Fernmündliche Nächstenliebe

Ob das jetzt Fernstenliebe heißen muss, wenn man seinen Partner via elektrifizierten Fortschritt abliebelt? Dem Wort fernmündlich könnte jedenfalls eine Renaissance bevorstehen (Bild: bykst, pixabay). Aber der Reihe nach:

Schon vor ein paar Jahren, kurz vor Weihnachten 2016 fand an der Kunsthochschule Goldsmiths der University of London eine Konferenz statt. Dort konnte man sich über Sex-Roboter informieren (ein paar Links dazu unten). Das Augenmerk wurde aber von einer ganz bestimmten Innovation gefesselt. Auf der Konferenz wurde ein Gadget namens Kissenger vorgestellt, „das welterste Kusstransfergerät“.

Die weiteren Bilder stammen von dem Kissenger-Video, Kiss Messenger, A Lovotics Application. und von der Kissenger-Site. Zunächst einmal wird die herkömmliche Methode gezeigt (Bild hier), dann die innovative (Bild darunter) und weiter unten die passenden Transmitter. Die Urform mit den Schweinderln (nächstes Bild) und ganz unten die aktuelle Form (unterstes Bild).

Die Sache ist ein Einstieg in neue Gefühlssphären. Man küsst ein Dingsda, der Kuss wird per Netz und Satellit übertragen, und der Partner wird von einem anderen Dingsda zurückgeküsst. Wer da die Phantasie galoppieren lässt, erkennt sofort die tollen Möglichkeiten. Selbstverständlich schreit das zunächst mal nach einer neuen EU-Norm, gleich als erstes im nächsten Jahr.

Die fernmündliche Kussrichtlinie 2020/1/EU könnte so aussehen:

  • Für die Teilnehmer die Definition der vorschriftsmäßigen Kussempfangshaltung, die dabei einzunehmen ist,
  • Altersgrenzen und Jugendfreigabe,
  • die Vorgabe von Lippenanspitzung und -krümmungsradius könnte nach EU-Gurkimeter bemessen werden.
  • Für die Dingsdas ist erforderlich die Festlegung von Anpressdruck und Vakuumgüte gemessen in Millipascal,
  • der orale Feuchtigkeitsfaktor mit Anti-Sabber-Regelung,
  • sowie die An/Aus-Stellung vom Schmatzschalter,
  • die Spezifikationen für den Knutschflecken-Generator werden nachgeliefert.

Und das ist nur der Einstieg. Reiche Gefilde sind da zu beackern. Natürlich ist auch der private Unternehmensgeist gefragt. Dann ist man nicht mehr bei Twitter oder Facebook, sondern es tut sich Raum auf für neue soziale Medien. Die Frage könnte dann heißen, bist du schon bei Tolip (Kürzel von lip to lip)?

Was noch alles möglich wird, lässt sich kaum erahnen. 27 Küsse in der Kussbox, wollen Sie ein paar runterholen? Falsch verbunden, aber man merkt es nicht gleich, was dann? Eine Konferenzschaltung mit 7 Teilnehmern, ist das dann schon Gruppensex? Was, wenn die social bots das mitkriegen und fake-Küsse streuen?

Überhaupt kann dann alles aufgezeichnet und kopiert werden, oder sogar manipuliert. Angenommen, eine Lady Gaga stellt einen elektronisch aufgeheizten Kuss online – wieviel Millionen Mal wird sie dann zurückgeküsst? Und wenn jemand 1000 Küsse auf Halde hat, endet das erst, wenn der Akku alle ist?

Was ist, wenn noch der Zungenkuss dazuerfunden wird? Wird es überhaupt bei den abgebildeten Transmittern bleiben (Bild oben und unten)? Die fortschreitende Miniaturisierung wird’s bestimmt möglich machen, die Küsschentelefonie noch mobiler zu machen. Was wird diese Mobilmachung uns bescheren?

Sind das dann noch Smartphones, oder vielleicht Smackphones? Womöglich sogar Bum-smack-phones (für bum smack = Popoklatschen)? Soviel ist zunächst mal sicher: Wenn die Leute ihre Geräte streicheln können, können sie sie auch küssen. Für die Generation Gerätestreichler ist da praktisch keine Hemmschwelle dazwischen.

Und dann? Dann könnten Alpträume wahr werden. Konsequenterweise werden dann auch die weiter südlich gelegenen Areale fürs Fernmündliche erschlossen. Nur dass es dann nicht mehr mündlich ist. Schließlich eröffnet die Technik allerhand Möglichkeiten, tiefergelegte Instinkte und Installationen einzubeziehen, und damit ist nicht das Pipifaxgerät gemeint.

Wenn die Dildos online gehen, wie nennt sich das dann? Statt Facebook nun Assbook, wo man sein Popo-Posting versenden kann? 10 Millionen Aufrufe für Lady Gagas Popo-Posting? Ist für solche orgasmusträchtigen Verbindungen dann noch die Telekom zuständig? Was die fortschrittliche Menschheit sich dann runterlädt, ob da die Flatrate noch gilt?

Es sieht ganz danach aus, als ob gebührenpflichtige heiße Nummern schwer im Kommen sind (siehe auch die Sex-Links unten). Dann ist Schluss mit Keine Nummer unter diesem Anschluss, oder wie das immer heißt. Und das ist nun keine Luftnummer, das ist eine Lustnummer.

Je weiter die Phantasie galoppiert, desto umwälzender wird es. Neue soziale Medien, neue Gefühlsverarbeitung, neue Symbole. Als Like-Zeichen hat der erigierte Daumen dann wohl ausgedient. Und fürs Dislike, nun ja …

Man mag sich gar nicht ausmalen, wohin die Verdrahtung der Passanten dann geht, wenn sie nicht nur zu den Ohrstöpseln verläuft. Mehr noch, da schwinden sämtliche Grenzen. Künstliche Befruchtung gibt’s ja schon, da ist es nur noch ein kleiner Schritt zu – nein, das muss hier nicht ausgeführt werden.

Bleiben wir lieber beim herkömmlichen Verfahren. Küsse nur echt mit Lippenstiftspuren. Und fernmündliche Nächstenliebe nur ganz keusch. Die oben abgebildeten Kuss-Terminals von Kissenger lassen sich wohl akzeptieren. Aber kein Schweinderl dazwischenschalten. Kein direktes Abbusseln vom Handy. Naja, dann …

 

Wilfried Müller

(Der Artikel wurde am 26.12.16 und am 28.12.18 publiziert und am 27.12.18 und am 1.10.19 überarbeitet.)

Ein paar externe Links zum Robo-Sex:

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