Rezension Detel Grundkurs Philosophie 4-7

Die Rezension vom Grundkurs der Philosophie von Wolfgang Detel wurde mit den Bänden 1-3 begonnen und wird hier mit den Bänden 4-7 fortgeführt (5 Bände stammen von Detel, 2 von anderen renommierten Autoren). Ganz kurz die besonderen Vorzüge:

  1. Die Professoren Detel & Co. bleiben beim Thema. Das würde man sich auch bei anderen Autoren wünschen.
  2. Detel hat den Stoff so durchgearbeitet und strukturiert, dass er für Verweise („Explikationen“) nutzbar ist.

Der Verlag schreibt zurecht, es seien Bücher für alle, die sich in die Philosophie gründlich einarbeiten wollen.

Die Teilbereiche werden systematisch eingeführt, bauen aufeinander auf und werden durch Beispiele erläutert. Es gibt auch Übungsaufgaben am Ende jedes Bandes, Literaturhinweise und ein Sachregister. Die Begriffe und Positionen der wichtigen philosophischen Disziplinen werden in knapper, verständlicher Form präsentiert. Der Stoff ist so kompakt, dass die Rezension ihn nur noch umreißen kann.

Die Bücher sind nicht nur zum Lernen nützlich, sondern auch zum Nachschlagen, wenn man die Info („Explikation“) kompakt wünscht (für elaborierte allgemeine Information kann man wiki nutzen). Bei Band 6 und 7 gibt es keine Verweise, so dass Begriffe nochmal erläutert werden, oder eben nicht – man merkt den Unterschied.

In der Rezension zu Band 1-3 wurde schon das Interview des Professors mit seinem Verlag angesprochen und teilweise referiert. Im Weiteren äußert sich Detel zum Thema, ob man Philosophie „schulmäßig“ lernen kann:

Die meisten Positionen und Theorien der modernen theoretischen Philosophie werden demnach kontrovers debattiert. Die Debatte greift auf viele grundlegende philosophische Begriffen, Positionen und Theorien zurück. Die muss man kennen, um die Debatten zu verstehen und zu würdigen. Das sind Grundlagen, die nicht nur gelehrt und gelernt werden können, sie müssen es heute sogar.

Wer z. B. nicht weiß, was logische Schlüsse, starre Referenz, Intentionalität, phänomenales Bewusstsein, Supervenienz, Gettier-Probleme, Gefangenendilemma, kollektive Handlungen usw. sind, kann die wichtigsten laufenden Diskussionen in der theoretischen Philosophie nicht angemessen verstehen. Das betreffende Grundlagenwissen ist recht umfangreich und wird im Grundkurs kurz und verständlich dargeboten.

Detel hat etwa 75% des Stoffes von Band 1-5 vielmals in einem einsemestrigen kompakten Modul präsentiert. Die schriftliche Fassung soll den LeserInnen die Möglichkeit bieten, sich über Details zu orientieren, und sich den Stoff mit Hilfe von Beispielen und Übungsaufgaben anzueignen.

Das merkt man, dass der Stoff gut durchgearbeitet wurde. Philosophische Positionen und Kontroversen werden kompakt auf den Punkt gebracht, so dass „aus Überblick Orientierung erwächst“ (Journal für Philosophie). Dem Leser wird eine gut aufbereitete Grundlage geboten, und auch wenn’s penetrant wirkt, möchte der Rezensent diese Art der Wissensvermittlung nochmal als vorbildlich loben. Hier nun also Band 4-7:

Band 4: Wahrnehmungstheorie – Theorie des Wissens – Allgemeine Wissenschaftstheorie

Welche Funktionen weisen psychologische und philosophische Wahrnehmungstheorien der Wahrnehmung zu? Welche Rolle spielt sie im Empirismus? Was sind Pushmi-Pullyu-Repräsentationen? Welche epistomologischen Positionen und Prinzipien sind wesentlich? Wie werden wissenschaftliche Theorien bestätigt oder widerlegt, akzeptiert oder verworfen (mit einer formalen Analyse vom Fall Semmelweis)? In welchem Verhältnis stehen Wahrheit, Rechtfertigung und Wissen zueinander? Ist Wissen kontextabhängig? Gibt es wissenschaftlichen Fortschritt?

Auf das letzte Kapitel Wissenschaft und ihre sozialen Bedingungen wird nicht jeder etwas geben, Aussage etwa: Eine angemessene Beschreibung wissenschaftlicher Aktivitäten muss die soziale Formierung stabiler wissenschaftlicher Meinungen in möglichst vielen wissenschaftlichen Gemeinden untersuchen. Das ist Detel bestimmt schwergefallen, solche Verquickung vom Sozialen mit der Wissenschaft wiederzugeben. Vielleicht erklärt das die Tatsache, dass im neuen Band 4 z.T. noch auf die Nummern vom alten Band 3 verwiesen wird, z.B. 3.163.

Ein Beispiel für epistomologische Probleme liefert das Gettier-Problem. Das wird hier in der Formulierung von Detel referiert, um auf eingeschlossene logische Probleme hinzuweisen. Die Formulierung geht inhaltlich so:

Es gibt Beispiele, die (a) – (d) erfüllen, und wenn (a) – (d) erfüllt sind, dann ist b* wahr, und S ist gerechtfertigt, b* zu glauben, aber b* ist (für S) nur kontingentweise wahr, und daher nicht Wissen, obgleich alle Bedingungen der Standarddefinition für Wissen erfüllt sind.

(a) S hat die Meinungen b und b*.
(b) S verfügt über Gründe r derart, dass
(i) r die Meinung b rechtfertigen und
(ii) S glaubt, dass (i) der Fall ist.
(c) Ferner gilt:
(i) b impliziert logisch b*, und
(ii) S glaubt, dass (i) der Fall ist.
(d) Es gibt ein Faktum c* und eine Meinung c mit dem Gehalt,
dass c* der Fall ist (so dass c wahr ist), derart, dass
(i) S die Meinung c nicht hat,
(ii) c die Meinung c* impliziert (so dass b* wahr ist),
(iii) es keine Gründe gibt, die c rechtfertigen,
oder von denen S glaubt, dass sie c rechtfertigen, und
(iiii) dass gilt: c impliziert nicht-b (so dass b falsch ist).

Nach dieser Problem-Darstellung braucht der kritische Leser keine weiteren Probleme zu suchen, weil die Vorgaben (a) – (d) schon problematisch genug sind – es geht um b und c und deren „Schnittmenge bzw. Folge“ b*:

(d)      c ist wahr.
(d) (ii) c impliziert b* und b* ist wahr.
(d) (iv) c impliziert nicht-b und b ist falsch.
(c) (i): b impliziert b*.

>         b* ist wahr und falsch.

(a) (i) b wird gemeint.
(d) (i) c wird nicht gemeint.

>         b* wird nicht gemeint und doch gemeint.

Band 5: Handlungs- und Entscheidungstheorie – Sozialontologie – Wissenschaftstheorie der Sozialwissenschaften

Die Begriffe Handlung, Handlungserklärung und Tun werden mit Hilfe von Band 2 und 3 erläutert. Eine einführung in die Entscheidungs- und die Spieltheorie wird gegeben und der Übergang zur Sozialontologie abgesteckt. Die Idee der Sozialwissenschaft wird erläutert, die verstehende Soziologie, die kritische Theorie und die „berüchtigte“ dialektische Methode.

Fragen dazu: Was macht eine Handlung aus – im Unterschied zum Verhalten? Wie lässt sie sich erklären? Was sind Konventionen, Regeln und soziale Normen? Was sind kollektive geistige Zustände und kollektive Handlungen? In welcher Weise existieren soziale Gruppen, sozialer Status und Institutionen?

Ein Beispiel: Wünsche (= Präferenzen) sind Zustände, deren Erfüllung vom Metagefühl des Wohlbehagens begleitet sind.

Interessant ist die Parallele zu Searles „x counts in z as y“ (Ein Ereignis, ein Gegenstand oder eine Handlung x gilt in einer Gruppe, Gesellschaft, Kultur z als ein institutionelles Faktum y. Bei Detel heißt das Soziales Behandeln-als …: „Eine Person behandelt x als y … nur dann, wenn (und hier kommt die Bedingung z in Textform).

Die letzten beiden Bände wurden von anderen Autoren geschrieben. Detel hat nicht einfach seine Doktoranden drangesetzt, sondern renommierte Kollegen dafür gefunden. Ihre Texte sind allerdings nicht in die numerierte Folge der Explikationen eingebunden und stehen deshalb unabhängig da:

Band 6: Politische Philosophie vom Professor für Sozialphilosophie und Politische Philosophie Robin Celikates und vom Philosophieprofessor Stefan Gosepath:

Der Band 6 führt in die politische Philosophie und in die praktische Philosophie ein. Laut Verlagstext bietet er Schülern, Studenten und Quereinsteigern die Möglichkeit, sich den Problembereich zu erarbeiten. Das kann anhand des Textes, der Zusammenfassungen und der im Anhang gestellten Aufgaben erfolgen. Die Kapitel im Einzelnen:

Was ist politische Philosophie? (Z.B. die „realistische“ Antwort: Politik als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln – Anmerkung Rezensent: das hat man auch schon andersrum gehört).

Der Naturzustand und die anarchistische Herausforderung – zur Rechtfertigung politischer Herrschaft. Es geht dabei u.a. um Eigentumsbegründung, Gerechtigkeit, Fairness.

Kritik des Liberalismus. Hier kommt nochmal der Marxismus aufs Tapet, sowie Einwände dagegen und auch gegen den Liberalismus. Der Femninismus kommt dran, das Gendern auch kurz, und der unvermeidliche Poststrukturalismus.

Umkämpfte Begriffe und praktische Herausforderungen. Das sind etwa Gerechtigkeit, politische Freiheit, Demokratie, Neutralität, Toleranz und Multikulturalismus.

Ein Beispiel: Im Folgenden wird demgegenüber die Herausforderung hervorgehoben, die der globalisierte Kapitalismus darstellt. Die mit ihm einhergehenden Ungleichheiten erweisen sich nämlich nicht nur aus gerechtigkeits-, sondern auch aus demokratietheoretischer Perspektive als problematisch.

Der Rezensent vermisst hier den Bezug auf aktuelle Fragen wie open border und die weltweite Migration. Es fehlen die Themen „Dürfen alle alles überall?“ und „Inwieweit gibt es Etabliertenrechte?“

Band 7: Ethik vom Professor für praktische Philosophie und Religionsphilosophie Matthias Lutz-Bachmann.

Der abschließende Band 7 behandelt die Ethik, also die Frage: „Was sollen wir tun?“ Laut Verlagstext  führt der Band in seinem bewährten Aufbau aus Erläuterungen, zusammenfassenden Abschnitten und Übungsaufgaben in das Thema ein. Nicht nur um ethische Grundpositionen darzustellen, sondern damit der Leser die vorgelegten Überlegungen und Vorschläge nachzuvollziehen und sich selbst auf die Spur der philosophischen Arbeit begeben kann. Die Hauptkapitel führen an das Thema heran, hier die Überschriften:

Erste Definitionen (z.B. philosophische Ethik und Metaethik).

Ethische Modelle (z.B. Utilitarismus und Diskursethik).

Ethische Grundbegriffe (z.B. Handlungen, Tugenden, das Gute, Richtige und Gerechte, Freiheit und Verantwortung, praktische Vernunft).

Angewandte Ethik (z.B. Ethik im Zeitalter der Pluralisierung von Moral und Menschenrechte).

Warum moralisch sein? Dieser Epilog behandelt die entscheidende Frage; hier geht es gegen den Amoralisten.

Ein kennzeichnendes Beispiel: In diesem Sinn reflektiert die philosophische Ethik oder Moralphilosophie die Moralität der Moral und überprüft, sucht oder entwickelt Gründe für deren Bestätigung oder Kritik, praktische Anerkennung oder Veränderung.

Der Rezensent bedauert nochmal, dass Band 6 und 7 nicht in die Explikations-Verlinkung der Bände 1-5 einbezogen sind. Sonst könnte z.B. die Definition von Handlungen in Band 7 mit Band 5 abgestimmt sein. Ansonsten ist das Werk mit den 7 schmalen Bänden eine sehr gute kompakte Grundlage der theoretischen Philosophie.

 

Rezensent: Wilfried Müller

Wolfgang Detel, Grundkurs Philosophie Band 1 bis 7, Reclam, um die 200 Seiten

(Band 1-3 werden im Artikel Rezension Detel Grundkurs Philosophie 1-3 besprochen.)

Weitere Philosophie-Links von ZmB

(Diese Rezension wurde am 20.9.18 publiziert und am 20.8.19 überarbeitet.)

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