Zombie-Banken und Zombie-Zeitungen

In den Zeitungen steht oft dasselbe drin – dies Gefühl trügt nicht. Ein Bericht darüber zeigt auf, wie die Medienszene heute optimiert und rationalisiert wird. Was nach außen hin wie eine veritable Zeitung aussieht, kann innendrin aus Versatzstücken zusammengebastelt sein, ohne Redaktion und ohne Pressehaus (Bild: OpenClipart-Vectors, pixabay).

Diese Aussage zielt nicht auf Leitmedien wie Zeit, SZ, FAZ usw., aber auf die zweite und dritte Garnitur wie Berliner Morgenpost, Hamburger Abendblatt, Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Thüringer Allgemeine, Harzkurier, Westfälische Rundschau, Westfalenpost, Neue Rhein/Neue Ruhr Zeitung usw. Die Liste der aufgeführten Zeitungen stammt aus dem Artikel Die Zombiemacher (der Freitag, 2017).

Dort befasste sich Simon Schaffhöfer mit der Funke Mediengruppe, der diese Regionalmedien gehören, nebst Frauen- und Programmzeitschriften, Radiosendern und einem Buchverlag. Die FUNKE MEDIENGRUPPE ist auf dem Weg, das beste nationale Medienhaus in Deutschland zu werden, schreibt die Funke Mediengruppe über sich selbst. Das hat sich seit 2017 nicht geändert.

Schaffhöfer schrieb was anderes: Morituri te salutant – die Todgeweihten grüßen dich. Dazu hatte er ein Bild mit Fischen aufgetrieben, die in den Todesanzeigenteil einer Zeitung eingewickelt sind: Verstorbene Fische tun ihre letzte Reise in den Todesanzeigen eines dahinsiechenden Mediums.

So eingestimmt, liest sich der Artikel bedrohlich. Wenn man dem Autor folgt, gehen die ganzen  Anti-Fake-News-Kampagnen an den tatsächlichen Problemen des Mediums vorbei. Das Dahinsiechen ist ernst gemeint und wird mit Beispielen belegt. Ein Interview, das 2017 „exklusiv“ in den aufgelisteten Zeitungen erschien (überall mit der Bildunterschrift: „Christian Lindner beim Gespräch mit unserer Redaktion auf Mallorca“), wurde von einem einzigen Redakteur geführt, dem stellvertretenden Chefredakteur der Berliner Zentralredaktion der Funke-Mediengruppe. Von da geht der Artikel wortgleich an die ganzen Regionalmedien.

Nun wird die Geschichte der Funke-Gruppe als eine beispiellose Erzählung von Einsparungen, Zusammenlegungen und Verschlankungen dargestellt. Wer im Lauf der Jahrzehnte für Funke oder den Vorläufer WAZ (Westdeutsche Allgemeine Zeitung) gearbeitet hat, wurde demnach selber von Einsparungen, Zusammenlegungen und Verschlankungen betroffen. Das geht anscheinend immer weiter, bis zu dieser Meldung vom Februar 2019: Gemeinsame Erklärung der Betriebsräte der Funke Mediengruppe.

In der „goldenen Zeit der Redaktionen“, den 1980er Jahren, hatte die WAZ noch 5 komplette Mantelredaktionen im Ruhrgebiet, plus mindestens 2 Lokalredaktionen in jeder der 53 Kommunen, wobei die Zeitungen unabhängig blieben. Dann kam das Zeitungssterben mit den Einsparungen. Z.B. wird eine Sport-Lokalredaktion aufgelöst. Der Sportteil wird dann inhaltlich von der Konkurrenz übernommen, ins alte Layout umgesetzt, und kaum einer merkt was davon.

Zombiezeitung

Nachdem die WAZ als Funke Mediengruppe firmierte, wurden 2013 alle Standorte der Westfälischen Rundschau geschlossen und 120 Redakteure entlassen. Sie erfuhren das aus einer Pressemitteilung; die freien Journalisten hören es erst im Radio. Das Outsourcing-Modell geht wie gehabt: die Lokalteile werden von konkurrierenden Redaktionen gekauft und neu gelayoutet. Aus dem zentralen „Content-Desk“ der WAZ kommt der „Mantelteil“. So erscheint die Westfälische Rundschau als vollwertige Zeitung, ohne irgendeine eigene Redaktion zu besitzen. Nur die Marke ist geblieben und ein Chefredakteur. Das führte zu der Rede von der „Zombiezeitung“.

Laut Freitag-Autor Schaffhöfer ist die Funke-Gruppe ein Zeitungsverlag, der ausschließlich nach marketingstrategischen Gesichtspunkten geführt wird. Durch Zusammenlegung wird die Reichweite vergrößert, mit geringstmöglichem Aufwand werden die vorhandenen Printmedien so profitabel wie möglich gemacht – und die gesellschaftliche Wirklichkeit gibt der Funke-Gruppe recht. Das System funktioniert. Die Gruppe schafft mit einem Bruchteil des ursprünglichen Personals ein Produkt, dem man äußerlich keine Einsparungen ansieht.

Funke ist nicht allein. Andere Verlage haben das System „Zentralredaktion“ ebenfalls entdeckt. Z.B. DuMont gründete 2010 eine Hauptstadtredaktion, in der 20 Autoren den überregionalen Politik- und Gesellschaftsteil der DuMont-Zeitungen schreiben, während der Wirtschaftsteil von „namhaften Autoren aus Frankfurt“ geschrieben wird (Kölner Stadt-Anzeiger, Kölnische Rundschau, Boulevard-Zeitung EXPRESS, Mitteldeutsche Zeitung, Berliner Zeitung, Berliner Kurier, Hamburger Morgenpost, Berliner Abendblatt und weitere Anzeigenblätter, Hörfunksender und Online-Unternehmen).

Weiteres Beispiel: die Madsack Mediengruppe (Hannoversche Allgemeine, Neue Presse, Leipziger Volkszeitung, Lübecker Nachrichten, Kieler Nachrichten, Göttinger Tageblatt, Dresdner Neuseste Nachrichten, Wolfsburger Allgemeine usw. usf.). Madsack beliefert von Hannover aus 15 konzerneigene Tageszeitungen plus weitere 15 externe Partner.

In dem Freitag-Artikel kommt die Rede auch auf den Axel-Springer-Verlag mit seiner noch größeren Medienmacht. Funke durfte von Springer einen „bunten Strauß“ aus Tageszeitungen, TV-Programmzeitschriften und Frauenmagazinen kaufen (nachdem die 120 Redakteure rausgeschmissen waren). Was früher galt, das gilt nicht mehr (Glaubwürdigkeit, Kompetenz und Verankerung in der Region). Aber optisch ist alles noch beim alten. Das System Funke funktioniert – „noch jedenfalls“, orakelt der Autor zum Abschluss (Bild: ProSmile, pixabay). Mit 2 Jahren Abstand hat sich daran anscheinend nichts geändert.

Würdigung

Der Markt ist aber auch schwierig, denn obwohl der Medienkonsum steigt, nimmt der Kulturwandel den Zeitungen Leser weg. Die Tagesabläufe der Menschen ändern sich, gleich mehrere Trends laufen gegen die Zeitungen:

  • Werbeeinnahmen brechen weg
  • Konkurrenz ist schneller, billiger, gezielter
  • Zeitung ist kein Imageheber mehr
  • Konkurrenz zeigt Eigenes (Facebook usw.)
  • Zeitung blinkt und daddelt nicht und hat keine Links (außer online)
  • Trend geht ohnehin vom Schriftlichen weg
  • Fische kann man auch in Plastik einpacken

Und die Zeitung aus Papier kostet Bäume das Leben, sie muss enegieaufwendig verteilt und wieder eingesammelt werden, sie kostet was, und sie bringt dem Hersteller keine Benutzerdaten ein. Die Zukunft gehört dem Analphabetismus.

 

Wilfried Müller

(Dieser Artikel wurde am 1.12.17 publiziert und am 22.9.19 überarbeitet.)

Weitere Links dazu: Pseudowissenschaftliche Journale lächerlich gemacht, Beispiel für linksgrüne Manipulation in der SZ, Neudeutsch für Politiker.

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3 Responses to Zombie-Banken und Zombie-Zeitungen

  1. Johann Wolfgang Goethe sagt:

    1. Alle News und Exklusiv-Berichte usw., werden von Zeitungsredaktionen gegen Geld untereinander weitergereicht.
    2. So viele verschiedene Zeitungen in einer Stadt oder Kommune braucht kein Mensch. Da steht eh überall fast das Gleiche drin.
    3. Die meisten Menschen informieren sich Digital über Geschehnisse in der Welt, ob durch Fernseher, Videotext, Online, Handy, usw.
    4. Es wird über Klimawandel und Klimaschutz geredet wie: Plastiktüten, Feinstaub, Autos usw., aber, dass Wälder vernichtet werden für Zeitungen, Werbe-Prospekte u. v. m., das hat man bisher nicht erwähnt.

    Gruß Wolfgang

  2. Wilfried Müller sagt:

    1. Dazu gibt es keinen Beweis, Wolfgang. Ich glaube nicht, daß Zeit und SZ Berichte austauschen.
    2. Ich finde daß viele Zeitungen gebraucht werden, aber das Zeitungssterben sthet eher für Deinen Standpunkt.
    3. Die meisten sind schlecht informiert außer über Tratsch, Sport und Sensationen.
    4. Für die Zeitungen werden auch Wälder aufgeforstet, das ist eher nachhaltig.

  3. Johann Wolfgang Goethe sagt:

    Da hast Du wahrscheinlich recht, WIlfried.

    Gruß Wolfgang

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