Philosophie: Bewusstseinsraum

Jeder ist sich bewusst, dass das Bewusstsein ein schwer verständliches Phänomen ist (Bild: geralt, pixabay). Dieser Artikel setzt auf der materialistischen Philosophie auf, wie sie in den Bunge-Artikeln als emergenter systemischer Materialismus referiert wurde. An der Spitze der Systemebenen steht demnach das Mentale, das Bewusstsein, und zwar als Eigenschaft der neuronalen Abläufe. Das Bewusste wird also nicht kausal als eigenes, womöglich duales System angestoßen, sondern es gehört zu den kausalen Abläufen im Hirn. Damit ist das Phänomen zumindest in die materielle Welt eingeordnet, aber noch nicht erklärt.

Die Suche nach mehr Bewusstseins-Information gab erstaunlich wenig her. Wiki bremste die Erwartungen auch. Eine allgemeingültige Definition von Bewusstsein ist demnach wegen des unterschiedlichen Gebrauchs mit verschiedenen Bedeutungen schwer möglich. Es geht ja um mentale Zustände, welche von der Psychologie beschrieben werden, und ihre Verknüpfung mit neuronalen Zuständen, welche von den Neurowissenschaften beschrieben werden. Auch die Künstliche Intelligenz versucht mitzumischen. Worin aber der eigentümliche Zustand „bewusst zu sein“ besteht, konnte von der Hirnforschung noch nicht befriedigend beantwortet werden.

Bei den Inhaltsangaben der aktuellen Bücher drängte sich der Eindruck auf, die Autoren wollten hauptsächlich ihr Revier in der diffusen Erkenntnislage abstecken. Alle wollen ihr eigenes Zeug anbringen – das kann ZmB aber auch. Diese Anmaßung mag das Argument herausfordern, wenn’s nicht mal reicht, um eine ordentliche Recherche zu machen, was soll dann schon dabei herauskommen? Na, schaun mer mal.

Bewusstsein * 2

Was in der Diskussion leicht untergeht, ist die Tatsache, dass das Wort Bewusstsein hauptsächlich in 2 Bedeutungen benutzt wird:

  1. Das Wort Bewusstsein wird zumeist in dem Sinn gebraucht, dass es alles umfasst, was potentiell bewusst sein kann, also als Bewusstseinspotential. Oder als alles, was mal bewusst war, als Bewusstseinsgeschichte. So oder so ist das ein Konstrukt, etwas, das real nicht existiert. Vielleicht könnte man dem das Wort Bewusstheit verpassen, um es vom real existierenden Bewusstsein zu unterscheiden.
  2. Das real existierende Bewusstsein ist ein Auszug aus den Hirnaktivitäten, auf den eine Art Fokus hinzeigt. Meist wird nur 1 Aktivität bewusst. Sobald es 2 oder 3 sind, ist man abgelenkt. Das Bewusstsein funktioniert also nicht parallel, sondern eher sequentiell, mit schnellen Sprüngen und Ablenkungen. Es ist mühsam, fokussiert zu bleiben, sich zu konzentrieren. Bei Fokussierung auf die Umgebung heißt Ablenkung, man verpasst evtl. was Wichtiges (obwohl das Hirn gut darin ist, alles mitzukriegen). Bei Fokussierung auf Gedanken bedeutet eine Abschweifung, der eine Gedankengang hält an, und ein anderer übernimmt. Wenn das Gedächtnis es hergibt, denkt man hinterher 1:1 im ersten Gedankengang weiter. Das Bewusstsein ist also mehr als nur ein hüpfender Fokus. Es kann swappen wie früher die Computer, die temporär auslagerten, was nicht in den Speicher passte.  Wenn das Hirn längere Abschweifungspausen macht, gibt es allerdings Verluste bei dem ausgelagerten Gedankengang. Er wird unklar wieder aufgenommen – es kommt schon mal vor, dass der Gedanke dann zuendegedacht ist, aber das dürfte ein seltener Glücksfall sein.

Inneres Kino

Nachdem jeder mit einem Bewusstsein ausgestattet ist, kann er es introspektiv erforschen. Die Hirnforschung für jedermann erfordert keine Instrumente, sondern nur Konzentration aufs Innere und Besinnung auf die Evolutionsgeschichte. An den Anfang soll eine zentrale Frage gestellt werden: Was ist für die Lebewesen besonders wichtig?

Das ist die Selbsterhaltung, speziell bei höheren Tieren, deren Reproduktion aufwendig ist. Es nimmt nicht Wunder, wenn die Evolution allerhand Aufwand in Richtung Selbsterhalt begünstigte. Das Ergebnis ist eine Art inneres Kino, ein mentaler Raum, wo das Lebewesen seinen Körper in der Umgebung verortet. Das liefert nämlich die Antwort auf die Existenzfrage Was ist in welcher Richtung wie weit weg, und kommt es auch mich zu?

Fast genauso wichtig ist die Antwort auf die Frage: Was ist in welcher Richtung wie weit weg, und schmeckt es? Daraus ergibt sich die dringende Notwendigkeit einer guten Orientierung im Raum, die durch Drehungen und Bewegungen nicht verlorengeht.

Klarerweise ist das eine anspruchsvolle Aufgabe, die allerhand Hirnpower verlangt. Nicht nur müssen die Objekte der Umgebung mit ihren Koordinaten gespeichert werden, dazu mit Größe, Form, Farbe, Muster usw. Dasselbe gilt für den eigenen Körper, dessen Ausrichtung und Haltung usw. Das Ganze wird empfunden wie in Fluchtpunktperspektive dargestellt, d.h. parallele Geraden schneiden sich in einem Punkt. Wenn man vor einem langen Zaun steht, laufen die parallelen Ober- und Unterkanten allerdings rechts wie links zu einem Punkt zusammen, ohne dass man die Geraden als krumm empfindet.

Bei Drehungen und Fortbewegungen muss alles ganz fix umgerechnet werden, für die Koordinaten werden dabei Transformationen nötig. Kaum anzunehmen, dass es kartesische Koordinaten sind, wo die Entfernung als Wurzel von Summen der Deltaquadrate berechnet wird. Wahrscheinlicher sind Polarkoordinaten, wo bei Drehungen nur Winkeladditionen fällig werden. Bei Translation werden allerdings Operationen mit Sinus und Cosinus fällig, um die neuen Winkel zu finden – wenn die Forschung Neuronen mit einer Kennlinie wie Sinus oder Cosinus aufstöbert, dann könnte das der Hirnbereich sein, der solche Koordinatentransformation macht.

Ob die höheren Tiere das gleiche innere Kino haben wie der Mensch, kann man in Zweifel ziehen. Dafür spricht aber, dass der Mensch evolutionär aus einigen davon hervorgegangen ist, so dass eine mehr oder weniger kontinuierliche Entwicklung von diesem Feature plausibel erscheint. Wer das Feature hat, dürfte anderen überlegen sein, die nicht darüber verfügen oder nur über eine primitivere Versionen davon.

Introspektion

Ich spreche jetzt von meiner eigenen Erfahrung, in der Hoffnung, es möge bei anderen genauso sein. Zuerst fällt mir auf, dass der innere Raum stark vom Optischen dominiert ist. Das kommt gefühlsmäßig von vorn rein, während das Akustische seinen Beitrag von den Seiten her leistet. Das Olfaktorische ist nur ausnahmsweise präsent, das Geruchsempfinden kommt dann von überall und nirgendwo. Von innen, irgendwie unten her kommt das gustatorische, das Geschmacksempfinden. Das Sensorische ist mehrfach repräsentiert, als Körpergefühl von innen und als Haptisches von außen. Die Finger haben dabei eine besondere Repräsentanz.

Im Zusammenhang macht mir das ein Körperbewusstsein, ein Raumbewusstsein, ein Sinnesbewusstsein. Ich kann mich drehen und wenden und herumhüpfen, ohne die Orientierung zu verlieren. Nur wenn ich mir den Kopf stoße, dreht sich alles. Sonst funktioniert die Orientierung prima, mein Raumbewusstsein ist immer präsent – ein leitungsfähiges Feature.

Was mir bei der optischen Dominanz noch auffällt, ist die Fokussierung auf einen Punkt. So wie meine Augen arbeiten, so arbeitet auch das innere Kino. Es arbeitet sequentiell, ein Punkt nach dem anderen wird fixiert. Die vielen anderen Punkte bis außerhalb vom Gesichtsfeld sind aber auch halbwegs repräsentiert, mit der Option, blitzschnell den Blick auf sich zu ziehen, um refresht zu werden. Eine nützliche Fähigkeit, die mir ganz schnell zeigt, wenn was aus dem Busch hervorbricht.

Denkraum

In das innere Kino dringt noch das Denken ein, als zusätzlicher Input neben den Sinnen und Gefühlen. Zum Körper-, Raum- und Sinnesbewusstsein kommt dann das  Denkbewusstsein, das ich so empfinde, dass es von hinten in mein inneres Kino eindringt und es zum Denkraum erweitert. Das „eigentliche“ Bewusstsein ist aus dieser Sicht nur eine Ergänzung des Kino-Features.

Das zeigt sich auch daran, dass es Eigenschaften vom Optischen kopiert hat. Nämlich das sequentielle Wandern vom mentalen Fokus, ähnlich dem des optischen Fokus‘. Das ist oben bei 2. schon beschrieben, es werden nicht 27 Gedanken zugleich verfolgt, sondern meist nur 1, es geht sequentiell voran und nicht parallel.

Ein Unterschied liegt darin, dass nicht auch der Rest der Gedanken halb präsent ist wie der Rand vom Gesichtsfeld. Das dürfte der Vielzahl der Möglichkeiten geschuldet sein, die das innere Kino übervölkern würden.

Aus Nützlichkeitserwägungen heraus gibt es auch keine Notwendigkeit dafür. Wenn wirklich mal ein Gedanke aus dem Gebüsch hervorhüpft, dürfte es nur ganz selten einer sein, vor dem man davonlaufen muss. Ansonsten schafft er es ja ohnehin, den Fokus auf sich zu ziehen, wenn er wichtig genug ist.

Man trainiert sogar das Gegenteil, wenn man z.B. Tennis übt. Bewusst kontrollierte Bewegungsabläufe sind zu langsam, deshalb übt man sie so lange, bis sie „automatisch“ ablaufen, d.h. das Bewusstsein wird ausgeschaltet und bremst dann nicht mehr.

Bewusstseinsraum

Das Bewusstsein kann sich quasi selber steuern, indem es die Konzentration auf den einen Gedankengang aufrecht erhält. Es kann auch auf andere Gedanken umspringen oder gleich ganz von den Sinnen übernommen werden, wenn sie Wichtiges zu melden haben.

Das Ganze ist dann der Bewusstseinsraum, der Körper-, Raum-, Sinnes- und Denkbewusstsein vereinigt.

Der Zusammenhang von Bewusstsein mit Sinnen und Gefühlen ist eng genug, um diese Sicht zu stützen. Was das Bewusstsein nicht so gut kann, ist die programmierte Besinnung auf einen Punkt wie bei einem Timer. Das funktioniert eher unzuverlässig, wie das ganze Feature überhaupt allerlei Unvollkommenheiten aufweist.

  • Mehr Stabilität gegen Abschweifungen wäre oft gut.
  • Das Swappen ist nicht besonders zuverlässig.
  • Etwas mehr Parallelität bzw. bessere Multitasking-Eigenschaften wären nützlich.
  • Noch mehr Gedankengänge (wie z.B. Rechnen) dürften gern unbewusst ablaufen, und nur das Ergebnis wird bewusst.

Das letztere wirft die Frage auf, ob bestimmte Inhalte nur bewusst zugänglich sind, und wenn ja, warum? Oder ist das rationale Denken so wackelig, dass es nur unter Zuschaltung maximaler Priorität – also des Bewusstseins – funktioniert?

Der vorletzte Punkt betrifft die Geschwindigkeit des Denkens. Die ist offenbar systembedigt langsam. Es sind aber Abkürzungen institutionalisiert, und nicht nur beim Tennisspielen. Wenn es darum geht, Menschen oder sonstwas einzuordnen, greift man auf Vorurteile zurück. Das spricht dafür, dass das explizite Beurteilen besonders aufwendig ist und gespeedet werden musste.

Angesichts der massiven Parallelität der Hirnvorgänge bleibt die Frage, warum das bewusste Denken nur einen Kanal hat? Wäre ein Wesen mit paralleler Verarbeitung der Gedanken nicht fitter? Oder ein Wesen, das nicht nur seinen Weg durchs Gelände ohne bewusste Mühe findet, sondern auch eine Gleichung auf diese Weise lösen kann?

Insgesamt legen diese Anmerkungen die Sichtweise nahe, das (Denk-)Bewusstsein sei eine draufgesattelte Eigenschaft, die als Dreingabe entstanden ist und noch Verbesserungspotential enthält. In jedem Fall kann man diese Ausführungen als Argument dafür lesen, dass das Bewusstsein keine völlige Umkrempelung des Bisherigen ist, sondern eine evolutionär entstandene Verbesserung. Alles steht im Einklang mit den Naturgesetzen, Bewusstheit ist etwas Natürliches und nichts Überirdisches.

 

Wilfried Müller

(Dieser Artikel wurde am 1.2.16 publiziert und am 7.8,19 überarbeitet.)

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3 Responses to Philosophie: Bewusstseinsraum

  1. Johann Wolfgang Goethe sagt:

    Wie sieht es bei luzide Träume aus, so wie bei mir, ich träume und kann meine Träume bewusst lenken?

    Gruß Wolfgang

  2. Günter Dedie sagt:

    Zum Bewusstsein: Empirisch beobachtbar ist das „Ich-Bewusstsein“, das Bewusstsein seiner selbst als ein Subjekt, indem man Individuen einen Farbpunkt auf der Stirn anbringt, den sie im Spiegel erkennen, oder auch nicht. Es ist erwiesen, dass Babys etwa ab einem Jahr und Tiere, wie etwa Schimpansen, Orang-Utans, Rhesusaffen, Schweine, Elefanten, Delfine und auch diverse Rabenvögel dies im Spiegel erkennen können.
    Das Gehirn erzeugt emergent – in der Zusammenarbeit mit den Sinneseindrücken – sowohl die geistigen Fähigkeiten als auch das „Ich-Bewusstsein“. Die Unterscheidung zwischen dem Ich und den Anderen ist unabdingbar für soziale Interaktionen, weil dabei laufend die eigene Situation zur Situation der anderen in Beziehung gesetzt werden muss.

  3. Frank Sacco sagt:

    Ist es nicht auch so, dass wir statt einem Unbewussten ein Vorbewusstes haben, das 95 % unserer aktiven Handlungen steuert, z. B beim Autofahren. Da läuft eine starke Festplatte immer parallel. Die Bezüge zum Bewusstsein sind eng. Geht der Winker mal nicht, wird sofort das „Bewusstsein“ eingeschaltet. Das Vorbewusste ist nicht zu trennen vom Bewussten. Tief verdrängtes scheint nicht bewusst, das Bewusstsein passt aber höllisch auf, dass es verdrängt bleibt. So haben Psychiater Gottangst, die sie täglich steuert. Sie sprechen daher nicht mit Patienten über Religion. Eine junge Mutter hört in der Bombennacht nicht die lauten Bomben, passt aber (schlafend!) höllisch auf, ob das Baby leise jammert. Wir fallen nachts schlafend nicht aus dem Bett, weil wir höllisch (bewusst!) aufpassen bei jeder Drehung. Zugvögel schlafen fliegend, indem sie mit nur je einer Gehirnhälfte schlafen. So ähnlich sind wir konstruiert. Meine ich. Vorbewusstes ist irgendwo auch schon bewusst. Das Bewusstsein ist nur eine Lupe für das Vor-Bewusste.

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