Emergenz – die Spur des Heiligen Geistes?

Taube des Hl. Geistes, Petersdom (Wikimedia Commons, Lizenz CC-BY-SA 3.0)

In der Seite peregrinatio der evangelischen ELIA-Gemeinden wurde am 4.6.2016 von Peter (wahrscheinlich Peter Aschoff) ein Artikel  zur Pfingstpredigt des EKD-Vorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm veröffentlicht, der ebenso wie die Predigt selbst die Emergenz als Spur des Heiligen Geistes in unserer Welt bezeichnet. Für einen Kirchenoberen ergibt sich die Verbindung vielleicht aus dem Dogma, dass der Heilige Geist ja die Jungfrau Maria geschwängert und dadurch etwas – im Sinne der Emergenz – „Höheres“ erzeugt haben soll. Für mich als Naturwissenschaftler ist die Behauptung Bedford-Strohms aber nicht nachvollziehbar. Da emergente Prozesse nichtlineare Prozesse sind, müssten ja sonst auch die zugehörigen nichtlinearen Differenzialgleichungen eine Spur des Heiligen Geistes sein. Eine merkwürdige Vorstellung.

Dass sich religiöse Kreise mit unwissenschaftlichen Interpretationen von speziellen Effekten der Quantentheorie wie der Verschränkung von Quantenteilchen um Nachweise für die Wirkung Gottes in einem spekulativen Hyperraum bemühen, ist schon länger bekannt. Dass auch die emergenten Prozesse, die ganz und gar in der Realität ablaufen, für das Wirken Gottes herhalten sollen, ist zumindest für mich neu. Es wird im Artikel und in der Predigt nach der Methode der Desinformation vieles zur Emergenz zutreffend dargestellt. Aber wichtigen Punkten werden dann falsche Schlüsse gezogen.

Beispiele:

  • Die neuen Eigenschaften der Ergebnisse emergenter Prozesse würden sich nicht aus dem Prinzip Ursache-Wirkung erklären lassen.
    Die emergenten Prozesse verbinden – wie jede wissenschaftlich gültige Aussage – kausal Ursachen mit Wirkungen, auch wenn die Wirkungen nicht immer unseren gewohnten Anschauungen oder der veralteten Denkweise der Kirchenleute entsprechen. Beispiele für die Verletzung des Prinzips werden nicht genannt.
  • Es gäbe Phänomene, bei denen die (emergente) Erklärung auch aus wissenschaftlicher Sicht ausdrücklich unmöglich ist.
    Es werden keine Beispiele genannt. Mir – als relativ guter Kenner der Emergenz – sind auch keine bekannt.
  • Emergenz würde für die grundsätzliche Unmöglichkeit der Kontrolle  stehen. Frage: Kontrolle woüber? Emergente Prozesse sind in der Natur und der menschlichen Gesellschaft weit verbreitet, und in allen Fällen verständlich und nur in den Fällen positiver (explosiver) Rückkopplung nicht kontrollierbar.

Späteren Aussagen des Artikels kann ich wieder zustimmen, z.B.: „Wenn Emergenz – und das bekräftigt Laughlin ohne Einschränkungen – auch für menschliches Verhalten und Bewusstsein gilt, … dann zeichnet sich ab, dass Emergenz ein Thema für die Gesellschaft ist, das uns auf absehbare Zeit erhalten bleibt.“ Allerdings stimme ich wohl in einem anderen Sinne zu, wie es Bedford-Strom gemeint hat. Unklar bleibt für mich aber, welche „Heilsversprechen der Traditionalisten“ im letzten Satz gemeint sind, die als Lügen bezeichnet werden. Aus meiner Sicht müssten damit vor allem die Heilsversprechen der Kirchen gemeint sein.

Georg Korfmacher, 2016 Herausgeber der Seite Laizität und Humanismus, hat dazu einen Artikel in der Form eines Interviews mit mir verfasst, den Wilfried Müller am 10.6.2016 erstmals in seiner damaligen Seite herausgegeben hat:

Heiliger Geist und Emergenz

Heute diskutieren zwei Experten über Halbwahrheiten und Lügen: Georg Korfmacher und Günter Dedié. Anlass ist die Predigt zum Pfingstfest in der Münchner Matthäuskirche vom evangelischen Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm am 15.5.2016: … Die Spuren des Heiligen Geistes mit seiner Kraft zum Neuen, zum Überraschenden, sind bis in die Wissenschaften hinein zu finden. Ja, auch die moderne Wissenschaft kennt ein Phänomen, das man als Spur des Heiligen Geistes verstehen kann. Die Wissenschaftler nennen es „Emergenz“. …

Kann man sich vorstellen, dass ein als glaubwürdig gehandelter Mann durch Halbwahrheiten Lügen verbreitet? Ja, man kann! Man muss sich nur die Mühe machen, der Pfingstpredigt des Landesbischofs der ev. Kirche in Bayern von 2016 zu lauschen. Denn dort wurde versucht, die Emergenz mit dem Wirken des Heiligen Geistes zu erklären.

Zugegeben, viele Menschen haben mit dem Heiligen Geist als dritte Gottheit des Christentums schon ihre Schwierigkeiten. Diese jetzt aber mit dem doch weithin unbekannten Begriff der Emergenz zu erklären, grenzt an schwindelerregende Seiltänzerei und erinnert an ebenso ungezählte wie gescheiterte Versuche, die christlichen Götter und deren Wirken wissenschaftlich zu belegen. Dazu ein Dialog zwischen Georg Korfmacher (GK) und Günter Dedié (GD).

GK: In seiner Pfingstpredigt stellt der gebürtige Allgäuer Bedford-Strohm die verblüffende These auf, dass die aus der Wissenschaft bekannte Emergenz die Spur des Heiligen Geistes in unserer Welt sei. Eine Predigt über den Heiligen Geist hatten die treuen Gläubigen sicher erwartet, aber mit der Emergenz zu seiner Erklärung waren die meisten wohl restlos überfordert. Was ist denn eigentlich Emergenz?

GD: Als Physiker verschlägt es mir da auch die Sprache. Die Emergenz bezeichnet nämlich schlicht und einfach die Selbstorganisation von Prozessen in der realen Welt, deren Ergebnisse durch die Wechselwirkungen der am Prozess beteiligten Elemente bestimmt werden. Man spricht dann von emergenten Prozessen. Es kommt dabei aber etwas heraus, was man rein wissenschaftlich nicht immer im Detail vorhersagen kann. Das geschieht besonders im gesellschaftlichen Bereich bei den dort herrschenden, sehr komplexen Zusammenhängen und über längere Zeiträume. Mit der Einwirkung von übersinnlichen Kräften oder gar einem Heiligen Geist hat das aber nichts zu tun. Ähnliche Versuche machen die Kirchen übrigens auch gerne mit wissenschaftlich gesicherten Aussagen der Quantentheorie, die unserer Anschauung nicht ohne weiteres zugänglich sind.

GK: Demnach gibt es also keine einzelne, lenkende Kraft, die den ganzen Prozess zielsicher auf einen Punkt zuführt, obwohl der ev. Bischof von der Emergenz als von einem Phänomen der modernen Wissenschaft spricht, „das man als Spur des Heiligen Geistes verstehen kann“.

GD: Also, da bringt der Kirchenmann ein paar entscheidende Dinge durcheinander bzw. stellt sie zum eigenen Nutzen unzureichend dar. Erstens hat noch kein Wissenschaftler in der Emergenz einen Heiligen Geist entdeckt und schon gar nicht dessen Wirken nachgewiesen, zweitens steht die Behauptung im Widerspruch dazu, dass die emergenten Prozesse nicht esoterische Theorien sind, sondern Abläufe in der realen Welt, die wissenschaftlich untersucht und beschrieben werden können. Auch ohne den Heiligen Geist. Eine gewisse Unvorhersehbarkeit, die aber wissenschaftlich als deterministisches Chaos sehr wohl sauber beschreibbar ist, ergibt sich im Wesentlichen durch die Vielzahl und Gesamtheit der Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Elementen. Die emergenten Prozesse sind deshalb oft etwas komplizierter, als uns aufgrund unserer alltäglichen Erfahrungen lieb ist. Das fasst man gern unter dem Begriff Komplexität zusammen. Aus Sicht der Mathematiker sind diese Prozesse oft nichtlinear, was in der Mathematik aber nichts Exotisches ist.

GK: Dann könnte man ja spöttisch sagen, dass der Kirchenmann die Emergenz nur deshalb bemüht, weil er die Komplexität des im Nachhinein von wem und aus welchem Grund auch immer niedergeschriebenen Pfingstereignisses selbst nicht versteht bzw. erklären kann und zur Camouflage seines mangelnden Wissens einen möglichst exotischen wissenschaftlichen Begriff anzieht, den die überwiegende Mehrzahl seiner auf Glauben getrimmten Zuhörer wahrscheinlich überhaupt nicht kennt und schon gar nicht versteht. Fazit: Man bewundert den Vortragenden ob seiner Gelehrsamkeit!

GD: Aus meiner Sicht ist das weniger mangelndes Wissen sondern der Versuch, der Religion ein naturwissenschaftliches Mäntelchen umzuhängen, ohne dass es die meisten Menschen merken. Solche Verzerrungen passieren leider nicht nur in Religionsgemeinschaften, sondern auch in der Politik, der Industrie und unserer Gesellschaft: Eigene Taktiken durch möglichst bombastische Begriffe „verklären“, und dann womöglich auch noch das Copyright darauf beanspruchen. Zugegeben, die Emergenz ist auf Anhieb nicht leicht zu verstehen, begegnet uns aber tagtäglich, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Nehmen wir z.B. einen Ameisenhaufen, dessen Struktur oder System wir nicht verstehen, wenn wir nur die 100 Meter davon entfernt scheinbar chaotisch herumlaufende einzelne Ameise betrachten. Erst durch genaue Beobachtung der Interaktionen zwischen nahen Ameisen erhalten wir ein Bild davon, wie das System insgesamt entsteht und funktioniert. Jede Ameise hat ihre spezifische Aufgabe und interagiert mit anderen Ameisen, oft über Pheromone. Die Aufgabe der drittnächsten Ameise kennt sie womöglich überhaupt nicht. Den gesamten Prozess nennt die Wissenschaft emergent, weil aus dem chaotischen Herumlaufen einzelner Ameisen (Elemente) als Ergebnis eine Ameisenstraße oder ein Ameisenstaat (Struktur/System) entsteht. Diese Ergebnisse sind nicht vorhersagbar. Das System insgesamt organisiert sich selbst komplex und nur teilweise vorhersehbar, obwohl die Eigenschaften seiner Elemente bekannt sind.

GK: Emergenz ist also eine Systematik in der realen Welt ohne Hokuspokus und überirdischen Erklärungsbedarf. Insofern kann man die eigennützig verzerrte Darstellung des Kirchenmannes auch als Halbwahrheit sehen, die nach Benjamin Franklin eine große Lüge sein kann.

GD: Ja, die Predigt ist ein typisches Beispiel dafür, dass zu einem Thema oder Ereignis bekannte, zutreffende Fakten mit Weglassungen, Irreführungen und suggestiven Spekulationen kombiniert werden. Perfekte Desinformation, vielleicht unter Anleitung des Heiligen Geistes. 😉

 

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5 Responses to Emergenz – die Spur des Heiligen Geistes?

  1. Klarsicht(ig) sagt:

    Es gehört zur typischen Unverfrorenheit der Kleriker der beiden großen „Glaubenskonzerne“ zu behaupten, dass der „Heilige Geist“ der Garant dafür sei, dass die christliche Ideologie irrtumslos und wahr sei:

    Zitat: „Da also alles, was die inspirierten Verfasser oder Hagiographen aussagen, als vom Heiligen Geist ausgesagt zu gelten hat, ist von den Büchern der Schrift zu bekennen, daß sie sicher, getreu und ohne Irrtum die Wahrheit lehren, die Gott um unseres Heiles willen in heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte.“ (1)

    Beim „Heiligen Geist“ handelt es sich um eine von den vielen unbewiesenen und nicht beweisbaren Existenz-Behauptungen aus der christlichen Ideologie. Genau wie die anderen beiden Protagonisten der christlichen Ideologie ist auch der „Heilige Geist“ selbstverständlich unsichtbar.

    Zitat: „Der Geist ist unsichtbar, aber wir erkennen ihn durch sein Handeln, wenn er uns das Wort offenbart und wenn er in der Kirche wirkt.“ (2)

    Mit „wir“ in dem „Schwurbelsatz“ können nur die Mitglieder der „Klerikerkaste“ und deren „Glaubensgefolgschaft gemeint sein. Denn nur sie scheinen über die Fähigkeit zu verfügen, „erkennen“ zu können, wenn der „unsichtbare Heilige Geist handelt“.

    Das „dreifaltige Kollektiv“ ist eine raffinierte Erfindung der Vorfahren der heute agierenden Mitglieder der „Klerikerzunft“. Es ist die Essenz der lukrativen, „religiösen Geschäftsidee“ zur kontinuierlichen Durchführung der Menschheitsverdummung.

    Ich wäre nicht überrascht, wenn irgendein Kleriker auf die Idee käme, in irgendeiner seiner Predigten zu behaupten, das Proton und die 3 Quarks in ihm wären ein Hinweis darauf, dass der „Bibeldämon“ und das „dreifaltige Kollektiv“ wirklich existieren.

    Erstaunlicherweise wurde der „Heilige Geist“ noch nie außerhalb „des klerikalen und religiösen Dunstkreises“ etwa als Werbeidee mit dem Ziel in Anspruch genommen, damit irgendwelche säkularen Menschenwerke qualitativ aufzuwerten. Dass ein solcher säkularer Zugriff auf den „Heiligen Geist“ bisher ausblieb, könnte daran liegen, dass der intellektuellen Redlichkeit und dem Gewissen im profanen Umfeld eine größere und ernsthaftere Bedeutung zugemessen wird, als in religiösen Kreisen.

    Auch scheint im säkularen Umfeld die Befürchtung, sich lächerlich zu machen, eine größere Rolle zu spielen, als in religiösen Kreisen. Denn in säkularen Kreisen ist nach meiner Kenntnis noch niemand auf die Idee gekommen, mit theologentypischer Unverfrorenheit zu behaupten, der „Heilige Geist“ habe inspirierend z. B. an der Herstellung irgendwelcher profanen Wirtschaftsgüter oder der Aufstellung weltlicher Behauptungen und Theorien mitgewirkt, wodurch gute Qualität verbürgt und Wahrheit garantiert sei.

    Zur Etablierung und zum Erhalt ihrer Macht und ihres großen Einflusses in unserer Gesellschaft und gegenüber den „Glaubens-Infizierten“ postulier(t)en die „Autoritäten“ der beiden großen Glaubenskonzerne und anderer Glaubensinstitutionen skrupellos und unverfroren so viele imaginäre Mächte und Kräfte, wie sie sie zur Stützung der von ihnen benutzten Glaubenssysteme zu benötigen mein(t)en.

    Verweise:
    (1) DOGMATISCHE KONSTITUTION – DEI VERBUM – ÜBER DIE GÖTTLICHE OFFENBARUNG. KAPITEL III. DIE GÖTTLICHE INSPIRATION UND DIE AUSLEGUNG DER HEILIGEN SCHRIFT:
    http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19651118_dei-verbum_ge.html

    (2) Katechismus der katholischen Kirche – Kompendium, Nr. 137:
    http://www.vatican.va//compendiuarchivem_ccc/documents/archive_2005_compendium-ccc_ge.html

    Gruß von
    Klarsicht(ig)

  2. Johann Wolfgang Goethe sagt:

    Frage an Günter: Die Predigen von den Kirchenmännern sind doch nur auf Lügen aufgebaut: Warum beschäftigen sich manche Wissenschaftler überhaupt mit Phänomenen, die es gar nicht gibt – braucht die Kirche ein wissenschaftliches Alibi von der Wissenschaft?

    Gruß Wolfgang

  3. Günter Dedie sagt:

    Ganz so krass sehe ich es nicht: In der Bronzezeit und danach waren Religionen eine erwünschte, wenn auch spekulative Ergänzung des geringen Wissens der Menschen. Erst mit der Aufklärung und dem Siegeszug der Naturwissenschaften sind die Religionen zu veralteten, einseitigen Ideologieen geworden, die nun mit allen Mitteln um ihr Überleben und die Macht der Kirchen kämpfen.

    • Johann Wolfgang Goethe sagt:

      Wenn man es aus dieser Sichtweise sieht, hast Du natürlich recht, Günter.
      Das die Kirchen ums Überleben kämfen zeigen die Zahlen von 2018, da sind bei der evangelischen und katholischen Kirche erneut jeweils über 200.000 ausgestiegen. Die Kirche sagt, dass sei besorgniserregend.

      Gruß Wolfgang

  4. Klarsicht(ig) sagt:

    Ich habe festgestellt, dass der zweite Link am Ende meines Kommentars nicht funktioniert. Ich hoffe, dass der nachstehend aufgeführte Link sich öffnen lässt.

    http://www.vatican.va/archive/compendium_ccc/documents/archive_2005_compendium-ccc_ge.html

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