Stellungnahme zu Bunge/Mahner Über die Natur der Dinge

Mario Bunge und Manfred Mahner haben ein Werk geschrieben, das als Bibel des Materialismus‘ taugt, und das bei ZmB in 2 Teilen Rezension und 1 Stellungnahme abgehandelt wird. Nachdem das Buch über mehrere Monate hinweg im kleinen Kreis durchgearbeitet wurde, wurde es Zeit für die Stellungnahme. Bei den Rezensionen wurde die persönliche Meinung des Rezensenten rausgehalten, um den Inhalt schlicht und ergreifend rüberzubringen, ohne viele -ismen. Das Folgende ist nun eine persönliche Sichtweise.

Über die Natur der Dinge

Materialismus und Wissenschaft

Die Einleitung soll bitte nicht heißen, Müller erzählt Bunge/Mahner, wo es langgeht. Müllers Hervorhebungen, Korrekturen und Ergänzungen erfolgen auf der Grundlage größten Respekts vor der Klarheit und Konsistenz, mit der die Autoren ihre Ontologie präsentieren. Allzu viele andere Philosophiebücher zeigen, wie schwurbelig und verstrubbelt es auch geht, mit freifliegenden oder impliziten Begriffsdefinitionen und effekthaschender Willkür. Allein das Auseinanderhalten von Tatsachen und Tatsachenaussagen würde schon mit einigem Geschwafel aufräumen. Bunge/Mahner stehen über solchen Einwänden.

Zunächst ist daher etwas Selbstkritik vom Rezensenten angebracht; die Titulierung „Bibel des Materialismus'“ ist gewiss nicht der Ausdruck, den die Autoren für ihr Werk verwendet hätten. Mit der Bibel haben sie’s sicherlich nicht, und ihr selbstformulierter Anspruch ist überaus bescheiden: Das Buch sei ein Versuch, einen Baustein zum Weltbild zu liefern, nämlich den metaphysischen.

Um das in die müllersche Gesamtsicht einzubinden, sei ein subjektiver Vorspann erlaubt. Die allergrundsätzlichsten Dinge sind dabei zunächst mal

  1. Die Logik. Ohne die zweiwertige Logik braucht man gar nicht anfangen zu denken (es geht hier nicht um die Quantenwelt, wo auch die Superposition der beiden Einscheidungsfälle existiert, sondern um unsere Makrowelt). Der Anspruch an eine 2-wertige und nicht 3-wertige oder gar 2,75-wertige Logik ist ein absoluter.
  2. Eine brauchbare Sprache, in der sich die Gedanken formulieren lassen. Das kann auch eine Prädikatenlogik sein, aber eher nicht ein Papua Pidgin. Dieser Anspruch ist aufgrund der verschiedenen Realisierungsmöglichkeiten relativ.
  3. Die Grundannahme, dass die materielle Welt unabhängig von uns existiert. Man kann ja auch von der idealistischen Annahme ausgehen, die Wirklichkeit werde durch das Denken bestimmt. Dann muss man nur wenig  voraussetzen, nur das, was einem bewusst ist. Dafür kriegt man die größten Erklärungsprobleme: Z.B. warum ist etwas, was man erdenkt, so kompliziert, dass man es selber nicht versteht? – Anders die These von der Existenz der materiellen Welt. Die setzt mehr Annahmen voraus, aber sie belohnt einen durch ihre  Erklärungskraft. Keine von diesen beiden Annahmen ist zwingend, es ist eine pragmatische, eine Willensentscheidung.

Die Entscheidung für den Materialismus macht den Weg frei für die  Ontologie, wie sie Bunge/Mahner beschreiben. Die Welt existiert unabhängig von uns. Sie besteht aus konkreten Dingen und aus abstrakten Objekten, welchen nur eine „fiktive“ Realität zukommt. Die konkreten Dinge interagieren gesetzmäßig, und was nicht interagiert, existiert nur „fiktiv“.

Die Dinge haben Eigenschaften, und ihre essenziellen oder maßgeblichen Eigenschaften sind durch Naturgesetze verknüpft, also durch relationale Eigenschaften von essenziellen Eigenschaften. Diese implizite Definition der Naturgesetze ist überzeugend, aber nicht ganz vollständig, wie der Rezensent findet:

Gesetzeslücke

Wenn ein Photon mit einem Atom interagiert, ist das Photon danach weg, und die Elektronenhülle ist angeregt. Das lässt sich nicht in der Formulierung der Naturgesetze als relationale Eigenschaft von essenziellen Eigenschaften unterbringen. Drei Ergänzungsvorschläge:

  • die Dinge werden in dem Fall als Photon/Atom-System definiert, also 1 Ding statt 2., was aber der Definition vom Photon als „Ding“ entgegensteht,
  • die Gesetze werden auf die Existenz der Dinge ausgedehnt, also nicht nur zwischen deren Eigenschaften.

Das Umgekehrte muss natürlich auch abgedeckt werden, wenn also aus der angeregten Elektronenhülle ein Photon entsteht. Hier soll nochmal betont werden, wie überzeugend die Definition von Dingen und Eigenschaften ansonsten sind. Die Dinge interagieren und ändern ihre Zustände, sie konstituieren den Raum, und ihre Veränderung konstituiert die Zeit. Die Selbstreproduktion von Dingen entsteht emergent und hat als Eigenschaft das Leben, die neuronalen Vorgänge im Hirn haben als emergente Eigenschaft das Denken. Das ist klar und einleuchtend und liefert eine gute Grundlage für eine Ontologie im Mesokosmos der Menschen (im Mikrokosmos der Physik mag es anders aussehen).

Ein weiteres Problemchen mag daraus resultieren, dass nicht alle Interaktionen zwischen Dingen mit Energieaustausch verbunden sind, wie es bei Bunge/Mahner gesagt wird. Zwei Körper im Raum, die durch Gravitationskräfte gehalten umeinander kreisen, interagieren gewisslich. Aber sie tauschen keine Energie aus. Da fehlt also noch ein Stückchen in der Definition.

3 – Abstrakta, Universalien, Ideelles

Die strikte Lehre von Bunge/Mahner gesteht den Abstrakta keine eigene Existenz zu, sondern nur eine mittelbare, nämlich dadurch dass sie gedacht werden können. Begriffliche Objekte hören auf zu existieren, sobald wir aufhören, an sie zu denken oder uns vorzustellen, dass sie denkbar sind. Diese Definition ist nicht unproblematisch. Wann genau gilt das Gedachtwerdenkönnen, und wo? Sind die Denkenden schlau genug? Wenn es Aliens denken, gilt das auch für uns Menschen?

Vor allem fehlt die Unterscheidung, ist dies Gedachtwerden beliebig oder nicht? Wenn es beliebig ist wie das Denken von „Dinner for one“, „White Christmas“ oder vom Weihnachtsmann, von Goofy oder Gott, hat der Rezensent keine Probleme mit der Definition „es existiert nur, wenn es gedacht werden kann.“

Anders ist es beim nicht Beliebigen. Diskussionen entzündeten sich an der Frage, ist z.B. die Zahl 3 (Bild oben: OpenClipartVectors, pixabay) wirklich vom menschlichen Hirn abhängig? Wird sie erfunden, oder wird sie gefunden?

Mit der Argumentation, dass wohl jede denkende Zivilisation auf die 3 stoßen muss, lässt sich der 3 mehr als nur eine fiktive Realität zuschreiben. Kann man das, ohne sich zum Idealisten oder Platonisten zu machen, der die Welt mit seinen Fiktionen bevölkert? Der Rezensent befürwortet das (weiter ausgeführt in Philosophie: was sind Konstrukte?):

Die Zahl 3 ist immanent in der Welt vorhanden, in dem Sinn, dass jedes vernünftige Denken zwangsläufig auf sie stößt. Das ist mehr als gar nicht real existieren. Es ist mehr als von unserem Denken abhängen. Es ist eine immanente Existenz, eine Anlage, eine Prägung.

Dasselbe gilt für die Logik und die Mathematik, mitsamt aller ganzen und gebrochenen Zahlen usw. und der Gesetze, die sie verknüpfen.Bunge/Mahner nennen die Zahl 4653712650806471583077231724333419010833, die nicht extra gedacht werden muss, um zu existieren. Für ihre Existenz reicht es, dass sie denkbar ist.

Diese Dinge, pardon, Undinge, sind aus der Sicht des Rezensenten übergeordnet, sogar über das Universum. Der Unterschied zum Idealismus besteht darin, dass diese „Undinge“ nicht beliebig sind, sondern absolut. Sie existieren nicht konkret und materiell, sie interagieren nicht, aber sie sind trotzdem unabhängig vom Gedachtwerden real – so darf man das sehen.

Gesetzesaussagen

Die Gesetzesaussagen sind Idealisierungen von Naturgesetzen. Auch andere Kulturen in unserem Universum würden auf die gleichen Gesetzesaussagen stoßen. Deshalb darf man ihnen die gleiche über das menschliche Denken hinausgehende Existenz zubilligen. Auf das Gravitationsgesetz stoßen zwangsläufig alle, die in unserem Universum denken. In einem spekulativen anderen Universum mögen andere Naturkonstanten und mithin andere Gesetze gelten, und andere Gesetzesaussagen existieren. (Für die Bunge/Mahnersche Ontologie muss diese Einschränkung aber nicht gelten.)

Beim Weiterverfolgen des Gedankens vom Naturgesetz kommt man von den physikalischen Gesetze(saussage)n zu den chemischen und dann zu den biologischen und sozialen. Die Gültigkeit der Gesetze(saussagen) wird mit jeder höheren Ebene immer eingeschränkter. Ihre Existenz hängt nicht bloß von der Denkbarkeit ab, sondern auch vom Vorhandensein ihrer Objekte. Chemische Gesetze(saussagen) entstehen emergent aus der chemischen Evolution. Wo die Chemikalien dafür fehlen, gelten die Gesetze(saussagen) nicht. Oder vielleicht doch? Weil die Chemikalien ja produziert werden können?

Das stößt an Grenzen, die vom Auerhahn symbolisiert werden. Der Auerhahn hat ein ausschweifendes Balzgehabe, das bestimmten Naturgesetzen folgt. Haben die Gesetzesaussagen darüber auch ohne Auerhähne Geltung, sind sie immanent in der Materie angelegt?

Dieser Gedanke scheint dem Prinzip der Emergenz zu widersprechen, nach dem die Eigenschaften emergent entstehen. Und die zugehörigen Gesetze(saussagen) werden auch erst auf jeder Ebene definiert. Aber die grundlegenden Naturgesetze, die mit ihrer unübersehbaren Vielfalt von Wechselwirkungen auch das Auerhahnwesen steuern, sind das einzige, was wirklich maßgeblich ist. Trotzdem kann man sagen, die Auerhahngesetzesaussage gilt nur, soweit das Gackern reicht – bitte um Entschuldigung, falls irgendwo da draußen noch Auerhähne sind.

Meme, Information

Bedauerlicherweise lehnen die Autoren die Meme ab, obwohl die Memetik doch eine interessante und bereichernde Sichtweise sein kann. Sie kann das natürlich nicht in dem Sinn sein, dass die Meme selbst Wechselwirkungen hervorbringen. Sondern indem man sozusagen aus der Innensicht verfolgt, wie sich Moden, Hypes, Religionen, Ideologien, Songs usw. gegen ihre Konkurrenz durchsetzen.

Ähnlich eingeschränkt kann man den Informationsbegriff finden, der echte Information nur als Übertragung vom einen Denkapparat in einen anderen ansieht. Nur dort wird der Inhalt, die semantische Bedeutung, erfasst. Die Codierung als solche, egal in welcher Form, zählt bei Bunge/Mahner nicht als echte Information.

Das ist problematisch, weil das Hirn immer mehr Information nicht direkt verstehen kann. Es sind aufwendige Interpretationen durch Computerprogramme nötig, damit das Hirn überhaupt Zugriff zu den Informationen erhält. Man kann das so sehen, dass ein Teil der Semantik aus dem Hirn ausgelagert ist, so dass der Informationsbegriff upgedated werden müsste.

Computerdenke

Die abweichende Ansicht geht sogar noch weiter. Der Rezensent folgt Bunge/Mahner nicht in der Einschätzung, dass nur Hirne oder vergleichbare Strukturen die Eigenschaft Bewusstsein hervorbringen können. Beim Leben trifft ja auch niemand die Annahme, dass es nur auf Basis Kohlenstoff, DNS und Chlorophyll entstehen kann.

Deshalb dürfte es eine anthropozentrische Sicht sein, dem menschlichen Hirn u.ä. Strukturen die alleinige Grundlage zum Denken und zum Bewusstsein zuzuschreiben. Wo ist der stichhaltige Grund, warum elektronische Aktivität nicht auch die Eigenschaft Bewusstsein entwickeln sollte? Die Argumentation der Autoren mit den vergleichbaren Strukturen überzeugt nicht wirklich. Deshalb ist die Spekulation erlaubt, dass auch Computer derart fungieren können, auch wenn sie ganz anders funktionieren.

Mehr noch, möglicherweise werden sie irgendwann aufzeigen, wie beschränkt und uneffizient die menschliche Realisierung des Geistes ist. Sie könnten das Denken viel allgemeiner und sauberer realisieren. Natürlich ist die Computerdenke gekennzeichnet dadurch, dass man an alles dran kann. Charakter, Erinnerung, Ich usw. sind dann nur  austauschbare Datensätze, die Denke selber wird durch austauschbare Software und erweiterbare Hardware bestimmt.

(Ein kleiner Lapsus am Rande: Die interne Aktivität eines Stuhls wird auf S. 158 als bloße Bewegung seiner Moleküle beschrieben, ansonsten habe er keine  Aktivität. Seine Aktivität besteht aber gerade darin, dass er sich nicht bewegt – er übt Gegenkräfte aus, er funktioniert als Bewahrer der  Form wie Skelette, Schalen, Gebäude. Wie wichtig diese Aktivität ist, sieht man, wenn es nicht mehr funktioniert.)

Freier Wille

Der Argumentation von Bunge/Mahner fordert zwei Punkten Widerspruch heraus, wo sie den Freien Willen zu widerlegen trachten. Weil Bunge das in Matter and Mind V selber anders sieht, nur ganz kurz:

  • das Argument, wir müssten „unser Wollen wollen“, und das sei ein über die Persönlichkeit hinausgehender Willensakt, mithin ein persönlichkeitsunabhängiges „kontrakausales“ Wollen – das dürfte ein Ausrutscher in den Dualismus sein,
  • das Argument, wenn der Freie Wille nichts als ein Akt des Würfelns, bzw. der Output eines Zufallsgenerators ist, dann seien nicht wir die Urheber unseres eigenen Wollens – das darf man für inkonsequent und ebenfalls dualistisch halten.

Inkonsequent insofern, als wir ja aus Materie bestehen, und die folgt nun mal den Gesetzen der Quantenphysik – also sie „würfelt“. Wir selber (und alles um uns rum) sind Zufallsgeneratoren und deshalb sehr wohl die Urheber des „Würfelns“. Der Unterschied zwischen „wir“ und „Würfeln“ ist genauso dualistisch wie der Unterschied zwischen „uns“ und „unserem Wollen“.

Die Autoren folgen dem klassischen makroskopischen Bild, nach dem eine willentliche Handlung bewusst und zielgerichtet sein muss. Auf mikroskopischer Ebene ist dieses Bild nicht zu halten. Vielmehr ist es so, dass Entscheidungen schon fallen, bevor sie in den Focus des Bewusstseins dringen. Sie werden in dem Sinn als „eigener Wille“ vereinnahmt, in dem auch die Atome vereinnahmt werden, aus denen der „eigene Körper“ besteht.

Letztlich ist es eine Definitionsfrage. Für viele dürte die Abwesenheit des vollständigen Determinismus‘ gut genug sein als Ursache des Freien Willens. Echte Entscheidungen sind möglich, der Lauf der Welt ist nicht vorherbestimmt. Auch das eigene Denken ist dem Einfluss des „Würfelns“ unterworfen, und das Würfeln ist Bestandteil eines jeden. Was man als seinen Freien Willen empfindet, das ist Freier Wille.

Bunges eigener Argumentation aus Matter and Mind V folgend, war es der Freier Wille des Rezensenten, diese Stellungnahme zu schreiben; in der Hoffnung, die materialistische Ontologie von Mario Bunge und Manfred Mahner zu verbreiten und vielleicht ein klein wenig zu verbessern.

 

Wilfried Müller

Das Buch von Bunge/Mahner ist besonders wichtig und immer noch aktuell: Bunge, Mario / Mahner, Martin, Hirzel-Verlag 2004

Links dazu: Über die Natur der Dinge I-II, Matter and Mind I-V, Philosophie: was sind Konstrukte?

(Diese Rezension wurd u.a. am 2.12.15 und am 20.6.17 publiziert und am 7.9.19 überarbeitet.)

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2 Responses to Stellungnahme zu Bunge/Mahner Über die Natur der Dinge

  1. Klarsicht(ig) sagt:

    Zitat: „abstrakten Objekten, welchen nur eine „fiktive“ Realität zukommt.“ 

    Was sind abstrakte Objekte ? Ein Objekt ist eine bewegliche oder unbewegliche Sache (Materie), die unabhängig vom Bewusstsein existiert. Ein abstraktes Objekt ist ein bestimmter Hirnzustand, der nur solange existent ist, wie die Hirnfunktionen (Materie und Energie) in der Lage sind, für die Aufrechterhaltung der Existenz zu sorgen. Ändert sich der Hirnzustand oder ist keine Hirnfunktion mehr vorhanden, endet auch die Hirn-Existenz des Objekts und mit ihr die durch sie zeitweilig erzeugt gewesene Realität.

    Ich denke, dass nur dadurch etwas existieren kann, dass es aus irgendeiner konfigurierten Materie und/oder Energie besteht. Deswegen kann es nach meiner laienhaften Sicht der Dinge keine „fiktive“ Existenz und/oder Realität geben.

    Gruß von
    Klarsicht

    • Klarsicht(ig) sagt:

      Wenn man zwischen Existenz und „fiktiver“ Existenz zu unterscheiden versucht, begeht man möglicherweise den Fehler, durch die Hintertür den Leib/Geist-Seele-Dualismus wieder einzuführen.

      Gruß von
      Klarsicht(ig)

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