Bargeldlose Gesellschaft so oder so?

Während man Cashless hierzulande schlicht und ergreifend als geldlos versteht (z.B. Cashless München, Bild: mohamed_hassan, pixabay), googlet man bei wiki unter demselben Stichwort die bargeldlose Gesellschaft (cashless society). Zahlungssysteme ohne Bargeld und ohne physikalischen Kontakt gibt es schon beim Skifahren und beim fortschrittlichen öffentlichen Personennahverkehr außerhalb von Deutschland. Man bekommt dann eine Karte oder ein Cashless Wristband oder vielleicht auch eine app. Darüber wird die Kommunikation mit den Zahlautomaten durchgeführt. In der Schweiz gab es 2014 einen Anlauf, die Zahlmöglichkeiten über Karten auszuweiten (Kontaktloses Zahlen nimmt in der Schweiz Fahrt auf). Die Site vom Anbieter cashless.ch rührt sich aber nicht mehr (Stand 2019).

Es geht natürlich trotzdem weiter. Bargeld wird letztlich komplett durch moderne Technik abgelöst. Diese Entwicklung wird Schlüssel, PINs, Karten, Armbänder, Fingerabdrücke und Codes obsolet machen, weil die eigene Identität der Code sein wird, das Gesicht, die Haltung, die Biometrie.

Auf dem Weg dahin sind Zwischenstufen zu überwinden, die z.B. Google Pay Send heißen können, ein System, das mit einem Google-Konto und einer Kreditkarte funktioniert. Oder es setzt sich Apple Pay durch, das direkt vom Smartphone oder der Apple Watch funktioniert. Ein Redakteur der New York Times hat 2014 ausprobiert, wie sich das bargeldlose Leben anfühlt. Der Bericht heißt Thumbprint Revolution – Cashless Society? It’s Already Coming.

In dem Artikel wird das Apple-Pay-System abweichend von wiki als eins mit Daumenabdruck beschrieben. Jedenfalls trifft die Behauptung zu, dass das System revolutionär sei, wenn auch nicht aus den Gründen, die den meisten Leuten dazu einfallen. Apple Pay könne die ganze Brieftasche ersetzen, die ganzen Karten, das Bargeld, die Fotos, die Papiere. Solche Ersetzungen seien schließlich Bestandteil der Smartphone-Geschichte. Die smarten Phones haben ja alle möglichen Abschüsse erzielt, Treffer und Versenkt: Kameras, Kassettenspieler, MP3-Spieler, Navis, Armbanduhren, Organisationskalender, Weckeruhren, Taschenrechner, Taschenlampen, Kompasse usw. usf.

Wenn man heute zum Einkaufen geht, sei die Brieftasche die Bremse an der Kasse, wie früher die Kreditkarte und noch früher das Ausschreiben von Schecks. Das Herumfummeln mit Bargeld habe lauter Nachteile, die jetzt richtig bewusst würden. Es passe nicht gleich, es könne verloren und vergessen werden, und es trage auf (sofern man gut bestückt ist). In der cashless-pay-Generation komme man mit drei Gegenständen zusätzlich zum Phone aus, wird gesagt:

  • einer einzigen Kreditkarte für Orte, die noch nicht am neuen System teilnehmen,
  • einem Führerschein zur Identifikation, der sich hierzulande auf Personalausweis übersetzen würde. Der Autor wagt die Prognose, dass in 5 Jahren das Smartphone zur Identifikation reicht, weil die Obrigkeit dann Zugang zu allen Daten darauf habe (das fordert die Gegenprognose heraus, dass die Gesichtserkennung es bald überflüssig macht),
  • ein 20-Dollar-Schein als Notreserve.

In Schweden scheint sich demgegenüber das Zahlen mit Karte enorm zu verbreiten. Im Grunde ist beides Schnee von gestern, Karte und Daumenabdruck. Ausgehend von China setzt sich eine neue Fintech durch. Die bargeldlose Gesellschaft der Zukunft geht demnach so, dass statt Bargeld oder Kreditkarte nur das Handy zum Scannen hingelegt wird. Die Anbieter der Bezahlsysteme heißen Alipay und Tenpay, und sie wickeln nicht nur Warenkäufe, sondern auch Kredite und Versicherungen so ab. Die Prognose der NYT dürfte damit schon mal widerlegt sein, die vor 5 Jahren davon ausging, dass die gebräuchlichsten Zahlungen der Zukunft per Daumenabdruck erfolgen würden.

Richtig ist nur die Prognose, dass wohl bald keiner mehr wissen wird, was eine Brieftasche ist. Dafür werde die Generation der Zukunft nur ein Schulterzucken übrig haben, so die NYT.

Man kann nur hoffen, dass das Schulterzucken nicht auch kommt, wenn man fragt, was Geldhaben überhaupt ist. Das Bestreben von moderner Politik & Finanzwirtschaft macht viele Jugendliche nicht nur bargeldlos, sondern völlig geldlos. Wenn sie sich auf die Verlockungen des „Konsumiere sofort, zahle später!“ einlassen, sind sie schnell pleite. Dann ist nicht nur das Bargeld weg, sondern alles Geld. In den USA sitzt schon eine ganze Generation auf hohen Kreditkartenschulden und Ausbildungskreditschulden.

Ein Meilenstein auf dem Weg ist die Geldschwemmen-Politik der EZB (QE genannt) mit ihren Negativzinsen. Wenn die sich mit dem Cashless-Trend vereinigt, können überall Negativzinsen eingeführt werden, d.h. alles Geld entwertet sich, wenn man’s nicht gleich ausgibt. Flankiert wird das durch die Abschaffung der 500-Euro-Noten. Das läuft zwar unter Geldwäsche-Bekämpfung, ist aber auch eine Bekämpfung der Sparer. Es soll so schwer wie möglich sein, das Geld dem Zugriff der Finanzinstitute zu entziehen. Auf Bargeld gibt es ja keinen Negativzins, also gehört Bargeld abgeschafft.

Die schönen neuen Bezahlmöglichkeiten nutzen nicht viel, wenn auf dem Konto nur noch Miese sind. Wer am Ende kein Geld mehr hat, ist cashless cashless.

 

Wilfried Müller

(Dieser Artikel wurde als Bericht aus der Zukunft: Bargeldlose Gesellschaft am 30.11.14 publiziert. Am 3.10.19 wurde er komplett überarbeitet.)

Siehe auch Rezension „Weapons of Math Destruction“ von Cathy O’Neil

Dieser Beitrag wurde unter Wirtschaft abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Responses to Bargeldlose Gesellschaft so oder so?

  1. Johann Wolfgang Goethe sagt:

    Bargeldloses bezahlen mit Karte ist für mich eine Überwachung meines Kontos:
    Man kann sein Geld nur noch mit einer Karte ausgeben. Einen Notgroschen zuhause beiseite legen geht dadurch nicht mehr. Bei jeder Bargeldlosen Bezahlung gibt man auch Daten an, die kriminelle für sich nutzen können.

    Wie sagt man so schön: nur Bargeld lacht.

    Gruß Wolfgang

  2. Wilfried Müller sagt:

    Wenn alles bargeldlos wird, dann lachen die Draghis (=Drachen).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.