NaWi 11: Zur kulturellen Evolution (Teil 1)

Diese Artikelserie beginnt zwar in der Natur, geht dann aber in den Bereich der menschlichen Gesellschaft über.

Bild DNS Animation (Quelle Wikimedia)

Reproduktive Prozesse

Von den Elementarteilchen bis hinauf zur menschlichen Gesellschaft gibt es diverse Typen von reproduktiven Prozessen und Systemen mit reproduktiven Eigenschaften. Ein reproduktiver Prozess wird dadurch gekennzeichnet, dass er kann ein System immer wieder in der gleichen Art erzeugen oder kopieren kann. Wir haben in den Beiträgen zur Bénard-Konvektion, zur Knallgasreaktion, zur Belousov-Zhabotinsky-Reaktion und zum Hyperzyklus bereits einige Beispiele kennengelernt. Wie kann man diese Prozesse und Systeme übersichtlich ordnen?

Tabelle 1 zeigt eine Möglichkeit. Bevor wir sie genauer betrachten, muss ich noch etwas zu den Memen sagen [1]: Meme werden von einigen Wissenschaftlern – in Analogie zu den Genen – als Inhalte oder Bausteine der geistigen Welt angesehen. Ein Beispiel für Meme sind Gedanken. Der Begriff Mem stammt vom Biologen Richard Dawkins, der Begriff Memplex für ein System von Memen von der Psychologin Susan Blackmore. Im Englischen werden Meme sinnigerweise auch Corpuscles of Culture genannt. Meme, also Gedanken oder andere Bausteine der geistigen Welt, sind Konstrukte im Sinne von Bunge und Mahner.[2]

Dawkins vergleicht Meme mit Viren, die ihren Träger für die eigene Ausbreitung nutzen und Auswirkungen auf seine geistige Fitness haben können. Beispiele dafür sind Ideen, Begriffe und Vorstellungen, bis hin zu ganzen Weltanschauungen (als Memplexe). Die Ausbreitung von Memen wird in unserer Zeit der sensationsorientierten Massenmedien meist weniger durch ihre Bedeutung oder Rationalität begünstigt, sondern mehr durch Attribute wie sensationell, geheimnisvoll, einzigartig usw.

Tabelle: Reproduktionsprozesse im Vergleich (Erläuterung im Text)

Zur Erklärung der Tabelle beginne ich mit der mittleren Zeile, denn die ist gut bekannt: In der belebten Natur repräsentiert die Summe der Gene, die Genom oder Genotyp genannt wird, das Gedächtnis für die Reproduktion. Basierend auf dem Bauplan, der im Genom niedergelegt ist, entwickelt sich das jeweilige Lebewesen zu seiner speziellen Form, dem Erscheinungsbild oder  Phänotyp. Träger der genetischen Information ist hier das einzelne Lebewesen, bei Mehrzellern meist die Ei- und Samenzelle. Während der individuellen Entwicklung wird die Wirkung der Information im Genom gesteuert durch Vorgänge wie die Genregulation, die Epigenetik usw. und selbstorganisiert an die Erfordernisse der unterschiedlichen Organe und Gewebe des Körpers und ggfs. an unterschiedliche Phasen der individuellen Entwicklung (Raupe, Puppe, …) angepasst.

In der unbelebten Natur (obere Zeile) steckt das Gedächtnis für die Reproduktion der autokatalytischen Systeme in den Naturgesetzen. Diese Art Gedächtnis ist aber nicht für eine Reproduktion individueller Systeme geeignet, sondern nur für die Reproduktion einer bestimmten Art von Systemen, z.B. von bestimmten Molekülen, Kristallen, materiellen Strukturen oder Mustern.

In der menschlichen Gesellschaft (untere Zeile) sind für die Reproduktion von individuellem Wissen Sprache, Schrift oder Bilder nötig. In einer Kultur ist ein kulturelles Gedächtnis nötig, damit das Wissen nicht von jedem Individuum oder jeder Institution komplett neu erfunden werden muss, sondern weitergegeben werden kann.[1] Dieses „Gedächtnis“ wird in der Tabelle 1 durch die Meme und Memplexe repräsentiert. Damit haben wir im Prinzip auch in der menschlichen Gesellschaft ein Gedächtnis für die Weitergabe der komplexen Informationen von Wissen und Kultur. Ihr Träger ist allerdings mehr die Gesellschaft, und weniger ein Individuum. Alle Individuen müssen aber Wissen und Kultur nach der Geburt komplett neu lernen.

Es gibt noch einen weiteren wichtigen Aspekt der drei Reproduktionsprozesse der Tabelle: Für die Objekte der unbelebten Natur sind die Naturgesetze sehr streng definiert und erlauben keine Abweichungen, in der belebten Natur sind bereits bei der Reproduktion Fehler vorgesehen, um die Evolution zu ermöglichen, und in der Welt der geistigen Fähigkeiten (Zeile 3) ist die Variabilität der Meme und ihrer Kommunikation außerordentlich groß (vgl. dazu Teil 2, der demnächst erscheint).

Diese Betrachtung soll fachübergreifende Gemeinsamkeiten von Reproduktionsprozessen herauszuarbeiten, nämlich die Analogie bestimmter Abläufe und Konzepte in der unbelebten und der belebten Natur sowie in der menschlichen Gesellschaft. Die Meme sind dabei vor allem wegen ihrer Analogie zu den Genen und im Sinne einer durchgängigen Systematik wichtig.

Stufen der kulturellen Reproduktion

Meme und Memplexe können insbesondere deshalb erfolgreich sein, weil Menschen kooperativ sind, oft altruistisch handeln und dadurch ein Motiv haben, ihr Wissen mit anderen Menschen zu teilen und dadurch weiterzugeben. Auch für diesen Aspekt des menschlichen Verhaltens gibt es ein Modell mit drei Stufen, das von Kognitionsforschern definiert wurde, auf das Denken bezogen ist und Intentionalität genannt wird. Intentionalität meint „die selbstregulierende, kognitive Art und Weise des Umgangs mit Dingen“. Ich nenne die Intentionalität ab jetzt wieder – etwas vereinfacht – „Denken“. Die Kognitionsforscher unterscheiden dabei drei Fälle [3]:

  1. Das individuelle Denken der Menschenaffen. Sie können sich etwas vorstellen, aus Beobachtungen Schlussfolgerungen ziehen und ihr Verhalten selbst beobachten.
  2. Die gemeinsamen Vorstellungen und Gedanken der frühen Menschen, die sie aufgrund ihrer Kooperation entwickeln und untereinander austauschen konnten. Die Partner der Kooperation werden dadurch voneinander abhängig.
  3. Die bisher höchste Stufe des Denkens kam mit dem Homo sapiens auf. Sie besteht darin, gemeinsame Vorstellungen und Gedanken zu entwickeln und über Generationen hinweg weiterzugeben, sei es durch Sprache, Schrift, handwerkliche Fähigkeiten uva. Das ist nur in einer gesellschaftlich orientierten Kultur möglich.

Die Fähigkeit zum kollektiven Denken und zur Weitergabe des Wissens führt zum sog. Wagenheber-Effekt: Erfolgreiche Innovationen und andere bewährte kulturelle Fortschritte bauen schrittweise  aufeinander auf, verstärken sich und bleiben meist generationenübergreifend erhalten, so wie ein Wagenheber nach jedem Hub in der höheren Stellung fixiert bleibt. Diese Fähigkeit ist eine Schlüsselkompetenz der kulturellen Evolution. [1] Wissen und Kultur sind deshalb i.d.R. langlebiger als ihre Erfinder, die Menschen. Den Wagenheber-Effekt gibt es nur in der menschlichen Gesellschaft, weil allen anderen Lebewesen die Mittel wie Sprache und Schrift fehlen, um Wissen und Kultur weiterzugeben. Eine eingeschränkte Weitergabe beim Gebrauch von Werkzeugen oder den Rollen bei der Jagd gibt es aber auch bei Tieren; sie dürfte vor allem durch Nachahmung erfolgen.

Im nächsten Teil der Folge geht es um die kulturelle Evolution.

Literatur:

[1] Günter Dedié: Gesellschaft ohne Ideologie – eine Utopie? Was die Naturwissenschaft von heute zur Gesellschaft von morgen beitragen kann; tredition 2019

[2] Mario Bunge, Martin Mahner: Über die Natur der Dinge; Hirzel 2004

[3] Michael Tomasello: Eine Naturgeschichte des menschlichen Denkens; Suhrkamp 2014

 

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