Globalisierter Vertrauensbruch

Die Schlagzeilen wurden beherrscht von Bankenkrise, Euro-Krise, Migranten-Krise, Klima-Krise und Sonstwas-Krise. Darüber wird leicht vergessen, dass auch andere unheilvolle Kräfte walten. Es gibt ja noch die Globalisierung, die wahrhaftig nicht nur Gutes tut (Bild: geralt, pixabay).

Rückblick

Als die Welt noch in Ordnung war, wurde in Deutschland gefertigt, und viele wussten noch nicht mal, was ein Standort ist. Es wurde in die Hände gespuckt und drauflosproduziert, und die Firmen waren anständig und bodenständig. Pauschal gesagt, Umzugsgedanken gab es kaum. Dafür gab es Arbeit in Hülle und Fülle. Die Firmen gaben Geld und kein Fersengeld. Unausgesprochenermaßen war es für alle selbstverständlich, dass die Produktion am Ort blieb und für Arbeitsplätze sorgte. Angesichts des stabilen Aufschwungs diskutierten die Gewerkschaften über Lohnerhöhung oder Aktien-Beteiligung. Die Lohnerhöhung gewann, weil Cash auf die Hand bevorzugt wurde. Das brachte uns noch mehr Konsum und Wachstum, und alle waren zufrieden.

Nur Science-Fiction-Autoren und Teilnehmer von manchen wirtschaftswissenschaftlichen Seminaren reflektierten darüber, was die technische Entwicklung alles ändern könnte. Einige sahen schon ganz gut voraus, was wir heute erleben. Sie sprachen von einer Robotersteuer. Dieses Thema Robotersteuer wurde nicht vor zehn Jahren diskutiert und nicht vor zwanzig, sondern vor fünfzig Jahren – und das war’s dann auch.

Seither wurden keinerlei politische Konsequenzen aus dem Fortschritt der Robotertechnik gezogen. Kaum jemand hat auf die Vorausschauenden gehört. Warum auch? Es gab Naheliegenderes, von der Fresswelle über die Reisewelle bis la ola. Für die Masse von uns war der ausufernde technische Fortschritt deshalb kein Thema. Die Erdverbundenheit der Unternehmen erschien unverrückbar. Dass bei den Unternehmen das Reisefieber genauso ausbrechen könnte wie unter den Normalverbrauchern, hat niemand im Kalkül gehabt. Wer in die Tarifver­träge etwas von »Arbeitsplätze in Deutschland lassen« geschrieben hätte, wäre ausgelacht worden, denn das war einfach eine Selbstverständlichkeit.

Bis sich dann Kommerz und Technik Bahn brachen und alles disponibel machten.

Auf dem Papier steht nichts von den Selbstverständlichkeiten drauf, son­dern in den Arbeitsverträgen steht im wesentlichen drin Maloche gegen Knete. Nun lösen sich die Selbstverständ­lichkeiten durch die technische Entwicklung auf, und die Balance ver­schiebt sich. Trotzdem gilt nur das, was auf dem Papier draufsteht, und die vermeint­lichen Besitzstände von früher sind perdu. Unsere Ansprüche sind null und nichtig. Viele gute Jobs sind weg, und viel von unserer Würde auch.

Globalisierung

Weltweiten Handel gibt es schon lange, und er hat auch in der Vergangenheit zu Verwerfungen geführt. In der heutigen Form erleben wir das technisch/kommerzielle Spitzenprodukt Globalisierung als gewaltige Umwälzung. Die regionalen Märkte werden durch die globalen ausgelöscht; mit der entsprechenden Konzentration der Begehrlichkeiten. Globale Märkte bedeuten riesige Profitchancen, und das lockt die Skrupellosesten auf den Plan. Die gehen voran mit Billigmachen, Ausbeuten und Abzocken. Alle müssen folgen, sonst können sie nicht mehr konkurrieren und werden aus dem Markt gedrängt. Keiner kann ausweichen, wohin denn, wo es doch nur noch den einen globalen Markt gibt.

Der technische Fortschritt erlaubt immer neue Gemeinheiten, die früher noch nicht möglich waren, und die globale Marktlogik verlangt ihren Einsatz. Das Argument dazu heißt »konkurrenzfähig bleiben; wenn wir es nicht tun, dann die anderen.« Als Betroffene müssen wir eine neue Logik der globalisierten Märkte lernen.

  • Wettbewerbsfähige Löhne heißt: Weil die anderen ausgebeutet werden, müssen wir auch ausgebeutet werden, und wir müssen uns solange billiger machen, bis die Maschinen endgültig noch billiger sind als wir.
  • Konkurrenzfähige Firmen heißt: Sobald eine Firma mit neuen Skrupellosig­keiten vorprescht, müssen alle anderen nachziehen und verschlanken und frei­setzen und umstrukturieren und outsourcen und offshoren. Nebenbei verschieben sie noch unser Know-how in die ganze Welt und nehmen uns damit unseren Standortvorteil.
  • Innovation ist technischer Fortschritt, und der technische Fortschritt steigert die Produktivität jedes Jahr um 0,5-2%. Indem die Computer und Roboter immer mehr Arbeit übernehmen, bleibt für die Menschen weniger Arbeit übrig. Inzwischen werden gut fünfzig Prozent der Wertschöpfung maschinell erbracht, und der Anteil der Menschen sinkt unter die Hälfte. Der technische Fortschritt ver­nichtet langfristig unsere Arbeitsplätze, so dass unsere Arbeit uns letztlich die eigene Existenzgrundlage raubt.

Weil wir brav daran arbeiten, uns langfristig selber überflüssig zu machen, werden wir mittelfristig mit Arbeitsplätzen belohnt.

  • Wenn wir uns weigern, bei dieser Abart von Kannibalismus mitzutun, verkrümeln sich die Arbeitsplätze kurzfristig nach sonstwohin.
  • Wenn wir’s doch tun, können sie sich dessenungeachtet auch verkrümeln. Ob unsere Innovationen und unser Know-how uns überhaupt zugutekommen oder nicht, steht ganz im Belieben der Besitzenden.

Die Rezepte für das Geschaffene stecken jetzt im Computer drin und können leicht um die Welt herum verlagert werden, wo sie dann gegen die Schöpfer eingesetzt werden. In den Arbeitsverträgen steht nichts Gegenteiliges drin, weil eben früher niemand auf die Idee gekommen ist, dass sowas möglich wäre. Und jetzt hat sich die Machtverschiebung verfestigt.

Diese alarmierenden Wirkmuster basieren auf dem technischen Fortschritt und dem menschlichen Rückschritt. Der Fortschritt der Technik macht Dinge möglich, die früher noch nicht gemacht werden konnten, und der Verfall der Schamschran­ken lässt es zu, dass sie tatsächlich gemacht werden.

Wir werden armgemacht und entrechtet. Das ist es, worauf es hinausläuft. Globalisierung bedeutet, Ausbeuter aller Länder, vereinigt euch!

Innovationen

Seit ein paar Dezennien leben wir in einer Zeit der Technisierung, wo der Kommerz regiert. Zu den Auswüchsen gehört nicht nur der Arbeitsplatz­export, sondern auch die grassierende Steuerflucht. Was nutzen uns da Innovationen, die nur den Firmen gehören? Wenn deutsche Firmen mit Innovationen Erfolg haben, bedeutet das im Zwei­felsfall nur, dass deren (internationale) Besitzer lukrative Gewinne machen. Der deutsche Staat hat aber nichts davon, wenn die Steuern auf Bermuda anfallen. Die deut­schen Werktätigen haben nichts davon, wenn in Rumänien produziert wird. (Dazu wird unten das Beispiel Apple vorgeführt.)

Die Innovationen kommen uns zugute oder auch nicht, ganz wie es den Unter­nehmen gefällt. Wenn die Erfindung mal gemacht ist und die Verfahrenstechnik dafür entwickelt ist, dann braucht der Computer nur noch einen Knopfdruck für den Technologietransfer in die weite Welt. Unsere Innovationen werden dann woanders eingesetzt und wenden sich in­folgedessen gegen uns. Es ist wirklich wie beim Kannibalismus, wo die Leute sich gegen­seitig aufessen.

Die alte Denkweise stimmt nicht mehr. Es hieß, aus Gewinnen werden Inves­titionen, und aus Investitionen werden Arbeitsplätze. Jetzt wird massiv wo­anders investiert, und so nebenbei wird unser Know-how in die ganze Welt getragen.

  • Der Arbeitsplatztransfer beendet unseren Wohlstand.
  • Der Technologietransfer beendet unsere Vorrangstellung.
  • Was wir an Exzellenz entwickelt haben, wird uns genommen, und wir müssen uns neu dafür abstrampeln.

Zum Dank dafür wird jetzt woanders produziert, sofern’s nicht gleich die Ro­boter erledigen. Die Arbeitsplätze werden durch die Welt durchgereicht und dabei immer billiger gemacht, bis alle Welt auf das billigste Niveau reduziert ist. Zuerst werden die Arbeitsplätze aus den Hochlohnländern in die Billiglohnländer transfe­riert, dann werden sie aus den Billiglohnländern in die Superbilliglohnländer weiterverschoben, und zuletzt übernehmen die Roboter die Sache ganz. Das ist eine von den Umwälzungen, die unser Leben durcheinanderbringen.

Wir haben kaum Einfluss darauf, weil das Ganze wie gesagt im Belieben der Besitzenden steht. Die entscheiden, ob sie uns an den Früchten unserer Arbeit teilhaben lassen oder nicht. Wenn sie wollen, können die Besitzenden unser Werk genausoleicht gegen uns einsetzen. Viele von unseren Brötchengebern geben uns nur noch Krümel, und dann verkrümeln sie sich ganz. Weil dies mit den Innovationen der Vergangenheit ohne jede Scham ge­schieht (siehe Apple), spricht nichts für einen anderen Verlauf bei den Innovationen der Zukunft. Was wir den anderen Ländern voraushatten, ist weitgehend weg. Das Know-how der Zukunft dürfte uns genauso skrupellos genommen werden, weil es logischerweise mehr Rendite abwirft, sobald es uns nicht mehr zugutekommt. Andere Schätze als unser Know-how haben wir aber kaum. Wir haben weniger Rohstoffe, als wir brauchen, und wir haben keine ausreichenden Energiequellen für die Menschenmillionen in unserem Land. Weil viel Exzellenz aus unserem Land auswandert und noch mehr Prekariat einwandert, verschärft sich das Problem zusätzlich.

Was uns bleibt, ist unsere Arbeits­kraft, mit der wir gegen die Billiglöhner der ganzen Welt anstrampeln sollen. Vielleicht gelingt es uns sogar, unsere Standortnachteile bei Rohstoffen und Energie durch besondere Schaffenskraft und Kreativität auszugleichen. Dann kopiert und plagiiert man uns, und man lagert die Patente aus, bis wirklich nichts mehr von unserem Vorsprung übrig bleibt. Das Fazit ist, wir müssen verarmen – nein, wir verarmen bereits.

Vertrauensbruch

Am perfidesten ist die Tatsache, dass es alles erst durch die Arbeit der Werk­tätigen möglich wurde. Der Fortschritt ist ja von Menschen gemacht, und nun geht er nahtlos in den Kannibalismus über. Wenn man diese Entwicklung vorausgesehen hätte, wäre es anders ge­kommen.

Die historische Arbeiterbewegung hat sich ein Gleichgewicht mit den Unternehmern erkämpft. Da hatte garantiert niemand vor, mit den Auswirkungen seiner Arbeit die Existenzgrundlagen seiner Nachkommen zu verzehren. Auf sol­che kannibalischen Errungenschaften hätten sich die damaligen Arbeitervertreter sehenden Auges nicht eingelassen. Dass es nun so kommt, ist ein historisches Ver­sagen der Gewerkschaften.

Weltweiter Handel, Fall der Zollschranken, europäische Verbrüderung usw. zeigen ihre Schattenseiten mit outsourcing, offshoring, border hopping, Lohndumping und Steueroasen. Das Geschaffene ist jetzt mobil. Es ist anderweitig verfügbar geworden, und die Vorteile liegen exklusiv bei der Unternehmerschaft. Immer mehr Know-how steckt in den Computern drin und wird somit nach sonstwohin transferierbar, wo es gegen uns eingesetzt werden kann. Das Wissen und Können, das nicht im Computer drinsteckt, geht mit den entschwindenden Arbeitsplätzen auch verloren. Die Fähigkeit, Dinge herzustellen und zu bearbeiten, wird woanders geschult und nicht mehr bei uns. Eine stillschweigende Übereinkunft ist gekündigt, und viele haben es noch nicht mal gemerkt.

Was da passiert ist, ist der größte Vertrauensbruch der Arbeitsgeschichte.

Das ist es, was dahintersteckt. Wir haben nur gefühlsmäßige An­sprüche. Wir sind die Enterbten. Wir Normalbürger haben es versäumt, maßgebliche Anteile an den Firmen zu erwerben oder zumindest eine Rechtsposition für unsere Ansprüche zu erwirken, und nun lösen sich unsere Ansprüche in Luft auf. Im Grunde hat die Globalisierung schon gegen uns gewonnen. Mit herkömm­lichen Mitteln kommen wir aus der Falle nicht mehr raus:

  • National können wir den Marktkräften nicht beikommen, denn wenn wir dem Kapital nachgeben, wird die Arbeit billiger. Wenn nicht, dann wandert die Arbeit ins Ausland, oder uneingeladene Billiglöhner wandern ein. So oder so sind wir die Verlierer.
  • Global gibt’s auch keine absehbare Regelung, die unseren Stand erhält. Die Rückkehr zu allgemeinen Schutzzöllen wäre nur noch schädlich für uns, denn das Know-how, das unser Standortvorteil war, ist ja schon nach sonstwohin ex­portiert. Die Bodenschätze, die den Standortvorteil unserer Handelspartner bilden, sind aber zumeist noch dort. Wir haben weniger zu bieten als früher, wir sind nur noch ein übervölkertes Land mit zuwenig Energie und Rohstoffen, und unsere Position ist daher grundlegend geschwächt. Wir brauchen gewiss nicht auf eine globale Übereinkunft zu hoffen, die unsere Privilegien zur Ausbeutung der billigen Dritte-Welt-Rohstoffe konserviert. Im Gegenteil, die internationalen Bestrebungen gehen dahin, uns abzukassieren, solange noch was zu holen ist.

Wir sitzen also mitten in der Bredouille, wenn wir keine auskömmliche Regelung mit den Besitzenden treffen können. Eine einvernehmliche Regelung – ob das wohl möglich ist? Die Entwicklung scheint genau in die andere Richtung zu gehen.

Spielregeln

Eine gedeihliche Zusammenarbeit gibt’s nur, wenn beide Seiten Vorteile daraus ziehen. Dafür werden die Gesetze gemacht, um jedem das Seine zu gewähren, und genau das ist nicht mehr der Fall. Wer das bestreiten will, kann behaupten, die Globalisierung schafft Märkte und hält unsere Wirtschaft am Laufen, also profitieren wir alle davon. Tja, wir müssen nur aufpassen, dass wir uns nicht bankrottprofitieren. Schließlich sind wir auf dem besten Weg in den allgemeinen Staatsbankrott. So richtig gut kann uns der globalisierte Fortschritt nicht tun – nicht mit den staatlichen Schulden­bergen, die sich auch ohne crashträchtige Mitwirkung der Finanzwirtschaft auftürmen. Das Geld für die nächsten 3-4 Jahre ist schon ausgegeben, und bei anderen Ländern noch mehr.

Wenn wir die einzigen mit so vielen Schulden wären, könnte man dem Argu­ment der Wirtschaft vielleicht folgen. Dann wäre es die Überalterung oder eine sonstige spezielle deutsche Unfähigkeit, die uns arm macht. Wenn aber die Staats­haushalte überall in der Welt so tief in die Miesen geraten, zieht das Argument nicht mehr. Dann sind die Geldpumpen eben falsch gepolt. Die Mär vom allseitigen Profit stimmt einfach nicht, so dass wir lieber andere Regelun­gen hätten.

Wir müssen uns doch fragen, wer macht denn die Spielregeln? Gebote fallen nicht vom Himmel, auch wenn Moses dermaleinst was anderes behauptet hat. Gesetze werden von Menschen gemacht. In einer Demokratie sollten die Gesetze doch bitte den Bedürfnissen der Menschen entsprechen. Wenn sie jedoch unaus­gewogen sind und die eine Seite gegenüber der anderen bevorzugen, dann gehören die Gesetze geändert.

Leider schaffen unsere Politiker noch nicht mal die einfachen Aufgaben:

  • Ordentlich Steuern kassieren zumindest bei denjenigen Unternehmen, die nicht weg können, zum Beispiel bei den Versorgungsunternehmen.
  • Die öffentliche Geldverschwendung beenden, an der die Rechnungshöfe zahnlos herumkauen.
  • Schulden abbauen statt Subventionen in alle Richtungen zu streuen und Infrastruktur erhalten statt Staatsbesitz zu auszuverkaufen.
  • Vernünftige Erbschaftssteuern einziehen statt Subventionen an reiche Erben zu verteilen.
  • Die Schattenwirtschaft beenden, weil sich doch die Investitionen gegen Schwarzarbeit, Steuerflucht und Kriminalität enorm auszahlen.
  • Die Investitionen in aufgeblasene Finanzprodukte erschweren, und dafür dauerhafte Investitionen in reale Innovationen erleichtern.
  • Die Interessen des Volks vertreten, anstelle der Interessen der Volksvertreter.

Gar nicht zu reden von den schwierigeren Aufgaben, wie der Zähmung der Finanzwirtschaft, der Wiedereinführung der Börsenumsatzsteuer, der Bändigung der Lobby und dem Trockenlegen der Steueroasen.  Da liegt fast alles im argen, und das nutzt der Kommerz radikal aus.

Beispiel

Ein schönes Beispiel liefert eine Computerfirma. Apple ist die Computermarke mit dem Kultstatus, nur dass der Nimbus inzwischen angekratzt ist. Das liegt an der Aufklärung über Apples Geschäftsmethoden. Die Firma steht für eine neue Unternehmenskultur, wie es sie vor unserer Globalisierung noch nicht gab.

Die ganz modernen Firmen verändern sich auf eine nie gekannte Weise. Die Fertigung wird ins Ausland verlegt, und die Entwicklung nach Möglichkeit auch. Was bleibt, ist eine Agentur für Entwicklung, Marketing und Design, wo die Ideologieproduktion stattfindet, die das Label teuer und profitabel macht.

Profitabel ist das Auslagern der eigentlichen Arbeit zum Beispiel nach China, wo zu Dumpinglöhnen produziert wird. Die Entwicklung wird in Indien kostensenkend betrieben, und der Service sitzt in billigen call centern irgendwo in der Welt. Mit diesem Lohndumping wird den heimischen Werktätigen der Ertrag an der Technik vorenthalten, die sie über Jahrzehnte hinweg mitentwickelt haben. Das Know-How steckt ja jetzt im Computer drin und kann überall in der Welt gegen sie eingesetzt werden. Dabei spielt außer Lohndumping auch Menschenrechtsmissachtung und Umweltzerstörung eine Hauptrolle. Ordentlich bezahlte Arbeiter mögen die fortschrittlichen Agenturen nicht haben, oder nur so wenig wie irgend möglich.

Zugleich bezahlen sie Scharen von teuren Lobbyisten, Anwälten und Steuerexperten, um die Firmen (und ihre CEOs) mit größter Expertise der Besteuerung zu entziehen. Apple ging mit Rekordwerten von weniger als 1% Steuer durch die Presse, mit abenteuerlichen Steuerflucht-Modellen durch irische Trickfirmen und um die halbe Welt herum.

Obendrein wird Patentmissbrauch betrieben, um die Konkurrenz niederzuhalten. Es ist normal, dass Innovationen sich in Patenten niederschlagen, nur dass es jetzt mehr juristische Innovationen sind als technische. Die modernen Agenturen beschäftigen Stäbe von Patentanwälten, die jeden Unfug patentieren, den die Patentämter durchgehen lassen (die wirklichen Innovationen werden lieber nicht patentiert, weil sie dann veröffentlicht werden und die Konkurrenz auf die Spur bringen). So raffen diese Firmen tausende von Patenten zusammen, mit dem einzigen Zweck, alle anderen zu blockieren.

Kleine und mittelständische Firmen können sich keine teuren Patentanwälte leisten. So reißen die Großen alles an sich, auch wenn gar kein Gehalt hinter ihren Patenten steckt oder bloß geklaute Ideen. Bei der Konkurrenzverdrängung leisten sich die Großen Titanenkämpfe mit ungeheuerlichem Aufwand an Material und Personal. Vor Zeiten errang Apple dabei einen Sieg über Samsung, der wohl eher den Juristenkniffen geschuldet ist als einer tatsächlichen Patentverletzung.

Das wirkt sehr ungerecht, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Apple die Firma ist, die ihre basics selber abgekupfert hat (das Windows-System von Rank Xerox), und die auch sonst freizügig fremde Ideen kopiert. Gewiss werden auch viele Apple-Ideen andernorts verwendet, aber so ist das eben. Man kann der Konkurrenz doch nicht dreieckige Tablets vorschreiben, weil Apple das Recht auf die viereckigen hat.

Zu all dem kommt noch das unsoziale Prinzip, mit dem Apple seine Interessen gegenüber den anderen abgrenzt, die datenmäßige Abschottung. Die Software wird jenseits der apps als closed shop betrieben, Schnittstellen mit anderen sind nicht gewollt. Man kommt kaum an seine eigenen Dateien dran, wenn man sich keine Jailbreaker-Software verschafft. Wer sich darauf einlässt – also praktisch die gesamte Kundschaft -, wird zur Markentreue gepresst.

Das sind die Bestimmungsgrößen, die Apple zu einem besonders erfolgreichen profit center machen, in dem sich mehr unverdiente als verdiente Gewinne ansammeln. Anstatt noch länger auf den Apple-Kult einzusteigen, machen sich immer mehr Leute klar: Dahinter steckt asoziales Verhalten von vorn bis hinten. Apple ist eine Agentur für Lohndumping, Steuerflucht, Patentmissbrauch, Konkurrenzverdrängung und Abschottung. Das ist das wahre Wesen von Apple – aber nicht nur von Apple, sondern von vielen anderen modernen Firmen auch. Die sind asozial, weil sie uns ihren Obolus zum Gemeinwohl vorenthalten.

Was bei der Art von Geschäftemacherei förmlich in der Luft liegt, ist eine datenmäßige Machtergreifung. Das sogenannte cloud computing ist nur ein Teil davon, der aber für viele Aspekte steht – meine Daten sind irgendwo im Internet, und ich komme von überall dran. Bald lebt jeder in Abhängigkeit vom jederzeitigen und allgegenwärtigen Datenaustausch. Man kann sich leicht vorstellen, wie das dahinterstehende Machtpotential die Entskrupelten umtreibt und die Abzocker elektrisiert. Die Freiräume sind groß, der Missbrauchsmöglichkeiten gibt es viele, und die Erpressungspotentiale locken.

Wachstum

Das Ganze ist ein Wachstumsmarkt. Das ewige Wachstum ist das Credo unserer Wirtschaft. Sein Ausbleiben wird bejammert, auch wenn jeder weiß, dass es nicht immer so weitergehen kann. Letztlich hat der kategorische Wachstums-Imperativ eine profane Verhüllungsfunktion:

  • Er soll die Probleme der Wirtschaft bemänteln, sich an die tatsächlichen Bedürfnisse anzupassen.
  • In der Realität verhält es sich nämlich genau andersrum, und die Menschen müssen sich an die Bedürfnisse der Wirtschaft anpassen.

Durch die Zunahme der Produktivität gilt – unabhängig von der Lohndrückerei – der Satz Wachstum her, oder Arbeitslosigkeit. Die Idee war eigentlich eine ganz andere, nämlich dass die Roboter für die Menschen arbeiten und nicht gegen sie. Oder dass die Besitzenden wenigstens halbe-halbe mit ihren Arbeitskräften machen. Die Einkommensverteilung sagt aber was anderes. Da sieht man stagnierende (inflations- und Schuldenlast-bereinigte) Arbeitseinkommen seit der 1980er-Jahren, während das oberste 1% die gesamten Wohlstandgewinne einkassiert. Die Finanzwirtschaft hat auch ihren Anteil daran, aber die darf momentan ausgeblendet bleiben, zumal die erste Hälfte von 2019 untypischerweise keine Reichtumszunahme produzierte.

Der globalisierte Kommerz ist auch ohne unablässigen Reibach schlimm genug, und er entfesselt sich immer weiter. Ethische Restriktionen kennt der Kapitalismus nun mal nicht – wozu auch? Der real existierende Kommunismus kannte ja auch keine. So werden die Arbeitsplätze von allen Seiten bedroht. Wenn Investitionen in die Realwirtschaft nicht genug Gewinn abwerfen, kann das Kapital dort abgezogen werden, um in der Finanzwelt auf Abenteuer zu gehen. Ansonsten werden die Arbeitenden weltweit gegeneinander ausgespielt, und immer mehr Arbeit kann von Robotern und Automaten übernommen werden.

Solange die Roboter nur für die Besitzenden arbeiten, sind die Profite enorm, und das steht einer Reform enorm entgegen. Es wäre sehr sinnvoll, sich diesem Dilemma zuzuwenden, statt noch länger das Mäntelchen des Wachstums drüberzubreiten. Das Wachstum findet bald nur noch bei den Robotern statt.

  • In einer ersprießlichen Zukunft müssen die Roboter unvermeidlich für alle Menschen arbeiten, und nicht nur für einige wenige.
  • In einer gedeihlichen Zukunft muss sich die Wirtschaft an den Bedarf der Menschen anpassen, und nicht umgekehrt.

Der Zweck der Wirtschaft ist es nicht, uns in Existenznöte aus Arbeitslosigkeit, Sozialkürzung, Rentendefizit und Roboterdämmerung zu stürzen und von Crash zu Crash auf unseren Ruin hinzuarbeiten. Es ist auch nicht der Sinn der Sache, die Lebensqualität unter dem Diktat der Ökonomie wegzuoptimieren, und die verbliebene Arbeit zu reinen Stressjobs zu machen.

Der Sinn der Wirtschaft ist es, uns vom Überlebenskampf zu befreien und uns damit die materielle Freiheit zu bringen. Darum geht es, und nicht darum, ein paar entsozialisierte Profiteure stinkreich zu machen. Wir wollen nicht, dass unser Wohlstand über Gebühr geschmälert und in den Reichtum der Privilegierten umgewandelt wird. Bloß wer vertritt unsere Interessen?

Die Politik wurde widerstandslos von der Globalisierung überrollt. Eigentlich hätte die Entwicklung eine globalisierte Politik erforderlich gemacht, aber was wir an hochbezahlten internationalen Organisationen haben, versagt in der Hinsicht schmählich. Das Ethosdefizit um die Globalisierung herum wird nicht durch internationale Regeln abgedeckt. Die globalen Finanzmarktregeln bestehen hauptsächlich darin, immer neue Schlupflöcher für die Finanzkünstler aufzutun, wenn tatsächlich mal ein paar alte gestopft werden. Die politischen Bemühungen um Re-Regulierung und Eindämmung der Steuerflucht sind de facto unwirksam. Und gegen die globalen Ausbeutungsmechanismen wird garnix getan.

Die technisch-wissenschaftlichen Umwälzungen dürfen sich aber nicht länger einen regelfreien Raum schaffen. Ihre Auswirkungen führen zu enormen Verwerfungen, zu Missbrauch, zu Umschichtungen, zu Systemkrisen.

Jede Krise bietet wiederum die Chance dafür, dass sich doch mal was bewegt – und diese Chance wird immer wieder vertan. Es hapert also schon an den Voraussetzungen. Unter den Agendasetzern gibt es anscheinend keinen Willen zu ernsthaften Reformen. Die tun nur so als ob. Und die Wähler lassen sich von anderen Themen ablenken und wählen immer wieder dieselbe Politik.

 

Wilfried Müller

(Der Artikel wurde am 29.11.16 publiziert und am 20.7.19 überarbeitet.)

Link zum zugehörigen Artikel Reload 1970

Link zum zugehörigen Artikel Das Ethosdefizit

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7 Responses to Globalisierter Vertrauensbruch

  1. Johann Wolfgang Goethe sagt:

    Ja, früher war die Welt noch in Ordnung! Dem Artikel von Wilfried stimme ich voll und ganz zu! Auch ich kenne den Unterschied zwischen ″Früher″ und ″Heute″. Früher war die Demokratie und die Bürokratie anders, als sie es heute ist: Jeder hatte seine Arbeit, eine Wohnung und ein angemessenes Gehalt. Die Arbeit machte Spaß und man war motiviert – durch gute Leistungen bekam man vom Chef automatisch eine Gehaltserhöhung, ohne das man sie einfordern musste. Hat man eine neue Anstellung gesucht, schlug man die Zeitung auf und rief verschiedene Firmen an; am Telefon sagte man, welche Fähigkeiten man besitzt, und wurde noch am Telefon eingestellt, da hat sich kein Chef für einen Lebenslauf und schriftliche Bewerbung interessiert. Hat man Arbeit übers Arbeitsamt gesucht und die Arbeitsstelle war über 10 Kilometer entfernt, hieß es, dies sei unzumutbar – heute ist alles zumutbar, egal wie weit die Arbeitsstelle ist. Auch die Gesellschaft war früher eine andere, als sie es heute ist. Früher hat man Auseinandersetzungen mit Gesprächen gelöst, heute wird man gleich zusammengeschlagen oder totgetreten. Früher hatte man noch Respekt, heute nicht mehr.

    Durch die Globalisierung hat sich viel verändert: Wir haben heute eine andere Gesellschaft als früher. Unternehmer sind nicht mehr das, was sie früher einmal waren, in Bezug auf Mitarbeiter, Löhne und Arbeitsverträge. Demokratie und Bürokratie, mangelhaft. Politik, mangelhaft. Globalisierung gut für Politik und Wirtschaft, aber nicht so gut für die Menschen – wie immer. Wir sind und bleiben die modernen Sklaven der Politik und Wirtschaft. Die Welt ist nicht mehr in Ordnung, wie sie früher einmal war, der Staat versagt immer mehr – und die Wähler tragen dazu bei, weil sie immer den gleichen Schrott wählen. Der Frust und die Gewalt der Menschen in Europa werden weiter ansteigen – da bin ich mir sicher.

    Gruß Wolfgang

  2. Günter Dedie sagt:

    Mit Verlaub, mir gefällt der Artikel nicht: Er ist mir zu pauschal, fast schon populistisch.
    Eine wesentliche Ursache der teilweise zutreffend geschilderten Zustände der Arbeitswelt ist die einseitige Shareholder- und Gewinn-Orientierung des „extremen Neoliberalismus“, den wir schon ab der 1980er Jahren aus den USA importiert haben, lange vor der Globalisierung. Ich habe den „Wandel“ persönlich miterlebt. Durch die Globalisierung wurde dieser Missbrauch in der Wirtschaft und bei den Banken allerdings in weltweitem Maßstab erleichtert und gefördert. Ganz besonders haben die Investmentbanken davon profitiert, als hemmungslose Schmarotzer der Realwirtschaft und ihrer Wertschöpfung.

    Auf der anderen Seite hat aber weltweit die Armut abgenommen (relativ zum Zustand der Länder davor) sowie die Kindersterblichkeit, die Schulbildung hat zugenommen usw.; vgl. beispielweise das Buch von Hans Rosling: Factfulness, Ullstein 2018. Dort findet man u.a. 13 Test-Fragen zur weltweiten Entwicklung und den %-Satz der richtigen Antworten für einige Industriestaaten. Deutschland hat dabei erbärmlich schlecht abgeschnitten. Der Grund dürfte die anhaltende Negativ-Berichterstattung unsere Mainstream-Medien unter der Fuchtel der Sozialromantiker sein, aber wahrscheinlich auch die Bequemlichkeit und Glaubens-Orientierung der meisten Bürger.

    Eine Frage, die ich 2018 irgendwo gelesen, deren Quelle ich aber leider vergessen habe, lautet übrigens: Wer hatte bzw. hat einen besseren Lebensstandard , Karl der Große oder ein durchschnittlicher Hartz-4 Empfänger?
    Die Antwort lautete: der Hartz-4 Empfänger.

  3. Johann Wolfgang Goethe sagt:

    Ich weiß nicht lieber Günter, ob man zwischen Karl den Großen und einem Hartz-4-Empfänger in Sachen Lebensstandard einen Vergleich ziehen kann. Das ist Antike gegen 21. Jahrhundert.

    Mit der ständigen Negativ-Berichterstattung der Mainstream-Medien und der Glaubens-Orientierung der meisten Bürger – genau das wird von der Politik auch kritisiert, aber nur, weil man den Bürgern klarmachen will, dass dem nicht so ist und das es nur Angstmacherei ist, und das in Deutschland die Gewalt und Kriminalität zurückgegangen ist. Früher gab es eben nicht soviel negatives zu berichten, so wie heute.

    Dass die Armut weltweit abgenommen hat, mag ja vielleicht stimmen, aber in Deutschland steigt die Armut weiter, alles andere ist Schönrederei.

    Gruß Wolfgang

  4. Günter Dedie sagt:

    Lieber Wolfgang, den Deutschen geht es trotz jahrzehntelangem Export von Arbeitsplätzen immer noch so gut wie nie zu vor. Solange das so ist, vermindert der allmählich wachsende Lebensstandard der bisher armen Länder der Welt die Wohlstandsmigration und die weitere Bevölkerungsexplosion.

    Der Anteil der Armen nimmt zwar bei uns leider zu, es handelt sich aber aufgrund der staatlichen Definition dieses Anteils um eine relative Armut, im Vergleich zum mittleren Einkommen. Es hat mal wer ausgerechnet, dass aufgrund dieser schrägen Definition die Anzahl der Armen in der BRD schlagartig um 200 000 wachsen würde, wenn wir Bill Gates mit seinen 90 Milliarden einbürgern würden, weil er das mittlere Einkommen entsprechend anhebt.

    Bei Karl dem Großen geht es übrigens um den absoluten Lebensstandard: Kein Auto, kein Fernseher, kaum Bücher, keinen Kühlschrank, keine Waschmaschine, keine Tabletten gegen Gicht, schlechte Heizung, äußerst unbequeme Reisen, immer Ärger mit dem vielen Personal, usw. usw.

  5. Johann Wolfgang Goethe sagt:

    Mein lieber Günter! Dein Zitat: ″Den Deutschen geht es trotz jahrzehntelangem Export von Arbeitsplätzen immer noch so gut wie nie zu vor″. Diese Aussage kann ich so nicht stehen lassen und auch nicht nachvollziehen, lieber Günter. Die Arbeitsplätze standen damals gut da, aber nicht mehr heute: Heute sehen die Arbeitsplätze so aus: befristete Arbeitsverträge, Lohndumping, Arbeitsvermittlungen, 3 oder 6 Stunden-Jobs, zu alt, usw. usw. Das ist die Realität, habe ich selbst erfahren. Von wegen, immer noch so gut wie nie zu vor – ″das wie nie zu vor″ war früher so. Ich kenne all diese Sprüche, Günter, auch die von meinem Schwiegersohn, der eine gehobene Stellung hat und 4000 Euro verdient, er sagt wie die meisten: ″Wer arbeiten will findet auch Arbeit″. Das sind aber immer diejenigen, die einen gesicherten Arbeitsplatz haben und gut verdienen.

    Gruß Wolfgang

  6. Wilfried Müller sagt:

    Im Punkt „immer noch so gut wie nie zu vor“ stimme ich Wolfgang zu. Wir haben jetzt 22% Prekariat, die Tafeln sind gefragt wie noch nie zuvor, wir haben Armut bei Kindern, Alleinerziehenden und Rentnern, und die leben ganz bestimmt nicht besser als Charley Magnus.

    • Johann Wolfgang Goethe sagt:

      Da hast Du recht Wilfried! Wenn es uns immer noch so gut gehen würde wie nie zu vor, bräuchte man die Tafeln nicht.

      Gruß Wolfgang

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