Niedergang des Humanismus‘

Warum ist die Stimme des Humanismus‘ in der öffentlichen Agendasetzung kaum wahrnehmbar? Warum ist fast allen klar, dass Religion bloß Verarsche ist, und trotzdem spielt die Gegenströmung keine Rolle? (Bild: johnhain, pixabay)

Immer mehr Menschen gelangen zu dem Schluss, dass Gott, Himmel, ewiges Leben und unsterbliche Seele nur in der Phantasie von Gläubigen existieren, aber nicht in der Realwelt. Diese Haltung sollte sie für den Humanismus prädestinieren, der den Menschen die Fähigkeit zubilligt, selber zu denken und die richtigen Lehren daraus zu ziehen. Der Humanismus tritt großteils mit dem Anspruch auf, diesen Menschen eine Stimme zu geben, auf dass der Gottes-Filz durchdrungen werde und der Mensch sich selbst zum Maß der Dinge mache.

Das Ergebnis sind humanistische Splitterparteien und Splittergruppen, die sich vielfach in kleinteiligem Hickhack verstricken. Die Meinungshoheit liegt sowieso woanders, sie ist in den Medien, der Politik und sonstigen Organen religiös-dominant zementiert. Bei abnehmender Gläubigkeit erringt die Lobby der Religion zunehmende Subventionserfolge. Bemerkenswert ist das Durchsetzungsvermögen der islamischen Verbände, die für die 6% Muslime in der Bevölkerung sprechen, aber weniger als 1% tatsächlich als Mitglieder haben. Trotzdem erzielen sie erhebliche Resonanz.

Die humanistischen Verbände könnten eigentlich für mehr als 40% der Bevölkerung sprechen, sind aber nur durch eine geringe Anzahl von Mitgliedern legitimiert, die sich im Bereich von 1‰ bewegen mag.

Selbst wenn es um genuin humanitäre und humanistische Fragen wie bei der Flüchtlingsdebatte geht, ist die Stimme des Humanismus‘ nicht zu hören. Die humanitären Eskapaden der Bundeskanzlerin sind längst als schein-menschenfreundlich entlarvt worden, aber sie setzten die Agenda. Eine rationale Diskussion des Flüchtlingsproblems fand genausowenig statt wie eine demokratische Willenserhebung, und dem ist immer noch so. Dafür wurden viele Dogmen zelebriert und noch mehr Gefühle aufgerührt.

Natürlich tun sich Humanisten schwer bei der Diskussion. Sie sind gefangen in der Falle zwischen dem Anspruch, allen Menschen zu helfen, und der Unmöglichkeit genau dessen. Dies auszusprechen, ist so stark tabuisiert, dass stattdessen die Heuchelei grassiert. Wo Menschen in Not unmittelbar auf der Bildfläche erscheinen, setzt der Empathiereflex ein. Sonst wird er wider besseres Wissen unterdrückt und abgewälzt. Dasselbe kann auch passieren, wenn die „Geretteten“ allzu nah heranrücken (z.B. in das Asylantenheim nebenan), oder wenn es Verbrechen gibt, die einem Mitglied dieser Gruppe zugeschrieben werden.

Jenseits der Nahzone kann man die kritische Distanz geradezu in Kilometern angeben. Hinter den TV-Bildern vom Migrantenelend im Mittelmeer und an europäischen Grenzen verschwindet alles andere von der Bildfläche und aus dem Gewissen. Wenn wieder jemand bei der Migration ertrinkt, rückt der Hilfshorizont näher heran, aber nur fallweise. Weitere Ertrinkende haben nicht denselben Stellenwert; es zählt vor allem dann, wenn noch besondere Faktoren dazukommen.

Warum gibt es keine rationale Auseinandersetzung mit diesen Problemen?

Warum gibt es dazu keine vernünftige Stellungnahme der Humanisten?

Humanismus steht doch eigentlich für den Einsatz der Ratio, und nicht für den Einsatz von irrationalen Gefühlen. Die Philosophie weiß allerdings, dass allein aus der Logik kein Ethos abzuleiten geht. Werte sind immer relativ. Wenn sie absolut gesetzt werden, kommt sowas raus wie eine Religion. Doch indem die Religionen ihre jeweiligen Werte absolut setzen, und diese Werte sich voneinander unterscheiden, wird die Relativität der Werte aufgezeigt.

Die Menschenrechte sind als Grundrechte postuliert, die unabhängig von der Staatsangehörigkeit allen Menschen zustehen. Von Pflichten ist nur die Rede, wo es um die Pflicht der Staaten gegenüber den Menschen geht. Das ist insofern gut und schön, als es Maßstäbe setzt, an denen sich die Ansprüche ausrichten können. Nur fehlt die Definition, wer für die Rechtlosen z.B. das Recht auf Arbeit und angemessene Entlohnung (Art. 6/7) realisiert. Entsprechendes gilt für Asyl- und Flüchtlingsrechte. Da werden auch viele Rechte postuliert, während von Pflichten allenfalls nebenbei die Rede ist.

Zu den Menschenrechten gehören aber 1:1 die Menschenpflichten. Über diese Pflichten zu reden, ist kein Luxus, sondern Notwendigkeit. Es wäre die Pflicht jedes ernsthaften Humanisten, genau das zu tun. Wo Gerechtigkeit walten soll, müssen nicht nur Rechte postuliert werden, sondern es muss auch definiert sein, wer welche Pflichten hat, damit diese Rechte umgesetzt werden können.

Dabei geht es um die Pflichten der Migranten genauso wie um die Pflichten der Einheimischen. Eine der Pflichten sollte die Pflicht zur Gerechtigkeit sein. Wäre es denn zuviel verlangt, den am meisten Bedürftigen auch am meisten zu helfen, egal wo? Und nicht bloß den Fittesten, die Schleuser bezahlen können, um sich einen Vorteil zu verschaffen? Und welchen Sinn hat es, ihnen erst die Grenzen zu öffnen, um sie ihnen dann vor der Nase zuzumachen? Schafft diese Art der „humanitären Hilfe“ nicht eher Unglück?

Zumal noch das Dogma dazukommt, alle müssen integriert werden, ohne sie überhaupt zu fragen, was sie eigentlich wollen.

Auch die Migranten haben Pflichten. Dürfen sie tatsächlich beliebig viele Kinder in die Welt setzen, für die kein auskömmliches Leben in Sicht ist? Können sie wirklich ihren eigenen Staat abschreiben, weil er insuffizient ist? Müssten sie nicht vielmehr ihr Bestes tun, um diesen Staat mit unserer Hilfe hochzubringen? Oder zurückgehen und genau das tun, sobald die Verhältnisse es erlauben? Dann macht es doch keinen Sinn, sie während der Wartezeit germanisch zu konditionieren?

Unter dem Rubrum der Rettung ist schon zuviel Missbrauch getrieben worden. Die „Griechenlandrettung“ gehört dazu, die großmaßstäblich zur Bankenrettung missbraucht wurde. Die offenen Grenzen wurden missbraucht durch Wegwerfen von Pässen und professionelles Drucken von falschen Papieren. Soll die „Flüchtlingsrettung“ auch als ungerechte, unvernünftige und undemokratische Affaire ablaufen, als scheinhumanitäre Augenwischerei, die am Ende nur die Rechtsnationalen stark macht?

Die Stimme des Humanismus‘ hätte in diesem Bereich viel Klarheit und Wahrheit schaffen können. Im Grunde ist der Niedergang des Humanismus‘  ein ausbleibender Höhenflug, weil er die Chance nicht ergriffen hat, die sich da auftat. Wenn nicht in so einer Situation wie derzeit, wann dann?

 

Wilfried Müller

(Dieser Artikel wurde am 14.4.14 publiziert und am 2.8.19 überarbeitet.)

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1 Response to Niedergang des Humanismus‘

  1. Johann Wolfgang Goethe sagt:

    Der Niedergang des Humanismus hat sich schon seit längerem abgezeichnet. In unserer Gesellschaft hat der Humanismus keinen großen Stellenwert mehr. Menschenrechte gibt es nur noch in den Gesetzesbüchern, im realen Leben sieht das aber anders aus. Beim ″Recht und Pflichten″ werden meist Rechte in Anspruch genommen und die Pflichten werden ignoriert, das gilt für alle. Die Deutschen tun eigentlich viel für die Bedürftigen, durch Spenden etc. – die Politik dagegen tut gar nichts, sie interessieren sich nicht für wohnungslose, Obdachlose und deren Armut, das sollen wir machen und irgendwelche ehrenamtliche Organisationen. Die Politik lässt Flüchtlinge nach Deutschland kommen und wir sollen uns dann um sie kümmern – die Politiker stellen sich dann als die Wohltäter dar, was sie alles geschaffen haben.

    Gruß Wolfgang

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