Philosophie: Gibt es einen unfreien Willen?

Zur Begründung des unfreien Willens werden allerlei Anstrengungen unternommen, die oft Züge von Sophistik aufweisen. Gibt es wirklich nur die eine Möglichkeit? (Bild: geralt, pixabay, bearbeitet durch ZmB).

Aus dem Standpunkt der Freier-Wille-Leugner ist schwer zu erklären, warum man sich mit dem Willen überhaupt argumentativ abgeben sollte – wo man doch eh nix entscheiden kann und quasi vollautomatisch funktioniert. Im Detail sind die Ansichten aber durchaus unterschiedlich, was denn nun der Wille sei, und darum geht es in diesem Artikel.

Wille aus Makrosicht als Freiraum

Um die Problemzonen lokalisierbar zu machen, sollen erstmal die einschlägigen Kategorien hingeschrieben werden, und das wären mit zunehmender Relisierungstendenz Wünschen, Wollen und Handeln. Die Sprache drückt das sehr schön mit dem Konditional aus: Ich wollte … ist bloß ein Wunsch, während Ich will … auch eine Realisierungsabsicht enthält. Wichtig ist der Freiraum, der den Kategorien zugeordnet ist. Der ist hier aus der Sicht des Freier-Wille-Besitzers skizziert.

Kategorie Beschreibung Freiraum
… ich wünschte

WÜNSCHEN

… ich wünsche

Hypothetische Wünsche sind der Realisierung am fernsten. Widersprüchliche Wünsche sind deshalb kein Problem, sie drücken keine Handlungsabsicht aus, sondern sie weisen nur einen Gefühlswert zu. Der Wünschefreiraum (oder Gedankenspielraum) ist nur durch die Phantasie beschränkt und daher sehr groß. „Die Gedanken sind frei.“
… ich wollte

WOLLEN

… ich will

Im Konditional ist das Wollen etwa geichbedeutend mit dem Wünschen. Ansonsten gibt der Wille dem Gefühlswert eine Handlungsabsicht bei. Der Willensfreiraum wird eingegrenzt durch Zwänge oder durch Lernen (z.B. Indoktrinierung), aber auch erweitert (z.B. durch gute Erziehung, Emanzipation oder Aufklärung). Im Willensfreiraum herrscht die Willensfreiheit.
… ich täte

HANDELN

… ich tue

Handeln im Konditional ist etwa das Gleiche wie Wollen. Sonst wird hier die Handlungsabsicht in die Tat umgesetzt, man tut was. Der Handlungsspielraum hat mehr Restriktionen und Zwänge (durch Wissen, Können, Lebensumstände) als der Willensfreiraum. Nicht jeder Wille wird durch Handlungen realisiert.

Hier kann jeder selber verorten, wo für ihn die Unfreiheit einsetzt. Wer schon die Wünsche für unfrei erklärt, nimmt gewiss eine extreme Position ein. Wer nur den Willen für unfrei hält, der sieht einen leeren Willensfreiraum. Viele setzen wohl den Handlungsspielraum mit dem Willensfreiraum gleich, um zum Verdikt „unfrei“ zu kommen.

Hier wird aber der Standpunkt vertreten, dass alle 3 Ebenen frei sind, von oben nach unten allerdings zunehmend durch Restriktionen und Zwänge eingeschränkt. Die Zwänge kommen von außen (Beispiel Lebensumstände) wie auch von innen (Beispiel Indoktrinierung). Was dann überbleibt, was nicht erzwungen wird, das ist frei.

Wille als Produkt der eigenen Entscheidungsverarbeitung

Zur Definition, was als Wille angesehen wird, werden die typischen Ausprägungen des Willens bzw. die Entscheidungstypen in der Ich-Perspektive aufgelistet. Am Ende zeigt sich, dass die Entscheidungsformen oberhalb von Nr. 0 alle einen Bestandteil des Willens bilden.

Nr. Entscheidungstyp Beschreibung
0 vegetative Entscheidung oder Zwang Gehört auch zum Bereich Entscheidung, kann aber nicht zum Willen gerechnet werden. Vorschlag: „Entscheidungsvorgabe“ statt „-verarbeitung“.
1 unbewusste Entscheidung Ich gehe an einem Stein links vorbei und nicht rechts. Diese Entscheidung fällt mein Hirn so leicht, dass nicht mal das Bewusstsein tangiert wird. Warum gehe ich links vorbei? Es ist mein Wille. Es ist nicht der Wille von jemand anders, es ist kein Zufall, sondern das Produkt meiner eigenen Entscheidungsverarbeitung.
2 kleine Entscheidung Der Stein ist so sperrig, dass ich kurz überlegen muss, rechts oder links. Mein Hirn braucht nur einen Moment für diese Entscheidung, und ich treffe sie bewusst. Da äußert sich mein Wille.
3 große Entscheidung Ich muss eine wichtige Entscheidung fällen und überlege hin und her, ich wäge ab und berücksichtige die Randbedingungen. Mein Bewusstsein ist elaboriert mit der Entscheidung befasst, ich stoße sie mehrmals um, und am Ende wähle ich womöglich spontan eine ganz andere Möglichkeit aus. Da zeigt mein Wille, was er alles kann.

Entscheidung auf Mikroebene als Produkt der Quantensprünge

Zur Definition der Willensfreiheit wird die Frage bemüht, könnte ich mich in der gegebenen Situation anders entscheiden? Das ist äquivalent mit der Vorstellung, die Szene läuft nochmal mit identischen Ausgangsbedingungen ab und der Frage, kann die Willensentscheidung dann anders ausfallen?

Die Antwort ist Ja. Man kann nicht garantieren, dass sie wieder genauso ausfällt. Dazu müsste die Welt vollständig deterministisch sein, und das ist sie nicht. Schon nach Sekundenbruchteilen würde der intrinsische Quantenzufall die Abläufe auf der Mikroebene anders gestalten, und irgendwann schlagen diese Änderungen in die Makroebene durch. In labilen Situationen reicht ja eine winzige Fluktuation, um den Lauf der Welt zu ändern (Schmetterlingseffekt). Das gilt nicht nur für den Willen, sondern für alles, was da schaltet und waltet, also auch für den Fall 0 und überhaupt für die ganze Welt.

Die Wahrscheinlichkeit von merkbaren Änderungen hängt natürlich davon ab, wie weit man bei der hypothetischen Wiederholung in der Zeit zurückgeht. Eine Mikrosekunde reicht vielleicht nicht, während ein Tag vielleicht zu viel Änderungen bringt, um die Szene überhaupt wiedererscheinen zu lassen (dazu folgt der Artikel Philosophie: Gedankenexperiment zur Willensbildung).

Angenommen, man findet das richtige Zeitintervall für merkbare Änderungen, dann dürften die Fluktuationen besonders im Fall 3 verhindern, dass alles nochmal ganz genauso abläuft, weil doch feinste Nuancen abgewogen werden, wo die Entscheidung ganz knapp ausfällt. Die labilen Situationen werden treffend bezeichnet mit „Die Entscheidung steht auf der Kippe“. Entsprechendes könnte auch für spontane Entscheidungen gelten, die möglicherweise direkter auf den Quantenzufall zurückgehen. Es ist ja nicht mal bei 1 und 2 garantiert, dass wieder derselbe Weg am Stein vorbei gewählt wird.

Die Willensentscheidung in einer gegebenen Situation kann jedenfalls definitiv anders ausfallen. Die Physik steht dafür, dass der Willensfreiraum nicht leer sein kann, auch wenn gewisse Neurologen das nicht wahrhaben wollen (dazu folgt der Artikel Erfinder des Unfreien Willens schwört ab).

In der Konsequenz heißt das, es gibt keinen unfreien Willen.

Die bessere Fragestellung ist also die von diesem Artikel: Gibt es einen unfreien Willen? Und nicht die meistens gebrauchte: Gibt es einen freien Willen?

Wenn es keinen unfreien Willen gibt, muss im Umkehrschluss der Wille frei sein (wenn es denn einen Willen gibt, aber das wird wohl kaum bestritten).

Damit wäre belegt, dass die die Entscheidungen frei sind – natürlich innerhalb des Willensfreiraums. Und weil es keinen unfreien Willen gibt, ist Wille synonym zu Freiem Willen.

Der Freie Wille emergiert aus den Quantenereignissen, und einen anderen Willen als den Freien Willen gibt es nicht.

 

Wilfried Müller

Philosophie-Artikel bei ZmB

(Dieser Artikel wurde schon 2018 publiziert. Er wurde geringfügig überarbeitet am 19.11.18 und am 22.6.19)

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6 Responses to Philosophie: Gibt es einen unfreien Willen?

  1. Günter Dedie sagt:

    Zu „… müsste die Welt vollständig deterministisch sein, und das ist sie nicht. Schon nach Sekundenbruchteilen würde der intrinsische Quantenzufall die Abläufe auf der Mikroebene anders gestalten, und irgendwann schlagen diese Änderungen in die Makroebene durch. In labilen Situationen reicht ja eine winzige Fluktuation, um den Lauf der Welt zu ändern (Schmetterlingseffekt).“
    So einfach ist es für einzelne Quantenereignisse in der Mikroebene der Atome nicht, in der Makroebene des Gehirns Einfluss zu nehmen, denn in der Makroebene wirken nur die Ergebnisse kollektiver Quantenprozesse. Außerdem arbeiten im Gehirn meist Tausende oder noch mehr Neuronen parallel an einer Aufgabe.
    Es gibt aber noch einen weiteren Einfluss, der für statistische Fluktuationen sorgt, und zwar direkt in der Ebene der Gehirnzellen: Die geistigen Fähigkeiten entstehen emergent als Gesamtleistung des Kollektivs der etwa 100 Mrd. Nervenzellen. Aufgrund des deterministischen Chaos der emergenten Prozesse und aufgrund der zufälligen Wechselwirkungen zwischen unterschiedlichen Prozessen sind die Ergebnisse der Prozesse im Gehirn nur sehr unvollständig vorhersagbar. Das bedeutet: Es gibt offensichtlich sehr viel Spielraum für menschliche Entscheidungen.
    Weitere Info in G. Dedié: Gesellschaft ohne Ideologie – eine Utopie? tredition 2019

  2. Klarsicht(ig) sagt:

    Ich stelle mir vor, dass die Quantenereignisse (Quantenfluktuation) lediglich für den Energiehaushalt im Hirn relevant sind. Für den Inhalt der Denkprozesse spielen sie wohl keine Rolle, weil andernfalls gar kein planvolles Denken möglich wäre. Ich denke mir, dass Quantenereignisse keine Denkrichtung „unterstützen“. Sie verhalten sich denkneutral.

    Gruß von
    Klarsicht(ig)

  3. Klarsicht(ig) sagt:

    Ich denke, dass durch die Fluktuation der Quanten im Hirn eine permanente Zustandsänderung im „Energiehaushalt“ statt findet, die, falls sie auch beim Denkprozess eine tragende Rolle spielen würde, wohl dazu führen müsste, dass kein klarer Gedanke mehr gefasst werden könnte.

    Das Denken interpretiere ich als eine ständige Kommunikation des Hirns mit sich selbst.

    Eine Quantenfluktuation im Denkprozess würde ihn sicher behindern oder könnte sogar zu Denkabschlüssen führen, deren Verwirklichung schädlich und gefährlich sein könnte. Die Wirkung eines solchen Mechanismus‘ hätte die Evolution wohl nicht „zugelassen“, weil sie sich gegen die Arterhaltung gerichtet haben würde.

    Gruß von
    Klarsicht(ig)

  4. Günter Dedie sagt:

    @Klarsicht(ig): Das Gehirn arbeitet immmer mit maximalem Energieverbrauch (ca. 20% des Energieverbrauchs des Körpers), egal ob im Schlaf, in Ruhe oder unter Beanspruchung, offenbar weil es in der Evolution auf maximale Reaktionsfähigkeit „in jeder Lage“ getrimmt wurde. Aus Sicht der emergenten Prozesse des Gehirns sagt man auch: Es arbeitet „an der Grenze zum Chaos“.
    Deshalb spielen Quantenprozesse auch für seinen Energiehaushalt keine Rolle.

  5. Johann Wolfgang Goethe sagt:

    Das Gehirn arbeitet immer mit maximalem Energieverbrauch … da gebe ich Günter recht. Wenn unser Gehirn nicht arbeiten würde, würden wir ins leere gucken und unsere Umgebung nicht einordnen können.

    Gruß Wolfgang

  6. Wilfried Müller sagt:

    Das Chaos ist nicht wirklich deterministisch. Wie im Artikel dargelegt, spielt der Quantenzufall eine wenn auch kleine Rolle dabei. Es gibt übrigens durchaus Quantenereignisse, die direkt in die Makrowelt hineinregieren, z.B. der Gammablitz, wenn ein energiereiches Quant den Sehnerv reizt.

    Quantenfluktuationen sind normalerweise sehr schwach. Sie können nur in labilen Situationen entscheidend wirken. Wenn man allerdings sieht, mit welcher Spontaneität Kinder reagieren können, hat man einen Hinweis auf mehr Zufall im Gedankenprozess als gewöhnlich angenommen.

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