Zur kulturellen Evolution (Teil 2)

Bild: Children studying, Quelle Pixabay

Die kulturelle Reproduktion ermöglicht eine kulturelle Evolution (auch soziokulturelle Evolution genannt). Wegen der Weitergabe des Wissens und der Kultur von den Eltern und Erziehern auf Kinder im geeigneten Alter beträgt ihr Zyklus, die kulturelle Halbwertzeit [1], jedoch etwa eine Generation. Durch den wachsenden Einfluss der Medien auf die Kinder und Jugendlichen und die dadurch mögliche relativ frühe Weitergabe aktuellen Wissens oder durch ideologisch bedingte, diktatorische Maßnahmen kann dieser Zyklus verkürzt werden; im Bereich von einer Generation wird die kulturelle Trägheit aber bleiben. Im Fall der Religionen ist die kulturelle Trägheit offensichtlich deutlich größer.

Wenn Menschen im subtropischen oder tropischen Klima von Jagd, Fischfang oder Viehzucht leben, fehlen während der Evolution und auch heute viele Herausforderungen, die mit dem Leben in gemäßigten Klimazonen verbunden sind, denn dort gibt es in jedem Jahr einen Winter. Der dauert viele Monate und erfordert eine umfangreiche Planung und Vorsorge. Schon die Landwirtschaft erfordert eine Vorratshaltung, weil sie etwa zehnmal höhere Erträge für den Lebensunterhalt ermöglicht als die Jagd, und es die Ernte aber nur ein- oder zweimal im Jahr gibt. Außerdem braucht man im Winter feste Häuser und – je nachdem wie kalt es werden kann – auch eine wärmende Feuerstelle und Heizmaterial. Das sind Beispiele für erheblich weitergehende Anforderungen an die kulturelle Entwicklung als für ein Leben im tropischen Klima als Jäger oder Viehzüchter. Durch diese zusätzlichen Herausforderungen wird sowohl die individuelle als auch die gesellschaftliche Entwicklung in Klimazonen mit einem Winter angetrieben, und erfordert ein wesentlich höheres Niveau der Gemeingüter.[1]

Mit der Industrialisierung kommt ein weiterer, noch größerer Hub der kulturellen Entwicklung und – damit verbunden – bei den Gemeingütern hinzu.[1] Gleichzeitig gibt es dabei aber auch Entwicklungen der Technik, die zu einer Rückentwicklung der Kultur führen können, wenn sie nicht bewusst kompensiert werden: Autos untergraben die Bereitschaft, sich körperlich zu bewegen,  Taschenrechner untergraben die Fähigkeit zu rechnen und die Durchdringung vieler Lebensbereiche mit Bildern und Videos macht lesen und schreiben weitgehend überflüssig.

Auch Ereignisse wie Geburt und Tod – und wie es nach dem Tod weitergeht – haben verständlicherweise die Menschen zu allen Zeiten stark beschäftigt und zu Bauwerken und Gedankengebäuden angeregt. Das ist auch eine der Wurzeln religiöser Vorstellungen. Aber nicht nur Bauwerke und Kunstwerke haben als Kulturgüter oft Jahrtausende überdauert, auch die Werke in der Welt des Geistes wie Bücher, das Wissen und manuelle sowie geistige Fähigkeiten zählen zum kulturellen Erbe.

Zurück zu den Memen: Als Gedanken sind sie prinzipiell für die Verbreitung von Wissen und Kultur geeignet, denn sie können durch Kommunikation weitergegeben und vervielfältigt werden. Ihre Reproduktion kann aber sehr stark von der kulturellen Umgebung oder der Kultur der Kommunikationspartner beeinflusst werden. Meme können auch als Druckerzeugnisse, in Bild und Ton oder anderswie kopiert, gespeichert und verbreitet werden. Sie sind im Prinzip soziokulturell auf ähnliche Weise entwickelbar und vererbbar wie Gene auf biologischem Wege.

Die Variabilität der Meme ist aber – wie schon in Teil 1 angedeutet – außerordentlich groß, weil die Gedanken und die Kulturgüter sehr vielfältig und komplex sind, und die Vorgänge der Weitergabe ebenfalls. Das gilt insbesondere für die Kommunikation, sei es per Sprache, Schrift oder Bild, weil der Empfänger die Information in seinen eigenen geistigen und kulturellen Kontext einbauen muss. Dabei findet eine Art Wiederherstellung der Information statt (in der englischen Literatur auch „constructive process“ genannt), wenn die Partner einen gemeinsamen kulturellen Hintergrund haben. Eine von beiden Partnern gleichartig verstandene Basis von Begriffen ist also das Mindeste, was für eine möglichst wenig verfälschte Weitergabe von Information notwendig ist. „Erfolgreiche Kommunikation besteht darin, dass in den Gehirnen der kommunizierenden Individuen ähnliche Prozesse konstruiert oder rekonstruiert werden.“[2] Das ist eine wesentlicher Aspekt der kulturellen Integration und eine Begründung für eine angemessene Leitkultur. [1]

Zur großen Variabilität der Meme und den Möglichkeiten der Stabilisierung von Kulturen sagte der französische Anthropologe Dan Sperber:  “What happens is this. Although indeed when things get transmitted they tend to vary with each episode of transmission, these variations tend to gravitate around what I call ‘cultural attractors’, which are, if you look at the dynamics of cultural transmission, points or regions in the space of possibilities, towards which transformations tend to go. The stability of cultural phenomena is not provided by a robust mechanism of replication. It’s given in part, yes, by a mechanism of preservation which is not very robust, not very faithful, (and it’s not its goal to be so). And it’s given in part by a strong tendency for the construction — in every mind at every moment— of new ideas, new uses of words, new artifacts, new behaviors, to go not in a random direction, but towards attractors. And, by the way, these cultural attractors themselves have a history.”

Im nächsten Teil der Folge geht es um die sog. Leitkultur.

Literatur:

[1] Günter Dedié: Gesellschaft ohne Ideologie – eine Utopie? Was die Naturwissenschaft von heute zur Gesellschaft von morgen beitragen kann; tredition 2019

[2] Mario Bunge, Martin Mahner: Über die Natur der Dinge; Hirzel 2004

 

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1 Response to Zur kulturellen Evolution (Teil 2)

  1. Johann Wolfgang Goethe sagt:

    Die Technik wird sich weiterentwickeln, keine Frage. In Zukunft braucht man wahrscheinlich nur noch sprechen lernen, alles andere übernimmt dann die Technik.

    Gruß Wolfgang

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