Rezension Bunge/Mahner Über die Natur der Dinge I

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Mario Bunge war Professor für theoretische Physik, später für Wissenschaftsphilosophie. Er hat zahlreiche Bücher und etwa 500 Arbeiten über Physik, Ontologie, Methodologie usw. verfasst. Einiges hat Bunge zusammen mit Dr. Manfred Mahner publiziert, einem Biologen, der auch im Bereich Wissenschaftstheorie, Ontologie, Religions- und Pseudowissenschaftskritik arbeitet. Beide zusammen haben ein Standardwerk geschrieben, das als Bibel des Materialismus‘ taugt. Zum 100. Geburtstag von Bunge am 21.9.19 bringt ZmB die Rezension:

Über die Natur der Dinge

Materialismus und Wissenschaft

Wohl kaum irgendwo anders sind die Grundlagen der Ontologie so prägnant beschrieben wie bei Bunge/Mahner. Der Text schöpft aus einem großen Fundus, der lesergerecht aufbereitet wurde und sich durch besondere Klarheit auszeichnet. Auf 273 Seiten die ganze Welt des Materialismus‘ unterzubringen, ist eine große Aufgabe, die ansprechend und gekonnt gelöst wurde.

Das Buch vertritt die These, dass ein moderner Materialismus Voraussetzung für die Wirklichkeitswissenschaften ist. Demnach wirkt der Materialismus befreiend, entzieht er doch den Menschen der Auslieferung an höhere Mächte, und zugleich bedrohend, indem er den Menschen auf sich allein stellt.

Die Leseempfehlung ist, nichts auszulassen, denn die begrifflichen Grundlagen lassen sich in der vorgegebenen Reihenfolge am besten nachvollziehen – und so ist es tatsächlich. Der Leser ist gut beraten, die Begriffsbildungen genau zu studieren, denn eins setzt immer aufs andere auf.

Bei der Einleitung werden die konkurrierenden Weltbilder von Idealismus (die Wirklichkeit ist durch das Denken bestimmt) und Materialismus (die Welt beruht auf Materie und deren Gesetzmäßigkeiten) vorgestellt. Im weiteren wird die materialistische Ontologie abgehandelt, die sich mit solchen Fragen befasst: Was ist Materie? Was ist ein Ereignis? Sind alle Ereignisse gesetzmäßig? Wie und wo existieren Abstrakta? Ist Zufall real?

Um nicht in den Unterscheidungen zwischen Materialismus, ontologischem Realismus und ontologischem Naturalismus verlorenzugehen, sei hier nur auf das Sparsamkeitsprinzip verwiesen, nach dem man nach möglichst einfachen Erklärungen forscht, und dass es keine übernatürlichen Dinge oder Eigenschaften gibt – es geht alles mit rechten Dingen zu. Die Dinge sind denn auch das folgende Thema.

Dinge

Dinge sind materielle bzw. konkrete Gegenstände. Dazu zählt alles von Atomen und Photonen über Magnetfelder und Ökosysteme bis zu Lebewesen und Sternen. Nur materiellen Dingen billigt Bunge/Mahners Ontologie reale Existenz zu, im Gegensatz zu immateriallen Objekten wie der Zahl 3 oder dem Satz des Pythagoras.

Magnetfelder, andere Photonen oder auch Ökosysteme gehören zu den realen Dingen, weil sie mit anderen realen Dingen interagieren. Die Wechselwirkung bzw. Veränderbarkeit ist das Kriterium für Realität, nicht die Masse (Photonen, also auch Magnetfelder haben keine). Und auch nicht ihre räumliche und zeitliche Lokalisierbarkeit., denn nach der Relativitätstheorie ist der Dingbegriff den Begriffen von Raum und Zeit logisch vorgeordnet.

Konstrukte

Jedes Objekt ist entweder konkret – dann ist es ein Ding – oder abstrakt, dann ist es ein Konstrukt. Gleichbedeutend mit konkret wird auch materiell gebraucht, gleichbedeutend mit abstrakt auch immateriell oder ideell. Nach Bunge/Mahner tun wir nur so, als ob es diese Konstrukte gäbe. Mehr dazu kommt nach der vorgegebenen Reihenfolge erst später.

Eigenschaften

Die Dinge besitzen Eigenschaften, die etwas anders als im Sprachgebrauch definiert werden. Das wird sehr genau genommen; so werden reale Eigenschaften und ihre begrifflichen Repräsentationen – Prädikate genannt – unterschieden, denn es mag ja Eigenschaften geben, die wir nicht kennen und für die wir keine Prädikate haben, und umgekehrt schreiben wir Dingen vielleicht Eigenschaften zu, die sie gar nicht haben.

Nur positive Eigenschaften werden akzeptiert, denn es gibt keine negativen Eigenschaften. Die Eigenschaft „am Abend in der Oper sein“ haben nur die tatsächlich Anwesenden. Nicht Anwesenden kann man nicht die Negation als Eigenschaft zuschreiben. Sonst hätte auch der Planeten Neptun die Eigenschaft, nicht „am Abend in der Oper sein“. M.a.W. sonst hätten sämtliche Dinge dieselbe Zahl von Eigenschaften, nämlich alle, entweder positiv oder negativ.

Zu den Eigenschaften gehört auch der Ort. Ein Ding hat die Eigenschaft, zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort zu sein. Dadurch ist sichergestellt, dass es keine zwei identischen Dinge gibt.

Weiterhin gehört auch die Masse zu den Eigenschaften. Dinge besitzen Masse (oder auch nicht, wie das Photon). Masse ist also eine Eigenschaft und keine Substanz o.ä. Alle massehaltigen Dinge sind demnach materielle Dinge, aber nicht alle materiellen Dinge haben Masse.

Auch die Energie zählt zu den Eigenschaften. Hier gilt aber, dass alle materiellen Dinge Energie haben. Weil Energie mit Veränderlichkeit gleichgesetzt wird, folgt die Definition alle Dinge sind veränderbar. Und alles, was nicht konkretes materielles Objekt ist – also kein Ding ist -, besitzt keine Energie und ist nicht veränderbar. Das trifft wieder die begrifflichen Objekte, die Konstrukte. Die Autoren räumen hier auch Missverständnisse über „Nullenergie“ und Energievernichtung aus, um die physikalische Basis ihrer Ontologie zu sichern.

Gesetze

Die Naturgesetze sind bei Bunge/Mahner auch Eigenschaften der Dinge. Genaugenommen sind sie indirekte Eigenschaften – relationale Eigenschaften von essenziellen Eigenschaften – der Dinge. Die Dinge können sich aufgrund ihrer essenziellen Eigenschaften nur so und nicht anders verhalten. Es gibt keine Instanz jenseits dieser gesetzmäßigen Eigenschaften, die den Dingen ihr Verhalten aufzwingen könnte. Die Gesetze existieren demnach nur zusammen mit den Dingen.

Im Grunde sind die Naturgesetze damit implizit definiert als die Art, wie die Natur eben wechselwirkt. Der Geltungsbereich der Gesetze ist damit an die Möglichkeit der Wechselwirkung geknüpft. Z.B. eine Reaktion passiert nur, wenn Druck und Temperatur stimmen, und nur dann gilt das Gesetz. Die Gültigkeit vom Gesetz ist an die potenzielle Reaktionsmöglichkeit geknüpft, nicht daran, dass die  Wechselwirkung tatsächlich stattfindet.

Hier wird klar unterschieden zwischen dem Naturgesetz, das je nach Bedingung gültig ist, und den Gesetzesaussagen. Letztere sind Konstrukte, mit denen die Naturgesetze näherungsweise beschrieben werden. Genaugenommen stimmen diese Gesetzesaussagen wie z.B. Newtons Gravitationsgesetz nicht, denn sie gehen immer von Vereinfachungen aus (punktförmige Massen, homogene Körper, reibungsfreie Bewegung, idealisierte Populationen, Relativität nicht beachtet usw.). Sie sind Idealisierungen bzw. Approximationen. Als Fazit sind Gesetze „objektive Muster des Seins und Werdens, die durch Gesetzesaussagen repräsentiert werden können.“

Zustand, Veränderung, Zeit, Ursache

Der Zustand eines Dings kann als Punkt im Zustandsraum seiner möglichen Zustände angesehen werden. Der Zustandsraum hat so viele Dimensionen, wie das Ding Eigenschaften hat (für Mathematiker ist ein vieldimensionaler Raum kein Problem). Da alle Dinge sich verändern, indem sich die Werte einiger seiner Eigenschaften verändern, ändert sich auch der Ort im Zustandsraum. Eine solche Änderung ist ein Ereignis. Eine Reihe von Ereignissen ist ein Prozess. Er wird durch eine Punktfolge im Zustandsraum dargestellt. Das sind die Geschichtskurven des Dings.

Für diese Veränderungen ist der Begriff der Zeit nicht erforderlich. Die Zeit wird durch die Veränderung der Dinge erst konstituiert.

Die Dinge können sich quantitativ verändern, dann verschieben sie sich auf den Eigenschafts-Achsen. Sie können sich qualitativ ändern, dann entstehen neue Eigenschaften, und der Zustandsraum bekommt mehr Dimensionen, oder umgekehrt. Von einem neuen Ding spricht man erst, wenn die Veränderungen eine gewisse Größe überschreiten.

Die Veränderungen, also Prozesse, sind keine „kausalen“ Prozesse, denn ein früherer Zustand eines Dings ist nicht die Ursache eines späteren Zustands. Nur wenn eine Zustandsänderung in einem Ding eine Zustandsänderung in einem anderen Ding hervorbringt, wird von Ursache gesprochen.

Realität von Konstrukten

Konstrukte oder Abstrakta haben keinen Zustandsraum, weil sie keine substanziellen Eigenschaften haben. Sie sind weder veränderbar noch unveränderlich, sie wechselwirken mit nichts, und sie existieren nur dadurch, dass jemand da ist, der sie denkt. Z.B. die Zahl 3 kann sich nicht in die Zahl 4 verwandeln. Andere Abstrakta wie „die Religion“ ändern sich, aber nur dadurch, dass menschliche Gehirne tätig werden.

Real sind nur Dinge, die nicht von unserem Denken abhängen. Das kann mit der Materie gleichgesetzt werden, der Materiebegriff ist der Sammelbegriff für alle realen Dinge. Ein Objekt ist real, wenn es mindestens ein anderes Objekt oder Bestandteile seiner selbst beeinflusst.

Zeit und Raum

Eigenschaftem, Zustände, Ereignisse und Prozesse sind nur auf abgeleitete Weise real. Die Entfernung zwischen zwei Dingen ist nicht real, weil sie kein materielles Objekt ist, nur die beiden Dinge sind es.

Zeit und Raum sind daher nur auf abgeleitete Weise real. Ohne die materiellen Dinge gäbe es keine Raumzeit; die Dinge konstituieren sie. Der Zeit kommt dabei ein Sonderstatus zu. In der „vierdimensionalen Raumzeit“ kommt nur dem dreidimensionalen Raum (abgeleitete) Realität zu. Die Zeitdimension, die Veränderung der Dinge, ihre Geschichte, ist nicht selbst ein Ding, denn sie kann keine Zustandsänderung durchmachen – aber die Veränderung konstituiert die Zeit.

Komplexe Dinge

Komplexe Dinge werden Systeme genannt. Maßgeblich sind Zusammensetzung, Umgebung und Struktur der Systeme. Systemspezifische Prozesse werden Funktionen oder Mechanismen genannt. Systeme können Systemeigenschaften haben, die ihre konstituierenden Subsysteme nicht haben. Z.B. flüssiges Wasser hat Eigenschaften, die seine Moleküle H2O, H3O+ , OH nicht haben.

Emergenz

Das nennt man Emergenz. Emergente Eigenschaften entstehen in komplexen Dingen, deren Komponenten die Eigenschaften nicht haben (intrinsische Emergenz) oder auch wenn ein Ding Bestandteil eines Systems wird (relationale Emergenz). Beispiele für intrinsische Emergenz sind Wasser oder Körperzellen, Beispiele für relationale Emergenz sind Gene oder Ehepartner.

Der Emergenzbegriff ist ontologisch und nicht erkenntnistheoretisch, er hat etwas mit der realen Welt zu tun, nicht mit dem Wissen darüber. Deshalb wird bei Bunge/Mahner nicht die Aussage gemacht, dass die emergenten Eigenschaften nicht aus der Kenntnis der Eigenschaften der Komponenten erklärt werden können. Für den Ontologen ist es egal, ob die Eigenschaft vorausgesagt werden kann – erklärte Neuheit ist nicht weniger neu als unerklärte oder unerklärbare. Auch die Selbstorganisation ist ein ontologisches Konzept.

System-Hierarchie

Die Selbstorganisation wird in Stufen betrachtet, mit der Abfolge physikalisch, chemisch, biologisch, sozial. Die Systeme haben dabei eine zunehmende Komplexität. Jedes neue System weist emergente Egenschaften und Gesetzmäßigkeiten auf. Diese lassen sich nicht auf die Physik reduzieren, deshalb muss ein moderner Materislismus emergentistisch sein und nicht physikalistisch.

Tatsachen, Fakten, Phänomene

Sachverhalte sind real, sie sind objektive Fakten. Sie können sein: ein bestimmtes Ding existiert, es hat eine bestimmte Eigenschaft, es durchläuft eine bestimmte Veränderung usw.

Man muss zwischen Tatsachen und Aussagen über Tatsachen unterscheiden. Die Alltagssprache tut das nicht, sie bezeichnet auch wahre Aussagen über Tatsachen als Tatsachen. Wie bei den Gesetzesaussagen sprechen Bunge/Mahner deshalb von Tatsachenaussagen. Dabei müssen auch konkrete und abstrakte Sachverhalte unterschieden werden. Der mathematischen Tatsache dass 2 + 2 = 4 kommt demnach keine Realität zu, es ist nur eine fiktive Tatsache.

Phänomene sind Ereignisse im Nervensystem. Zwischen den Tatsachen und den wahrgenommenen Phänomenen besteht keine 1:1-Beziehung, Phänomene können sogar ganz vom Hirn generiert werden wie etwa Halluzinationen. Doch Phänomene sind eine Teilmenge der realen Sachverhalte.

Daraus wird der Anspruch abgeleitet, dass die Realwissenschaften reale Sachverhalte incl. der Phänomene erklären sollen. Also Phänomene aus Sachverhalten erklären und nicht umgekehrt – der idealistische oder phänomenalistische Ansatz „Wir konstruieren die Wirklichkeit“ sei inhaltsleer. Denn das bedeute nur, „Wir konstruieren unsere Weltmodelle“, was letztlich hinauslaufe auf „Unsere Erkenntnis ist unsere Erkenntnis“.

Kausalität und Wahrscheinlichkeit

Nur Veränderungen können kausal miteinander verknüpft sein. Eine Ursache ist immer eine Zustandsänderung, die eine andere Zustandsänderung hervorbringt. Dinge, Eigenschaften und Zustände können nicht kausal verknüpft sein, und schon gar nicht Ideen.

Mit dem Begriff Wahrscheinlichkeit möge man sparsam umgehen, denn er betrifft eigentlich nur (objektive) Zufallsereignisse und keine (subjektiven) Aussagen und auch keine (mentalen) Ungewissheiten. Vor allem die „Überzeugungsgrade“ aus der experimentiellen Psychologie können den Gesetzen der Wahrscheinlichkeitsrechnung widersprechen. Und bei einmaligen Ereignissen möge man sich hüten, von Wahrscheinlichkeiten zu sprechen und ihnen Häufigkeiten zuzurechnen. Als Beispiel wird das Entstehen des Sonnensystems und der Zelle genannt.

Möglichkeit und Notwendigkeit

Dies sind schwer greifbare ontologische Kategorien, doch die Möglichkeit muss eine reale Eigenschaft sein – was passiert, muss möglich gewesen sein. Der Zustandsraum ist auch ein Möglichkeitsraum. Reale Möglichkeit ist daher identisch mit Gesetzmäßigkeit.

Die Notwendigkeit ist dann gegeben, wenn die Möglichkeit gegeben ist und wenn die relevanten Umstände passen. Dann tritt das Ereignis notwendigerweise ein, außer bei probabilistischen Gesetzen wie im Quantenbereich. Dann treten die Ereignisse nur mit bestimmter Wahrscheinlichkeit ein.

Wer sich bis hierher durchgearbeitet hat, auf den wartet mit sehr großer Wahrscheinlichkeit der 2. Teil Rezension Bunge/Mahner Über die Natur der Dinge II. Da geht es nochmal um die Abstrakta, dann um ausgewählte Probleme wie Freien Willen und Computerdenke. Weiterhin werden Ethik, Wissenschaft und Religion im Licht des Materialismus‘ betrachtet.

 

Wilfried Müller

Das Buch von Bunge/Mahner ist besonders wichtig und immer noch aktuell: Bunge, Mario / Mahner, Martin, Hirzel-Verlag 2004

Links dazu: Matter and Mind I-V, Philosophie: was sind Konstrukte?

(Diese Rezension wurd u.a. am 20.6.17 publiziert und am 6.9.19 überarbeitet.)

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1 Response to Rezension Bunge/Mahner Über die Natur der Dinge I

  1. Klarsicht(ig) sagt:

    Hallo, Wilfried !

    Was man hier von Dir und Herrn Dedie bisher zu Lesen bekommen hat, besitzt nach meiner Beurteilung wirklich hohe bis sehr hohe intellektuelle Qualität. Ich bemühe mich redlich, jeden Inhalt zu verstehen, was aber wohl zu oft nicht so richtig klappen will, was mich manchmal ärgert.

    Dadurch, dass ich mich mit dem Inhalt der Schriften befasse, obwohl sie für mich nicht durchgängig von Interesse sind, wird mein Denkkasten zumindest punktuell in Bereiche geführt, die man in anderen Zusammenhängen wohl als Schmerzgrenze charakterisieren würde.

    Ich vermute, dass das hier gebotene Lesematerial bei vielen Lesern zu einem Erkenntnisgewinn beiträgt. Für mich sehe ich es als Tatsache an, dass ich hier zu einem Erkenntnisgewinn gekommen bin.

    Das Lesen des obigen Artikels hat mir besonderen Spaß bereitet.

    Gruß von
    Klarsicht(ig)

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