Neukolonialisierung Afrikas?

Interessanterweise wurde das Thema dieses Artikels von 2015 auch in anderen Medien aufgegriffen. Die Immigration aus Afrika ist ja Thema vieler Überlegungen. Der Schrecken der Mittelmeer-Überquerung in  Schleuser-Booten macht klar, dass Hilfe nötig ist. Mit der Art dieser Hilfe beschäftigt sich  dieser Diskussionsbeitrag (Bild: geralt, pixabay). Letzthin fokussiert sich die Diskussion auf 3 Punkte:

  1. Klar definieren wer kommen soll, mit Visa und Flugreisen für die Betroffenen.
  2. Rückkehr-Garantie für die anderen und schon in den Herkunftsländern klarmachen, wer kein Visum kriegt, und das auch durchziehen.
  3. Für diese Menschen ein Hilfs- und Kooperationsangebot in den Herkunftsländern aufbauen.

Selbstverständlich sollen alle boat people gerettet werden, aber sie sollen dadurch keine Einwanderug und das gemäß deutscher Polit-Insuffizienz damit einhergehende Bleiberecht erzwingen können. Angesichts der Zahlen ist es nicht anders möglich. Jedes Jahr werden mehrere Hunderttausend Immigranten aus Afrika in Europa erwartet. Es können ohne weiteres 1, 2, 5, 10, 20, 50, 100 Millionen werden. Afrikas Bevölkerung hat sich in den letzten 65 Jahren verzehnfacht, in den nächsten 35 Jahren wird nochmal eine Vervielfältigung auf 2,5 Milliarden erwartet. Beeindruckend ist die afrikanische Bevölkerungspyramide im Verhältnis zu der von Europa, das bevölkerungsmäßig bis 2050 auf 700 Millionen schrumpft.

Wenn alles zum besten bestellt wäre, könnte Afrika diese 2,5 Milliarden Menschen mühelos erhalten; das Land und seine Ressourcen sind mehr als ausreichend dafür. Es ist aber nicht zum besten bestellt. Viele afrikanische Staaten sind mit Krieg (auch dank USA) und Bürgerkrieg überzogen, viele sind failed states, wo Anarchie herrscht, in vielen haben die Kleptokraten den Staat in die Insuffizienz getrieben.

Helfer in der Kritik

Das wirft die Frage nach der Hilfe auf: Wer soll die leisten, und wie soll sie aussehen? Es geht jetzt nicht ums Geld; das müssen alle nach Kräften  beisteuern. Es geht um die Fähigkeit, überhaupt effiziente Hilfe zu leisten.

  • die Entwicklungshilfe ist nie über einen Wirkungsgrad nahe 0% hinausgekommen. Das Geld kommt in den meisten Fällen nicht bei den Bedürftigen an; dieses Verfahren ist nach den Maßstäben der Vernunft disqualifiziert.
  • die Methode USA wird mit dem Spruch karikiert: Wir sind hier, um Euch Demokratie zu bringen. Wenn wir mit dem Bombardieren & Töten fertig sind und Euer Öl abgepumpt haben, installieren wir eine Marionettenregierung, die von den Banken kontrolliert wird, genau wie in Amerika. Dann seid Ihr frei wie wir! Der Spruch sagt alles und disqualifiziert die Methode USA nachhaltig.
  • die Methode Euroland wurde bei der Griechenland-Rettung durchgezogen und in neuer Ausprägung bei der Italien-Rettung. Sie erreicht einen Wirkungsgrad weit unter 0. Je mehr geholfen wird, desto schlimmer wird die Situation. Das sollte die Hilfsmethoden der europäischen Organisationen und die Negativzins-Kredite der EZB nach allen vernünftigen Maßstäben disqualifizieren.
  • die lokalen Alternativen ISIS und Boko Haram und dergleichen wollen einen mittelalterlichen Gottesstaat als Lösung. Das ist erst recht schlecht: Mittelalterliches Leben heißt hohe Geburtenraten und hohe Sterberaten,  rudimentäre Infrastruktur, unzureichende Versorgung sowie technischen und zivilisatorischen Rückschritt; damit ist auch das disqualifiziert.
  • bleiben die Kolonialmächte von früher, Großbritannien, Frankreich, Spanien, Portugal usw. Die waren erstmal darauf bedacht, so viel Geld abzusaugen, dass sie ihre Protzbauten mit griechischen Säulen schmücken konnten (London, Paris, Madrid und Lissabon sind voll davon). Sie haben auch Aufstände und Befreiungskriege provoziert, disqualifiziert sie das ebenfalls? Immerhin wird vielem aus der Kolonialzeit nachgeweint.

Realität

Realistisch betrachtet, ist die Neukolonialisierung längst in Gang. Sie heißt heute Landnahme. Die neuen kolonialen Eingriffe umfassen nicht nur die Vergabe von riesigen Ackerflächen an internationale Konzerne, sondern auch die Spekulation damit. Sie umfassen eine EU-Agrarpolitik, die mit ihren  Agrarüberschüssen (eher Abfällen) afrikanische Märkte kaputtmacht, während EU-Trawler zugleich an der Überfischung der afrikanischen Gewässer mitwirken. Sie umfassen die von den USA angezettelten Kriege in Libyen (auch Irak und Afghanistan), den Waffenhandel zusammen mit der Handelsdominanz und Machtverzerrung, die zur Ausbeutung führt. Sie umfassen die Duldung der Kapitalflucht in die Steueroasen, mit der die kleptokratischen Eliten gefördert werden.

Aber die Neukolonialisierung wird von der Privatwirtschaft und von  kommerziellen Interessenten durchgeführt. Mit Hilfe für Afrika hat das wenig zu tun. Die Frage ist, wäre eine Länderpartnerschaft hilfreich, so in der Art, ihr seid für 10-20 Jahre unsere Kolonie, und wir kümmern uns solange um euch?

Wenn es in den betroffenen Ländern wirklich so schlecht steht, dass so viele Menschen davonlaufen möchten, könnte sich das als gangbarer Weg erweisen. Man darf natürlich nicht die Kleptokraten, Piraten und Räuberhäuptlinge fragen, sondern man müsste sich direkt an die Bevölkerung wenden (wer solchen Völkerrechtsbruch scheut, der wende sich an die USA mit ihren Erfahrungen bei Marionettenregierungen).

Wer dazu bereit ist, Aufklärungskampagnen durchzuführen, um die Ausreisewilligen zu informieren, der kann auch solche Inhalte anbieten. Und Abgeschobene wären gute Informationsüberbriger für die Nachricht: In der Ferne klappt es nicht, aber zuhause wird uns geholfen, wenn wir mittun.

Wirtschaftswunder

Das könnte der Weg in ein afrikanisches Wirtschaftswunder sein. Ein afrikanischer Staat wird temporär zur Kolonie eines europäischen Staats, und die verschiedenen Partnerschaften konkurrieren darum, welche Partner das beste Wunder vollbringen – zum beiderseitigen Vorteil. Die europäische Seite profitiert von Märkten und Rohstoffen, die afrikanische von Aufbau, Infrastruktur, Korruptionsbekämpfung und Geburtenkontrolle.

Deutschland hatte ja mal Erfahrung mit dem Wirtschaftswunder. Aktuell haben z.B. Tigerstaaten Erfahrung damit, und China. China weiß sehr gut, wie Wirtschaftswunder geht. Nur hat man dort wenig im Sinn mit Demokratie und Menschenrechten, dafür um so mehr mit chinesischem Weltmachtstreben.

Da ist die europäische Hegemonie vorzuziehen, weil sie abgeklärter und menschenfreundlicher ist. Das sollte sie beweisen, indem sie die Ausbeutung beendet, samt der ganzen Schadmaßnahmen. Fairer Handel bringt Vorteile für beide Seiten. Es gibt keinen Grund, warum man ausgerechnet die Ärmsten am meisten ausbeuten sollte, zumal doch die Hilfsbereitschaft überall zu sehen ist.

 

Wilfried Müller

Links dazu: Die Lügenkultur, Von der Notwendigkeit eines globalen menschlichen Ethos‘, Das Ethosdefizit, Reload 1970, Globalisierter Vertrauensbruch.

(Dieser Artikel wurde am 10.6.15 publiziert und am 13.9.19 überarbeitet.)

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1 Response to Neukolonialisierung Afrikas?

  1. Johann Wolfgang Goethe sagt:

    Dein 3 Punkte-System stimme ich zu, Wilfried! Warum setzt die Politik das nicht so um? Und wo sind die Gelder für die Entwicklungshilfe geblieben?

    Gruß Wolfgang

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