Rezension „Evolution in Natur und Kultur“ von Gerhard Schurz

 

Eine Einführung in die verallgemeinerte Evolutionstheorie hat der Düsseldorfer Philosophieprofessor Gerhard Schurz abgeliefert. Das Buch heißt Evolution in Natur und Kultur und ist ein strikt gegliedertes Lehrbuch für Evolution. Dabei liest es sich trotz des enormen Gehalts auch für Laien verständlich – das Lesen lohnt sich vor allem, wenn man keine Angst vor ein bisschen Mathematik hat.

 

Der Teil I geht mit Darwin und der Evolutionsgeschichte los, über Mendel geht es dann bis in die Gegenwart. Schurz hat sich die Mühe gemacht, den Kreationisten und Theologen mit wissenschaftlichen Argumenten entgegenzutreten. Er vertritt den Standpunkt der Vernunft, nach dem alles ohne höhere Wirkmächte evolvieren konnte. Für die Übergänge Prokaryonten-Eukarionten-Mehrzeller-Pflanzen-Tiere-Saurier-Vögel-Säugetiere-Mensch bringt er wissenswerte und einleuchtende Erklärungen.

Im Teil II wird die biologische Evolutionstheorie von Reproduktion, Variation und Selektion auf die kulturelle Evolution und sogar auf Hirnprozesse erweitert. Eine Vorstufe, die Protoevolution gab es sogar bei der Entwicklung des Sonnensystems. Schurz liefert die wissenschaftstheoretischen Grundlagen dazu, bis zur Frage: Ist Survival of the Fittest eine Tautologie? Wo doch die Fitness letztlich nur am Fortpflanzungserfolg gemessen werden kann?

Was dabei nicht klar unterschieden wird, ist der Fortpflanzungserfolg brutto (die unmaßgebliche Zahl der geborenen Nachkommen) und netto (die allein relevante Zahl der Nachkommen, die selber Nachkommen haben), mitsamt dem Zufall, der den Unterschied ausmacht. Diese kleine Unvollkommenheit bei der Definition der Fitness erstreckt sich auch auf die ethische Diskussion, wo über Behinderungen und Zivilisationsschäden raisonniert wird. Die Fitness der Menschen misst sich als biologisches und kulturelles Ensemble: Menschen mit Brille, Hörgerät, Prothese, Pharmakaabhängigkeit können nach diesen Maßstäben fit sein!

Im selben Kapitel werden die Prinzipien des Humanismus‘ aus evolutionärer Sicht abgehandelt, ehe der Teil III anfängt. Der ist komplett der Evolution der Kultur gewidmet, wobei sich das nun nicht mehr auf Gene, sondern auf Meme bezieht. Das Konzept der Meme als „kleinste kulturelle Informationseinheit“ wird diskutiert. Auch dort gibt es Reproduktion (als Replikation im Sinne von Informationsübertragung), (gerichtete) Variation und Selektion.

Der Autor zeigt, dass kulturelle Evolution etwas signifikant anderes ist als biologische Evolution, was er durch ein statistisches Modell belegt. Nach der Diskussion der Unterschiede von kultureller und biologischer Evolution wird die Menschheitsgeschichte nochmal auf dies Thema hin untersucht, wobei interessante Restriktionen für die Tier- und Pflanzenzucht herausgearbeitet werden. So waren alle 51 Säugetiertierarten aus dem mittleren und südlichen Afrika ungeeignet zur Zucht, während das bei rund 15% der 72 eurasischen und nordafrikanischen Arten gelang.

Ebenso interessant ist der Abschnitt über technologische Evolution, bis es dann zur individuellen Evolution geht, wo es auch heiße Themen gibt. Z.B. die hohe IQ-Korrelation von 0,76 zwischen Eltern und Kindern, mitsamt der Konsequenzen, die sich durch die Ausbreitung von „voraufgeklärten Religionsformen“ via höhere Geburtenrate für den mittleren gesellschaftlichen IQ ergeben.

Teil IV ist dann den theoretischen mathematischen Grundlagen gewidmet – Anspruch etwa gymnasiale Oberstufe. Da erhät man Einblick in die systemtheoretischen Differenzialgleichungen, die als Differenzengleichungen gelöst werden können und interessante Wachstumskurven ergeben. Man bekommt vorgeführt, welches mathematische Know-How in die Modellierung der Evolutionstheorie investiert wurde, bis hin zur Spieltheorie.

Im Teil V werden dann Kooperation, Egoismus und Altruismus abgehandelt. Die Theorien liefern teils paradoxe Erkenntnisse. Der abschließende Teil über Vernunft und Kognition des Menschen geht bis zu Placeboeffekten und intentionalen Erklärungsmechanismen, denen der Glaube viel von seiner Akzeptanz verdankt. Mehr noch, wäre der Glaube nur ein Mem, dann wäre er längst verschwunden. Der „verallgemeinerte Placeboeffekt des Glaubens“ mache ihn aber zum Selektionsvorteil. Die evolutionär erfolgreichsten Erkenntnisformen seien also nicht notwendig solche, die die Realität am getreuesten wiedergeben – so Schurz‘  Widerspruch zur evolutionären Erkenntnistheorie mit dem von ihr behaupteten systematischen Zusammenhang zwischen Wahrheit und evolutionärem Erfolg.

Schurz plädiert zum Schluss für die säkularen Religionen als sinnvolle Kompromissformen zwischen religiösen und aufgeklärten Glaubenssystemen. Er hält es für eine „höchst erstrebenswerte Kompromissleistung“, auf diese Art die Placeboeffekte zu genießen, ohne das Risiko von Fundamentalismus und politischem Machtmissbrauch einzugehen. In den Ländern des Westens sei die säkularisierte Form der Religion hochzuhalten und für andere Kulturformen attraktiv zu machen.

Denn es gebe keinen Automatismus der Aufklärung und Modernisierung (hier fällt die normative Kraft der Technik-Ausbreitung irgendwie unter den Tisch), so dass es in der Verantwortung aufgeklärter Menschen stehe, mit Bildung und Wissenschaft placebobasierte Glaubenssysteme in Grenzen zu halten und fundamentalistische Gefahren abzuwehren. Aus evolutionärer Perspektive habe der Übertritt aus der religiösen in die Aufklärungsepoche gerade erst begonnen. Es sei ungewiss, ob sich der Übergang langfristig halten wird. Das mache Aufklärung zur immerwährenden Aufgabe.

 

Rezensent Wilfried Müller

(Dieser Artikel wurde am 7.11.16 publiziert und am 26.7.19 überarbeitet.)

Gerhard Schurz – Evolution in Natur und Kultur, Verlag: Spektrum (2011, seit 2013 als Paperback)

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