Haben wir alle ADHS?

Der Philosoph und Buchautor Prof. Christoph Türcke hat in einem Interview geschrieben (FAZ 27.5.12): „ADHS ist keine Krankheit in gesunder Umgebung. Unsere gesamte Gesellschaft leidet an zunehmender Unfähigkeit zur Aufmerksamkeit. Bei Kindern äußert sich das nur am stärksten. Ich spreche von einer Kulturstörung. Wir leiden an konzentrierter Zerstreuung. Das ist ein paradoxer Begriff und soll heißen: Wir sind ständig zwanghaft damit beschäftigt, uns zu zerstreuen. Das führt gerade nicht zur Entspannung, sondern produziert Stress.“

Das Gehirn (Quelle: pixabay)

Was zunächst ganz unschuldig-akademisch klingt, hat eine große Bedeutung in unserer modernen Kultur, die mit einem Übermaß an Information durch Medien, Computer usw. „gesegnet“ ist. Man nennt das auch Reizüberflutung, und in dieser Flut ertrinken ab einem gewissen Pegelstand Wissen und Verstand. Nicht nur Kinder, auch etwa 2 Mio. Erwachsenen leiden heutzutage in Deutschland unter ADHS, ohne es zu wissen.

Was ist damit gemeint? Und wie hängt das mit der emergenten Selbstorganisation zusammen? Sie werden das rasch sehen, wenn wir uns mit zwei Fragen beschäftigen:

Wie entsteht das Wissen im Gehirn?

Die emergenten Prozesse des Gehirns setzen die materielle Ebene in die geistige Ebene um: Die geistigen Prozesse der Erinnerungen, Gedanken und Empfindungen entstehen aus dem emergenten Zusammenwirken der materiellen Nervenzellen des Gehirns und der Sinnesorgane. Die Aufnahme und Bewertung von Informationen aus der Umgebung wird zunächst mehrstufig gefiltert, unter Kontrolle der aktuell damit verbundenen Emotionen wie persönliches Interesse, sensationelle Aufmachung der Information, Furcht usw. Die Speicherung erfolgt danach auf Basis der Häufigkeit, mit der die gefilterte Information die Nervenzellen erregen, mittels der sog. Aktionspotentiale: „What fires together, wires together“. Oder wie es Manfred Spitzer in seinem Buch Geist im Netz formuliert hat: „ …basiert das Lernen darauf, dass Input-Output-Beziehungen immer wieder durchgespielt werden und die Verbindungen der Synapsen im Netzwerk sich langsam so verändern, dass der richtige Output mit immer größerer Wahrscheinlichkeit hervorgebracht wird“.

Im Ergebnis: Je öfter man eine Info sieht, hört oder liest, und um so mehr man sich dafür interessiert oder davon beeindruckt ist, umso besser behält man sie in Erinnerung.

Ganz wichtig für die Leistungsfähigkeit des Gehirns sind aber die mehr oder weniger unbewussten Prozesse, die das (zuletzt) gespeicherte Wissen sortieren und ordnen, damit es danach besser nutzbar ist. Die laufen aber nur dann ab, wenn man mental zur Ruhe kommt, oder im Schlaf.

Wie wirkt die Reizüberflutung?

Eine ständige Flut von Informationen, besonders wenn sie durchgehend sensationell aufgemacht sind, überfordert das Gehirn und seine Ordnungsprozesse. Dafür ist es von seiner evolutionären Entwicklung her nicht vorbereitet. „Man kann (dann) keinen klaren Gedanken mehr fassen“, wie Christoph Türcke sagt, wird dauerhaft verunsichert und kann sich nicht mehr konzentrieren. ADHS ist keine neuronale Störung, sondern eine Überforderung des Gehirns durch unsere Kultur der dauerhaften, überwiegend kommerziell bedingten Reizüberflutung. „Wenn eine Reizflut … dazu nötigt, ständig etwas Neues aufzubauen, schlägt der Aufbau in Destruktivität um. Sie müssen sich das vorstellen wie eine Baustelle: Man beginnt mit dem Bau einer Mauer. Nach den ersten fünf Ziegeln bricht man ab und beginnt mit der nächsten Mauer, die aber auch, gerade begonnen, wieder stehen gelassen wird für den Aufbau einer weiteren Mauer. So entsteht nie ein Gebäude.“

Reizüberflutung und Manipulation

Aber es kommt noch schlimmer: Die Reizüberflutung ist sehr nützlich, um die Menschen zu manipulieren und zu entmündigen, im Hinblick auf ihre vermeintlichen Bedürfnisse und vor allem politisch. Was ist gemeint? Bei den Römern hat man das panem et circenses genannt: Die Bürger durch Brot zufrieden stellen und durch Spiele unterhalten und von wichtigeren Themen fernhalten. Die Methode ist nach wie vor aktuell, nur gibt es inzwischen sehr viel wirksamere Möglichkeiten in den Bereichen Wohlstand und Medien.

In der westlichen Welt hat es zwischen den Medien und ihren Konsumenten in den letzten Jahrzehnten eine Art Ko-Evolution gegeben: Das Informationsangebot der Massenmedien, fast ausschließlich kommerziell optimiert im Hinblick auf Auflage bzw. Einschaltquote, und das mediale Konsumverhalten der Bürger hat sich gegenseitig in einer „Spirale abwärts“ zu einem immer trivialeren Niveau verstärkt. Dies Niveau wird zunehmend bestimmt durch Sensationen, Werbung, billige Emotionen, Neugier auf Prominente usw. Sachliche Informationen oder fundierte Recherchen bleiben auf der Strecke, Angebote zur (Weiter-) Bildung der Bürger erst recht. Politische Informationen sind meist auf ausgewählte, zentral vorgegebene Schlagzeilen oder/oder die Präsentation der Gesicher von Politikern sowie nichtssagende, unverbindliche Statements beschränkt. Die Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch und Thomas Freitag haben das Ergebnis dieses Teufelskreises schon 1992 auf den Punkt gebracht: „Maßgebend sind die Einschaltquoten, ermittelt aus der Masse der Idioten“.

Die Desinformation hat dann wegen der fehlenden Kritikfähigkeit der Konsumenten leichtes Spiel und ist wegen der Omnipräsenz der Medien zu entscheidenden Basismechanismen der Beeinflussung der Gesellschaft geworden. Deren Rolle wird völlig unterschätzt, weil die meisten Menschen sie schon lange nicht mehr wirklich wahrnehmen. Sie sind entscheidend für die Etablierung von Ideologien, denn das ständige und einseitige Trommelfeuer der Medien mit ideologischen Aussagen bewirkt nach einiger Zeit den Glauben daran, zumindest bei weniger kritisch denkenden Menschen. Durch ihre schiere Menge und ggfs. geschickt damit verbundene Reize werden die wichtigeren Informationen zugemüllt. In den Diktaturen war das als Propaganda schon immer ein probates und wirksames Mittel. In den westlichen Demokratien ist es inzwischen aber auch nicht mehr anders, nur ist die Manipulation und die damit verbundene Entmündigung der Bürger durch die Politik und die Massenmedien sehr viel geschickter und perfider als früher. Man lernt halt dazu. Die Methoden und wichtige Direktiven dafür bekommen Politiker und Chefredakteure bei der Atlantikbrücke, den Bilderberger-Konferenzen und vergleichbaren Treffen vermittelt.

Der Gipfel der Perversion ist, dass die Bürger ihre Reizüberflutung und Desinformation auch noch über die Zwangsgebühren der GEZ und den Kauf der Zeitungen selbst bezahlen (müssen) …

Weitere Informationen dazu:

Günter Dedié: Gesellschaft ohne Ideologie – eine Utopie? Was die Naturwissenschaft von heute zur Gesellschaft von morgen beitragen kann; tredition 2019

Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Responses to Haben wir alle ADHS?

  1. Frank Sacco sagt:

    Ja es ist wohl wahr, dass eine Reizüberflutung eine große Misere ist. An der Ostsee haben wir keinen Fernseher und genießen es. Hier läuft er schon zum Abendessen und 20 Uhr. Schade. Doch analytisch sind ADS bzw. das Erwachsenenanalogon ADHS auch Ausweichneurosen, Angstneurosen.
    Eine Flucht in die Aktivität. Guido Peltzer sagt: „Es ist paradox: Die Menschen sehnen sich nach Stille, aber sobald sie eintritt, erschrecken sie sich. Wir sind heute Stille kaum mehr gewohnt, besonders in der Stadt. Manche sprechen von der „donnernden Stille“, denn die Wirkung kann mächtig sein.“ Meditation ohne Gespräche über Angst ist nicht für jeden gesund.
    Verdrängte Ängste müssen aktiv verdrängt werden, damit sie verdrängt bleiben können. Da bringt „Aktivität“ sehr viel. Man kann auch schizophren werden, also in eine andere Welt flüchten. Ich spreche in der Praxis viel über verdrängte Ängste, die ich einfach benenne! Man kann sie an 5 bis 8 Fingern abzählen. Hat man keine Kinder, hat man keine Sorgen mit ihnen. Hat man welche, muss man diese Sorgen ansprechen. Besonders sehr Wohlhabende haben Angst, zu verarmen. Die ist tief verdrängt. Meist ist sie irreal bzw. völliger Quatsch. Ängste kann man ausreden, wenn sie Quatsch sind.

  2. Wilfried Müller sagt:

    Der Gipfel der Perversion ist, dass die Bürger ihre Desinformation auch noch über die Zwangsgebühren der GEZ und den Kauf der Zeitungen selbst bezahlen (müssen) …
    Wir müssen sogar für die Reizüberflutung zahlen …
    Ich erschrecke allerdings nicht über die Stille.

  3. Günter Dedie sagt:

    Sehr richtig, Wilfried! (Ich habe die „Reizüberflutung“ noch im Text ergänzt.)

  4. Johann Wolfgang Goethe sagt:

    Da stimme ich Wilfried zu! Für mich ist die Desinformation auch in vielen anderen Bereichen allgegenwärtig – z.B. in meiner Berufsschule: Die Lehrer waren Dozenten und keine ausgebildeten Autoschlosser. Ihr Wissen lehrten sie uns aus der Lektüre, was dann aber in der Praxis ganz anders aussah.

    Gruß Wolfgang

  5. Johann Wolfgang Goethe sagt:

    ADHS sehe ich nicht als Krankheit an: ADHS entsteht schon durch falsche Erziehung. Vor allem Kinder haben heutzutage keinen richtigen strukturierten Tagesablauf mehr. Der Fernseher läuft den ganzen Tag und die ganze Nacht durch. Es werden Computerspiele gespielt und am Handy wird ständig herumgefummelt. Mittagessen und Abendbrot werden meist als eine Mahlzeit zusammengelegt – eine Tischordnung gibt es nicht – die Kinder laufen in der Wohnung mit dem Essen in der Hand hin und her und gucken dabei Fernsehen. Wenn diese Kinder dann Nervös und zappelig werden, nennt man das dann einfach, es hat ADHS.

    Wenn unsere Enkelkinder übers Wochenende bei uns sind, gibt es das nicht: Gegessen wird am Tisch und der Fernseher bleibt ausgeschaltet. Danach können sie spielen oder wir basteln alle was zusammen. Bei uns sind sie entspannt und sie schlafen gut – kein Stress, kein Druck, und viel Ruhe – ein ganz normaler strukturierter Tagesablauf.

    Bei meinem Enkel damals, es waren Sommerferien, verlangte mein Schwiegersohn, dass ich ihm, in der Zeit wo er Urlaub mit meiner Tochter machte, mit meinem Enkel täglich Rechnen usw. üben sollte – ich verneinte – denn Sommerferien sind zur Erholung da. Mein Schwiegersohn setzte ihn ständig unter Druck, er wollte aus ihm ein Genie machen. Als er rebellierte, hieß es, er hat ADHS. Blödsinn.

    Gruß Wolfgang

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.