Rezension Bunge/Mahner Über die Natur der Dinge II

Mario Bunge und Manfred Mahner haben ein Standardwerk geschrieben, das als Bibel des Materialismus‘ taugt, und das bei ZmB in mehreren Artikeln abgehandelt wird (2 Teile Rezension, 1 Stellungnahme).

Der 1. Teil Rezension Bunge/Mahner Über die Natur der Dinge I beschrieb die grundlegenden Dinge, Eigenschaften, Gesetze, Konstrukte, sowie abgeleitete Realitäten wie Raum und Zeit. Im 2. Teil geht es weiter mit den Abstrakta, die schon kurz angesprochen waren, zu denen aber noch mehr zu sagen ist.

Über die Natur der Dinge

Materialismus und Wissenschaft

Abstrakta

Die grundlegende Unterscheidung zwischen konkreten und abstrakten Objekten ist bei Bunge/Mahner die Existenz der konkreten bzw. materiellen Dinge unabhängig vom Betrachter, während die Existenz begrifflicher Objekte nur dadurch gegeben ist, dass sie von einem rationalen Lebewesen gedacht werden können. Gleichbedeutend mit abstrakt wird für die Konstrukte auch die Bezeichnung immateriell oder ideell gebraucht.

Konstrukte haben Prädikate, während Dinge Eigenschaften besitzen, die durch Prädikate repräsentiert werden können. Prädikate haben Bedeutung, aber ihnen kommt kein physisches Sein zu. Gesetze von Konstrukten, wie z.B. mathematische Gesetze, fallen in eine andere Kategorie als Naturgesetze. Ihnen wohnt nichts Materielles inne, aber dennoch „existieren“ sie.

In der Bunge/Mahnerschen Ontologie ist diese Existenz eine fiktionale Existenz. Sie existieren, weil sie denkbar sind, aber sie hören in dem Moment auf zu existieren, wenn wir aufhören, sie zu denken (oder uns vorzustellen, dass sie denkbar sind S. 115). Nicht jede Zahl wie etwa 4653712650806471583077231724333419010833 muss extra gedacht werden, um zu existieren. Für die Existenz reicht es, dass sie denkbar ist.

Eine Zahl existiert nicht aus sich selbst heraus, eigenständig ist nur der Gehirnprozess. Solche Denkvorgänge finden in Zeit und Raum statt, aber die Konstrukte sind zeit- und raumlose Objekte, weil sie abstrahiert werden. Sie sind vor dem ersten Gedachtwerden schon denkbar, und nach dem letzten Gedachtwerden sind sie immer noch denkbar, was ihre zeit- und raumlose Existenz begründet (S. 117).

Popper widerlegt

In diesem Zusammenhang wird Poppers Welt 3 streng widerlegt, „die Welt der objektiven Gedankeninhalte“: „Welt“ sei undefiniert, „Inhalt“ sei undefiniert, ontologische und erkenntnistheoretische Objektivität sei verwechselt, Erkenntnis könne nicht über den zu erkennenden Objekten schweben und keine von ihren Schöpfern unabhängige Welt konstituieren.

Jede Erkenntnis ist die Erkenntnis von etwas durch jemanden, so Bunge/Mahner. Popper verstoße gegen seine eigene Methodologie des Falsifikationismus‘. Warum sollten die Leser sein „Monster traditioneller Methaphysik“ schlucken?

Meme

Ebenso streng wendet sich das Buch gegen die Memetik, „Mem“ sei nur ein überflüssiges Wort für „Idee“. Die Memetik sei konzeptionell unklar, eine „idealistische Fantasie“, im Sinn von Idealismus = Ideen haben eigene Existenz.

Überhaupt haben kognitive Prozesse keinen immateriellen Inhalt. Dass Informationen auf Datenträger niedergelegt werden, habe das falsche Bild erzeugt, sie seien mit einem Eigenleben ausgestattet. Solche Ideen können jedoch nicht losgelöst von lebenden Gehirnen existieren.

Ähnlich streng gehen Bunge/Mahner auch mit dem Informationsbegriff um, der sei zu einem Modewort geworden, die Informationstheorie sei nur eine Kodierungstheorie, die Entropie sei kein Informationsmaß, sondern ein Maß der Kodierungsdichte.

Probleme des Materialismus‘

Diese Kapitelüberschrift ist mit einem Fragezeichen versehen, und die Probleme werden alle widerlegt. Die materielle Welt ist nicht bloß verkörperte Mathematik, denn die Mathematik ist ontologisch neutral.

Die Quantenphysik führt nicht zurück zum Idealismus, gemäß dessen der Betrachter erst die Dinge schafft, denn in den physikalischen Formeln taucht der Betrachter gar nicht auf. Die Quantenphysik stützt auch nicht den Indeterminismus, weil sie sich gesetzesmäßig verhält, auch wenn die Gesetze stochastisch sind.

Der Materialismus kennt keinen Dualismus und negiert daher das Leib-Seele-Problem. Schon die Bezeichnung ist eine Anomalie, man spricht ja auch nicht von einem Lungen-Atmungs-Problem o.ä.

Der Dualismus ist weder heuristisch fruchtbar, noch kann er etwas zur Erklärung des Mentalen (Geist, Denken) beitragen. Er gibt keine Antwort auf die Frage, wie der Geist mit dem Gehirn interagieren sollte, und warum es mein Geist nur mit meinem Gehirn tut und nicht mit anderen, und überhaupt: warum mit dem Hirn und nicht mit der Leber oder dem Herzen?!

Geist & Bewusstsein

Die mentalen Eigenschaften, die Gehirne besitzen, entstehen emergent aus den komplexen neuronalen Systemen. Geist und Bewusstsein sind Systemeigenschaften der zellulären Komponenten des Gehirns. So klärt der emergentistisch-materialistische Ansatz von Bunge/Mahner die Lage.

Im Zustandsraum des Organismus‘ sind Gehirnzustände ein Teilbereich. Geistige Zustände sind wiederum ein Teilbereich der Gehirnzustände, und ein Teil von diesen gehört zu den bewussten Zuständen.

Die emergente mentale Eigenschaft ist nicht die Eigenschaft eines eigenständigen geistigen Dings. Nur aus sprachlicher Bequemlichkeit wird von mentalen Zuständen, Ereignissen und Prozessen geredet; streng genommen gibt es die nicht. Denn Zustände sind Zustände von Dingen, Ereignisse sind Zustandsänderungen der Dinge und Prozesse sind Sequenzen von Zustandsänderungen der Dinge – und das Mentale ist eine Eigenschaft davon.

Dualismus

Nochmal zur Erklärung, wie die verfehlte Ansicht des Dualismus‘ entstand: Unser inneres Erleben kennt nur Mentales und merkt nichts von den Gehirnprozessen; die Neuro-Forschung kennt nur Gehirnprozesse, kann aber keinen Geist sehen. Der introspektive Zugang und der neurobiologische Zugang sind nicht verknüpft und legen so einen Dualismus nahe.

Das schlägt sich bis heute in der Sprache nieder: physiologische „Äquivalente“ mentaler Prozesse („Korrelate“, „Repräsentationen“, „Basis“) sind falsche Ausdrücke. Denken ist eine Gehirnaktivität, sie ist identisch mit ihr. Sie ist nicht identisch mit dem Organ, in dem es passiert. Deshalb gibt es nicht so etwas wie eine „Geist-Gehirn-Identität“, genausowenig wie eine „Atmungs-Lungen-Identität“.

Da der Materialismus ohne immaterialle Dinge („Substanzen“, „Universalien“) auskommt, ist er ontologisch eliminativ und reduktionistisch. Er eliminiert die mentalen Dinge aus der Welt und reduziert das Psychische auf Eigenschaften neuronaler Systeme. Geist und Bewusstsein werden nicht eliminiert, sondern ontologisch reklassifiziert. Das Mentale wird damit naturalisiert, es wird zu etwas Normalem, es wird entmystifiziert und in die Klasse der natürlichen Systemeigenschaften eingeordnet.

Computerdenke

Funktionen sind auf verschiedene Weise realisierbar, aber nicht das Denken, so Bunge/Mahner. Sie treffen dazu eine Unterscheidung zwischen Funktionieren (intrinsisch) und Fungieren (relationale Eigenschaft). So habe ein Stuhl keine erkennbare interne Aktivität, die für ihn spezifisch wäre, wohl aber fungiere er als Sitzmöbel.

Je spezifischer die interne Aktivität, desto unplausibler sei die Annahme, sie könne mit anderen Dingen realisierbar sein. Nur gleichartige Dinge können gleichartige Prozesse durchmachen. Weil Denken als Funktionieren zu verstehen sei, und nicht als Fungieren, benötige es vergleichbare neuronale Systeme wie das Menschenhirn.

Damit soll begründet werden, dass Computer kein Bewusstsein entwickeln können. Schon deshalb, weil da Software (= Geist) und Hardware (= Materie) getrennt seien und womöglich zwei Bewusstseine auf einerm Computer laufen könnten. Auf dies Thema soll in den Stellungnahmen näher eingegangen werden.

Freier Wille

In diesem Abschnitt wird Willensfreiheit und Handlungsfreiheit unterschieden. Letzteres Konzept ist „vergleichsweise unstrittig“. Bei der Willensfreiheit erlauben sich Bunge/Mahner einen paradoxen, geradezu dualistischen Schlenker (der übrigens in Matter and Mind V ausgeräumt ist): Dazu müssten wir „unser Wollen wollen“, und das sei ein über die Persönlichkeit hinausgehender Willensakt, mithin ein persönlichkeitsunabhängiges „kontrakausales“ Wollen.

Zur Erklärung solch kontrakausaler Akte „flüchten“ sich die Vertreter des Freien Willens in den Indeterminismus in Form des Quantenzufalls. Quantenereignisse sollen demnach in die Makro-Ebene „durchschlagen“ und ein indeterministisches Element in die Hirnprozesse einbringen. Nötig ist das, weil sonst alles deterministisch abläuft und vorherbestimmt ist, also das Gegenteil von Entscheidungsfreiheit.

Wenn aber, so Bunge/Mahner, der Freie Wille nichts als ein Akt des Würfelns sei, bzw. der Output eines Zufallsgenerators, dann seien wir nicht die Urheber unseres eigenen Wollens. Nochmal das „Kontrakausale“: Einerseits soll ich und nicht der Zufall der Urheber meiner Handlungen sein, andererseits soll das Wollen dieser Handlung frei sein; wobei „frei“ sich definiert als von mir unabhängig. Das sei kontrakausal, wobei „kontrakausal“ „nicht gesetzmäßig“ bedeutet. Das geht aber nicht, denn alle Hirnprozesse incl. Wollen und Handeln sind ja gesetzmäßig – also nein, es gibt keinen Freien Willen. Auch auf dies Thema soll in den Stellungnahmen nochmal eingegangen werden.

Vollblutmaterialisten

Die konsistente materialistische Sicht erlaubt es, die menschliche Gesellschaft als konkretes materielles System zu sehen. Soziale Sachverhalte haben 5 Hauptaspekte, den biopsychologischen, den wirtschaftlichen, den politischen, den Umweltaspekt und den kulturellen.

Dass die Kultur in dieser materiellen Sicht enthalten ist, entweiht sie nicht, es entmystifiziert sie nur. Natürlich gehen Bunge/Mahner nicht so weit, Werte an sich zu postulieren. Für Vollblutmaterialisten existieren Werte nicht außerhalb bewertender Gehirne.

Ethik

Was sind Werte? Es gibt keine Werte an sich, sondern nur Werte von Organismen in Bezug auf bestimmte Dinge, Zustände oder Prozesse. Werte sind also relationale Eigenschaften.

Und was ist Ethik? Sie untersucht moralische Sachverhalte und bewertet sie. Genauso wenig wie Werte intrinsisch existieren, sind moralische Sachverhalte aus sich selbst heraus (inhärent oder ontisch) moralisch, sondern immer nur im sozialen Kontext.

Bunge/Mahner skizzieren eine Hierarchie, wo über moralischen Sachverhalten Moralsysteme sitzen, darüber Ethiken und ganz oben eine Metaethik. Sie kategorisieren die Werte durch diese Definitionen:

  • primäre Werte gelten den lebensnotwendigen Bedürfnissen
  • sekundäre Werte gelten den gesundheitsnotwendigen Bedürfnissen
  • tertiäre Werte gelten den legitimen Interessen, d.h. solchen, die nicht die primären und sekundären Bedürfnisse anderer beeinträchtigen

Es wird aber auch Hobbes‘ Satz zitiert: „Dein Recht ist meine Pflicht, und deine Pflicht ist mein Recht.“ Wissenschaft, Technologie, Werttheorie und Ethik können und sollen ineinandergreifen, und eine Ethik lässt sich durchaus auf der Grundlage einer materiellen Ontologie erstellen.

Religion

Nach weit verbreiteter Auffassung dient die Religion als oberster Ethik-Lieferant. Aber sie hat die Ethik weder erfunden noch verbessert. Religiöse Gesellschaften zeigen keinen besonderen moralischen Fortschritt, eher im Gegenteil. Wo die Religion richtig ernst genommen wird, geht es unfrei und konfliktträchtig zu.

Moralisches Versagen wiegt schwer im Fall der Religion, wo sie sich doch vom Selbstverständnis her als Quell der Moralität geriert. Vielfach wird der Eindruck erweckt, alles religiöse Übel beruhe auf Fehlverständnis, denn richtig verstandene Religion sei grundsätzlich etwas Gutes. Diese Ansicht ist doppelt falsch:

  • das zeitgenössische liberale Religionsverständnis ist wohl kaum das korrekte, denn sonst müssten die vielen Gläubigen von früher ein falsches gehabt haben – und das trotz des guten Drahts nach oben
  • generell ist es auf dem Gebiet des Unüberprüfbaren unmöglich, überhaupt ein richtiges Religionsverständnis zu definieren, das entzieht sich jeder Prüfung und Beurteilung

Die philosophische Ethik ist sich weitgehend einig darüber, dass Ethik nicht religiös begündet werden kann. Für Materialisten können Werte und Normen nicht jenseits der Interessen unserer Gesellschaften existieren.

Wissenschaft & Religion

Bunge/Mahner liefern eine allgemeine Charakterisierung von Wissenschaft und Religion. Hier wird dargelegt, dass die Religion von anderen Welten handelt, bzw. von anderen Realitäten – also im Nirvana. Von Kritikimmunisierungen durch sinnlose Wortgebilde ist die Rede, aber die Autoren tun den Religionen die Ehre an, sie als „Unternehmungen mit Wahrheitsanspruch“ zu behandeln.

Dazu charakterisieren sie die Wissenschaft nach ihren Realismen, Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien, z.B. die Welt existiert unabhängig von uns, wir können sie erkennen, sie verhält sich gesetzmäßig, aus nichts entsteht nichts usw.

Auf die Religion angewendet, ergibt sich in allen Belangen ein trauriges Bild. Wissenschaft und Religion erscheinen vielleicht bei oberflächlicher Sicht kompatibel, bei eingehender Betrachtung sind sie es nicht. Das christliche Welt- und Menschenbild ist aus wissenschaftlicher Sicht grundfalsch, die zugehörige Ethik ist inadäquat.

Fazit, die Theologie kann niemals eine Wissenschaft sein und hat an den Universitäten nichts verloren.  Es kann nicht angehen, dass die Verteidiger illusionärer Weltbilder wissenschaftliche Forschung beeinflussen oder bestimmen.

Man hat also nur die Wahl, einem naturalistisch-materialistisch-wissenschaftlichen Weltbild anzuhängen oder einem mythisch-magisch-animistisch-theologischen. Wer Wert auf Konstanz legt, kann nicht dem einen von Montag bis Samstag anhängen und dem anderen am Sonntag.

Schluss

Das ist aber noch nicht das Schlusswort. Bunge/Mahner üben sich in Demut und erklären, eine Ontologie reiche als Weltbild nicht aus. Dazu gehören auch Semantik, Erkenntnistheorie, Methodologie und Ethik, sowie politische und Sozialphilosophie. Obendrein ist eine Sinnfindung nötig, wie sie unter Verzicht auf tradierte Illusionen auch in einem rein materiellen Universum möglich ist. Der allerletzte Satz fällt dann nochmal bescheidener aus: Das Buch sei ein Versuch, einen Baustein dazu zu liefern, den metaphysischen.

Für geneigte Leser dürfte es viel mehr sein. Nämlich eine philosophische Begriffsbestimmung, mit der die Welt besser in den Griff zu bekommen ist als sonstwo.

 

Wilfried Müller

Das Buch von Bunge/Mahner ist besonders wichtig und immer noch aktuell: Bunge, Mario / Mahner, Martin, Hirzel-Verlag 2004

Links dazu: Matter and Mind I-V, Philosophie: was sind Konstrukte?

(Diese Rezension wurd u.a. am 20.6.17 publiziert und am 6.9.19 überarbeitet.)

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