Islamischer & klimatischer Weltuntergang

Das Weltuntergangswesen befindet sich im Umbruch. Früher war es eine christliche Domäne; die christlichen Weltuntergänge fanden statt am 21.12.2012, nein, am 1.1.2013, nein, am 25.2.2014, nein, am 24.9.2015-7.10.2015, nein, am 31.12.2017.

Hat alles nicht geklappt, aber es rief trotzdem Konkurrenzneid hervor. Deshalb gibt’s nun neue wissenschaftliche Weltuntergänge. Die althergebrachten Kollisionen mit Asteroiden (Weltuntergang 2019 / 2020 – Wann die Welt wirklich untergeht – Asteroid 2002 NT7 auf angeblichem Kollisionskurs mit der Erde, Einschlag am 1.2.19) werden ergänzt durch gefährliche Schwarze Löcher, die in Beschleunigerringen entstehen (Der Weltuntergang beim Large Hadron Collider). Eine wiki-Liste der Weltuntergangsszenarien zeigt die Vielfalt der Weltuntergangsprognosen allein schon aus dem wissenschaftlichen Bereich.

Verseuchung, Pandemie, nuklearer Holocaust, entfesselte Gentechnik, Vulkanausbruch, Polsprung, Gammablitze – der apokalyptische Kanon ist reich bestückt. Besonders aktuell sind die klimatischen Weltuntergänge, bei denen die Welt verbrutzelt oder erfriert oder ersäuft (Die Weltuntergangsuhr schlägt 2 Minuten vor 12! – besonders bedenklich sind demnach die weltweit steigenden Emmissionen von Treibhausgasen – und ein Buch über Klimakatastrophe: Die angekündigten Apokalypsen rezensiert in der SZ). Aber hier geht es nicht so sehr um Klimahysterie.

Weltuntergangsmäßig soll bevorzugt ein anderer Aspekt abgehandelt werden, nämlich der islamische. Aktuell heißt es, Jeder Zweite sieht den Islam als Bedrohung (Zeit). Und das nicht ohne Grund, denn Islam-Gebote stehen über dem Gesetz, findet fast die Hälfte (Welt 2016). Der Islam erlebte ja niemals eine Reform und hat einen Reifegrad wie das Christentum im Mittelalter. Er ist deshalb mit Problemen befrachtet, die in der abendländischen Kultur schon seit Jahrhunderten überwunden sind. Was ist dann die Bedrohung, von der die Zeit schreibt? Es ist eine Bedrohung für unseren kulturellen und demokratischen Fortschritt.

So wird im Zeit-Forum des verlinkten Artikels argumentiert. Die redaktionelle Linie der Premiummedien verläuft allerdings anders. Religion und Religiösität werden gern hofiert und gegen Kritik verteidigt. Die Kritik möchte aber nicht unterstützen, dass solche Probleme ausgeblendet werden – und das geht bis zu einer Weltuntergangsprognose für die islamische Welt. Schon 2017 wurden diese Kritikpunkte diskutiert.

Islamischer Weltuntergang

Die Prognose vom islamischen Weltuntergang stammt aus dem Artikel Die islamische Welt gegen den Fortschritt (Gott und die Welt). Der Artikel von Felix Kruppa ist genauso undatiert wie der Weltuntergang (Bild: geralt, pixabay), von daher kommt der armageddonmäßige Fortschritt nur bedingt beim Islam an. Immerhin: Nur durch die „Abkehr vom islamischen Zwangskorsett“ könne der islamische Weltuntergang abgewendet werden. „Andernfalls werde die islamische Welt untergehen.“

Auf den Artikel wird nun in freier Wiedergabe eingegangen. Er trägt die Nachteile der islamischen Kultur gut zusammen, nur der letzte Teil mit der Weltuntergangsprognose gerät ziemlich alarmistisch. Da heißt es auch, die „durch den Islam zivilisatorisch gelähmten Gesellschaften“ seien aufgrund hoher Geburtenraten bei gleichbleibend geringen Perspektiven für ihre Bürger zum Schmelztiegel der Konflikte geworden.

Dieser Einschätzung muss man nicht folgen, zumal die Fruchtbarkeitsraten auch in den muslimischen Ländern stark runtergegangen sind (bei dem Link kann man sich die angezeigten Länder aussuchen). Und Schmelztiegel der Konflikte gibt es nicht nur in islamischen Gesellschaften, wie die Liste der aktuellen Kriege zeigt, zumal sich die Westmächte, namentlich die USA, praktisch überall einmischen. Dieser Hinweis bedeutet nicht, dass der Artikel gegenstandslos wäre.

Zurecht betont er das weltweite Wohlergehen; gesunder, länger, gebildeter und toleranter als heute lebten die Menschen noch nie. Die weltweite Armut betraf vor 40 Jahren der Hälfte der Menschen, und nun noch ein Zehntel. Aber in den islamischen Ländern fällt der Fortschritt geringer aus. Die Schuld daran liege beim Westen, heißt es, wie auch beim politischen Islam. Die Faktoren wurden einzeln recherchiert, die Angaben von 2017 dürften jetzt noch zutreffen:

Mangelnde Bildung

Die Daten stammen von Educational Attainment of Religious Groups by Country und Religion and Education Around the World (beides Pew Research Center). Demnach ist die Bildung von Muslimen im weltweiten Vergleich zu anderen Religionsangehörigen und Konfessionslosen besonders schlecht. Die Schulzeit für Muslime war im Schnitt 5,6 Jahre, für Christen 9,3 Jahre, für Konfessionslose 8,8 Jahre und für Juden 13,4 Jahre.

Speziell in Afrika südlich der Sahara, namentlich in Nigeria, Kenia, der Elfenbeinküste und Kamerun, haben 65% der Muslime keine formale Schulbildung, und sie besuchten die Schule durchschnittlich nur 2,6 Jahre. Dagegen fehlt nur 30% der Christen die Schulbildung, und sie waren im Mittel 6 Jahre lang in der Schule. Diese und die folgenden Daten stammen von Muslims in sub-Saharan Africa are twice as likely as Christians to have no formal education (Pew Research Center).

Ungleich ist auch die Bildung von Männern und Frauen. Muslimische Frauen sind im Schnitt 1,5 Jahre kürzer in der Schule als muslimische Männer. Zum Vergelich: Bei Christen ist der Unterschied 0,4 Jahre, bei Hinduisten 2,7 Jahre. Der Bericht Education is vital to meeting the Sustainable Development Goals (UNICEF) bestärkt diese Aussagen. 17 von den 24 Nationen sind islamisch, in denen weniger als 60% der Mädchen die Grundschule besuchen. Die Alphabetisierungsraten sind in der islamischen Welt generell schlecht, und die Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind besonders groß. Beispiel Afghanistan: 2011 waren 45% der Männer und 18% der Frauen alphabetisiert.

Die Studie Gender Equality Gap Greatest in Islamic Countries, Survey Shows (Weltwirtschaftsforum) schlüsselte die Zahlen von 2012 in 142 Ländern auf. 19 von den 20 Ländern mit dem größten Bildungsunterschied zwischen Männern und Frauen waren muslimische Staaten, Jemen, Pakistan, Tschad, Syrien, Mali, Iran, Elfenbeinküste, Libanon, Jordanien, Marokko, Guinea, Mauretanien, Saudi Arabien, Ägypten, Oman, Äthiopien (nicht muslimisch), Algerien, Türkei, Bahrain und Tunesien.

Auch der Buchdruck spielt gemäß Weltuntergangs-Artikel eine Rolle: Die Druckpressen liefen in der islamischen Welt erst im 18. Jhd. an statt im 15. Jhd. wie in der christlichen Welt. Es gab religiöse Widerstände („Teufelswerk“), und die Rechtsgelehrten sahen die Bildung der Massen als gefährlich für die Gesellschaftsordnung an. Daran habe sich bis heute wenig geändert, die repressive Sakralität verhindere jene Literalität, die den Westen in die Moderne geführt hat. Es gebe kaum Buchimporte aus nicht-islamischen Ländern. Beispiel: Die marokkanische Nationalbibliografie zeigte zwischen 2007 und 2009 nur 172 neue Buchtitel an.

In fast allen islamischen Ländern würden Kinos und Buchhandlungen den Minaretten weichen. Kritische Stimmen und nicht koran- oder systemkonforme Akademiker würden zum Schweigen gebracht (ohne Belege).

Innerfamiliäre Gewalterfahrungen

Bei diesem Thema wird zurückgegriffen auf Hidden in Plain Sight: A statistical analysis of violence against children (UNICEF). Demnach ist innerfamiliäre Gewalt in islamischen Ländern der Normalfall. An 89% der syrischen Kinder, 79% der irakischen Kinder und 91% der marokkanischen Kinder wurde innerhalb des untersuchten Monats physische und/oder psychische Gewalt ausgeübt. Der Grund liegt vor allem in den patriarchalischen Machtstrukturen mit Konzepten wie „Ehre“.

Gewalterfahrungen gelten als „Risikoerfahrungen“ und begünstigen die Entwicklung antisozialer Persönlichkeiten und erhöhter Gewaltbereitschaft. Damit leisten sie einen direkten Beitrag zu einer hohen Kriminalitätsrate innerhalb eines Landes (letzteres geht aus der Studie nicht hervor).

Zuwenig Wissenschaft und Forschung

Daten aus dem Artikel Islam and Science: The data gap (nature): Die 57 islamischen Staaten der OIC (Organization of the Islamic Conference) gaben 1996 bis 2003 im Schnitt 0,34% ihres Bruttoinlandsproduktes BIP für Forschung und Entwicklung aus. Der globale Schnitt war 2,36%, Deutschland aktuell 3,02%. 14 von den 28 Ländern mit den niedrigsten wissenschaftlichen Veröffentlichungsquoten sind OIC-Staaten.

Bislang gab es nur zwei islamische Nobelpreisträger in den Naturwissenschaften: Abdus Salam (Pakistan, Nobelpreis für Physik 1979) und Ahmed Zewail (Ägypten, Nobelpreis für Chemie 1999). Aus islamischen Ländern stammt kaum eine nennenswerte Erfindung.

Rückschrittliche Menschliche Entwicklung

Hier wird zurückgegriffen auf den Index der menschlichen Entwicklung (wiki). Alle islamischen Länder bis auf die reichen Golfstaaten Brunei, Saudi Arabien, Libyen und Malaysia sind im unteren Drittel vom Index der menschlichen Entwicklung (HDI, Human Development Index). Der Index basiert auf den Daten von 189 Mitgliedern der Vereinten Nationen (1. ist Norwegen, 5. Deutschland, letzter Niger). Der HDI verwendet eine Mischkalkulation von Lebenserwartung, Bildung, Lebensstandard, um sein Ranking zu machen.

Angegriffene Menschenrechte

Ein interaktives Bild Freiheit in der Welt (Bundeszentrale für politische Bildung) liefert die Daten für diesen Abschnitt. Nach Aussage des Artikels weisen die meisten Staaten des Nahen Ostens ein chronisch schlechtes Menschenrechtsprofil auf. Die Mehrheit der islamischen Länder bekennt sich lediglich zur Kairoer Erklärung der Menschenrechte, welche die Scharia als alleinige Grundlage von Menschenrechten definiert. Das bedeutet Körperstrafen bis hin zu Amputation und Steinigung sowie die Benachteiligung der Frau. Das bedeutet das Fehlen von Meinungsfreiheit als Grundlage gesellschaftlicher Entwicklung und Veränderung.

Dasselbe gilt für die staatliche Anerkennung von homosexuellen Beziehungen. 7 islamische Länder bedrohen Homosexuelle mit der Todesstrafe, Iran, Nigeria (nördliche Landesteile), Mauretanien, Sudan (nördliche Landesteile), Jemen, Saudi-Arabien und Vereinigte Arabische Emirate. Nach Weniger Hinrichtungen, mehr Todesurteile (Zeit) waren 4 islamische Länder 2016 für 90% aller Hinrichtungen weltweit verantwortlich, Iran (567), Saudi-Arabien (154), Irak (88) und Pakistan (87), Quelle Amnesty International. Die tatsächliche Zahl der Hinrichtungen dürfte weitaus höher ausfallen, denn  vermutlich führt China die Weltrangliste der Todesurteile an.

Freiheitsfeindliche Einstellungen von Muslimen

Hier wird eine weitere Studie herangezogen The World’s Muslims: Religion, Politics and Society (Pew Research Center). Demnach vertritt die Mehrheit der Muslime weltweit einen konservativen, vielfach fundamentalistischen Islam, der „als Legitimationsgrundlage für Gewalttaten und freiheitsfeindliche Einstellungen benutzt wird“. Damit sind solche Einstellungen gemeint:

  • 39% der Muslime weltweit halten Ehrenmorde bei außerehelichem Sex für vertretbar,
  • 27% finden, dass Apostaten (vom Glauben Abgefallene) hingerichtet werden sollten,
  • 53% der Muslime weltweit wünschen sich die Scharia als das maßgebliche Gesetz, von diesen 53% akzeptieren 52% Peitschenhiebe und Amputationen als gerechte Strafen, und 50% sprechen sich für Steinigungen aus, sowie 42% von den 53% sind der Meinung, dass sie auch auf Nicht-Muslime angewandt werden soll,
  • 79% der Muslime weltweit sind der Meinung, dass man an Gott glauben muss, um moralisch handeln zu können und degradieren Atheisten dadurch zu schlechteren Menschen,
  • 76% finden, dass die Frau ihrem Mann gehorchen muss,
  • 88% halten Homosexualität für moralisch falsch.

Zuviele Kriege

Die Liste der andauernden Kriege und Konflikte (wiki) wird nun zur Kritik des Islams herangezogen. Demnach findet die absolute Mehrheit der tödlichsten und opferreichsten Kriege und Konflikte im islamischen Raum statt. 2014 starben weltweit 164.000 – 220.000 Menschen direkt an Kampfhandlungen. 2015 waren es 167.000, 2016 157.000, andere Quellen sprechen von 250.000 allein in Syrien (dass die USA viele Kriege angezettelt haben, wird weiter unten abgehandelt).

Laut Weltuntergangs-Artikel sterben die meisten Kriegsopfer der Welt durch die Waffen und Foltermethoden von Islamisten (das wird nirgends belegt); nirgendwo gebe es mehr Opfer durch terroristische Anschläge als im islamischen Raum. (Dazu muss man anmerken, dass der US-Drohnen-Terrorismus dort auch mitmischt.)

Der Einfluss des Westens wird nun sehr vorsichtig abgehandelt. Die Rede ist von der kognitiven Verzerrung, die dem Westen die Hauptschuld zuweise, obwohl das nicht genug untersucht wurde. Weil man sich besser an den  schlechten Einfluss des kapitalistischen und kolonialistischen Westens erinnern könne als an andere Erklärungen für die desaströse Lage der islamischen Welt, und weil weil die Medien diese Ursache immer wieder betonten, stehe der Westen als Schuldiger da.

Vielschichtige Probleme

Die Probleme der islamischen Welt seien aber vielschichtig, so dass die Ursachen schwer auszumachen und nicht monokausal erklärbar seien. Der westliche Einfluss müsse durch weitere Ursachen ergänzt werden, so heißt es very politically correct. Und dann geht es los gegen den Westen:

Es sei unbestreitbar, dass vor allem die USA im islamischen Raum als Brandbeschleuniger wirken. Beispiel: In Afghanistan und dem Irak haben die USA mit Islamisten kooperiert, um das Öl dort zu erschließen. (In Afghanistan ging es 1988 darum, die Russen rauszukämpfen, das Öl wurde erst 2010 entdeckt.) Dazu folgt ein Abriss der iranischen Geschichte, wo der Premierminister Mossadegh weggeputscht wurde, weil er die Erdölindustrie verstaatlichte. Das beschränkte die Profite des Westens, und die USA installierten den Schah, den sie aber am Ende fallen ließen, so dass die Ayatollahs übernehmen konnten (ergänzt von ZmB).

Das war der „Aufstieg des politischen Islams“. Die US-Auslandseinsätze „zur Stabilisierung der Region“ „für Menschenrechte und Demokratie“ haben genau zum Gegenteil geführt. Die militärischen Interventionen des Westens waren demnach insgesamt kontraproduktiv und ausschließlich auf eigene Interessen ausgerichtet.

Kolonisierung

Damit nicht genug, es gab auch noch die Kolonisierung der islamischen Welt durch den Westen, was dem Westen immer noch vorgeworfen wird. Im Nahen Osten waren das aber nur die 25 Jahre Mandatsherrschaft der Engländer und Franzosen. Geprägt ist die Region vom Osmanischen Reich. Sehr sinnig: Kein Europäer käme auf die Idee, die zeitweilige Eroberung durch die Osmanen als Grund für heutige Miseren zu benennen. Die asiatischen Länder reden sich auch nicht auf Kolonialismus hinaus, wenn etwas nicht klappt. Es gibt nicht mal Selbstmordattentäter aus Vietnam, die das US-Unrecht durch Sprengattacken vergelten.

Sonst mag man den Auslassungen zu den europäischen Kolonialmächten eher nicht folgen. Indonesien wird als Beispiel für Beweglichkeit genannt, obwohl dort gerade der Islam übernimmt. Auch Malaysias gute Zeiten sind lange vorbei. Die Aussage, dass Saudi-Arabien und Iran sich auf keinen Kolonialismus herausreden könnten, ist auch nur vordergründig richtig, denn dort wurde Kolonialismus auf andere Art getrieben. Fakt ist aber, dass die beiden Staaten ihren sunnitischen bzw. schiitischen Machtausbau durch Stellvertreterkriege mit u.a. deutschen Waffen in einen großen Teil der islamischen Welt hineintrugen, z.B. Libyen und Syrien. Zum Ausmaß der Waffenex- und -importe siehe wiki.

Sklavenhandel und Konflikte

Ein weiterer Punkt ist der Sklavenhandel. Dazu bietet der Artikel ein ZDF-Video an, Islam – 1300 Jahre Sklavenhandel. Seit dem 7. Jhd. wurden 17 Millionen Afrikaner von muslimischen Sklavenhändlern versklavt und z.T. auch kastriert. Während der Sklavenhandel nach Amerika 400 Jahre dauerte, zog sich der arabisch-afrikanische Sklavenhandel über 1300 Jahre hin. Der Artikel sieht die fehlende Aufarbeitung in der „gemeinsamen Religion und der daraus erwachsenen Solidarität“ begründet, obwohl die Afrikaner ganz andere Religionen hatten als die Araber.

Schon erwähnt sind die Konflikte zwischen Sunniten und Schiiten, die von Saudi-Arabien und dem Irak als Hauptmächten betrieben werden. Der Irak-Krieg mischte mit, und das Verbot der dortigen Baath-Partei erzeugte ein Machtvakuum, das letztlich dem Islamischen Staat (IS) zugute kam.

Es gibt nur wenig positive Aspekte neben all den Problemen, die der Westen – allen voran die USA – in der islamischen Welt verschuldete. Andere Regionen profitieren von westlicher Entwicklungshilfe, vom Tourismus und von Handelsbeziehungen. (Anmerkung ZmB: Unterm Strich läuft das nach dem Eiertanz um die kognitive Verzerrung doch auf die Hauptschuld vom Westen am „politischen Islam“ hinaus. An dieser Stelle könnte man fragen, wieso es eine Schuldzuweisung an den Kolonialismus gibt, aber keinen Dank für die Hilfestellung beim Aufbau des fundamentalistischen „politischen Islams“?)

Der Islam als Fortschrittshemmnis

Es gibt aber weitere Ursachen für den Misserfolg. Gemäß des Artikels kann man die islamische Welt nicht bloß als Opfer kapitalistischer Ausbeutung und imperialer Dominanz deuten. Denn das entscheidende und lebensprägende Element der islamischen Welt sei  der Koran. Die Kultur islamischer Länder sei fast ausschließlich vom Islam bestimmt (wer die Türkei, Malaysia, Pakistan und Indonesien bereist hat, kann dem widersprechen, allerdings gibt es inzwischen überall Islamisierungsbewegungen).

Die Wissenschafts-, Bildungs- und Menschenrechtsfeindlichkeit sei direkt auf die islamische Politik zurückzuführen. Was nicht im Einklang mit der islamischen Ideologie steht, dürfe nicht vermittelt, erforscht und gedacht werden. Die Schulen der islamischen Welt würden nicht zum freien Denken befähigen, sondern Feindbilder aufbauen, z.B. gegen den Westen oder die Schiiten bzw. Sunniten.

Geburtenraten

Jetzt folgt nochmal der Hinweis auf die anhaltend hohen Geburtenraten, die sich außerhalb der schwarzafrikanischen Länder, Palästina und ein paar anderen Ländern nicht belegen lassen. Es mag traditionelle Geschlechterrollen geben, einen starken Konformismus, mangelhafte Bildung der Frauen und religiös zementierte Geschlechterrollen. Aber für den Nahen Osten ist die Argumentation fragwürdig, nach der die aus hohen Geburtenraten erwachsende Konkurrenz um gesellschaftliche Positionen das größte Problem darstellen könnte.

Die weitere Argumentation ist auch nicht belegt, hört sich aber plausibel an. Demnach führt die Mehrheit der „islamischen Strömungen“ zu einer Stagnation der islamischen Gesellschaften, und die „enge Verwobenheit“ zwischen Politik und Religion befördert Konflikte. Die Konflikte zwischen Individualisierung und Konformitätsdruck ebenso wie zwischen Tradition und Innovation, wirkten zusammen mit der wirtschaftlichen Perspektivlosigkeit (damit können die reichen arabischen Ölstaaten nicht gemeint sein) höchst explosiv.

Islamismus

Was wahrscheinlich stimmt, ist die Feststellung, diese Konflikte verschafften den radikalen Islamisten großen Zulauf. Der Islamismus werde aber auch staatlicherseits instrumentalisiert, um die Forderung nach Freiheit wie beim Arabischen Frühling zum Schweigen zu bringen. Er konserviere die autoritären Systeme und finde durch die 53%-Mehrheit der Muslime, die sich weltweit pro Scharia ausspricht, Unterstützung.

Die These des Artikels ist, ohne Islamismus ginge es den betreffenden Ländern besser. Dabei sei der Islamismus genuin islamisch und kein Konstrukt des Westens. Ein Dossier wird zitiert, Islamismus – Was ist das überhaupt? (Bundeszentrale für politische Bildung). Die Charakterisierung des Islamismus‘:

  • Absolutsetzung des Islams als Lebens- und Staatsordnung,
  • Gottes- statt Volkssouveränität als Legitimationsbasis,
  • der Wunsch nach ganzheitlicher Durchdringung und Steuerung der Gesellschaft,
  • homogene und identitäre Sozialordnung im Namen des Islam,
  • Frontstellung gegen den demokratischen Verfassungsstaat,
  • Potential zu Fanatismus und Gewaltbereitschaft.

Das findet sich im Koran und in der Sunna wieder. Dort werden auch „Ungläubige“ als Untermenschen deklassiert. Zudem legitimiert der Koran nicht nur Gewalt gegen Ungläubige, er fordert und fördert sie sogar (die Bibel fordert auch allerhand, ZmB). Und nochmal der Hinweis, die Mehrheit der Muslime weltweit sei davon überzeugt, dass der Koran das allzeit gültige und direkte Wort Gottes ist. Dazu wird verwiesen auf Chapter 1: Beliefs About Sharia (Pew Research Center).

Anmerkungen

Es wäre der Mühe wert gewesen, die Quellen neutraler anzuschauen. Dort stößt man solche Rubriken wie „no conflict between religion and modernity“, was unter fast allen Muslimen mindestens 50% Zustimmung fand. Man muss der Argumentation jetzt nicht in die Türkei folgen, wo konstatiert wird, dass die Menschenrechte mit Füßen getreten werden, freiheitliche Werte abgebaut werden, und die Wirtschaft langsam abstürzt. Und das ist dann Islamismus? Oder nicht eher die Ausnutzung religiöser Dummheit durch einen Möchtegern-Sultan?

Die pikante Prognose des Artikels: Für den wirtschaftlichen Untergang der Türkei werde Europa zum Schuldigen erklärt werden, und es sei nicht ausgeschlossen, dass die Europäer diese Schuldzuweisung annehmen. Sie lasse sich ja gut in die Tradition unserer Schuldkultur einbetten, vor allem der deutschen.

Im globalen Osten grassiere die Haltung „Der Westen ist an allem Schuld!“, was bezugnehmend auf den letzten Link belegt wird, Muslims and Islam: Key findings in the U.S. and around the world (Pew Research Center). Demnach übernehmen islamische Länder kaum Verantwortung für selbstverschuldete Unzulänglichkeiten, sondern sie hängen das gern anderen an, über Verschwörungtheorien und selbsterfüllende Prophezeiungen.

Die islamische Welt kenne kein kollektives Schuldbekenntnis. Die vereinheitlichte Kollektiv- und Individualschuld sei ein westlichen Produkt, „zunächst durch die christliche Erbsünde aufgenommen und dann in säkularer Form nach der Schreckenszeit der Nationalsozialisten und des Kolonialismus verinnerlicht.“ (Dazu auch der Artikel Psychoanalyse der Flüchtlingspolitik).

Fazit

Na danke. Den Unfug mit Erbsünde und Sippenhaft können sich alle vernünftigen Menschen sparen. Das läuft doch nicht unter zivilisatorischer Entwicklung, das ist Rückschritt pur.

Generell bleibt der Artikel den Beleg schuldig, dass die Politik „der islamischen Welt“ den „starren Fesseln des politischen Islams“ unterworfen ist. Es gibt Bestrebungen dazu, aber selbst in Saudi-Arabien und im Iran herrscht oft ein erstaunlicher Pragmatismus. Aber man kann die reichlich grobe Pauschalisierung akzeptieren, denn der Artikel hält es ja auch nicht mit den windelweichen medialen Bemühungen um Correctness bei der US-Kriegstreiberei.

Am Ende gibt es einen entsprechend groben Hinweis auf das US-Thema: Der Westen täte demnach gut daran, die bestehenden Konflikte nicht weiter voranzutreiben oder neues Leid in die Welt zu tragen. Besser wäre die Beschränkung auf humanitäre Hilfe (noch besser wäre es, wenn die Erzeugung der Hilfsbedürftigkeit abgestellt würde).

Als Mitmischer grüßen nicht nur die USA und der Westen mit ihrer Einmischungs- und Ausbeutungspolitik, sondern auch die islamischen Staaten mit ihrem Nachholbedarf in den Bereichen Bildung, Wirtschaft, Wissenschaft und Menschenrechten, sowie die Terroristen von IS, Boko Haram oder Al Kaida mit ihrem Weltherrschaftsanspruch.

Konstituiert das einen islamischen Weltuntergang?

Das dürfte wohl ähnlich übertrieben sein wie der klimatische Weltuntergang. Die aufgezeigten Probleme sind alle von der Art, die man bewältigen kann. Vielleicht geschieht ja sogar das Wunder der Entdummung, das die Religiösen von ihrem Glauben emanzipiert. Sowas gibt’s im einstelligen Prozentbereich. Nicht alle Iraner oder Saudis sind gläubig, aber davon wird leider kaum geredet.

 

Wilfried Müller

(Ein Vorläufer des Artikels wurde am 13.5.17 publiziert, der Artikel wurde am 10.7.19 überarbeitet und ergänzt.)

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3 Responses to Islamischer & klimatischer Weltuntergang

  1. Johann Wolfgang Goethe sagt:

    Der Weltuntergang wurde schon in den 70er Jahren auch von Sekten gepredigt und prophezeit – und bis heute ist nichts passiert. Man sollte erst einmal die heutige Welt, in der wir leben, in Ordnung bringen und Probleme und Konflikte auf dieser Welt lösen, bevor man sich Gedanken über eine Existenz von Außerirdischen, Ufos und Weltuntergang macht; selbst Nachrichten hat man schon ins All geschickt und wartet noch auf Antwort von Außerirdischen.
    Wenn es irgendwann einen Weltuntergang geben sollte, fragt die Natur nicht die Menschen, und nimmt auch keine Rücksicht auf Nationalitäten und Religionen.

    Sehr guter Artikel, Wilfried! Gruß Wolfgang

  2. Johann Wolfgang Goethe sagt:

    Das einzige was garantiert untergeht ist jeden Abend die Sonne.

    Gruß Wolfgang

  3. Wilfried Müller sagt:

    Gestern nicht, da waren nur Wolken, Wolfgang.

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