Nicht nur ein fataler Titel für ein Buch über den Humanismus

 

Mit freundlicher Genehmigung des Autors Siegfried R. Krebs bringen wir diesen Artikel von Freigeist Weimar (01.09.2019). Der Artikel gibt die Ansicht des Autors wieder, ZmB bezieht dazu keine Stellung.

Nicht nur ein fataler Titel für ein Buch über den Humanismus

WEIMAR. (fgw) Die Welt von heute kennt den nicht vom Völkerrecht gedeckten Begriff der „humanitären Intervention“. Unter diesem Schlagwort überfallen seit dem Zusammenbruch des sozialistischen Staatensystems in Europa die USA und ihre NATO-Vasallen fast ohne Unterlaß ihnen nicht genehme Staaten und fügen deren Völkern grausames Leiden zu. Was hat die Granden des Humanistischen Verbandes Deutschland (HVD), nicht zuletzt den Honorar-Professor Frieder Otto Wolf, angesichts dessen bloß geritten, ein Buch über „den Humanismus“ so mit „Humanistische Interventionen“ zu titeln.

Befremdlich, ja sogar peinlich, wirkt dann gleich danach der Bucheinband, der vorne drei mal ein Konterfei des Autor feilbietet… Spricht das etwa für einen Personenkult im Berliner HVD? Und im Klappentext heißt es u.a. „Seit 2001 arbeitet Frieder Otto Wolf daran sein Modell des praktischen Humanismus näher zu bestimmen…“ Doch nach der Lektüre bleibt bzw. wird gar unklar, was unter diesem von ihm inflationär gebrauchten Begriff eigentlich zu verstehen ist. Ja, was er denn selbst darunter versteht. Schaut man sich die diversen Texte in diesem Sammelband an – es sind ihrer 28, dann ist eigentlich nur zu resümieren, daß Wolf zwar zu allem etwas zu sagen hat und daß er jedoch den Humanismus-Begriff mal so, mal so modelt, wie er es gerade mag… Schade, denn von einem vorgeblich für den Humanistischen Verband wegweisenden Buch wäre mehr, weit mehr zu erwarten gewesen.

Herausgeber Ralf Schöppner, Direktor der Humanistischen Akademien Deutschlands und Berlin-Brandenburg, schreibt in seinem Vorwort, daß er für diesen Band „einige neue und bislang unveröffentlichte Texte“ sowie „eine Reihe von älteren und bisher nur verstreut (…) publizierten Texten“ ausgewählt hat. Diese sind von ihm in vier Abschnitte gegliedert worden:

  • Praktischer Humanismus als Bekenntnis
  • Humanistische Kritiken und Polemiken, gemeint sind diverse Rezensionen
  • Interventionsfelder des praktischen Humanismus
  • Ein Programm des praktischen Humanismus für das 21. Jahrhundert

 

Praktischer Humanismus als Bekenntnis

Dieser Abschnitt umfaßt fünf Texte. Hier ist gleich vorab anzumerken, daß Wolf im Kern in eurozentristischer bzw. mediterraner Weltsicht verharrt, indem er stets nur von oder über „Gott“ redet und nicht, wie es bei humanistischer, globaler Sicht notwendig und richtig ist, von „Göttern“. In diesen Texten geht es um Begriffliches, wie Religion, Weltanschauung, Religionskritik, Atheismus, Aufklärung oder „europäischen Islam“.

Und schließlich um die „Wiederentdeckung der Macht der Liebe als politische Kategorie“. Dieses Geschwurbel ohne Gegrummel zu lesen, fällt mehr als schwer…

 

Humanistische Kritiken und Polemiken

Die hier versammelten sechs Texte sind sehr differenziert zu würdigen. Da findet man Arbeiten, die für das „normale HVD-Mitglied“ bzw. die am Humanistischen Verband interessierten Menschen eher belanglos und sogar nichtssagend sind – weil zu sehr dem akademischen Elfenbeinturm berhaftet. Da findet man aber auch wirklich Aussagekräftiges und Nachdenkenswertes: Zu finden in „Warum Habermas die Kategorie der Religion überdehnt“ (S. 109-122) und „Dancing the Sarrazin“ (S. 131-138).

Als schwach und sogar unbefriedigend müssen aber die zwei Arbeiten bewertet werden, in denen sich Wolf mit dem Transhumanismus („Jenseits der Grenzen des ‚Mensch-Seins‘?“, S. 139-152) und der Staatsministerin Monika Grütters („’Kulturell unbehaust‘ ohne Religion?“, S. 158-165) auseinandersetzt. Hier wären klarere Worte, bessere Argumentationen angebrachter, aussagekräftiger gewesen. Da ist von „Praktischem“ zu wenig zu spüren, da wird zu sehr abgehoben „theoretisiert“.

 

Interventionsfelder des praktischen Humanismus

Dieser Abschnitt umfaßt zehn Texte, die leider ähnlich wie im vorgehenden eingeschätzt werden müssen.

Höchst unbefriedigend sind Wolfs ureigene Positionen, die er aber als „Humanistische Positionen zur ‚Staatsfrage‘ – Zur Böckenförde-These“ (S.167-176) bezeichnet. Das gilt nicht minder für den Text „Staatskirche und kooperativer Laizismus“ (S. 177-182). Diese Scheu vor klaren Aussagen ist aber verständlich, wenn man berücksichtigt, daß der HVD, insbesondere der HVD Berlin-Brandenburg, heuer jedwede Kritik am Bestehenden scheut; will man doch teilhaben bei der Verteilung der „Staatsknete“… Hier sind andere Autoren aus dem humanistischen Spektrum, egal ob organisiert oder nicht, schon seit Jahren weiter als Frieder Otto Wolf. Voll und ganz zuzustimmen ist ihm aber bei seinem Text „Ist Religion unantastbar?“ (S. 195-199). Leider geht dieser aber in dem Sammelsurium der vorliegenden Anthologie fast unter.

Richtig schlimm aber muß man das nennen, was Frieder Otto Wolf im Jahre 2011 unter der Überschrift „Humanismus und Pazifismus in Zeiten des Krieges – der ‚Fall Libyen'“ (S. 209-228) zu Papier gebracht hat. Hier „kaut“ er überwiegend unkritisch das nach, was US- bzw. NATO-Kriegspropagandisten von sich gegeben haben bzw. es noch heute in anderen „Fällen“ tun. Erst ab S. 222ff wird er aber doch etwas nachdenklicher. Das spiegelt sich dann auch teikweise im nachfolgenden Text „Retraktionen zu Libyen“ (S. 229-236) wider. Dennoch bleibt er dabei, daß die USA, die NATO oder die EU das Recht hätten, in anderen ihnen unliebsamen Staaten militärisch zu intervenieren… Hier sollte man sich als Humanist doch anders, konsequenter artikulieren und nicht solchen Vorwänden wie „irrer Diktator“, „Massenvernichtungswaffen“ oder – inflationär – „Menschenrechtsverletzungen“ aufsitzen.

Wirklich löblich sind dagegen Wolfs kurze und aussagestarke Texte „Das Recht auf ein menschenwürdiges Leben gilt bis zum letzten Atemzug“ (S. 241-248) und „Soziales Minimum als Menschenrecht“ (S. 249-252). Da wird er tatsächlich sogar „praktisch“.

 

Ein Programm des praktischen Humanismus für das 21. Jahrhundert

Gerade für diesen Abschnitt mit sechs Texten gilt das bereits eingangs angesprochene Resümee. Wolf sagt durchaus viel Wahres – insbesondere bei Zustandsbechreibungen, bleibt aber stets vage, bleibt an der Oberfläche, wenn es um Auswege, Lösungen etc. gehen muß. Sodaß er mit solchen Traktaten wohl kaum Menschen überzeugen wird können, sich aktiv für „den Humanismus“ und/oder den Humanistuschen Verband einzusetzen.

Insbesondere ist ihm zu widersprechen bei seinen Vorgaben bezüglich der „Staat-Kirche-Trennung“, hier weicht er – warum wohl ? – vor dem Machtanspruch des christlichen Klerus zurück. Da wird er sogar ahistorisch, wenn er wider besseres Wissen behauptet, der DDR-Freidenkerverband wäre aufgrund eines „Stasi“-Befehls gegründet worden… Da hätte Wolf vor seiner Niederschrift doch wohl besser mal den Akademie-Band 8 (Groschopp & Müller:„Letzter Versuch einer Offensive“, S. 80-90 und S. 93-95) lesen sollen.

Auch eher fragwürdig kommt Wolfs Modell der „Sechs Säulen des praktischen Humanismus“ (S. 269-276) daher. Das gilt im Wesentlichen ebenfalls für „Ein praktischer Humanismus für das 21. Jahrhundert“ (S. 277-287):

Was ist denn nun „praktischer Humanismus“? Auf diese wirklich konkrete Frage gibt Wolf wortreich keine Antworten. Und ebenfalls nicht in „Was kann heute der Sinn von Humanismus sein?“ (S. 289-298) und auch nicht in seinem Nachwort auf den S. 299 bis 318. Bemerkenswert ist jedoch Wolfs vehemente Absage an jede Form der Arbeiterbewegung, zu der ja seit mehr als 100 Jahren auch die Freidenkerbewegung gehört. Er beruft sich auf Marx, um Marx zu widerlegen. Da ist der Honorar-Professor eben ganz der „Grüne“…

Ja, es sei wiederholt: Frieder Otto Wolf redet viel vom „praktischen Humanismus“, verharrt aber selbst im akademischen Elfenbeinturm und redet über die Köpfe der Menschen hinweg. Viele gute Gedanken gehen daher leider unter, ja, verloren. Liest man Traktate von Theologie-Professoren, so wird man sich bereits auf den ersten Seiten bewußt, daß deren Auslassungen nur „Geschwurbel“ sind. Leider gilt das aber auch für das vorliegende Wolf-Traktat, das mitunter sogar ins Geschwafel abgleitet. Man denke da nur an seinen ebenfalls inflationär gebrauchten Begriff „Palaver der Menschheit“.

Vollends unlesbar wird dieses dicke Buch schließlich durch die unsägliche Genderei, die schlimme Verhunzung der deutschen Sprache/Schriftsprache, mal durch [dies ist vom Rezensenten ironisch gemeint] „Menschinnen und Menschen“ oder noch schlimmer durch die Sternchen (*) wie z.B. in „Humanist*innen“… Da müßte eigentlich eine Frage an Herrn Wolf so lauten: „Wie spricht man eigentlich dieses Sternchen in einem Wort aus?“

Alles in allem: Mit diesem Buch lockt man kaum jemand hinter dem Ofen hervor, sich näher mit „dem Humanismus“ zu befassen. Da muß an dieser Stelle auch dieses gesagt sein dürfen: Ein Hubert Cancik, ein Johannes Neumann und ein Horst Groschopp haben hierzu mehr zu sagen und können ihre Leser dabei verständlich und überzeugender ansprechen.

 

Siegfried R. Krebs

Frieder Otto Wolf: Humanistische Interventionen. Praktische Menschlichkeit in der Gegenwart. Schriftenreihe der HAD Bd.7. 324 S. Taschenbuch. Alibri-Verlag. Aschaffenburg 2019. 25,- Euro. ISBN 978-3-86569-291-7

 

 

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