix dagegen tut, geht die Schriftkultur eben großteils perdu.

… und warum auch nicht? Sie ist ja eigentlich kein Selbstzweck. Wenn man Fahrpläne nicht mehr lesen muss, weil einen das Smartphone leitet, und wenn das Auto beim Stoppschild automatisch stoppt, darf der Mensch buchstabenblind werden.

P.S. Die Roboter werden natürlich alle lesen können. Dabei werden sie es gar nicht müssen, weil sie eine bessere und effizientere Schnittstelle kriegen dürften, eine elektronische. Dann ist der Mensch ganz abgehängt.

Und was macht der Mensch dann? Abhängen.

 

(Dieser Artikel wurde zuerst am 25.5.14 publiziert und zuletzt am 3.12.18. Zwischendurch wurde er mehrfach überarbeitet und ergänzt.)

Wilfried Müller

Medien-Links:

  1. Nur noch Analphabeten (FAS, mit Zahlsperre)
  2. Analphabeten in Deutschland
  3. Suchmaschinenverteilung in Deutschland 2018
  4. Zur Diskussion: „Nur noch Analphabeten“
  5. Analphabetismus in Deutschland : Buchstäblich abgehängt
  6. Analphabetismus : Die unsichtbaren Flüchtlingsfrauen
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5 Responses to Die Zukunft gehört dem Analphabetismus

  1. Johann Wolfgang Goethe sagt:

    Wenn ich bedenke, dass ich als Autoschlosser noch Fehler suchen und lokalisieren musste, um es anschließend zu reparieren, läuft das heute anders: Laptop anschließen und Fehlermeldung ablesen und das kaputte Teil dann einfach ersetzen.

    Warum sollten Schüler sich noch in der Schule anstrengen, wenn es diese digitale Welt gibt: Warum sollten sie einen Stadtplan lesen, wenn sie im Smartphone die Adresse eingeben oder hinein Sprechen können und sie an die Adresse navigiert werden.

    Lebenslauf, Kündigungen, Widersprüche usw., kann man ausdrucken und fertig. Bei den SMS wird die richtige Schreibweise vorgegeben, also warum lernen. In der digitalen Arbeitswelt wird es so sein, dass man nur noch wissen muss, welchen Knopf man zu drücken hat.

    Das erinnert mich an dem Märchen ″Frau Holle″, wo das Bäumchen spricht: schüttele mich, schüttele mich, meine Äpfel sind reif. Und das Brot im Backofen spricht: Hol mich raus, hol mich raus, sonst verbrenne ich.

    In der digitalen Zukunft wird lesen und schreiben keine Rolle mehr spielen, da geht es nur noch darum, dass man die sprachlichen Anweisungen des Computers und der Roboter folgt.

    JWG

  2. Johann Wolfgang Goethe sagt:

    Anhang:

    Früher hat man zuerst das ABC gelernt, bevor man ganze Sätze schreibt. Heute schreibt man gleich ganze Sätze ohne das ABC zu kennen. Dadurch sind Kinder überfordert und haben keinen Bock mehr auf Schule. Der Druck ist zu hoch.

    JWG

  3. Wilfried Müller sagt:

    Das Knopfdrücken werden die Roboter bald auch ohne uns erledigen …

  4. Johann Wolfgang Goethe sagt:

    Das hast Du recht, Wilfried, das Roboter auch das Knopfdrücken bald übernehmen werden! Was ist aber, wenn der Roboter den Menschen irgendwann ganz ersetzt, woher bekommt der Staat dann seine Steuern, und was für eine Rolle spielt der Mensch dann noch?

    JWG

  5. Wilfried Müller sagt:

    Wolfgang, da formulierst Du die brennenden Fragen der Zukunft. Darüber müssen wir reden, das müssen wir sozialverträglich regeln.

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