Der Teufel gibt sich die Ehre

 

Eine Persiflage auf das teuflische Wirken der modernen Zivilisation (Emoticon: The people from the Tango! project, Wikimedia Commons).

Der Teufel gibt sich die Ehre

Gestatten, Teufel ist mein Name. Sie kennen mich aus einer Menge von unautorisierten Publikationen, in denen man mir Hörner, einen Pferdefuß und einen Schwanz anzuhängen versucht. Nichts könnte irreführender sein. Ich komme auf leisen, elastischen Sohlen daher, und hinter mir schleift nichts nach, an dem Sie mich festhalten könnten. Normalerweise bin ich fixer als alle, die mir nachstellen. Deshalb bin ich bisher auch allen entwischt.

Die Behauptung, ich wäre hinter den Leuten her, stellt die Dinge auf den Kopf. So eine Aussage ist eine Diffamierung. Das ist so falsch, dass ich es geradezu als ehrenrührig empfinde.

Nein, ich bin keinesfalls hinter Ihnen her. Da brauchen Sie keine Bange zu haben. Genaugenommen interessieren Sie mich gar nicht. Die Verhältnisse sind exakt umgekehrt – ich bin’s, auf den sich alles kapriziert. Man nervt mich durch Anteilnahme aller Art, und ständig sitzen mir gewisse Leute im Nacken. Es sind immer dieselben, und die haben nichts Gutes mit mir vor. Die sind mir ewig auf den Fersen, und wenn die mich erwischen, um mich ins Gebet zu nehmen, muss ich mich auf das Schlimmste gefasst machen. Es ist also besser für mich, die Dinge nicht an mich herankommen zu lassen und nicht abzuwarten, was man mir dann antut.

Wenn ich bereit bin, mich an dieser Stelle zu outen, dann ist das kein Rechtfertigungsversuch und keine Nettigkeit. Mir liegt nicht daran, aus mir herauszugehen, sondern es geht mir nur darum, ein paar Dinge klarzustellen und zurechtzurücken. Jawohl, mein Anliegen ist die Wahrheitsfindung und die Aufklärung.

Sehen Sie, die Sache mit der Seele ist doch nichts als üble Nachrede. Man hat mir angedichtet, ich würde mit den Leuten Geschäfte treiben und ihre Seele dabei in Zahlung nehmen. Was für ein Nonsens! Versuchen Sie doch mal, Ihre Seele zu verkaufen. Niemand wird sie ihnen abnehmen, oder? Sie finden garantiert keinen, der sich damit belasten will. Und dann meinen Sie, man könnte mir so etwas Unverkäufliches andrehen? Mir, dem Teufel?

Nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass ich viel zu geschäftstüchtig bin, um den Erwerb von so einem Ladenhüter auch nur in Betracht zu ziehen. Mit einem Staubfänger wie der Seele gebe ich mich nicht ab. O nein, ich doch nicht. Ich denke ja gar nicht daran, mit den Schicksalsmächten um irgendwelche Seelen zu ringen. Nehmen Sie gefälligst zur Kenntnis, dass mir die Seelen piepegal sind.

Außerdem hab ich’s mit der Wissenschaft, wie Sie sich gewiss denken können. Die Wissenschaft mag die Seele genauso wenig wie ich, und dafür mag ich die Wissenschaft um so mehr. Nun ja, wer wollte etwas dagegen einwenden? Nachdem die Religion dermaßen mit mir umgesprungen ist, kann sie wohl kaum auf meine Sympathie rechnen. Ich hab beinahe eine Rauchvergiftung gekriegt von dem ganzen Weihrauch, mit dem die Pfaffen mich exorzieren wollten. Die ewigen klerikalen Litaneien nerven mich auch nicht schlecht. Ich kann das Gewinsel nicht mehr hören, ich möge mich von hinnen heben. Wenn man mir so kommt, fühle ich mich in meinen Grundrechten angegriffen. Wo bleibt denn da mein Anspruch auf Freiheit und Selbstverwirklichung, he?

Solange man auf die miese Tour mit mir umspringt, ist es doch verständlich, wenn ich mich an den natürlichen Feind der Religion halte. Die Wissenschaft konnte bis jetzt noch nie eine Seele finden, und damit bestärkt sie mich in meiner Haltung. Wirklich, die Seele ist als Handelsgut völlig out, fertig, aus. Überlegen sie mal, es kann gar nicht anders sein: Sonst gäbe es längst wieder die Seelensteuer.

In den aufgeklärten Zeiten ist noch kein einziger Finanzminister darauf verfallen, Seelensteuern zu erheben. Tatsache ist deshalb, dass die Zeichen der Zeit eindeutig für mich sprechen. Auch wenn Sie mich und die Finanzminister für verwandte Seelen halten mögen, erlöst mich die Seelensteuerfreiheit doch wohl von dem Generalverdacht des Seelenhandels.

Damit ist meine Rolle als Buhmann definitiv zu Ende – und das schon gleich zu Beginn. Aber warten Sie nur ab. Wenn ich erst richtig auspacke, baue ich mich als Buhmann gleich wieder auf. Schlussendlich bleibt mein Nimbus unangetastet, da können Sie unbesorgt sein. Wenn Sie erstmal wissen, was Sie wirklich von mir zu halten haben, werden Sie mir zustimmen. Dann werden Sie mir den Namen Teufel zugestehen – von ganzem Herzen.

Herz und Seele

Ja, von ganzem Herzen. Damit wäre ich beim Herzen angelangt, nachdem ich die Seele ja auch schon aufgerührt hatte. Die Seele gehört auf den Müll der Geschichte, und damit bin ich seelisch rehabilitiert. Herzlichen Dank.

Wenn Sie sich durch solche rigorosen Aussagen in Ihrer empfindlichen Seele gekränkt fühlen, dann kann ich nur sagen, selber schuld. Wo’s doch keine Seele gibt, und Sie sich trotzdem in derselben gekränkt fühlen, da ist das ja wohl nicht mein Problem. Wenden Sie sich bei Reklamationen gefälligst an die zuständigen Seelenfabrikanten aus gläubigen und abergläubischen Kreisen.

Wenn Sie aus solchen Vorschlägen wiederum auf mein gestörtes Verhältnis zur Religion schließen, haben Sie völlig recht. Ich erwähnte ja schon, dass Sie von mir keine religiösen Traktate erwarten können. Ich muss mich auf mein eigenes Revier konzentrieren. Schließlich habe ich als Teufel einen Ruf zu verteidigen. Selbst wenn ich mir den Ruf aus den falschen Gründen erworben habe, hänge ich daran. Unverdientermaßen bin ich ja nicht dazu gekommen; daher stört es mich nicht, wenn’s mit meinen teuflischen Meriten durcheinandergeht.

Sie wissen ja, wie das ist. Jede Publizität ist besser als keine Publizität. Lieber lässt man sich von den Medien verreißen, als wenn sie einen gar nicht erwähnen. Insofern pflege ich meinen schlechten Ruf mit Hingabe, und wenn ich ehrlich sein soll, ist es mir durchaus recht so.

Tja, so war es jedenfalls geraume Zeit, bis mich nun doch eine Art Unzufriedenheit überkommen hat. Mein schlechter Ruf ist ja schön und gut. Auf gewisse Weise wurmt es mich indessen, dass ich ihn zwar nicht unverdientermaßen trage, aber eben fälschlicherweise. Man möchte ja nicht verkannt werden. Man möchte für seine wahren Missetaten respektiert werden, und nicht für irgendwelche untergeschobenen. Sonst fühlt sich das so an, als ob einem die wahre Anerkennung versagt wird. Glauben sie mir, auf die Dauer kann sowas ganz schön frustrierend sein.

Sie sehen schon, man hat’s nicht leicht als Teufel.

Man wird verkannt, verleumdet und verunglimpft. Wo jetzt die Zeiten der Correctness walten, muss das endlich zurechtgerückt werden. Alle haben Anspruch auf eine unabhängige Würdigung ihrer Person, und wer von der Norm abweicht, der darf deswegen nicht gehänselt werden. Zum Teufel nochmal, wieso sollte ich mir dann das ewige fehlgeleitete Genörgel an meiner Person gefallen lassen?

Als Teufel bin ich ein hart arbeitendes Wesen wie andere auch. Das vereinigt mich folglich mit einer Anzahl von Menschen, und ich teile ihr Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und freier Berufsausübung. Insofern bin ich durchaus menschlich, oder man könnte auch sagen, insofern sind die Menschen durchaus teuflisch. Zu diesem frühen Zeitpunkt will ich nicht weiter darüber diskutieren, wer hier wem Gefolgschaft leistet. Ich sage einfach, ein Teufel kann allemal menschlich sein, und ein Mensch kann absolut teuflisch sein. Bei diesem Stand der Dinge braucht man von Herz und Seele nicht mehr zu sprechen, denn viele kommen ohne beides aus.

Wenn Sie solche Bekenntnisse von mir mit Aufgeschlossenheit vernehmen, werden bald merken, worauf ich mit meinen Formulierungen hinauswill. Diese feinen Unterscheidungen sind beileibe keine Haarspalterei, auch wenn ich im Moment nicht mehr darauf herumreiten möchte.

Vorerst dürfen Sie eine Übereinstimmung meinerseits mit gewissen menschlichen Eigenarten festhalten, und ob Sie sich davon geschmeichelt fühlen, bleibt Ihnen überlassen. So arg groß ist die Übereinstimmung auch nicht, weil ich naturgemäß in mancherlei Beziehung von der menschlichen Norm abweiche. Hehe, das ist ganz schön euphemistisch formuliert, so, als ob ich mich mit den Menschen auf eine Stufe stellen wollte. Zur Hölle nochmal, das tue ich selbstverständlich nicht.

Na schön, das war’s erstmal mit den Übereinstimmungen, und nun muss bittesehr das Thema Abweichungen drankommen. Ein Teufel ist nun mal ein Teufel, basta. Als solcher ist er von Grund auf was Besonderes, soviel kann ich Ihnen flüstern.

Teuflische Einflüsterungen

Um nicht in teuflische Flüsterpropaganda auszubrechen, will ich mein Aufklärungsbedürfnis noch ein wenig zügeln. Es ist schon richtig, hier spricht nicht die bloße Wahrheitsliebe des Teufels, sondern auch seine Eitelkeit. Davon möchte ich Ihnen nicht zuviel zumuten, wo Sie doch schon mit den Blendgestalten der Götter zu tun haben. Ich weiß ja, diese Typen ziehen immer die Aufmerksamkeit auf sich. Die guten Götter spreizen sich im Scheinwerferlicht. Für die bösen Götter bleibt nur der Schatten übrig, und der Teufel guckt ganz in die Röhre.

Nun kann aber auch ein Teufel das Bedürfnis haben, artgemäß gewürdigt zu werden. Wenn man so lange fehlinterpretiert wird wie ich, dann staut sich allerhand auf. Das Aufgestaute darf ja nun nicht alles kunterbunt durcheinander hervorbrechen, sondern es soll die angebrachte Form haben, immer eins nach dem anderen, und alles hübsch gegliedert. Man hält doch auf sich, da möchte man auch was verteufelt Ordentliches abliefern.

Wenn es nun zu sehr durcheinandergeht, könnten Sie womöglich den Überblick verlieren, und das wäre schade. Dann würde Ihnen vielleicht entgehen, was für ein abgefeimter Schurke ich in Wahrheit bin, und mit welcher perfiden Geschicklichkeit ich in Ihre Geschicke eingreife.

Habe ich damit schon zuviel verraten?

Ich glaube nicht, denn ich kenne die Menschen. Die Kraft und die Beständigkeit ihrer Vorurteile sind groß. Es wird meine Aufgabe sein, die eingebildeten Fährnisse durch die realen zu ersetzen, und glauben Sie nicht, dass die weniger diabolisch sind. Wenn ich gesagt habe, man verachtet mich nicht unverdientermaßen, sondern nur fälschlicherweise, dann habe ich das just so gemeint.

Die Correctness, die ich für mich in Anspruch nehme, ist quasi nur eine juristische. Das ist ein Anspruch, bei dem es allein ums Rechthaben geht, und nicht um das, was gerecht ist. Kommt Ihnen das bekannt vor? Recht haben ist was anderes als Gerechtigkeit?

Genauso lautet die teuflische Definition der Correctness. Auch bei der Correctness gehört Missbrauch dazu. Da sehen Sie mal, wie der korrekte teuflische Einfluss wirkt, und halten Sie’s damit, wie Sie wollen.

Ich für meinen Teil werde mich an die teuflische Correctness halten. Natürlich werde ich mich auf teuflische Weise daran halten. Das ist so meine Eigenart – und das dürfen Sie als Triggerwarnung auffassen -, das Rechthaben über das Richtige zu stellen. Zu meiner Freude darf ich anmerken, dass ich damit nicht allein bin. Ich hab ja schon erwähnt, wie viele Eigenschaften Mensch und Teufel teilen. Eine Menge Menschen beherzigen dieselbe teuflische Maxime wie ich. Denen geht es auch bloß ums Rechthaben, und nicht um Gerechtigkeit. Dreimal dürfen Sie raten, bin ich nun menschlich, oder sind die Menschen teuflisch?

Die Raterei beantwortet sich garantiert von selbst, wenn Sie mir weiterhin Gehör schenken. Sobald Sie erstmal aufgeklärt sind, werden Sie unschwer erkennen, wie wenig die Menschen letztlich als Maßstab für mich geeignet sind. Glauben Sie mir, in den meisten Belangen bin ich besser. Wenn ich will, kann ich zum Beispiel besser lügen als der beste Poltiker oder Rechtsanwalt. Wo es darauf ankommt, erreicht kein Profilügner meine Könnerschaft, und das will was heißen.

Von meiner Fähigkeit zum Flunkern mache ich an dieser Stelle ausnahmsweise keinen Gebrauch. Wenn ich mich an Sie wende, will ich Ihnen gegenüber offen sein. Daher sage ich Ihnen nunmehr ganz unverblümt: Meine Stärke liegt nicht nur im Lügen. Auch wenn es um Schlechtigkeit geht, dann erkenne ich keinen über mir an. Keiner reicht in puncto Fiesheit an mich heran.

Ich bin der Teufel, und niemand sonst.

Teuflischer Ruf

Ich habe einen Ruf zu wahren, beziehungsweise mir den wahren Ruf zu erstreiten.

Langsam komme ich zum Kern der Sache. Bisher habe ich nur die Vorwürfe abgestritten, die man mir zu Unrecht macht. Ich habe den Seelenhandel von mir gewiesen, und ich bestreite auch die ganzen anderen Sachen, die mir die Religion in den Schuh schieben will. Was diese Gottesanbeter bloß immer von mir wollen? Dabei ist es überhaupt nicht mein Ding, die Gläubigen vom rechten Pfad der Blindgläubigkeit abzubringen. Ich vermarkte ja auch nicht die Hölle als Konkurrenzprodukt zum Himmel. Nein, das tu ich nicht, zumindest nicht mehr, seit die Marktchancen für beides so schlecht geworden sind.

Dafür bin ich mittlerweile schon mal ein wenig damit herausgerückt, welche Vorwürfe Sie mir zu recht machen können. Ich habe mich zu meiner Urheberschaft bei der Verdaddelung von Rechthaben und Gerechtigkeit bekannt, und meine einschlägig bekannte Schlechtigkeit habe ich auch nicht abgestritten. Sie dürfen mir glauben, dass ich eine Reihe von Betätigungsfeldern dafür finde. Ich will Ihnen mal was flüstern: Der Bedarf nach Perfidie ist ganz enorm. Das ist ein absoluter Wachstumsmarkt. Sie verstehen, dass ich mir da nicht so leicht in die Karten gucken lasse.

Das soll kein Herumdrucksen sein, und auch kein Hinauszögern der Wahrheit. Als wahrer Teufel bekenne ich mich gern zu meinen Schlechtigkeiten, und das hab ich auch jederzeit zugegeben. Ich habe sogar meinen Wunsch bekundet, für die richtigen Dinge gehasst zu werden anstelle der falschen. Wenn ich mich scheinbar so ziere und winde, dann hat das nicht nur mit der Priorität zu tun, die ich auf dem Markt der Perfidie wahren will, sondern auch mit der Schwierigkeit der Materie.

Verstehen Sie, die Schwarz-Weiß-Malerei ist bei den Kirchen gut aufgehoben, aber mir frommt sie nicht. Bei mir muss Gut und Böse sorgfältig sortiert sein. Als Teufel habe ich schließlich ein Renommee für das klare Wort.

Wie stelle ich es also an, Sie über die allgegenwärtigen Fisimatenten zu informieren, mit denen ich die Weltgeschicke ins Verderben lenke? Es sind ja nur ganz subtile Eingriffe, mit denen ich mich verwirkliche. Deshalb habe ich auch nie in die Richtung gesteuert, wo die Menschen sich gegenseitig abschlachten.

Na schön, früher mal, als ich noch jung war, da habe ich mich in dieser Hinsicht eingemischt. Das können Sie unter Jugendsünden und Übereifer verbuchen, weil so übertrieben viele dran glauben mussten. Aber über Kollateralschäden redet man ja nicht. Ich hab auch bald gemerkt, dass der Aufwand nicht nötig ist. Das Abschlachten besorgen die Menschen schon von alleine. So blutrünstig wie die bin ich überhaupt nicht. Ich will kein Blut, sonst überschwemme ich mir bloß das Fegefeuer. Und Seelen will ich schon gar nicht, also sind mir die Toten herzlich egal. Die überfüllen mir höchsten die Hölle, und ich komme mit dem Einheizen nicht mehr nach.

Nein, mein Geschäft floriert mit den Lebenden. Sie sind es, mit denen ich meine fatalen Wirkungen erziele. Die Verstrubbelung von Rechthaben und Gerechtigkeit ist bloß der Einstieg in meine Teufeleien. Was ich sonst noch zum Nachteil der Menschen verquicke und verderbe, ist viel umfangreicher.

Ich glaube, dazu muss ich noch ewas weiter ausholen.

Ich hatte schon gleich am Anfang mit der Wissenschaft gedroht, und nun mache ich ernst damit. Die Wissenschaft zieht den Göttern den Boden unter den Füßen weg, und mir ist sie auch schon auf der Spur; wenn auch anders als man denkt. Vielleicht sollte ich lieber sagen, ich ziehe eine Spur der Wissenschaft hinter mir her. Ich habe sie jedenfalls zu meinem Werkzeug gemacht. Ich habe die Wissenschaft für meine teuflischen Zwecke instrumentalisiert, und sie folgt mir getreulich. Unter meiner Führung geleitet die Wissenschaft den Menschen in den Abgrund.

Abgründe

Doch vorher müssen noch die Lügen der Religion gewürdigt werden. Es stimmt, die Gläubigen halten eine Lüge heilig. Man kann mit Fug und Recht sagen, das ist eine Riesenverarsche. Es ist wirklich gemein, die Leute so reinzulegen. Wenn man die Verbrämungen mal weglässt, dann steckt hinter dem Glauben eine Unmenge Unmenschlichkeit. Ich muss mich richtig anstrengen, um da mitzuhalten. Eigentlich verstehe ich gar nicht, wieso die Menschen ihr Bedürfnis nach Lüge und Belogenwerden exklusiv bei der Religion eindecken sollten. Dazu könnten sie doch mich, den Teufel, heranziehen. Das muss eine Weltverschwörung sein, die den Kirchen lauter Sachen gestattet, die man mir, dem Teufel, untersagt.

Denn was die Leute sich als Gott erkoren haben, ist durchaus nicht nett. Wenn es ihn gäbe, müsste man sagen, er ist ein barbarischer Sadist. Wie soll man das sonst nennen, wenn ein Allmächtiger seinen Sohn zu Missionszwecken totfoltern lässt? Dazu kujoniert er anscheinend gerne die Menschen. Er hat sie geschaffen, und zwar so, dass sie seine Gesetze unweigerlich brechen müssen. Man kann ihm praktisch gar nichts recht machen. Alles, was Spaß macht, ist tabu. Wenn Gott so eine fiese Nummer abzieht, muss er sich nicht über Kritik wundern. Und dann noch das ewige Beten …

Ich finde, wenn der Typ halbwegs anständig wäre, würde er sich diese übertriebene Anwanzerei verbitten. Wenn ich mich mal selber anschaue, dann kann ich in aller Bescheideneit sagen, bei mir ist es anders. Ein klein wenig angebetet zu werden, nun ja, das hebt natürlich das Selbstwertgefühl. Als Asmodeus, Baphomet oder Beelzebub hält man auf sich, das will ich nicht abstreiten. Auch wer mich als Ahriman, Moloch oder Nergal anruft, trifft auf mein geneigtes Ohr. Ich reagiere auch auf Ansprache als Satan oder Luzifer, so dass durchaus einige Fans zusammenkommen. Ohne eitel zu sein, kann ich also eine gewisse Anbetung für mich selber in Anspruch nehmen. Meine angeborene Bescheidenheit gebietet mir zwar, über die Art meiner Klientel Stillschweigen zu bewahren, aber ich darf sie zumindest andeuten.

Also, ein bisschen Verehrung lässt man sich gern gefallen. Dagegen bin ich nicht gefeit. Wogegen ich mich jedoch wende, ist dieser übertriebene Starkult. Was da in Gottes Namen veranstaltet wird, geht einfach zu weit. Es stimmt wirklich, dass die Religion ihre Gläubigen im allgemeinen prima drangekriegt hat. Wer den Gottesleuten erstmal aufgesessen ist, der ist arm dran. Die guten Leutchen haben den Verblödungsanstrengungen dann nicht mehr viel entgegenzusetzen. Wie die mit den frommen Narreteien genasführt werden, das ist sehenswert. Und wie sich manche mit dem Beten anstrengen, das ist sowas von übertrieben … Andererseits – irgendwie brauche ich den Gott schon, der da immer propagiert wird. Der ist mein Antipode, und als solcher sorgt er dafür, dass ich im Geschäft bleibe. Wenn Gott nicht mehr richtig zieht, spüre ich das auch immer an meinem sinkenden Platz in der Hitliste. Das bleibt jetzt aber unter uns, wenn ich bitten darf.

So gesehen, ist mein Marketing ganz schön ins Hintertreffen geraten. Ich kann meinen Service bestimmt verbessern. Schließlich gibt’s für jeden Hokuspokus welche, die dadrauf reinfallen. Und wenn jeder minderbegabte Sänger einen Fanclub hat, sollte ich mir doch auch eine geneigte Anhängerschaft verschaffen können.

Wie gesagt, nicht zuviel davon. Ich will keinen Starkult für mich. Nur so aus der Ferne, wie es mir eben zukommt. Genaugenommen bin ich ja ein no show, der genauso unsichtbar bleibt wie die Götter, und das will ich auch bleiben. Aus guten Gründen bin ich immer so schnell weg, dass mich keiner richtig packen kann. Jaja, unter solchen Umständen gestaltet sich meine Marktpräsenz schwierig.

Wenn ich sie verbessern will, dann heißt das doch nur, ich will verlorengegangene Marktanteile zurückerobern. In den letzten 500 Jahren hat das Höllenklima leider sehr gelitten, und neulich hatten wir sogar einen Brandschaden. Können Sie sich das vorstellen? Einmal passe ich nicht auf, und schon kokelt es mir eine ganze Abteilung weg. Dabei hatte ich im Zuge der Energiesparmaßnahmen schon den Thermostaten runtergedreht. Manchmal frage ich mich wirklich, ob ich den richtigen Job ergriffen habe. Als man mir damals den Chefposten in der Industrie anbot, hätte ich vielleicht zugreifen sollen – aber ich komme vom Thema ab.

Katastrophen

Um Missverständnisse auszuräumen, muss ich mich nun nochmal von der Religion distanzieren. Auch wenn ein Teufel ähnliche Probleme hat wie ein Gott, gibt es eine Menge Unterschiede. Ich bin wie gesagt ganz und gar für die Wissenschaft, welche die Religion so oft und gern verteufelt.

Ach, ich merke schon, das ist nicht so einfach. Beim Verteufeln bin ich selber irgendwie angesprochen, und wenn die Religion das mit mir macht, dann schubst sie mich oft in Positionen, die ich mir nicht selber ausgesucht habe. Umgekehrt wäre es so, als wenn ich etwas vergöttere. Allein das Wort macht mir schon Probleme, pfui Teufel, und ich kann mich demzufolge nicht richtig fürs Verteufeln revanchieren. Sie sehen schon, als Teufel hat man wirklich seine Plagen. Aber wenn sich ein Teufel von der Religion distanziert, um sich der Wissenschaft zuzuwenden, dann passt alles zusammen, sollte man meinen.

Jetzt habe ich mich genug alteriert, und ich kann zum Eigentlichen kommen.

Vielleicht sollte ich schnell noch erklären, dass die Wissenschaft kein Teufelszeug ist, und dann muss ich erklären, warum sie dennoch teuflisch wirkt.

Damit Sie nun nicht denken, ich wollte Sie mit paradoxen Sprüchen abspeisen, schiebe ich noch eine weitere teuflische Erklärung nach. Diese Erklärung betrifft die Religion, und zwar schlichterdings alle Religionen. Das Statement ist auch ganz schlicht.

Es besagt, die Religion wirkt ebenso teuflisch wie die Wissenschaft.

Solche Sprüche mögen auf den ersten Blick absurd oder konsternierend wirken. Zumindest werden Sie jetzt meine Vorbehalte besser verstehen, warum ich so lange gezögert habe, mit der Sprache herauszurücken. Vielleicht sind Sie mittlerweile geneigt, meine Argumentation zur Kenntnis zu nehmen? Nachdem ich so lange herumgedruckst habe, sind nun ein paar Takte Klartext fällig.

Von der Religion erwarten Sie lauter Lügen, soviel ist mittlerweile klar, und bei mir auch. Jetzt lüge ich aber ausnahmsweise nicht, und die Lügen meiner Gegner können Sie mir ja nicht zum Vorwurf machen. Was bleibt, ist meine lügnerische Kompetenz. Als Teufel verstehe ich allerhand von allerhand Teufeleien, und wer könnte deshalb besser geeignet sein, Ihnen die teuflischen Verstrickungen von Religion und Wissenschaft zu erklären?

Sofern Sie nun ein wenig vorausdenken, dann blüht der Menschheit allerhand Ungemach. Überlegen Sie mal, die Bevölkerungsexplosion und der Raubbau an der Natur können doch nicht ewig weitergehen. Da schafft der Mensch sich mehr Probleme, als er bewältigen kann. Er kennt kaum Mäßigung, sondern er lässt die evolutionären Mächte walten. Alles Leben ist letztlich der Evolution unterworfen; sogar für die Technik gilt das. Wie lange kann der Mensch die Entwicklung im Griff behalten, ehe er die Kontrolle endgültig verliert? Der Ablauf ist jetzt schon verrückt genug, und jedes Jahr schlittert die Menschheit weiter in die Katastrophe hinein.

Das meine ich mit den teuflischen Wirkungen.

Es wird sich ja herausstellen, wo die Ursachen dafür liegen. Ich meine, letztlich bin ich natürlich die Ursache, aber ich muss auch sagen, man macht es mir schrecklich leicht. Es geht quasi von alleine. Ich muss nur Religion und Technik wirken lassen. Wenn dann noch der Kommerz dazukommt, reicht es schon fast. Wie sich das im einzelnen zuträgt, und welche Rolle Religion, Wissenschaft und Kommerz dabei spielen, das will ich Ihnen mit Genuss vorbeten.

Unzufriedenheit

Wenn Sie wissen wollen, wo ich meine Finger nun eigentlich drin habe, dann sind sie mit meiner teuflischen Definition der Correctness schon auf der richtigen Spur. Ich beliebe das Rechthaben über das Richtige zu stellen, und wenn ich damit an der Gerechtigkeit kratzen kann, dann habe ich schon mal was geschafft.

Ungerechtigkeit schafft Unzufriedenheit. Unzufriedenheit wirkt sich in überzogenen Forderungen aus und torpediert Kompromisse. Wo keine Kompromisse erzielt werden, gibt es Hader und Konfrontation.

So kann ich mit subtilen Eingriffen die fatalsten Wirkungen erzielen, und was man auf den ersten Blick als lästige Fisimatenten abtun könnte, lenkt letztlich die Weltgeschicke ins Verderben.

Ich glaube, nun muss ich ein wenig konkreter werden. Es geht ja nicht nur darum, ein allgemeines Klima der Unzufriedenheit und des Haders zu erzeugen. Ich habe weitaus mehr im Sinn als die Unlust am Konsens. Natürlich bin ich den Menschen in der Erkenntnis voraus, und darum wende ich moderne Methoden an. Wie schon mehrfach gesagt, habe ich die Wissenschaft komplett für mich instrumentalisiert. Das ist das Highlight unter meinen diabolischen Künsten, denn schließlich wurde die Wissenschaft von den Menschen erfunden und nicht von mir. Wenn sie nun unter meiner heimlichen Führung die Menschheit in den Abgrund geleitet, dann zeigt das meine teuflische Macht in voller Glorie.

Dagegen mutet die Macht der Religion armselig an. Natürlich versucht die Religion auch, die Menschheit in den Abgrund zu treiben, nur wählt sie den entgegengesetzten Weg. Die Religion möchte den Menschen dummhalten und mit ihm in hirnloser Vermehrung die Erde überschwemmen. In dieser Richtung hat sie Erstaunliches geleistet, zugegeben, aber Sie dürfen nicht vergessen, wieviel die Wissenschaft mitgeholfen hat. Hygiene und Medizin haben enorm gegen die Kindersterblichkeit geholfen und damit zur Übervölkerung beigetragen. Euphemistisch ausgedrückt ist das Ergebnis ein »Klimawandel«.

Explosionen

Hehe, natürlich kommt es zu allen Arten von Umweltproblemen, wenn sich die Menschen so verrückt vermehren. Die eigentliche Ursache ist selbstverständlich die Bevölkerungsexplosion, aber unter der Ägide der Correctness dürfen die Menschen das nicht mehr aussprechen. Solche Tabus kommen meinen teuflischen Zwecken sehr entgegen, das dürfen Sie wohl glauben. Ich muss nur »Kindersterblichkeit« murmeln, und schon ziehen Horden von Gutmenschen aus, um den Kindern in ein Leben zu verhelfen, wo sie sich ohne Sinn und Verstand vermehren und noch viel mehr Kinder ohne richtige Lebenschancen in die Welt setzen.

Oder ich murmele »Mord an Ungeborenen«, und es finden sich genug Protestler, die der Dritten Welt die Verhütungsmittel streitig machen, die sie zum menschenwürdigen Überleben bräuchte. Das ist ein tolles Teamwork zwischen meinem Antipoden und mir, obwohl keiner von uns es offiziell zugeben würde. Da ist die Omerta vor, das Tabu, das Verschweigen der Wahrheit. Hoho, überall, wo Lug und Trug herrschen, regiere ich. Überall, wo sich Heuchelei und Sophistik breitmachen, ist mein Revier. Überall, wo die Agenda an der Wahrheit vorbei gesettet wird, spielt sie mir zu.

Ich helfe auch gerne bei Diskussionen im logikfreien Raum, denn wenn die wahren Probleme weggelogen werden, zielen die Lösungsbemühungen auf das falsche Objekt. Es ist viel wirksamer zu täuschen, zu vertuschen und zu verschweigen, als sich gegen vernünftige Lösungen zu stemmen. Und es ist am allerwirksamsten, die Wissenschaft für sich arbeiten zu lassen, und ihren Abkömmling, die Technik.

Ich spreche hier von Effizienzgewinnen im vierstelligen Prozentbereich. Wenn ich mein teuflisches Geschick einsetze, bin ich zigmal erfolgreicher, als wenn ich einfach nur drauflosteufele. Schauen Sie sich doch um, wie der Stand der Dinge ist.

Die Menschen möchten die Bevölkerungsexplosion verharmlosen, und für die Technikexplosion gilt das erst recht. Den meisten ist noch nicht mal bewusst, dass es eine Technikexplosion gibt. Globalisierung, Roboterisierung, der Mensch ersetzt von der Maschine – das schert kaum jemanden.

Auf solcher Ignoranz wachsen meine Blütenträume zu schönen Früchten heran. Hohoho, was da alles an Zoffpotential schlummert, und was ich praktisch mit einem Fingerschnipsen wecken kann! Man spielt mir in der ganzen Welt zu:

Die Entwicklungsländer tun nichts weiter gegen die Bevölkerungsexplosion, als sich in Seuchen und Bürgerkriege zu stürzen. Zudem  betreiben sie Völkerwanderung, um ihre Bevölkerungsexplosion auch woandershin zu tragen.

Die aufstrebenden Länder erzielen Erfolge beim Niederhalten der Bevölkerungs-Milliardenzuwächse. Aber die Erfolge sind ihnen zumeist ohne eigenes Zutun in den Schoß gefallen, weil die Geburtenraten sinken. Die Bevölkerungszahlen allerdings nicht, die steigen immer noch mächtig an. Und wo sie hoch sind, da bleiben sie oben.

Die entwickelten Länder wissen nicht mal, wie übervölkert sie sind. Es reicht ihnen keineswegs, wenn sie Energieträger und Rohstoffe in rauhen Mengen importieren müssen. Sie realisieren nicht, dass sie ihre Bevölkerung nicht versorgen können und von den Lieferanten erpressbar sind. In schöner Ignoranz stecken sie Geld in Ankurbelungsprogramme fürs Kinderkriegen, während sie mit noch mehr Geld die Auswirkungen des Kinderkriegens bekämpfen müssen.

Es ist wirklich wonnig. Ich setze nur ab und zu mein Gemurmel ein, um es dabei zu halten. Das ist kinderleicht, weil alle meinen, sie müssten mehr Kinder haben, und den göttlichen Segen kriegen sie gratis dazu. Wie gefällt Ihnen das? War schon vom Teufelsinstrument der leeren Himmelsversprechen die Rede, mit denen meine Antipoden die Leute manipulieren? Ein Platz im Himmel soll jedem garantiert sein, bloß auf der Erde hat nicht jeder einen. Und was halten sie nun von meiner Instrumentalisierung der Bevölkerungsexplosion? Ist das nicht eine Wucht? Das schlägt doch alles, oder?

Höhepunkt

Hoho, nun muss ich erst recht in die Vollen gehen, wenn ich zu meiner absoluten Spitzenleistung komme. Ja, jetzt geht es um Wissenschaft und Technik, und um den phantastischen Höhepunkt, dem sie zustreben. Es hat sich gelohnt, so lange darauf zu warten. Die Technikexplosion macht lauter Sachen mit den Menschen, die keiner außer mir gewollt hat. Alle fragen sich, warum ihre Jobs zum Teufel gehen. Es ist wirklich süß. Sie wollen einfach nicht merken, wie sie gegeneinander ausgespielt werden, seit die Technik den Verkehr rund um die Welt zum Spaziergang gemacht hat, und den Datenverkehr erst recht.

Dabei ist das bloß der Anfang von meinem diabolischen Lieblingsszenario. Den wenigsten Menschen ist klar, wie gezielt die Technik auch noch darauf hinarbeitet, sie bei aller Arbeit zu ersetzen. Die begreifen nicht, dass sie längerfristig alle arbeitslos werden. Erst werden die Menschen durch Menschen von woanders ersetzt, die weniger verdienen, und dann werden die Menschen gegen Roboter ersetzt, die gar nichts verdienen. Die euphemistischen Bezeichnungen dafür heißen Globalisierung und Technikfortschritt.

Hohoho, man möchte den Menschen einreden, beides wäre gut für sie. Hat mal jemand gesagt, man könnte die Globalisierung nicht verteufeln? Na, und ob ich das kann. Keiner kann’s so gut wie ich. Ich habe nämlich schnell begriffen, wie es sich mit Globalisierung und Technikfortschritt wirklich verhält.

Das ist im Grunde dasselbe. Globalisierung und Technikfortschritt sind zwei Seiten derselben Medaille. Vom Kommerz richtig eingesetzt, macht der technische Fortschritt die Welt zu seinem Hinterhof, und dort tobt er sich hemmungslos aus. Mein bescheidener Beitrag besteht darin, ihn in seiner Durchsetzungskraft zu bestärken.

Die Unternehmer, Banker und Ökonomen können sich bei mir bedanken, weil ich mich teuflisch anstrenge, um sie aus der Kritik rauszuhalten. Eigentlich müssten sie weltweit verteufelt werden, aber da bin ich vor. Mein Gemurmel hält die Kritik nieder, obwohl die Reichen immer reicher werden und die Armen immer prekärer. Die Leute schlucken das mit erstaunlicher Duldsamkeit. Die armen Schlucker sind das Schlucken schon gewohnt – deshalb. Nur einige Schreihälse üben sich in Finanz- und Globalisierungsprotest, und in Warnungen vor der Roboter-Übernahme. Aber die wenigsten Menschen haben verstanden, was da wirklich läuft. Ich weiß es natürlich, jawohl, und ich rücke ausnahmsweise mit der Information raus. Eigentlich hab ich’s schon gesagt, doch nun sag ich es nochmal ganz deutlich:

Es ist die Entrechtung und Marginalisierung der arbeitenden Menschen, die da betrieben wird, bis hin zur endgültigen Entlassung und Ersetzung durch Roboter. Die Bevölkerungsexplosion schafft immer mehr Menschen, und die Technikexplosion nimmt ihnen immer mehr Jobs weg. Am Ende können die Menschenmilliarden zuschauen, wie die Roboter die ganze Arbeit machen, und sie können sich freuen, wenn sie ihr Gnadenbrot kriegen.

Phantastisch, wie die Menschen sich immer wieder einreden lassen, es würde wieder aufwärts für sie gehen. Aber wenn die Abwärtsspirale bei den Arbeitsplätzen wirklich mal unterbrochen wird, dann finden sich die Menschen in Jobs wieder, bei denen sie für weniger Lohn mehr arbeiten müssen. Staatsschulden usw. eingerechnet, verdienen alle Arbeitenden immer weniger, und sobald die nächste Öl-, Banken-, Klima- oder Sonstwaskrise kommt, steigt auch wieder die Arbeitslosigkeit.

Das Schöne ist, ich muss gar nichts dafür tun, weil die Sache sich selber beschleunigt. Der Kommerz besorgt das schon. Teure Arbeitskraft wird durch billigere Arbeitskraft ersetzt. Die billige Arbeitskraft wird durch superbillige Arbeitskraft irgendwo aus der Welt ersetzt, und am Ende ersetzen die Roboter die gesamte Arbeitskraft. Die Menschen werden gegeneinander und gegen die Technik ausgespielt.

Die menschliche Arbeit wird billig gemacht, indem Menschen, die sich Arbeitnehmerrechte und Naturschutz erkämpft haben, durch welche ersetzt werden, die das nicht getan haben.

Und der Staat verarmt, häuft Schulden an, verscherbelt seinen Besitz und lässt die Infrastruktur verfallen. Bakd kann er die die vielen Rentner und die verarmten oder entlassenen Arbeitskräfte nicht mehr alimentieren, weil Menschen, die Steuern und Sozialabgaben zahlen, durch Maschinen ersetzt werden, die das nicht tun.

Selbstmurmelnd freue ich mich darüber wie ein Schneekönig. Meine Instrumentalisierung von Wissenschaft und Technik zeigt phänomenalen Erfolg. Und es geht sogar noch weiter mit den Highlights der Perfidie.

Das Ersetzen von Teuer gegen Billig ist bloß der erste Schritt. Auch mit dem Verdrängen von Mensch durch Maschine ist es noch nicht am Ende. Die Technik ermöglicht das Austauschen von fast allem gegen immer neue Ersetzungen, und ganz nebenbei verteilt sie das Know-How um die ganze Welt. Wenn das Know-How mal im Computer drinsteckt, ist es überall verfügbar. Was die einen ersonnen haben, wird von den anderen gegen sie eingesetzt. Besonders gut gefällt mir deshalb der Wunsch nach Innovationen, der dem Erfindungstrieb der Know-How-Produzenten auf die Sprünge helfen soll. Als ob diese Innovationen ihnen zugutekommen würden! Das Know-How reist um die Welt, die Produktion wird nach sonstwohin ausgelagert, und die Gewinne werden ins Steuerparadies verschoben. Perfider könnte ich das auch nicht ersinnen.

Dabei ist das bloß die sinnvolle Ausnutzung der neuen technischen Möglichkeiten. Die Macher, die das betreiben, agieren mit meiner unterschwelligen Unterstützung. Den Kommerzfürsten mit dem globalisierten Stromliniengewissen gebührt mein gemurmeltes Wohlwollen für die Skrupellosigkeit, mit der sie die neuen technischen Möglichkeiten umsetzen. Um nun noch eins draufzusetzen: Es bleibt ihnen auch gar nichts anderes übrig, hehehe. Ich könnte mich kringeln vor teuflischer Freude, so perfid ist das.

Teuflische Logik

Es bleibt ihnen nichts anderes übrig? Nein, das liegt an der globalisierten Logik. Der technische Fortschritt erlaubt immer neue Gemeinheiten, die früher noch nicht möglich waren. Sobald ein Unternehmen vorprescht, um daraus Gewinn zu saugen, erlangt es Marktvorteile. Dadurch reißt es den globalen Markt an sich, und die anderen Unternehmen müssen nachziehen oder untergehen. Auch Unternehmer, die moralisch denken, können sich diesem Teufelskreis nicht entziehen, hehehe. Wenn sie im Markt bestehen wollen, müssen sie die Raffgierdrüsen voll in Gang setzen. Sie müssen verschlanken und freisetzen und umstrukturieren und outsourcen und offshoren – so lauten die Euphemismen für die Entlassung der Arbeitskräfte. Nach möglichst vielen Entlassungen müssen die Kosten noch durch Sozialabbau und Steuerflucht gedrückt werden – es grüßt die Steueroase – damit am Ende der maximale Profit rauskommt, den der Kommerz verlangt.

Diese perfide Logik ist wie von mir gemacht, und sie spült die Minderwertigen, die Rücksichtslosen und die Gesellschaftsschädigenden an die Spitze der Firmen. Das finde ich einfach Klasse. Nach oben hin strampeln sich die abgefeimtesten Bosse ab, damit sie sich als Ausbeuter austoben können und 300-mal soviel verdienen wie ihre Angestellten. Nach unten hin gibt es ein Rattenrennen um die billigsten Arbeitskräfte, die immer noch billiger gemacht werden müssen, bis sie gar nicht mehr gebraucht werden.

Diese prekäre Gemengelage ist das Wesen der Globalisierung. Sie treibt die Menschen restlos in die Enge. Hohoho, die Menschen arbeiten so, als ob sie alle miteinander keinen IQ 100 zusammenkriegen würden. Dabei arbeiten sie hochintelligent am technischen Fortschritt – bloß erfinden sie lauter Sachen, mit denen sie ihre eigene Arbeit überflüssig machen. Und der globalisierte Kommerz sorgt dafür, dass die neuen Möglichkeiten schnellstens gegen sie eingesetzt werden. Teufel, Teufel, ich will mich ja nicht selber loben, aber das ist echt geschickt eingefädelt.

Die Kraft der Dummheit wirkt bei intelligenten Menschen oft am besten, das stimmt. Von den intelligentesten darf man Spitzenleistungen an Idiotie erwarten. Wenn ich nur daran denke, was für neumodisches Teufelszeug diese Leute erfinden, dann bin ich ganz platt vor Bewunderung. Wenn ich an die Sachen denke, die sich auf den Finanzmärkten abspielen, an diese phantastische Abzocke, da kann ich nur staunen. Da haben die Diebe sich ein Paradies eingerichtet. Und diese Manager, die immer die Finger in der Kasse haben …

Geldklau und Datenklau

Haben Sie schon diese neuen Computer gesehen, die den Menschen datenmäßig so schön abgrasen? Die Dinger sind auf den totalen Datenklau ausgelegt, und sie saugen alle Informationen ab, die sich irgendwie zu Geld machen lassen. Selbstverständlich wird »Datenschutz« betrieben. Was da geschützt wird, sind aber meistens nur die Daten der kommerziellen Anbieter. Diese Daten werden nach Kräften gebunkert und verbaggert, egal, was für Probleme dem Anwender daraus entstehen. Die kommen kaum noch richtig an ihre eigenen Daten dran, aber dafür gibt’s ja die Jailbreaker-Software. Ansonsten werden die Daten des Anwenders nach Lust und Laune herumkopiert.

Was sagen Sie dazu? Wenn das nichts ist? Überlegen Sie mal, wer wohl die Roboter programmiert, wenn sie demnächst an Ihrer Stelle die Arbeit übernehmen? Wenn’s dann personal roboter gibt wie heute personal computer, dann stecken bestimmt dieselben Datendiebe dahinter, nur dass sie dann noch viel bessere Möglichkeiten zum Abzocken haben.

Auf der Suche nach solchen vermaledeiten Highlights dürften Sie überall fündig werden. Habe ich schon die Bürokratie erwähnt, die von jeher eins meiner Lieblingsprojekte gewesen ist? Im Hinblick auf die Zukunft habe ich den Bürokratismus immer gefördert; mit viel Erfolg, wie ich anmerken darf. Wenn die Roboter die Arbeit übernehmen, wird man den Unterschied gar nicht bemerken, denn ob es ein Bürokrat tut oder ein Roboter, fällt doch kaum auf.

Da sehen Sie’s, Vorausplanung ist alles. Mit meiner geschmeidigen Hilfe wird es die Menschheit ganz leicht in die Hölle schaffen. Aber ich brauche nicht mehr den Wirt zu spielen und die vielen Milliarden bei mir unterzubringen, hehehe. Nein, sorum nicht. Die Hölle ist meine gute Stube, und da drin will ich nur noch die Elite sehen. Ich verschlanke nämlich auch. Ich strukturiere um. Ich source out. Nach dem modernen Konzept kommen die Menschen nicht mehr in die Hölle, sondern die Hölle kommt zu den Menschen. Ist das nicht der Clou?

Und selbstmurmelnd ist sie da schon auf dem besten Weg.

Weil die ganzen Entwicklungen so schön zusammenpassen, kann ich längst die schweren Manipulationen beiseitelassen, für die man mich früher so übel beschimpft hat. Ich komme nicht mehr mit Pestilenz und Höllenfeuer daher. Neinnein, ich murmele nur noch. Ich nutze social Bots und Avatare, ich streue fakes und Desinformation. In der modernen Welt erziele ich mit solchen subtilen Mitteln viel durchschlagendere Wirkungen. Der Teufel steckt eben im Detail, wie Sie wissen.

Jawohl, ich stecke im Detail, und ich wuppe das alles. Ich modernisiere und nutze die Kräfte des Fortschritts. Darin bin ich so beschlagen wie sonstwer. Genaugenommen bin ich viel beschlagener als jeder Mensch, denn welcher Mensch hat schon einen Huf zum Beschlagen?

Hab ich anfangs gesagt, kein Schwanz, kein Huf? O ja, und ich hab auch gesagt, ich komme auf leisen Sohlen daher? Das war keine Arglist, wissen Sie, sondern das müssen Sie im übertragenen Sinn sehen. Sie werden mir auch meine Hörner nicht übelnehmen, wo ich sie doch schon so sehr abgestoßen habe. Es hieß ja immer, man hätte den Sex verteufelt. Wissen Sie, wo etwas verteufelt wird, stecke ich am Ende selber drin. Hehehe, ich bin quasi immer mit dabei, wenn’s um sowas geht.

Dabei fing es ganz harmlos an. Ich habe nur gesagt, Sex ist verteufelt gut – zack, bumm, das war’s. Schon rückte der Sex von der Agenda der erlaubten Sachen runter. Dabei sind Sünden zum Vergnügen gemacht, wenn Sie schon die Sinnfrage stellen.

Also nehmen Sie mir meine abgestoßenen Hörner nicht übel, oder? Ich bitte Sie recht schön, auf diesen ollen Kamellen wollen wir doch nicht herumreiten. Behumpsen gehört dazu. Ach Gottchen, ich bin schließlich der Böse, da muss ich doch meinen Spaß haben, hohoho!?

Teuflischer Humor

Wenn ich an meine Leistungen denke, wird mir immer so euphorisch zumute. Dann könnte ich immerzu lachen. Falls jetzt jemand sagt »Der hat wohl nicht alle Macken im Schrank«, dann kann ich nur gepflegt mein Hohoho machen. Gegen solche Unterstellungen bin ich immun. Wenn nun noch einer meint »Bei mir piepts wohl nicht richtig«, dann soll er doch selber piepen.

Wer wirklich so piept, lässt eine meldepflichtige Blödheit heraushängen, und für solche Leute hab ich was: »Etwas Warmes braucht der Mensch …« Das ist zuvorkommend von mir, nicht wahr, bis ich zur Tat schreite: »Ich mach euch gleich Feuer unterm Arsch.« Holdrio Juchhei!

Wenn die Betroffenen nun noch meinen, »Ich glaub ich spinn nicht recht«, dann hab ich sie schon am Wickel. Jeder einzelne wird an einem höllischen Plätzchen erster Güte installiert und darf meine warme Zuwendung genießen. Da darf er dann Mikado mit gekochten Spaghetti spielen, hehehe. Ein Entkommen gibt es nicht, da kann er grübeln, bis der Keks krümelt. Darauf dürfen Sie Gift nehmen.

Und wehe, wenn er mir mit Witzchen kommt, von wegen „nicht nötig, er braucht kein Gift zu nehmen, denn er raucht“. In der Hölle ist schon lange Rauchverbot, woll, und Lachverbot auch. Wer die Hölle mit Humor erträgt, dem kann sowieso nur noch ’ne Lobotomie helfen, so eine Art Hirnpiercing ohne mildernde Umstände. Bei mir zuhause in der Hölle mache ich die Witzchen, ha, das gehört zur Strafverschärfung dazu. Ich spreche dabei so deutlich, dass man einen Dolmetscher braucht, um mich zu missverstehen. Ist das nicht so erfrischend wie ’ne Gehirnwäsche, hehehe?

Wenn einer Vorbehalte gegen Hirnwäsche und Lobotomie hat, könnte er meinen, ich bringe ihn um den Verstand. Naja, wenn’s weiter nichts ist – da kann ich nur sagen, ist ja kein Verlust, hoho. Die meisten Leute haben eh einen Sprung in der Schüssel, da kommt’s nicht so drauf an. Deswegen braucht nun keiner so komisch zu gucken, als ob er linksrum pupsen und rechtsrum stinken wollte.

Hoppla, ich wollte eigentlich stubenrein argumentieren. Ich nehme das Feuer unterm Arsch zurück und das rechtsrum stinken auch. Wegen diesen Kleinigkeiten lohnen sich ja keine Umstände. Wenn ich richtig loslege, steht mein Vokabular sowieso nicht im Schimpfwörterbuch drin, das kann ich Ihnen flüstern. Deshalb komme ich lieber zu dem einmaligen Angebot, das ich dem geneigten Publikum machen kann. Wem die Hölle trot der neuen Exklusivität langweilig wird, weil er nicht immer bloß Hitzeanwallungen haben möchte, dem stelle ich einen Gutschein für eine Gratis-Elektroschock-Therapie in Aussicht. Vielleicht ist der Gutschein noch hinten an diesem Artikel angeheftet, falls einer bis dahin durchhält, hehehe. Vielleicht auch nicht, denn ich bin schließlich der Teufel, und als solcher scheren mich meine Versprechen nicht lange.

Nun werden Sie doch keine Animositäten gegen mich entwickeln, bloß weil ich Sie ein bisschen in die Hölle stecken will oder die Hölle zu Ihnen kommen lasse? Haben Sie denn keinen Humor? Ich rackere mich hier ab, um Witze auf Ihre Kosten zu machen, und sie sind not amused? Wenn alle Galgenstricke reißen, können Sie sich ja an die Konkurrenz halten, an den Typen da oben, hehe.

Sie verstehen mich einfach nicht. Wieso zweifeln Sie denn an mir? Wo bleibt da die Toleranz und die Nächstenliebe, he? Was sagen Sie da, Gott gibt’s nicht, und mich auch nicht? Hilfe, Sie drehen mir ja das Wort ab. Wer hat’s denn nur vermasselt? Ach, hätte ich bloß einen Pakt mit Ihnen abgeschlossen und mit ihn Blut unterschreiben lassen. Menschen sind wirklich eine Plage. Da geht mir ja der Hut mitsamt den Hörnern hoch. Nicht mal ein Teufelskerl wie ich kann es Ihnen recht machen. Wollen Sie vielleicht doch Ihre Seele verkaufen? Ich biete-

 

Nix da, jetzt hat sich’s ausgeteufelt. Der Teufel soll gefälligst Ruhe geben. Wahrscheinlich war’s sowieso bloß ein Putzteufel, so, wie der alle runtergeputzt hat. Er hat Gott, Menschen, Seele und Wirtschaft herabgesetzt, und sogar die lieben Banker. Aus seinen Einlassungen spricht die Missgunst, wenn er die Götter um ihre Gefolgschaft beneidet, und ob er wirklich so subtil ist, darf bezweifelt werden. Aus ist’s mit hoho und hehe. Stimmt ja sowieso nicht, was dieser Teufel behauptet, oder etwa doch?

 

Zusamengeteufelt von Wilfried Müller

(Der Artikel wurde am 6.12.16 publiziert und am 17.7.19 aktualisiert.)

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2 Responses to Der Teufel gibt sich die Ehre

  1. Johann Wolfgang Goethe sagt:

    Lieber Wilfried, dass geht glatt als Theaterstück durch – dass hast Du sehr gut geschrieben – du kleiner Teufel!

    Gruß Wolfgang

  2. Wilfried Müller sagt:

    Was die Kirche zum Teufel sagt, kann man bei atheisten-info.at nachlesen, Gibt’s den Teufel? Dem Text entnimmt man, dass „Glaubenswahrheit“ dasselbe bedeutet wie Lüge.

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