Philosophie: Gedankenexperiment zur Willensbildung

… wenn man die ganze Welt in den Zustand von vor ein paar Minuten zurücksetzen könnte, würde sie sich trotz identischer Ausgangsbedingungen anders entwickeln, als sie jetzt ist – und die Unterschiede würden immer weiter zunehmen.

Dieses Eigenzitat wird in dem kommenden ZmB-Artikel Philosophie: Freier Wille II – Entscheidungsverarbeitung vertieft werden. Der zitierte Artikel beschreibt, wie die Quanteneffekte den Determinismus brechen und ergebnisoffene Zufallsentscheidungen liefern, von denen die Weltläufte gesteuert werden. Das macht die Vorstellung von einer 1:1-Wiederholung gleich doppelt unrealistisch: Einmal erlauben die Quanteneffekte kein 1:1 bei der Zeitschleife, und zum anderen ist die Zeitschleife als solche ebenso wenig realistisch, wie sie Neuigkeitswert hat. Sie ist ja altbekannt als Zeitreise-Phantasie in der Science-Fiction-Literatur.

Nein, man kann man die Zeit nicht zurückdrehen und die Welt nicht zurücksetzen. Aber man kann sich das vorstellen und ein Gedankenexperiment draus machen. Wie wäre es also, wenn man die fiktive Zeitmaschine anschmeißt und die letzten 5 min nochmal wiederholt? 99 Mal, damit es zusammen 100 Versionen der letzten 5 min gibt? (Bild: tookapic, pixabay)

Versuchsdesign

Wegen der Nichtdeterminiertheit darf man keine 100 identischen Abläufe erwarten, bei denen sich alles 1:1 wiederholt, auch wenn die Ausgangsbedingungen jedesmal völlig gleich sind. Vielmehr wird es Variationen geben, und über die darf nun spekuliert werden. Der Punkt ist: Die Unterschiede kommen einzig und allein von den Quantenereignissen, die in den 5 min passieren. Wieviel Änderungen bewirken die in der Mesowelt?

Für das Gedankenexperiment ist es vorteilhaft, besondere 5 min auszuwählen, wie sie durch ein weiteres Zitat aus dem kommenden Artikel definiert sind: Bei Erwachsenen kommen Entscheidungen manchmal auch so spontan, dass die Entscheider selbst ganz baff sind. Da kann man spekulieren, ob es einen Mechanismus (oder einen Fehler) gibt, der sowas deterministisch zuwegebringt, oder ob eine Quanten-Entscheidung unmittelbar durchschlägt.

Genau diese Spekulation soll das Gedankenexperiment untersuchen. Wie oft fällt die spontane Entscheidung bei unseren 100 Durchläufen? Also einen Moment abgepasst, wo jemand über seine eigene Entscheidung baff ist („Eigentlich müsste ich noch den Auftrag bearbeiten, und nun sitze ich hier im Biergarten“). Dann die Zeitmaschine angeschaltet, 5 min zurück und das Ganze von vorn. Und das 99 Mal wiederholen, damit es 100 Durchläufe werden.

Resultate

Es könnte natürlich passieren, dass lauter verschiedene Resultate rauskommen, und die Versuchsperson landet nicht nur im Biergarten, sondern sonstwo. Das wäre dann ein Hinweis auf hohe Unbeständigkeit, auf starken Quanteneinfluss – oder einfach darauf, dass die 5 min zu lang sind. Man möchte ja möglichst nur eine labile Situation einfangen, in der ein Quantenereignis durchschlagen kann. Angenommen, das gelingt, dann lassen sich die spekulativen Resultate nach ihrer Anzahl auflisten:

  • 1* – Wenn der Proband die anderen 99 Mal nicht ausbüxt, dann gab es das spontane Ereignis nie wieder. In dem Fall sind besondere und nicht allzu häufige Quantenereignisse voll durchgeschlagen.
  • 100* – Wenn der Proband 100 Mal ausbüxt, dann ist man entweder nicht weit genug zurückgegangen, oder die Quantenereignisse haben nicht viel Einfluss auf das Geschehen. Im letzteren Fall läuft auch der spontane Willensakt sehr deterministisch ab, zumindest innerhalb von den 5 min.

Interessant wären Ergebnisse zwischen 1* und 100*. Wahrscheinlich ließe deren Anzahl sich durch Variation der Zeit verändern. Lässt sich vielleicht eine Zeitverteilung in der Art feststellen, wenn man weniger als 60 sec zurückgeht, bleibt das Geschehen unverändert, das spontane Ereignis ist also in den 4 min vorher passiert, und nun läuft es 100* von 100 genau gleich? Und wenn man weiter als 60 sec zurückgeht, z.B. 120 sec, kriegt man nur noch 50* von 100? Ist das vielleicht ein besonderer Zeitpunkt, der die Anzahl besonders stark beeinflusst?

Das wäre ein zweifacher Hinweis. Der 50*-Zeitpunkt ist der 50%-Wahrscheinlichkeits-Zeitpunkt. Er zeigt an, wann das besondere Quantenereignis stattfand. Wenn man ihn auf Sekundenbruchteile genau treffen muss, um von 0 auf 100 zu kommen, stützt das eher die 1*-Hypothese. Wenn der Zeitbereich länger ist, und es kommen womöglich immer andere Ergebnisse raus, spricht das für mehr Wirkung vom Quantenzufall.

Es ist sogar denkbar, dass es weitere besondere Zeitpunkte gibt, z.B. vor 180 sec die 20*-Schwelle. Das würde für ein zweites maßgebendes spontanes Ereignis vor 120 sec sprechen. Beim weiteren Zurückgehen ließen sich so vielleicht mehrere Sprünge finden, die alle zum endgültigen Befund beitragen (oder auch zu Variationen davon). Denkbar wäre, dass sich daraus eine charakteristische Zeit für den Aufbau von dem spontanen End-Ereignis ableiten ließe, also eine Art Halbwertszeit. Wenn die bei 5 min liegt, dauert es im Mittel 5 min, bis das Zusammenwirken von Quantenereignissen und Determinismus das spontane Verhalten hervorbringt.

Halbwertszeit

Die Interpretation vom Fall 1* ist damit ziemlich klar, sofern das bei allen Zeithorizonten und bei Zillionen Versuchen so bleibt. Dann darf man von einer maßgeblichen Zufallsbestimmung der spontanen Entscheidung ausgehen. Dann ist es eine spezielle Kombination von vielen Quantenereignissen, die das hervorbringt, oder möglicherweise ein ganz seltenes Quantenereignis, was durchschlägt.

Solange es nur 1* passiert, darf man von einem besonderen Zufall ausgehen, und ansonsten von einer indifferenten Mehrzahl von Quantenereignissen, die dem „Quantendeterminismus“ folgen, d.h. die einzelnen Ereignisse sind zwar zufällig, aber sie mitteln sich mehr oder weniger weg, und das System verhält sich insgesamt fast deterministisch.

In den anderen Fällen baut sich tatsächlich eine Anzahl von labilen Situationen auf, in der geringste Einflüsse den weiteren Verlauf so oder so steuern. In diesem Fall sind Werte über 1* möglich, bis zu den 100* wenn der Zeithorizont ganz kurze gewählt wurde. Die Statistik könnte dann so aussehen (20%-Entscheidung soll heißen, mit 20% geht es in Richtung zum spontanen Ereignis, mit 80% nicht):

Rücklaufzeit Treffer Interpretation
bis 60 sec 100* Entscheidung schon gefallen
um 120 sec 50* letzter labiler Punkt, 50%-Entscheidung
um 180 sec 20* vorletzter Punkt, 50%-Entscheidung
um 240 sec 5* drittletzter Punkt, 20%-Entscheidung
5 min 2* viertletzter Punkt, 40%-Entscheidung

Die Linearität der Abfolge ist natürlich natürlich genauso spekulativ wie die Zeiten. Es könnten auch 0,6 sec bis zum letzten Quantenereignis sein, und das Ganze entwickelt sich in 5 sec statt 5 min. Oder es sind auch schon Ereignisse von vor 5 std beteiligt …

Soviel zur Frage Wie deterministisch ist der Wille?

Vergleiche

Ähnlich gelagert ist die Frage Wie deterministisch ist die Welt? Es ließe sich bestimmt ein markantes Ereignis finden (z.B. ein Baum fällt um), mit dem man das Gedankenexperiment durchführen könnte. Da wäre es auch interessant zu erfahren, bei welchem Zeithorizont 100* oder 50* erreicht werden.

Insbesondere wäre es schön zu wissen, ob die Willensentscheidungen kürzere Halbwertszeiten haben als die Naturereignisse. Das würde nämlich Aufschluss über die Frage geben, ob irgendeine Instanz im Hirn als Rezeptor und Verstärker für Quanteneffekte fungiert.

Nachdem das Experiment nicht durchführbar ist, kann es wenigstens zur Kategorisierung der Einschätzungen dienen. Wer sich zum 1* bekennt, glaubt an die Durchschlagskraft der Quantenereignisse. Wer die 50*(-Halbwertszeit) bei ganz langen Zeiten sieht, glaubt an den weitestgehenden Determinismus. Und wer an 100* auf allen Skalen glaubt, negiert das physikalische Weltbild komplett.

 

Wilfried Müller

(Dieser Artikel wurde am 23.8.17 zuerst publiziert. Am 9.9.18 wurde er stark überarbeitet und am 27.8.19 nochmal leicht.)

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