Emanzipation von der Religion

 

Früher stand Emanzipation für Sklavenbefreiung, später ging es um die Gleichberechtigung der Frauen (Bild: andreas160578, pixabay) und der Homosexuellen. In der Folge brachte die Emanzipation Correctness für Schwarze, Körperbehinderte, Straftäter und und und – nur nicht für Götter.

Es ist noch nicht mal vom mutmaßlichen Gott die Rede, obwohl die Correctness in diesem Fall besonders angebracht wäre.

Die diffusen Götter mussten herhalten für sehr konkrete Religionen, die den Gläubigen sehr konkrete Leistungen abverlangen. Die Erbringung der Leistungen hat im Diesseits zu erfolgen, während die Belohnung dafür im sogenannten Jenseits stattfinden soll. Dieses Jenseits wird von jeder Religion anders ausgemalt. Bei Christentum und Islam ist es ein himmlisches Paradies, in dem die Gläubigen ewig leben (sofern sie nicht in der Hölle schmoren müssen).

Sowas ist ein unseriöses Geschäftsmodell. Gegen wolkige Versprechungen und unter höllischen Drohungen werden Demut, Selbsterniedrigung, Paranoia (Beten) und materielle Kontributionen eingefordert. Eine ganze Illusionsbranche lebt von sowas, zum Schaden der Gläubigen. Religionen und ihre Institutionen liefern weder nützliche Beiträge zur Erkenntnis der Welt noch hilfreiche Beiträge zu ihrer ethischen Bewertung. Deshalb wird es auch auf diesem Gebiet Zeit für eine Emanzipation. Die Hoffnung geht dahin, die Gläubigen mögen sich von der Religion emanzipieren.

Als Begründung für die Notwendigkeit soll nun ein geschichtlicher Miniatur-Rückblick die Vorwürfe aufzeigen, die der Religion zu machen sind. Ganz zwanglos tritt die Lügenhaftigkeit in Erscheinung, von der die Religion umgeben ist. Aber auch das Ethosdefizit und die Übervölkerung gehören zu den üblen Folgen. Am Beispiel der christlichen Religion ist das besonders gut zu sehen.

Lügenkultur, Ethosdefizit, Übervölkerung

Mit dem Ende des Mittelalters ging der schlimmste christliche Terror zuende. Wissenschaft, Aufklärung, Humanismus und Menschenrechte wurden gegen die Religion erkämpft (dass streng religiöse Mitstreiter dabeiwaren, ist ein anderes Thema). Tausend Jahre hatte die Religion vorgegeben, nach welchen Maßstäben gelebt werden musste, und nun taten sich neue Welten auf. Dem vernunftfreien Glauben erwuchs die Konkurrenz des überprüfbaren, beweisbaren Wissens. Die Religion hat es dennoch geschafft, das allgemeine Ethos weiterhin zu bevormunden – mit gravierenden Folgen.

Die Wissenschaft hat sich überall in der technischen Welt durchgesetzt, denn dort funktioniert nur das, was auf der Wahrheit basiert und nicht auf irgendwelchen Phantasien. Deshalb gibt es keine christliche Technik, keine muslimische Technik usw., sondern nur eine wissenschaftsbasierte Technik.

In der sozialen, medialen und politischen Welt ist die Logik dummerweise anders. Am schlimmsten ist es in der ethischen Szene. Obwohl das ganze Leben heute von den modernen Errungenschaften bestimmt wird, ist das Ethos nach wie vor religiös okkupiert. Die Religion verstand es, die Wissenschaft verächtlich zu machen, so dass ihr nicht die gebührende ethosstiftende Akzeptanz zuwuchs.

Obwohl die vorwissenschaftlichen Irrtümer widerlegt sind, denen die Religion ihre Existenz verdankt, hat sie sich als dominierende Instanz in Sachen Ethik konserviert. Auch die Arbeiterbewegung vermochte es nicht, die Menschenrechte als übergeordneten Standard durchzusetzen. Noch dürfen vermeintliche Gottesrechte über Menschenrechte gestellt werden. Daraus resultiert das ethische Vakuum, das den Fortschritt in Markt und Technik umgibt. Die Götter und ihre »heiligen Bücher« sind Produkte von dunnemals. Sie dürfen nicht upgedated und an den Zeitenwandel angepasst werden. In der Folge leidet die moderne Zeit unter einem überalterten Ethos.

Und sie leidet unter der Unwahrhaftigkeit, die sich aus der Diskrepanz von überaltert und modern ergibt. Als Wissenschaft und Technik in die Welt hineingetragen wurden, per Kolonialisierung und per Kommerz, geschah das mit Täuschung und Lüge: Schiffe und Kanonen basierten auf wissenschaftlichen und technischen Innovationen, die gegen die Kirche durchgesetzt werden mussten. Dessnungeachtet standen sie in den Augen der Kolonialisierten für die Macht des christlichen Gottes. Sie machten das Christentum für die Getäuschten zur überlegenen Religion. So wurde die überkommene christliche Religion zusammen mit den fortschrittlichen Errungenschaften verbreitet, anstelle des dazugehörigen modernen Ethos‘. Dieser schwere Fehler ist niemals behoben worden.

  • Die rückständigsten Länder haben von Wissenschaft, Technik und modernem Ethos – sprich Menschenrechten – nur die Technik übernommen. Die wollen Autos, Internet und Atombomben haben, anstatt sich mit den Hervorbringungen ihrer wissenschaftsfeindlichen Kultur zu begnügen, sprich Esel reiten, Rauchzeichen geben und Stinkbomben bauen.
  • Andere Länder übernehmen Wissenschaft und Technik ohne die Menschenrechte und setzen die modernen Möglichkeiten in der Konsequenz gegen Bevölkerung und Umwelt ein. Durch die Globalisierung trifft das die ganze Welt und alle Völker, und kein modernes Ethos verhindert das daraus resultierende Abwerten und Billigmachen der menschlichen Arbeitskraft.

Ein zeitgerechtes Ethos muss religionsfrei sein, um Wissenschaft, Technik und Menschenrechte zusammenzuzwingen, denn die Folgen der religiös verkrüppelten Ethik sind schlimm. Um die Hauptpunkte von hinten aufzurollen, soll nochmal von Übervölkerung, Ethosdefizit und Lügenkultur die Rede sein:

Die Übervölkerung war großteils religionsgemacht. Medizin und Hygiene senkten die Säuglingssterblichkeit, und die Religion tabuisierte die dazugehörige Familienplanung mittels Geburtenkontrolle und Abtreibung. Weil den Frauen Gebärzwang statt Emanzipation verordnet wurde, vermehrte sich die Menschheit über die Grenzen des Nachhaltigen und Umweltverträglichen hinaus. Heute sind die Geburtenraten außerhalb von Afrika gesunken, sogar in einigen Gottesstaaten, aber die Übervölkerung ist ja längst da. Religion, Armut und Bildungsmangel verstärken sich immer noch gegenseitig. Zusammen mit der ungerechten Verteilung des globalen Reichtums und der US-Kriegstreiberei erzeugt das Hungersnot, Völkerwanderung, Bürgerkrieg, Anarchie, Umweltzerstörung, Seuchen, Kriminalität, Menschenhandel und Organhandel. Zudem ist das Thema bei uns stark tabuisiert (siehe auch Grüne Diskrepanz – Klimaleugner vs. Geburtenleugner – Ausführlicheres folgt im Artikel Die Übervölkerung).

Das Ethosdefizit entsteht durch die Überalterung der Religion. Die »heiligen Bücher« dürfen nicht entrümpelt werden; sie sind sakrosankte Fetische. Der »göttliche Allwissenheitsanspruch« erlaubt keine Nachbesserung der göttlichen Doktrinen, obwohl ihnen die Gegenwartstauglichkeit abgeht. Trotzdem wird die Religion von allzu vielen immer noch als ethosstiftende Instanz akzeptiert. Daraus resultiert das ethische Vakuum um den technischen Fortschritt herum. Der ethikfreie Raum wurde zum gesetzesfreien Raum, und als dieser Raum vom Kommerz erobert wurde, blieb das moralische Machtwort dagegen ungesprochen. Dank der religiösen Bevormundung gibt es keine ethischen Gebote für Existenzfragen wie die folgenden (weiter aufgeschlüsselt im Artikel Das Ethosdefizit):

  • Dürfen autonome Kampfroboter und -drohnen gegen Menschen eingesetzt werden?
  • Müssen die Roboter nicht für die Allgemeinheit arbeiten, statt nur für die Besitzenden?
  • Darf die Zunahme der Produktivität in Arbeitslosigkeit umgesetzt werden statt in Arbeitszeitverkürzung?
  • Dürfen Politiker Gewinne privatisieren und Verluste sozialisieren?
  • Ist es zulässig, dass mit viel Geld sehr viel Geld verdient wird und mit Arbeit kaum das Nötigste?
  • Dürfen Börsen, Finanz- und Rohstoffmärkte als Zockerparadies benutzt werden?
  • Dürfen die Banker und Manager in die Kasse greifen, soviel sie wollen?
  • Darf unter dem Diktat der Ökonomie die Lebensqualität wegoptimiert werden?
  • Müssten nicht alle Anstrengungen zur Geburtenkontrolle unternommen werden, um die Migrations- und Klimaprobleme in den Griff zu bekommen?
  • Ist es zulässig, dass die Krämerseelen unsere technischen Innovationen in die ganze Welt verkaufen, wo sie dann gegen uns eingesetzt werden?
  • Dürfen Staaten sich mit Steuerdumping gegeneinander ausspielen?
  • Müssen nicht ethische Standards mit tradiert werden, die einen adäquaten Umgang mit den technischen Standards bewerkstelligen?

Die Lügenkultur ist das dritte schlimme Religionsprodukt. Himmelsversprechungen fehlt die reale Substanz, aber die Religionen haben ihre Illusionsvermarktung trotzdem hoffähig gemacht. Das ebenso schlimme weltliche Äquivalent heißt Geldversprechungen ohne reale Substanz. Indem die Religion ihre zusammenphantasierten Götter als tiefste Wahrheiten verkauft und überzogene moralische Gebote erlässt, bereitet sie der allgemeinen Täuscherei, Heuchelei und Betrügerei den Weg. Schon die Kolonien wurden betrogen, als man ihnen den abgehafterten Christengott aufoktroyierte. Die Schiffe und Kanonen, die so überwältigend von der Macht des fremden Gottes zu künden schienen, waren in Wahrheit einer Technik gedankt, die gegen eben diesen Gottesglauben erkämpft wurde. Das kann nicht genug betont werden, denn derselbe Etikettenschwindel ist immer noch gang und gebe. Wenn unsere politische Führung sich in einer christlichen Leitkultur wähnt, ist sie 500 Jahre hinter der Zeit zurück (zu dem Thema kommt der Extraartikel Die Lügenkultur).

Emanzipation

In den meisten politischen Schlüsselpositionen sitzen Leichtgläubige, die auf die Gottesmär reingefallen sind; und wenn man denen das unterjubeln kann, auf was fallen sie dann noch alles rein? Tatsächlich hat die Finanzlobby sie immer wieder mit der Drohung vom (Finanz-)Weltuntergang über den Tisch gezogen, und was als Rettung der zahlungsunfähigen Euro-Staaten firmiert, ist zur Endlos-Subventionierung der Finanzkonzerne verkommen – Lüge und Betrug in gigantischem Ausmaß.

Doch die Lügenkultur kommt nicht nur teuer, sie schafft nicht nur Heuchelei und Betrug, sondern sie gefährdet weltweit die moderne Kultur von Freiheit, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit . Es ist dringend notwendig, alle Götter als die Phantasiegestalten hinzustellen, die sie sind – das ist dargelegt im Artikel Beweis für materielle Nichtexistenz Gottes.

Konsequenterweise wird damit auch die unsägliche »Gottesherrschaft« – oder in der muslimischen Version die Scharia – als das entlarvt, was sie ist: die Herrschaft selbstermächtigter Prediger. Diese Spinner (wenn sie selber dran glauben) bzw. Betrüger (wenn nicht) instrumentalisieren den Götterglauben, um den Weg ins Mittelalter freizumachen und religiöse Willkürherrschaft zu schaffen. Wer auf den Knien zu einem »Herrn«betet, hat die Selbstversklavung vollzogen.

Letztlich macht sich jeder mitschuldig, der die Gottesmär unwidersprochen hinnimmt. Sicherlich sind viele Ausprägungen der Religion friedlich und halbwegs menschenrechtskonform. Sie erfüllen soziale Funktionen, die sonst oft unerfüllt bleiben (siehe Gott: Schnuller für Erwachsene). Das betrifft vor allem unsere domestizierten Religionen. In anderen Ländern lebt sich die Religion ungebremst aus wie hier im Mittelalter.

Wer hier nicht Klartext redet und sagt alles Lüge! kann redlicherweise dort nicht Einhalt gebieten mit demselben Argument: alles Lüge!

So gesehen gibt es keine lässliche Gotteslüge, die man mit Rücksicht auf die fundamentalistischen Religionen tolerieren könnte, sondern diese Lüge ist schädigend für eine moderne Welt der Freiheit, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit.

Es ist höchst bedauerlich, dass die Religion zwecks Selbsterhalt so schwere Schuld auf sich lädt, statt ihren Frieden mit der Vernunft zu machen und die menschlichen Bedürfnisse über die »göttlichen« zu stellen. Aus humanistischer und sozialer Sicht ist eine Erneuerung des Ethos’ zu fordern, die mit Übervölkerung, Ethosdefizit und Lügenkultur endlich Schluss macht. Jeder einzelne Gläubige sollte sich klarmachen:

Eine neue Emanzipation ist fällig, eine Emanzipation von der Religion.

 

Wilfried Müller

(Dieser Text wurde am 11.9.13 zuerst eingestellt und am 12.7.17 und 22.8.19 überarbeitet.)

Link dazu: Von der Notwendigkeit eines globalen menschlichen Ethos‘

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1 Response to Emanzipation von der Religion

  1. Johann Wolfgang Goethe sagt:

    Man sollte auch mal in Erwägung ziehen, was Kirchenoberhäupter durch staatliche Besoldungsgruppen (Steuergelder) so verdienen – da fallen einem die Augen raus. Die Untertanen der Kirche müssen dagegen ehrenamtlich arbeiten. Ein unseriöses Geschäftsmodell, wo man für Unwahrheiten und Märchen erzählen noch gut besoldet wird.

    Gruß Wolfgang

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