Philosophie: was sind Konstrukte?

Bei einer privaten philosophischen Diskussion zeigte sich das Thema Konstrukte von seiner vertrackten Seite. Was ist ein Konstrukt aus der Sicht der materialistischen Philosophie? Ist es mit dem Bild von geralt, pixabay, umrissen als eine Aussendung vom Gehirn? Oder wie soll man sich Konstrukte vorstellen?

In solchen Fällen wendet man sich an die Basics bei Bunge, z.B. Matter and Mind. Dort sind die Begriffe so klar definiert wie sonst nirgends. Nach der materialistischen Ontologie von Bunge besteht die Welt aus Dingen und Konstrukten. Jedes Objekt ist entweder konkret (gleichbedeutend: materiell) – dann ist es ein Ding – oder abstrakt (gleichbedeutend: immateriell), dann ist es ein Konstrukt. Nach Bunge tun wir nur so, als ob es diese Konstrukte gäbe. Sie existieren nur fiktiv. Dazu ein paar Zitate aus einem noch nicht rezensierten Buch von Bunge/Mahner:

  • S.3: Immateriallen Objekten wie Ideen und Seelen kommt keine reale Existenz zu.
  • S. 18: Ausschließlich konkreten oder materiellen Objekten kommt reale Existenz zu.
  • S. 21: Abstrakte Objekte sind Fiktionen. Wir tun nur so als gäbe es solche Konstrukte.
  • S. 111: Die Existenz begrifflicher Objekte besteht darin, von einem rationalen Lebewesen gedacht werden zu können.
  • S. 115i: Begriffliche Objekte werden in dem Moment aufhören, zu existieren, in dem wir aufhören, sie zu denken, oder uns vorzustellen, dass sie denkbar sind – genauso, wie die Götter untergegangener Religionen aufgehört haben zu existieren. Sie müssen nicht zu jeder Zeit gedacht werden. Um zu existieren, ist es notwendig und hinreichend, denkbar zu sein.
  • S. 115ii: Es ist unwahrscheinlich, dass die Zahl 4653712650806471583077231724333419010833 jemals zuvor gedacht wurde, aber sie existierte, indem sie denkbar war. Dasselbe gilt für alle anderen abstrakten Objekte. Die Existenz … besteht in der Möglichkeit, von lebenden Wesen gedacht zu werden. … Real ist nur der Gehirnprozess, der im Denken von Konstrukten besteht.
  • S. 116: Jedes Konstrukt ist eine Äquivalenzklasse von Gedanken.
  • S. 117: Konstrukte sind zeitlos, sie dürften schon vorher und auch hinterher denkbar sein.

Dabei fällt auf, dass die Zitate von S. 115i und S. 117 nicht konsistent erscheinen. Konstrukte sind einmal vom tatsächlichen Gedachtwerden abhängig, wenn sie nicht mehr gedacht werden, hören sie auf zu existieren. Andererseits existieren sie zeitlos, weil sie ja immer noch denkbar sind. Wann also existiert ein Konstrukt? Daran entzündete sich die Diskussion.

Existiert es nach S. 115ii schon vor dem ersten Gedachtwerden, weil es ja denkbar ist? Das wäre dann noch abhängig von der Existenz der denkenden Wesen. Die Crux liegt aber in der Unendlichkeit des Möglichkeitsraums vom Denkbaren. Alles, was irgendwie denkbar ist, soll existieren, sobald ein denkendes Wesen existiert?

Und existiert es, bis es nicht mehr gedacht wird, oder existiert es, bis es nicht mehr denkbar ist, d.h. bis kein entsprechendes denkendes Wesen mehr da ist? An dieser Stelle dürfte es einen Präzisierungsbedarf geben.

Die Vorstellung, dass irgendetwas nur denkbar sein muss, um zu existieren, erscheint doch sehr gewollt. Dann existiert ja alles und jedes fiktiv. Das legt nahe, dass solche Objekte erstmal gedacht werden müssen, um zu existieren.

Bei der Zahl 4653712650806471583077231724333419010833 ist es anders. Die Zahlenreihe wird doch keine Lücken haben, weil jede einzelne Zahl erstmal gedacht sein muss, damit sie existiert? Solche Konstrukte scheinen eine andere Art fiktiver Existenz zu haben, nämlich eine zeitunabhängige.

Das liefe auf einen Unterschied bei den beliebigen und den nicht beliebigen Konstrukten hinaus. Mathematik und Zahlen sind nicht beliebige Konstrukte, Objekte wie Zeus, Quetzalcoatl oder Donald Duck (Bunges Beispiele) sind beliebige Konstrukte.

  • Für die beliebigen Konstrukte sollte S. 115i gelten, sie existieren ab dem ersten Gedachtwerden bis zum letzten Gedachtwerden (nur wann ist das letzte Mal?).
  • Für die nicht beliebigen Konstrukte sollte S. 115II und S. 117 gelten, die zeitunabhängige Existenz.

Das würde sich schön mit dem Ansatz vertragen, der in der (kommenden) Stellungnahme zu Bunge/Mahner versucht wird, dass nämlich den nicht beliebigen Konstrukten mehr als bloß die vom Gedachtwerden abhängige fiktive Existenz zukommt. Mit der Argumentation, dass wohl jede denkende Zivilisation auf die natürlichen Zahlen stoßen muss, erhalten die eine zeitunabhängige und letztlich auch vom Gedachtwerden unabhängige Existenz.

Die werden nicht erfunden, sondern sie werden gefunden.

Wenn das akzepziert wird, sind die beiden Sorten von Konstrukten nicht bloß nebenbei zu unterscheiden, sondern grundsätzlich und inhaltlich. Das soll nicht die platonische Sicht darstellen, dass Ideen so real wie Dinge existieren, sondern weniger: Die beliebigen Konstrukte werden erfunden, sie existieren ab der Erfindung, bis sie auf den Orkus kommen (sie können auch reanimiert werden wie der alte Zeus-Glaube). Die nicht beliebigen Konstrukte existieren immanent schon immer und über den Kältetod des Universums hinaus (es könnte ja weitere Multiversen geben, wo sie existieren), sie werden gefunden.

 

Wilfried Müller

Links dazu: Rezension Bunge Matter and Mind I – V, Rezension Bunge/Mahner I + II (geplant) sowie Stellungnahme dazu.

(Dieser Artikel wurde schon am 20.6.17 veröffentlicht und am 6.9.19 leicht überarbeitet.)

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26 Responses to Philosophie: was sind Konstrukte?

  1. Klarsicht(ig) sagt:

    Meine laienhafte Denke: Wenn man behauptet, dass etwas existiert, dann muss es irgendeine Beschaffenheit (Substanz) aufweisen. Dadurch müsste es für sich in Raum und Zeit lokalisierbar sein. Es müsste für sich Grenzen im Verhältnis zu seiner Umwelt aufweisen. Abstrakte Objekte existieren aber nur allein durch biologisches Material (Hirne/Materie) und durch die in ihm ablaufenden elektrisch-chemischen Prozesse/Wechselwirkungen. Nur das biologische Material ist in Raum und Zeit lokalisierbar und weist Grenzen zu seiner Umwelt auf.

    „Da es kein bekanntes Naturgesetz gibt, dass die [Möglichkeiten der Materie] beschränkt, muss man annehmen, dass die Natur alles hervorbringt, was in ihrer Möglichkeit liegt.“ Es handelt sich hier um einen Satz von Herrn Prof. Bernulf Kanitscheider, den ich etwas abgewandelt und seinem Buch „Im Innern der Natur, Philosophie und moderne Physik“, S. 172, entnommen habe.

    Gruß von
    Klarsicht(ig)

  2. Wilfried Müller sagt:

    Die Sicht von Bunge kann man morgen und übermorgen hier nachlesen. Er gesteht den Dingen unabhängige Existenz zu und den Konstrukten nur fiktive Existenz, ähnlich wie Kanitscheider.

    • Klarsicht(ig) sagt:

      Zitat: „Er gesteht den Dingen unabhängige Existenz zu …“

      Es ist eine Tatsache, dass Dinge eine unabhängige Existenz haben. Sie muss ihnen nicht besonders zugestanden werden.

      Zitat: „…und den Konstrukten nur fiktive Existenz, ähnlich wie Kanitscheider.“

      Ich denke, dass sich aus dem von mir zitierten Satz des Herrn Kanitscheider nicht ableiten lässt, dass er eine ähnliche Auffassung wie Herr Bunge vertreten hat.

      Nach meiner Kenntnis bedeutet fiktiv: angenommen, erdacht, erdichtet usw. Konstrukte sind also unselbständige Bestandteile einer besonderen, biologischen Substanz (Hirn), die die Fähigkeit besitzt, in sich etwas annehmen, erdenken oder erdichten zu können.

      Vielleicht sollte man sich darauf verständigen, dass es autonome und kontraautonome Existenzen gibt, wobei ich an ungeborene menschliche und tierische Kinder denke.

      Ist es zulässig, z. B. einem Kochvorgang eine autonome oder kontraautonome Existenz zuzuschreiben ? Er stellt doch tatsächlich bloß einen mithilfe von Energie veränderten Materiezustand dar.

      In meiner Denke betrachte ich ein Konstrukt als konfigurierte Energie, die in einer besonderen biologischen Substanz erzeugt wird. Manche Mitmenschen würden wohl behaupten, es handelt sich um eine immaterielle Existenz, die sich von der biologischen Substanz emanzipiert hat. Da taucht dann aber für mich die Frage auf, wie sich Immaterielles vom NICHTS unterscheidet ? Ich habe auch noch nicht davon gehört, dass sich Materie auf irgendeine Art und Weise in Immaterie umwandeln kann. Wenn sie es aber können sollte, würde dadurch nicht der sogenannte Energieerhaltungssatz verletzt werden ?

      Gruß von
      Klarsicht(ig)

  3. Günter Dedie sagt:

    Nach Bunge und Mahner und nach meinem eigenen Verständnis sind Konstrukte Äquivalenzklassen von Gedanken („Memen“), also emergente Ergebnisse von Gehirnprozessen eines bestimmten Typs. Da die emergenten Prozesse im Gehirn dissipative Prozesse sind, wird in die Erzeugung von Konstrukten Energie investiert.

  4. Wilfried Müller sagt:

    Information ist doch etwas Immaterielles, darunter auch alle Meme. Natürlich brauchen die Bits Materie, um dargestellt zu werden, und Energie, um gedacht zu werden. Trotzdem sind Information, Meme und alle sonstigen Konstrukte und Begriffe wie Menge, Zustand, Fakt, Raum, Zeit usw. usf. immateriell und trotzdem nicht nichts. Bunge wendet sich denn auch gegen „it from bit“ und sagt „bit from it“.

    Die Tatsache, dass Dinge eine unabhängige Existenz haben, wird übrigens vom Idealismus geleugnet, und der war in Deutschland die Haupt-Philosophierichtung.

    • Klarsicht(ig) sagt:

      Keinen Widerspruch !

      Mein Kommentar sollte auch ein Hinweis darauf sein, dass wohl nicht wenige Mitmenschen glauben, dass etwas, was als immateriell gilt, sich aus dem Hirn heraus begeben hat und dann irgendwo autonom existiert (Leib/Seele-Dualismus). Die glauben wohl auch, dass ihre Denke irgendwo außerhalb ihres Hirns ein „Eigenleben“ führt. Das habe ich mit „sich von der biologischen Substanz emanzipiert hat“ gemeint. Es ist mein Fehler, dass ich nicht klarer formuliert habe.

      Gruß von
      Klarsicht

  5. Günter Dedie sagt:

    Lieber Wilfried, eine Aussage von Bunge&Mahner möchte ich noch ergänzen: Informationen sind Eigenschaften von Dingen. Also keine eigene Klasse von Substanzen oder sonstiges. Und als Eigenschaften sind sie, wie du schon gesagt hast, nicht materiell.

  6. Wilfried Müller sagt:

    Informationen sind Eigenschaften von Dingen? Interessante Frage, das müßte man mal diskutieren.

    • Klarsicht(ig) sagt:

      Ich denke auch, dass hier Diskussionsbedarf besteht.

      Ich habe Schwierigkeiten damit, es zu akzeptieren, dass etwas „nicht materiell“ sein kann. Wenn etwas nicht materiell sein kann, dann müsste es den Leib/Geist-Seele Dualismus doch geben, was ich bezweifel.

      Wo im Universum gibt es etwas, was „nicht materiell“ ist, was autonom neben irgendeiner Materie ohne irgendeine materielle Beschaffenheit schwebt ? Etwas, was „nicht materiell“ ist, würde eine zweite Entität neben der Materie darstellen. Wenn etwas nicht aus Materie besteht, woraus besteht es dann ?

      Ich denke, bewegliche und unbewegliche Sachen (Materie) besitzen keine Eigenschaften und liefern auch keine Informationen. Eigenschaften und Informationen sind Begriffe menschlicher Kulturen. Sie sind konfigurierte Zustände von besonderen biologischen Substanzen (Hirn/Materie/Energie). Sie bilden sie dadurch, dass diese Substanzen durch sogenannte Sinne in der Lage sind, bewegliche und unbewegliche Sachen als tatsächlich existent wahrzunehmen. Informationen und Eigenschaften werden mit der Wahrnehmung in die Sachen hinein interpretiert. Die Interpretation ist aber ein materieller Vorgang.

      Somit sind Wahrnehmungen, Informationen und Eigenschaften bestimmte, unterschiedliche Zustände einer besonderen biologischen Substanz (Hirn). Ändert sich der Hirnzustand oder ist keine Hirnfunktion mehr vorhanden, verschwinden auch die angesprochenen Wahrnehmungen, Informationen und Eigenschaften.

      Gruß von
      Klarsicht(ig)

    • Günter Dedie sagt:

      vgl. B&M S. 37

  7. Wilfried Müller sagt:

    Nochmal: Dinge sind materiell, Konstrukte nicht. Dinge existieren unabhängig, Konstrukte nur fiktiv, wen sie gedacht werden. Eigenschaften sind was anderes als Informationen, die Dinge besitzen Eigenschaften, z.B. Masse und Energie. Die Tropentheorie sieht sogar die Dinge als aus unabhängigen Eigenschaften konstituiert. Die platonischen Sammel-Eigenschaften gibt es aber auch da nicht.

    • Klarsicht(ig) sagt:

      Nochmal: Es ist doch nicht etwa so, dass die Materie den Hirnen mitteilt, dass sie existiert und dass sie Materie genannt werden will. Hirne drücken der Umwelt Bezeichnungen auf, nicht umgekehrt. Eine besondere Materieart, die sich selbst als Hirn bezeichnet, macht ständig von den in ihr steckenden Möglichkeiten Gebrauch. Ihre immanenten Möglichkeiten bestehen primär in der Wahrnehmung dessen, was außerhalb von ihr existiert. Ihre Möglichkeiten gestatteten es ihr in Deutschland, z. B. für ihre Wahrnehmung den Begriff Wahrnehmung erfunden zu haben. Und für andere Wahrnehmungen hat sie weitere Begriffe erfunden. So erfand sie z. B. für eine bestimmte Materieart in Deutschland den Begriff Baum. Begriffe existieren aber nicht autonom, sondern sie sind und bleiben Bestandteil der der Materie, die sich selbst Hirn nennt.

      Zitat: „Eigenschaften sind was anderes als Informationen, die Dinge besitzen Eigenschaften, z.B. Masse und Energie.“

      Wer ist es denn, der die Eigenschaften und Informationen wahrnimmt und sie so bezeichnet ? Wer nimmt es denn wahr, dass es Masse und Energie gibt und bezeichnet sie so ?  

      Gruß von
      Klarsicht(ig)

    • Klarsicht(ig) sagt:

      Gäbe es keine Hirne mehr und würde die Materie danach suchen, wenn sie es könnte, ob es irgendwo fiktive oder immaterielle Existenzen gibt, so würde sie solche Existenzen nirgends finden.

      Eigenschaften der Materie existieren natürlicherweise auch ohne die Anwesenheit von Hirnen. Der Begriff Eigenschaft z. B. aber nicht mehr.

      Gruß von
      Klarsicht(ig)

    • Klarsicht(ig) sagt:

      Vielleicht könnte man sich ja darauf verständigen, dass man Denk- oder Hirnexistenz meint, wenn man über „fiktive“ und „immaterielle“ Existenz schreibt spricht ?

      Gruß von
      Klarsicht(ig)

    • Johann Wolfgang Goethe sagt:

      Ich sehe das genauso, Wilfried! Dinge sind materiell und fiktive Konstrukte sind Gedanken, Einbildung, etc.

      Gruß Wolfgang

    • Klarsicht(ig) sagt:

      @ Johann Wolfgang Goethe

      Zitat: „… fiktive Konstrukte sind Gedanken, Einbildung, etc.“

      Welche Substanz erzeugt denn Gedanken und Einbildung ? Und was ist etc.? Welche Substanz nimmt denn die Gedanken und Einbildung wahr ? Welche Substanz liefert die Energie zur Aufrechterhaltung der Gedanken und Einbildung ?

      Bei allen Gedanken und jeder Einbildung handelt es sich um Konstrukte (des Hirns). Sie sind und bleiben Bestandteile des Hirns. Deswegen bezeichne ich sie als denk- und hirnexistent. „Virtuelle“ und „immaterielle“ Existenzen weisen nach meinem Verständnis einen Widerspruch in sich auf.

      Hirn-Konstrukte (auch Bilder) sind bestimmte Hirnzustände, die wiederum zu anderen und weiteren Hirnzuständen führen (können). Einer bestimmten „Klasse“ von Hirn-Konstrukten stehen unabhängig vom Hirn konkrete, materielle Dinge gegenüber, die von Hirnen mit Bezeichnungen versehen wurden, die sie erfunden haben (z. B. Baum oder Elefant). Viele Hirn-Konstrukte lassen sich nach deren Vorlage (Bild) außerhalb des Hirns in konkrete, materielle Dinge umwandeln. Besteht das Hirn-Konstrukt z. B. aus Schrift (Buchstaben), kann sie, die Schrift, auf irgendeine geeignete Materie übertragen werden. Die auf Materie übertragenen Buchstaben bestehen ebenfalls aus Materie. Zur Umwandlung der Hirnvorlage in materielle Dinge ist wiederum Materie im Spiel: Hirn, unbearbeitete Materie und Maschinen (bearbeitete Materie).

      Gruß von
      Klarsicht(ig)

  8. Wilfried Müller sagt:

    Die Diskussion war ja eigentlich ontologisch, Klarsicht(ig). Du bringst jetzt epistemische Probleme mit rein, indem Du nach Wahrnehmung und Bezeichnung fragst. Nach der Bungeschen Ontologie gibt es Eigenschaften unabhängig von Gehirnen, während der Begriff Eigenschaften ein Konstrukt ist wie alle anderen Begriffe auch. Philosophie: Ontologie vs. Epistemologie diskutiere ich in https://www.zum-muendigen-buerger.de/2019/06/28/philosophie-ontologie-vs-epistemologie/. Meine Stellung zu Konstrukten steht in Philosophie: was sind Konstrukte? https://www.zum-muendigen-buerger.de/2019/09/07/1789/

    Im übrigen sind sich die Philosophen keineswegs einig, dass die Dinge da draußen objektiv existieren. Das ist vielmehr eine Grundannahme, die der Materialist trifft (siehe auch meine Stellungnahme, https://www.zum-muendigen-buerger.de/2019/09/10/1814/). Der Idealist denkt anders.

    • Klarsicht(ig) sagt:

      Ich denke, dass sich Ontologie und Epistemologie wohl nicht (scharf) trennen lassen. Meine Logik sagt mir, dass sich die Ontologie nur mit den Ergebnissen aus der Epistemologie beschäftigen kann. Die Epistemologie stellt für mich gewissermaßen das Werkzeug her, mit der man in der Lage ist, Ontologie zu betreiben (z. B. Wahrnehmung und Bezeichnung).

      Wenn es Eigenschaften unabhängig von Gehirnen gibt (gibt meint = existieren), dann können es nach meinem Verständnis zur solche sein, mit denen die Materie und Energie versehen sind. Ich wüsste nicht, wo darüber hinaus Eigenschaften identifiziert werden könnten, wenn es keine Hirne geben würde. Also eine Eigenschaft kann nur etwas haben, was existiert. Etwas, was existiert, muss aber irgendeine Beschaffenheit (Materie/Energie) aufweisen. Eine Eigenschaft besitzt keine autonome Existenz.

      Der Grund dafür, warum ich hier so hartnäckig diskutiere, besteht darin, dass ich es unbedingt vermeiden möchte, dass die Begriffe „virtuelle“ und „immaterielle“ Existenzen von den Mitmenschen evtl. missbraucht werden könnten, die die Position vertreten, dass es den „Leib/Geist-Seele“ Dualismus doch gibt. Und das sind die Kleriker der „Glaubenskonzerne“ und deren „Gefolgschaften“ [„virtuelle(r)“ und „immaterielle(r)“ Geist/Seele/Gott].

      Gruß von
      Klarsicht(ig)

    • Klarsicht(ig) sagt:

      @ Günter Dedie

      Zitat: „Für wissenschaftliche Betrachtungen gilt die Regel, dass man keine Voraussetzungen ohne zwingende Notwendigkeit machen sollte (Ockhams Rasiermesser oder Sparsamkeitsprinzip). Diese Regel kann man statistisch begründen. Je mehr ungerechtfertigte Annahmen ich aufstelle, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine davon falsch ist – und damit meine ganzen abgeleiteten Schlussfolgerungen.“

      Quelle: Woher kommen die Naturgesetze ?:
      https://de.richarddawkins.net/foundation_articles/2014/6/30/woher-kommen-die-naturgesetze

      Ich versuche, diese Regel bei meiner Argumentation einzuhalten.

      Gruß von
      Klarsicht(ig)

  9. Günter Dedie sagt:

    Nach meinem Verständnis kann man durchaus eine Trennung zwischen Ontologie und Epistemologie vornehmen: Die Ontologie bezieht sich auf die reale Welt und ist eine erfahrungswissenschaftliche Vorgehensweise mit dem Schwerpunkt der naturwissenschaftlichen Methodik. Die Epistemologie ist eine philosophisch-geisteswissenschaftliche und erkenntnistheoretische Vorgehensweise; die Erfahrungswissenschaft steht dabei nicht im Vordergrund.

    • Klarsicht(ig) sagt:

      @ Günter Dedie 

      Ich maße es mir nicht an zu bestreiten, dass sich die beiden Logien objektiv trennen lassen. Es ist mir egal, ob sie sich trennen lassen oder nicht.

      Ich erkenne es auch gerne an, dass die Ontologie das Fachgebiet ist, was sich mit der realen Welt befasst – mit dem Sein.

      Die Materie, dass Sein, konnte sich aber fast 13,8 Milliarden Jahre nicht mit sich selbst befassen. Das tat sie/es erst ab dem Zeitpunkt, als eine bestimmte Art des Seins (Hirne) zu existieren begann, das in der Lage war, sich selbst und seine Umwelt bewusst wahrzunehmen. Die erste bewusste Wahrnehmung durch Hirne war gewissermaßen eine Frühform der Epistemologie. Und jede Erfahrung, die Hirne dann nach und nach mit ihrer Umwelt (dem Sein) gemacht haben, vergrößerte das Volumen der Hirnerkenntnisse.

      Damit, dass ein Sein existiert, kann das Hirn nichts anfangen. Es muss also die Fähigkeit besitzen zu erkennen, dass ein Sein existiert und das es verschiedene Arten von ihm gibt usw. usf. Aufgrund dessen meine ich, dass die Erforschung des Seins nicht ohne die Epistemologie aus kommt. Das Hirn liefert die Erkenntnisse über das Sein und die Begriffe für die Bezeichnung der Erkenntnisse. Hat man es insoweit mit Ontologie oder mit Epistemologie zu tun ?

      Gruß von
      Klarsicht(ig)

    • Klarsicht(ig) sagt:

      Eigentlich ist das Hirn hinsichtlich solcher Materie, die nicht nach seiner Denkvorlage geformt und verändert wurde (z. B. Himmel, Meere, Urwälder, Berge, Kugelform der Erde, Sonnen, Monde, Planeten und Galaxien), gewissermaßen ein Plagiator, denn es stiehlt durch seine Wahrnehmung etwas, was bereits vor seiner Existenz existierte. Bei solcher Materie, die nach seiner Denkvorlage geformt und verarbeitet wurde, ist das Hirn gewissermaßen Mitinhaber des veränderten oder völlig neuen Bildes.

      Gruß von
      Klarsicht(ig)

  10. Wilfried Müller sagt:

    Was Du schreibst, ist alles epistomologisch, Klarsicht(ig). Die Erkenntnistheorie ist ein interessantes Thema, und es stimmt natürlich, dass sie auf den Hirnfunktionen beruht. Wir diskutieren hier aber Bunges Ontologie, deshalb besteht kein Grund zur Furcht vor Dualismus und dergleichen.

    • Klarsicht(ig) sagt:

      @ Wilfried Müller

      Ich gehe das Wagnis ein und verlasse mich darauf, was Du im letzten Halbsatz Deines Kommentars geschrieben hast -:)

      Gruß von
      Klarsicht(ig)

  11. Günter Dedie sagt:

    Ich schreibe seit einigen Monaten an einem kleinen Büchlein über die Naturgesetze auf der Basis des ontologischen Naturalismus, unter besonderer Berücksichtigung der emergenten bzw. evolutionären Prozesse. Soweit ich noch Zeit dafür habe. Mag sich da wer als „Sparringspartner“ beteiligen?

  12. Wilfried Müller sagt:

    Ich finde Günters Projekt sehr interessant, aber wo soll ich die Zeit hernehmen? Für Klarsicht(ig) möchte ich Bunges Argument zum Dualismus erwähnen: Wenn da was Duales ist, wie beeinflusst es dann das Primale? Und wieso gerade im Hirn und nicht im Knie?

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