Public Money – das ultimative FIAT-Geld? (Teil 1)

Bild: Helikoptergeld (Quelle Pixabay)

Geld ist von seiner Entstehung her ein neutrales, konvertibles Tauschmittel für Waren und Dienstleistungen, das den überregionalen Handel möglich gemacht und die Arbeitsteilung gefördert hat. Es war deshalb vor allem ein integraler Bestandteil der Realwirtschaft. Vertrauen in seine Werthaltigkeit und Stabilität waren und sind dafür unabdingbar. Das wurde beispielsweise erreicht durch die Verwendung seltener und nicht beliebig vermehrbarer Stoffe als Geld wie Gold, oder durch eine Golddeckung der Währung. Dadurch sollte die Geldmenge auf „natürliche“ Weise begrenzt und vor Betrug und Missbrauch geschützt werden.

Die Golddeckung wurde bis 1973 schrittweise aufgegeben. In der Folge diskutieren die Ökonomen anhaltend und kontrovers darüber, wieviel Geld von wem auf welche Weise erzeugt werden sollte bzw. darf. Diese Frage wird uns auch hier beschäftigen. Ein vernünftiger Richtwert stammt beispielsweise von Hans-Werner Sinn: „Zusätzliches Geld nur im Verhältnis zur nominal wachsenden Wirtschaftsleistung.“ Die Realität der Geldvermehrung sieht aber ganz anders aus: In den letzten Jahren hat sich das weltweite Geldvolumen enorm aufgebläht, vor allem durch Kredite. Dieser Geldschöpfungsprozess ist in der EU besonders dramatisch und geht von den Zentralbanken auf Anweisung der EZB aus. Auch die Geschäftsbanken sind daran wesentlich beteiligt.

Seit einiger Zeit wird ein extremer Ansatz zur Geldschöpfung durch autonome Staaten populär gemacht: Die Modern Monetary Theory (MMT), auch Public Money System genannt. Japan und einige andere OECD-Staaten sollen die MMT bereits anwenden, und man erwartet, dass die MMT 2020 im US-Wahlkampf ein heißes Thema der Demokraten sein könnte, beispielweise zur Finanzierung eines sog. Green New Deal. Was ist unter MMT bzw. Public Money zu verstehen?

Zur Geldschöpfung

Ein autonomer Staat hat die Hoheit über seine Währung und kann sich in unserer Zeit des ungedeckten Geldes, das nur aus bedrucktem Papier oder einer Zahl besteht, die einen Kredit beschreibt, mit zwei unterschiedlichen Methoden Geld beschaffen: Geld erzeugen oder Staatsanleihen verkaufen. Ersteres nennt man auch FIAT-Geld, weil es „aus dem Nichts“ entsteht, indem die Staatsbank formal Kredite auf Anweisung ihres Staates „erzeugt“. Das so erzeugte Geld wird Public Money genannt, es kann im Prinzip ohne Verzinsung und Rückzahlverpflichtung des Staates ausgegeben werden. Aber die Ausgabe von Public Money hat natürlich, wie alle größeren Geldmengen, eine Auswirkung auf die Wirtschaft und die Gesellschaft.

Staatsanleihen werden dagegen mit einem Zinssatz versehen, damit sie einen Anreiz zum Kauf bieten, und mit der Verpflichtung zur Rückzahlung durch den Staat. Das so beschaffte Geld wird auch Dept Money genannt, mit (Staats-)Schulden verbundenes Geld.

Bisher haben sich die Staaten überwiegend Dept Money beschafft. Seit etwa 25 Jahren gewinnen aber die Befürworter des Public Money an Boden, besonders in sozialistisch orientierten Kreisen der Gesellschaft. In Japan soll MMT bereits angewandt werden.[1] Worin besteht der Unterschied zwischen den beiden Geldbeschaffungssystemen und welche Folgen haben sie für das Finanzsystem, die Realwirtschaft und die Gesellschaft insgesamt?

Argumente für Public Money

Public-Money-Staatsschulden sind etwas ganz anderes als private Schulden, denn Public-Money Staatsschulden sind keine Schulden, sondern nur eine Art Buchführung über das verfügbare Geldvolumen.

Für das Public Money gelten im Rahmen des Geldsystems wenige, verblüffend einfache Regeln:

  1. Ein autonomer Staat, der seine eigene Währung hat, kann FIAT-Geld erzeugen, um zu investieren, zu kaufen oder Schulden zu bezahlen. Er hat dafür keine Rückzahlungsverpflichtung.
  2. Er benötigt dann weder Steuern noch Anleihen noch andere Einkünfte, um seine Ausgaben zu finanzieren
  3. Er bzw. seine Staatsbank muss nur dafür sorgen, dass die Leitzinsen unter der Wachstumsrate des BIP bleiben, und die Inflation nicht zu groß wird. (Der international übliche „Zielwert“ dafür beträgt übrigens 2%, und nicht 0%, wie man vernünftigerweise erwarten würde.)

Es wird behauptet, dass sich die Public Money-Staatsausgaben selbst finanzieren, da jedem Defizit im Staatssektor automatisch ein Finanzüberschuss im privaten Sektor gegenübersteht. Dabei geht die MMT davon aus, dass die Arbeitnehmer ihr gesamtes Einkommen für den Konsum verbrauchen und nicht sparen. Der Staat soll bei einer Wirtschaftsflaute selbst Public Money in Projekte und staatliche Arbeitsplätze investieren, bspw. zur Finanzierung von Infrastrukturprojekten, Umweltprojekten, Sozialkosten und Kriegen, …

Steuern und verzinste Staatsanleihen sind nur noch Mittel zur Abschöpfung von überschüssigem Geld aus dem Finanzsystem, um eine Inflation zu vermeiden.

Es kommen noch folgende Argumente im Hinblick auf das bisherige Dept-Money-System hinzu:

  • Auch im heutigen Teilreservesystem der Banken werden Kredite allein aufgrund von Sicherheiten und Bonität der Schuldner vergeben ‒ also überwiegend als FIAT-Geld, weil die Eigenkapitalquote der Banken sehr gering ist.[2]
  • Der Interbankenmarkt dient deshalb dazu, den Zahlungsausgleich zwischen den Banken zu ermöglichen, um die Risiken des Teilreservesystems abzumildern, führt aber zu einer hochgradigen, ebenfalls riskanten Verflechtung mit dem Ergebnis „too big to fail“.[2]
  • Eine staatliche Haushaltspolitik, die einen ausgeglichenen Staatshaushalt und eine Verringerung der Staatsschulden anstrebt, sei kein geeignetes Mittel zur Bekämpfung einer Wirtschaftsflaute.
  • Durch vergleichende Simulationen mit dem System-Dynamics-Methode wurde festgestellt, dass ein Public-Money-Finanzsystem stabiler ist als ein Dept-Money-Finanzsystem, d.h. weniger anfällig für Schwankungen des Kreditbedarf der Banken.[3] Diese Untersuchungen betreffen aber allein das Finanzsystem und berücksichtigen nicht die Kopplungen mit der Realwirtschaft und der Gesellschaft.

Hier gehts zum zweite Teil des Artikels.

Quellen:

[1] A. Tashiro: Japan und die Verlockung die horrenden Schulden einfach wegzudrucken; https://www.welt.de/wirtschaft/bilanz/article190846425/Japanischer-Haushalt-Staatsschulden-und-andere-Kleinigkeiten.html

[2] N. Freitag: Modern Monetary Theory; https://www.exploring-economics.org/de/entdecken/modern-monetary-theory/

[3] K. Yamaguchi: On the Monetary and Financial Stability under A Public Money System; http://www.muratopia.org/Yamaguchi/doc/Monetary%20Stability(AMI).pdf

 

Dieser Beitrag wurde unter Wirtschaft abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Responses to Public Money – das ultimative FIAT-Geld? (Teil 1)

  1. Wilfried Müller sagt:

    Deine Titelfrau hält den Schirm verkehrtrum, Günter!

  2. Günter Dedie sagt:

    Vielleicht hält sie nichts von Helikoptergeld?

  3. Johann Wolfgang Goethe sagt:

    Das Geld, in welcher Form auch immer, wird man vor Betrug und Missbrauch nicht schützen können: Große kriminelle Organisationen schlafen nicht!

    JWG

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.