Jonglage mit Gottesbeweisen

Dieser Artikel zu den grassierenden Gottesbeweisen bezieht sich auf die religiöse Schweizer Site Jesus.ch. Dort setzt man sich mit der entsprechenden Kritik auseinander. Ein Artikel von 2016 heißt Glaube und Wissenschaft – Gott lässt sich (zum Glück) nicht beweisen (Bild: ZmB mit Elementen von Clker-Free-Vector-Images und TukTukDesign, pixabay).

Eigentlich sagt dies Bild, das auf einer unlokalisierbaren Quelle beruht, schon genug: Die Bibel-Story ist ein Fake. Warum sollte man sich dann mit derlei Behauptungen auseinandersetzen wie: Genausowenig wie die Gläubigen Gott beweisen können, so wenig können die Atheisten dessen Nicht-Existenz beweisen?

Gegen diese Argumentation wurde schon in einem ZmB-Artikel angeschrieben (Atheismus ist keine Religion). Bei Jesus.ch wird es anders gesehen. Schon der Ansatz sei falsch, Gott zu beweisen, denn er sei größer als die menschlichen Lösungsversuche.

Daraufhin rührt sich natürlich Widerspruch. Dann ist wohl auch die Logik der biblischen Abstammungslehre größer als die menschlichen Lösungsversuche?

Eigentlich reicht schon der Unsinn, der von dem Logik-Test-Bild ausgedrückt wird. Sogar der Jesus.ch-Artikel schreibt, dass die Gottesbeweise nach einhelliger Überzeugung gescheitert sind. Sie zeigen demnach weniger die Realität Gottes; sie sind eher Belege für christliche Sehnsüchte. Zumeist laufe es auf Zirkelschlüsse hinaus.

So auch bei dem «prophetisch-mathematischen Gottesbeweis» eines Evangelisten namens Werner Gitt, der mit den Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung herumdaddelt. Damit möchte er die Unmöglichkeit beweisen, dass sich rund 3.000 biblische Prophezeiungen rein zufällig erfüllt hätten. Laut Artikel setzen die Verheißungen der Bibel den Glauben voraus, um überhaupt als solche verstanden zu werden – laut Vernunft hätten sie allerdings vorher niedergelegt und hinterher geprüft werden müssen.

Der Artikel findet sich damit ab, dass Gottesbeweise keine tragfähigen Beweise im wissenschaftlichen Sinn sind. Sie sind mehr was Gefühliges, eine Befriedigung für tiefe Sehnsüchte wie den Wunsch nach Klarheit. Die Welt sei unverständlich und werde nicht leichter durchschaubar. Da sei der Wunsch der Christen verständlich, Gott zutiefst zu verstehen und anderen ihren Glauben so zu erklären, dass jeder sagen muss: «Stimmt, es kann gar nicht anders sein.»

Die bemitleidenswerte Argumentation geht noch weiter; die Bibel sei nun mal keine Formelsammlung und kein vom Steuerprüfer beglaubigter Jahresbericht. Sie sei vielmehr eine Mischung aus Gedichten und Erzählungen; Gott verweigere sich darin einem klaren Einsortiert-Werden. Na dann kann er auch nicht bewiesen werden, so die unausgesprochene Logik.

Dafür befriedigen die scheinbaren Gottesbeweise noch weitere Sehnsüchte. Zum Beispiel möchten die Gläubigen nicht als unvernünftig gelten (dazu siehe den einschlägigen ZmB-Hauptartikel Gott: Schnuller für Erwachsene). Fieserweise setzen manche Atheisten Glaube und Unvernunft gleich und bezeichnen «Gläubige» damit generell als dumm. Das sei problematisch.

Nicht nur wegen der Herabsetzung, denn hier begegnen sich laut Jesus.ch nicht irrationaler Glaube und rationaler Atheismus und schon gar nicht vernünftiger Glaube und unvernünftiger Atheismus. Vielmehr seien Atheismus und Glaube beide Glaubenssysteme, und beide lassen sich weder beweisen noch widerlegen (diese schräge Argumentation wird in dem oben verlinkten Atheismus-Artikel aufgegriffen). Demnach seien beide an sich weder vernünftig noch unvernünftig.

Dafür bilden sie eine Grundlage für unser Denken und unsere Wahrnehmung der Welt, meint Jesus.ch. Man werde nicht dadurch klüger, dass man sein Gegenüber als dumm bezeichnet. Man solle als Christ besser echte Argumente für seinen eigenen Glauben aufführen und mit Andersdenkenden darüber diskutieren, ohne sie als unvernünftig zu bezeichnen. Dann werde man viele interessante Gespräche führen und letztlich sogar Menschen gewinnen.

Zum Abschluss nochmal der Hinweis auf die Schwäche der Gottesbeweise, denn der Gott der Bibel beweist sich nämlich nicht. Sonst würde er sich letztlich zum Forschungsgegenstand machen, zum Objekt, passend für unser Denken und Reden. Ein beweisbarer Gott wäre bloß ein «kleiner» Gott. Das tatsächliche Wesen Gottes, nämlich die Liebe, sei dagegen nur erfahrbar.

Selbiges gelte für Eigenschaften Gottes wie Allmacht, Treue, Heiligkeit, Unendlichkeit. Das alles lasse sich nicht auf den Objektträger legen und unter dem Mikroskop betrachten und noch nicht mal durch Argumente beweisen. Trotzdem sei das nicht unlogisch und irrational.

Gott beweise sich demnach nicht, er werbe aber um uns, und damit tue er viel mehr als mit jedem echten Gottesbeweis, blah, blah, blah, blah, halleluja. Wer sich darauf einlässt, so der Autor, erlebe Gottes Realität – es sei ein Glück, dass Gott sich nicht beweisen lasse (Bild: msandersmusic, pixabay, Text von Anteyethist).

Würdigung

Wenn das der aktuelle Stand der Sophistik ist, dann erreicht er wieder Tiefstwerte auf der nach unten offenen Verdummungsskala. Wenn das Geschwurbel oben nicht unlogisch und irrational ist, was dann?

Es ist der Versuch, die Sache in den logikfreien Raum auszulagern, damit der Mensch nicht drüber nachdenken soll. Das ist gekonnt gemacht, mit echten und quasilogischen Begründungen, so dass dem Leser nicht gleich auffällt, wie er eingeseift wird.

Als Grundlage dient der Dreh, Gott für größer zu erklären als menschliche Lösungsversuche. Der wird gleich anfangs dezent eingeführt und mehrmals unauffällig verstärkt: „Gott macht sich nicht zum Forschungsgegenstand“, „Ein beweisbarer Gott wäre bloß ein «kleiner» Gott“. Damit soll der Gott der Hinterfragung entzogen werden, die sich aus dem allerstärksten Nichtexistenz-Beweis ergibt: Keiner kann ihn vorzeigen, keiner kann ihn beweisen. Das Bild mit dem Text von Anteyetheist drückt es klar aus: Dass Menschen den Gott behaupten müssen, ist der Beweis dafür, dass es ihn nicht gibt.

Klarerweise kann man keinen direkten Nichtexistenz-Beweis für materielle Dinge führen, denn dafür müsste man das ganze Universum absuchen. Man kann also nicht mal beweisen, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Trotzdem weiß jeder vernünftige Mensch, dass der Weihnachtsmann ein Phantasieprodukt ist. Das gilt für Mickey Mouse und Gott genauso.

Gott, Himmel, unsterbliche Seele, ewiges Leben – das alles existiert nur in der Phantasie der Gläubigen. In der Realwelt gibt es sowas nicht (siehe auch Beweis für materielle Nichtexistenz Gottes). Wem das als Gegenargument noch nicht reicht, der möge sich die Sophistik oben nochmal anschauen: Das passt alles 1:1 auf das Spaghettimonster. Es ist also ein unspezifischer Verdummungsversuch, reine Verarsche.

Die Welt sei unverständlich und werde nicht leichter durchschaubar, so das Angebot zur Kapitulation der menschlichen Intelligenz. Das „Erfahren“ wird passend dazu auf eine höhere Stufe gestellt als das Beweisen – dabei ist bloß Fühlen damit gemeint. Missbraucht wird dabei die Suche der Opfer nach Befriedigung für tiefe Sehnsüchte. Aber es ist nicht das Streben nach Klarheit und Wahrheit, was da bedient wird, sondern die Toleranz für Dummheit. Es ist geradezu atemberaubend, wie der Leser verdummt werden soll. Zum Glück lasse Gott sich nicht beweisen? Wer auf solchen Unfug abfährt, der kann genausogut auf jede andere Einflüsterung reinfallen. Das Spaghettimonster lässt grüßen, ebenso eine ZmB-Eigenkreation (Wir basteln uns einen Gott).

Die entstrubbelte Botschaft lautet: Der Glaube ans Nix ist größer als der Verstand. Das ist eine klare Verherrlichung der Dummheit. Den Atheismus, also die Skepsis, auf dasselbe Niveau runterzuziehen, ist perfid. Deshalb muss hier ganz klar gesagt werden, der Atheismus ist die Position der Vernunft, und er ist kein Glaubenssystem.

Den Glauben vertreten die Gläubigen, und sie sind im Obligo, ihr Glaubensobjekt vorzuzeigen oder zu beweisen. Wenn sie das nicht können, dann mögen sie bitte nicht zu Lüge und Vernebelung greifen, um ihr Idol unangreifbar zu machen. Und sie mögen bitte die Universitäten und Schulen mit solcher Gehirnwäsche verschonen.

 

Wilfried Müller

(Dieser Artikel wurde am 17.6.16 publiziert und am 31.7.19 überarbeitet.)

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4 Responses to Jonglage mit Gottesbeweisen

  1. Johann Wolfgang Goethe sagt:

    Es gibt soviel Elend auf der Erde, da sollte sich doch jeder normale Mensch fragen: Wo ist Gott der Allmächtige? Warum lässt er seine erschaffenen Geschöpfe im Stich?

    Wer Pfarrer werden will, muss Theologie u. v. m. jahrelang studieren, bevor er eine Predigt abhalten darf. Er hat gelernt, für jede Frage, die man ihm stellt, die passende Antwort geben zu können. Er nennt sich Gottes-Vertreter, er hätte aber auch Staubsauger-Vertreter werden können. Als Pfarrer verdient er aber mehr und wird von Steuergeldern bezahlt.

    Es gibt Serien wie: ″Ein Engel auf Erden″, wo ein Engel Aufträge von seinem Boss (Gott) bekommt, um den Menschen zu helfen, oder die von Gott auserwählten sterbenden Menschen, beim Aufstieg in dem Himmel begleitet.

    Pfingsten und Weihnachten kommen meist Spielfilme wie: ″Arche Noah″, ″Die Auferstehung″ oder ″Die 10 Gebote″, u. a. – da gibt es verschiedene Darstellungen und inhaltliche Dialoge:
    Ich will damit sagen, dass es mal so und dann wieder so dargestellt wird – das liegt daran, weil jeder es so interpretiert, wie er es will. Wenn es Gott gäbe, dann gäbe es nur eine Übereinstimmung über Gott! Man will mit diesen Filmen den Menschen nur Gott näherbringen, um sie gläubig zu machen, das ist m. E. auch die Absicht – denn die Filme sind rührend und tränenreich gemacht, so das man dran glauben könnte.

    Gruß Wolfgang

  2. Johann Wolfgang Goethe sagt:

    Nachtrag:

    Adam und Eva zeugten zwei Kinder – Kain und Abel: wie konnte sich der Mensch weiter vermehren? Durch Inzest?

    Gruß Wolfgang

  3. Wilfried Müller sagt:

    Inzest sowieso wenn es nur die eine Familie gibt. Aber wie geht Inzest mit 2 Männern?

    • Johann Wolfgang Goethe sagt:

      Das hab ich mich auch gefragt, wie das mit zwei Männern geht, Wilfried.

      Gruß Wolfgang

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