Unreines Reinheitsgebot

Bei wiki wird das deutsche Reinheitsgebot ganz gut geerdet. Seit dem 20. Jhd. werde damit die Vorstellung bezeichnet, dass im Bier nur Hopfen, Malz, Hefe und Wasser sein sollen (und Luft, siehe das Luftbild von der WerbeFabrik, pixabay). Im 16. Jhd. setzte sich laut wiki die Bezeichnung „Reinheitsgebot“ allmählich durch, und zwar als Promotor in einer immer werbeintensiveren Branche. Es wird mit ein paar Legenden aufgeräumt:

Es geht z.B. um die weitverbreitete Behauptung, das „bayerische Reinheitsgebot“ sei das älteste Lebensmittelgesetz der Welt.

Das wird als reine Marketingaussage der Brauereiwirtschaft dargestellt, die keine geschichtliche Fundierung habe. Als Gegenbeispiel wird der Codex Hammurapi aus dem 18. Jahrhundert v. Chr. genannt, der umfangreiche Bestimmungen zum Lebensmittelrecht enthält, wobei das Bier eine bedeutende Rolle einnimmt.

Unter Marketing fällt auch die weithin verbreitete Auffassung von der Kontinuität des Reinheitsgebots. Die originäre Brauvorschrift aus der bayerischen Landesordnung von 1516 bestand aber nur kurz. 1548 wurde bereits das Privileg erteilt, nördlich der Donau Weizenbier zu brauen. Dabei war der Weizen nach der Brauordnung nicht zum Bierbrauen zulässig, denn er wurde eigentlich zum Brotbacken gebraucht. 1551 erlaubte dann ein herzoglicher Erlass Koriander und Lorbeer als weitere Zutaten bayerischer Biere. Die Verwendung von Bilsenkraut und Seidelbast wurde dagegen ausdrücklich verboten. Weiter wurde die Bierproduktion veredelt, als die bayerische Landesverordnung von 1616 auch noch Salz, Wacholder und Kümmel zuließ.

Wie das im Mittelalter und danach mit den Brauordnungen gehalten wurde, wird in wiki recht nett geschildert. Noch netter brachte es 2016 die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: Bier her! (nicht online, ein ähnlicher Artikel von 2016 heißt Schoko und Malz – Gott erhalt’s!) Der Bier-her-Artikel bezieht sich auf das Paper The Brewer, the Baker and the Monopoly Maker (Diana W. Thomas und Peter T. Leeson auch 2016). Eigentlich geht es um das Verhältnis von Innovation und Protektion.

Am Beispiel der bayerischen Brauindustrie vom 14. bis 16. Jhd. wird in dem Paper gezeigt, wie das Profitstreben sich gegen produktive Innovationen richtet, die seine Erträge beschneiden, und wie unproduktiver Lobbyismus dagegen angeschoben wird. Am Ende der Studie wird die schon von wiki beschriebene Täuschung als Ergebnis der Lobby-Anstrengungen dargestellt.

Unabhängig von Bier oder nicht Bier wird festgestellt:

Wenn neue Regulierungen zu dem Zweck gemacht werden, alte Regulierungen zu ersetzen, um den Profiteuren unter veränderten Bediungungen gleichbleibende Gewinne zu sichern, wird bloß neue unternehmerische Unproduktivität erzeugt. Die neuen Regeln sind tendenziell allgemeiner und umfassen mehr Hersteller, die wiederum eher in eine Lobby für kreative Regelverbiegung investieren als in echte Innovationen.

Das ist die Schattenseite der Innovations-Wohltaten, wenn sie zu solchen Re-Regulierungen führen, die das Profitstreben in Richtung Lobbyismus und Regelverbiegung lenken – genug der Theorie. Der FAZ-Artikel extrahiert daraus die Unterscheidung von zwei Arten von Unternehmern. Die Guten schaffen neue Produkte, um damit ihr Geschäft aufzuziehen. Die Bösen bearbeiten lieber den Gesetzgeber, damit er ihnen Extrawürste brät und ihre Profite vor Konkurrenz schützt.

So war’s im 14. und 15. Jhd. mit den Brauergilden in den bayerischen Städten. Sie genossen ein Privileg namens Grutrecht, das ihnen der Herzog oder der Bischof gegen Lizenzgebühren verlieh. Sie durften das Bier mit einer speziellen, coca-cola-mäßig geheimgehaltenen Kräutermischung brauen – eben dem Grut. Zu der Zeit wurden dem Bier allerlei Kräuter beigesetzt, Rosmarin, Salbei, Lavendel, Gagelkraut, Laserkraut. Das Grutrecht sicherte den Brauern hohe Monopolrenditen, denn unlizenzierten Brauern blieb der Markt versperrt.

Weil Bier so beliebt war, brachte es den Fürsten hohe Gebühren; für viele war es die wichtigste Einnahmequelle. Durch den speziellen Geschmack des Grut-Biers war die Überwachung des Monopols leicht. Man schmeckte, woher das Bier kam, weil die Grut-Mischungen überall anders ausfielen. Ein angenehmes Geschäft für alle Insider – bis die Innovationen kamen.

Bierbrauer vom Lande ersetzten das Grut durch Hopfen. Das war vorteilhaft, weil Hopfen billiger war als die Kräuter, und weil er obendrein die Haltbarkeit verbesserte. Dadurch konnten die Brauer größere Chargen herstellen, und sie begannen auch, das Bier in Kupferkesseln zu brauen.

Nur die städtischen Braugilden litten. Das Hopfen-Bier war nicht mehr unterscheidbar, es schmeckte bei allen Herstellern gleich. Das Brauprivileg war kaum mehr zu überwachen. In München fehlte sogar der Anreiz zur Überwachung, denn die oblag dem Stadtrat, während der Herzog die Gebühren kassierte.

Das brachte die Gilden mächtig in Harnisch. Erst versuchten sie, das Vordringen der Hopfenbiere ganz zu verhindern. Doch die Qualität der Hopfenbiere war zu überlegen. Sie drangen trotz der Widerstände vor, und letztlich stiegen die Brauergilden auch in die hopfengestützte Produktion ein. Die Zahl der Brauereien nahm zu, und wenn alles optimal gelaufen wäre, hätte es einen Wettbewerb gegeben, der die alte Regulierung hinwegfegte und die Wirtschaft ankurbelte.

Aber so ging der Bierstreit nicht aus. Die Brauereigilde wollte das neue Bier brauen, ohne auf die alten Monopolvorteile zu verzichten. Und die Herzöge wollten ihre Lizenzgebühren behalten. Der alte Klüngel wollte die alten Verhältnisse wiederhaben. Und die Antwort auf diesen Wunsch war: das Bayerische Reinheitsgebot von 1516.

Festgelegt wurden Rezeptur und Preis, dazu eine Beschränkung der Kapazitäten. Keine neuen Brauereien wurden mehr erlaubt, und alle, die jünger als 10 Jahre waren, mussten zumachen. Diese Re-Regulierung galt nun für ganz Bayern – die Herzöge hatten sich mit der Brauer-Lobby verbandelt. Nebenbei hatten sie nicht nur die Städte re-reguliert, sondern die neue Regel auch für das Land eingeführt. Vulgo hatten sie die Basis für ihre Lizenzgebühren vergrößert, die Privilegien der Stadt-Brauer ausgeweitet und die Land-Brauer tributpflichtig gemacht.

Nachdem die Innovatoren die alte Regulierung obsolet gemacht hatten, wurden sie der neuen Regulierung unterworfen. Das kann als Ausdruck staatlicher Wegelagerei gedeutet werden – eine bestürzende Entwicklung für die Ökonomen. Denn mit Re-Regulierung statt Deregulierung wurden die negativen Wohlfahrtseffekte der Innovation beipielhaft bewiesen.

Und das Reinheitsgebot wurde als Schandmal enttarnt. Viel Schaum um nichts, könnte man da sagen. Vielleicht sollte man sich an Hammurapi-Bier halten, das die Brauindustrie zweifellos bald auf den Markt bringen wird.

 

Wilfried Müller

(Dieser Artikel wurde am 16.8.16 publiziert und am 28.7.19 überarbeitet.)

Nachtrag 29.8.16: Die SZ ließ sich das Thema nicht wegnehmen, sie glänzte mit Bierwissen – Als die Preußen den Bayern die Mass wegnahmen (auch 2016). In dem SZ-Artikel geht es um Ausspracheregeln (Mass, nicht Maas), ums „cervisiam bibat“, um den bayerisch-preußischen Kulturkumpf ums Bier und um seine Behältnisse. Der deutsche Liter war was anderes als die bayerische Mass, und dann wurden auch noch die Krüge von Keferlohern (Ton) zu Seideln (Glas). Zweckmäßig sei der Maßkrug nicht, weil man ihn kaum stemmen könne, weil man einen Liter Bier nicht so schnell trinken könne, dass auch der letzte Schluck noch schmeckt (das „Noagerl“). Der Maßkrug sei sinnlos, und weil Schönheit nicht zweckmäßig sein dürfe, müsse er einfach schön sein.

Nicht überliefert ist, nach wieviel Mass sich dieses Bierwissen offenbarte.

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1 Response to Unreines Reinheitsgebot

  1. Johann Wolfgang Goethe sagt:

    Ich habe schon viele Biersorten ausprobiert und jedes Bier hatte einen anderen Geschmack, besonders die Billig-Biere in der Plastikflasche sind ungenießbar, da vergeht einem die Lust auf ein Bier. Jever-Pils schmeckt anders als Becks-Bier und andere Bier-Marken wieder anders als die anderen Bier-Marken, da gibt es Unterschiede. Manche No-Name-Biere schmecken besser als Marken-Biere. Reinheitsgebot – na, ja?

    Gruß und Prost, Wolgsng

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