Diamanten als vergängliche Werte

Diamonds Are a Girl’s Best Friend hauchte Marylin Monroe, und Diamonds Are Forever sang Shirley Bassey. Beide Damen waren mit viel Überzeugungskraft ausgestattet. Doch darf man ihnen glauben? (Bild: Ungeschliffener Diamant mit typischer Oktaederform, Rob Lavinsky / iRocks.com, Wikimedia Commons)

Wo nun der globale Diamantenmarkt in der Krise ist und die Verkäufe gegenüber dem Vorjahr um 39% gefallen sind, ist Skepsis angebracht (Global Diamond Glut Crashes De Beers‘ September Sales, ZERO HEDGE 2019). Die Käufer wollen angesichts des Überangebots niedrigere Preise, das Kartell von De Beers wankt. Dazu kommen noch andere Faktoren:

  • Angesichts der dräuenden Rezession gehen die Diamantenpreise runter.
  • Auch hochwertige Diamanten können künstlich hergestellt werden.

Man braucht keine urzeitlichen Tektonikereignisse mehr, um den Kohlenstoff in seiner schönsten Form zu kristallisieren. Hochdruckpressen mit Wolframstempeln tun’s auch. Bei 1500 Grad verdichten sie schwarzen Graphit zu weißen Diamanten. Das Material ist sogar besonders rein, mit weniger Metalleinschlüssen und geringeren Fehlern im Kristallaufbau als in der Natur.

Der technische Fortschritt macht’s möglich. Bei ChemgaPedia gibt es Details zum Verfahren, siehe Diamant-Synthese – Erzeugung höchster Drücke. Dort ist noch von extrem hohen Drücken und Temperaturen die Rede. Die Diamantensynthese geht aber auch mit Beschichtungsverfahren, mit Über- und Unterdruck, mit Schockwellen und Funkenentladungen und sonstigen Produktionsgeheimnissen. Ein paar informative Links dazu:

  • Neue Diamanten und Kunststoff-Koks (Zeit 1970). Demnach gelang amerikanischen Wissenschaftlern die Herstellung eines künstlichen Diamanten, der eine andere Bauform aufwies. Er bildete Kristalle im hexagonalen (satt kubischen) System mit einer Hauptachse und drei darauf senkrecht stehenden gleichwertigen Nebenachsen. Es handelte sich um eine Kohlenstoff-Modifikation, die nach dem amerikanischen Ries-Forscher E. C. T. Chao den Namen Chaoit erhielt. Das sei hier wegen des hübschen Namens erwähnt.
  • EDELSTEINE – Dompteure des Kohlenstoffs (Spiegel 2000). Damals ging es noch um  russische Labors, die den Westen mit „verblüffend hochwertigen“ Synthese-Diamanten beliefern, so dass nur Spezialisten die Steine aus der Retorte von natürlichen Edelsteinen unterscheiden können. Außerdem hatte die Firma General Electric ein Verfahren entwickelt, um drittklassige bräunliche Natur-Diamanten mit Einschlüssen in erstklassige farblose Prachtstücke upzugraden. Da fühlte sich laut Spiegel fühle der Weltkonzern De Beers zweifach herausgefordert.
    Die Spiegel-Prosa bemüht Begriffe wie heiß wie in der Hölle und wo sich ein Druck aufbäumt …, da gedeiht ein magischer Kristall. Nur Spuren davon werden laut Spiegel vulkanisch an die Erdoberfläche gebracht, und nur winzige Mengen erreichen das Tageslicht. Dort ist die Kristallform des Kohlenstoffs als Diamant begehrt. In  geschliffener Form beginnt er als Brillant zu funkeln. Doch die Minenarbeiter müssen hunderte von Tonnen Erde durchwühlen, um einen einzigen Diamanten zu finden, der größer ist als ein Getreidekorn.
    Weiter unten könnte der kristalline Kohlenstoff in rauhen Mengen vorkommen, und hier oben wohl bald auch. Der Glitzermythos sei ernsthaft in Gefahr. Der Slogan Ein Diamant ist unvergänglich gerät dann genauso in Gefahr wie die Liedchen vom Anfang. Der Wert der Diamanten dürfe nämlich sehr vergänglich werden, zumal wenn die Synthese noch weiter rationalisiert wird. Und der Diamantenmarkt ist ein Milliardengeschäft. Schon 2009 gab es einen Einbruch um 40% bei den Verkäufen (De Beers: Umsatzeinbruch 2009, FMAG).
  • Produktionsverfahren – Diamanten aus der Retorte (Frankfurter Allgemeine Zeitung 2012). Die FAZ befasst sich in schöner Ausführlichkeit mit dem Glitzerthema.Der Artikel spricht von dem komplexen Computerprogramm, das 1000 Parameter der Synthese steuert, und es beschreibt die mannshohen schwarzen Zylinder in der Produktionsanlage. Man könnte sie für Destillationsapparate zur Branntweinproduktion halten, schreibt die FAZ. Allerdings ist das Zeug innendrin erheblich explosiver als Schnaps.
    In ein paar Tagen wird dort synthetisiert, wofür die Natur Jahrtausende braucht. Die einzelnen Diamantschichten müssen vollkommen gleichmäßig aufkristallisiert werden, um ein Endprodukt zu erhalten, das von einem natürlichen Stein kaum mehr zu unterscheiden ist – ein hochkomplexer Prozess. Man startet mit Graphit in einer Keramikkapsel, unterlegt mit einer dünnen Diamantschicht. Dazu kommen Lösungsmittel für Metalle sowie etwas Nickel und Eisen, und dann wird eingeheizt. 1600 Grad, sagt die FAZ 2012, 100 mehr als die Zeit 2014 (s.u.). Das dürfte den technischen Fortschritt von 2 Jahren widerspiegeln.
    Der extreme Druck löst die Atombindungen des Kohlenstoffs und lässt die herausgebrochenen Kohlenstoffatome in der Keramikkapsel zur Diamantschicht wandern, wo sie eine stabile Verbindung mit der Diamantstruktur eingehen. Die Steuerung muss die Prozessparameter ständig variieren, um die Pfade der Atome gängig zu halten, wobei die Pfade durch Lösungsmittel für Metalle definiert werden, die in unterschiedlichen Konzentrationen vorliegen.
    Die FAZ nennt Zahlen: 80 Stunden Kristallisationsprozess für gelbe Diamanten, mehr als 100 für blaue Diamanten – der Stickstoffgehalt entscheidet über die Farbe. Weiße Diamanten sind besonders schwierig herzustellen, sowohl als Schmuck wie als Bohr- und Schleif- und Schneidemittel. Das Verfahren ist aber effizient genug, um auch die Industriediamanten wirtschaftlich herzustellen, obwohl die Natur sie relativ preiswert hergibt. Auch andere Farben sind möglich, die Größe ist auf den Bereich von 1-2 Zentimeter beschränkt, immerhin bis zum zweistelligen Karatbereich.
    Das gilt auch für konkurrierende Verfahren, wo Diamanten aus Kohlenstoff-Nanostrukturen synthetisiert werden. Dabei kommt Unterdruck zum Einsatz. In der Unterdruckkammer werden kleine diamantene Plättchen durch Mikrowellen auf 1200 Grad Celsius erhitzt und einem Wasserstoff-Gas-Gemisch ausgesetzt. Dabei entsteht eine Plasmawolke, aus der sich die Graphitteilchen auf den Plättchen ablagern. Das Verfahren ist aus der Siliziumtechnologie bekannt, so dass man die komplizierte Steuerung schon gut genug beherrscht, um Brüche und Risse zu vermeiden. Man lässt die Diamanten also auch aus einem Plasma heraus wachsen, 1/2 Millimeter pro Tag. Insgesamt dauert es dann ein paar Tage, bis die diamantenen Körner fertig gezüchtet sind. Laut FAZ haben 97% genug Qualität für Schmucksteine, gegenüber 95% Ausschuss anfangs.
  • Künstliche Diamanten: Frau Merkel, sind die echt? (Zeit 2014). Demnach stellen Physiker in Serienproduktion künstliche Diamanten her, die sich von Naturdiamanten nicht unterscheiden lassen. Die Frage ist also Fake oder echt, und spielt das überhaupt eine Rolle?
    Heute ist die Qualität so gut, dass die synthetischen Steine als natürliche Diamanten klassifiziert werden, mit erstklassigen Noten für die vier C – colour, clarity, cut, carat. Auch der Diamanten-Tester (eigens entwickeltes Spektralfotometer von De Beers, „Diamond View“-System) piepst zum Zeichen der Echtheit. Haben die Juweliere wirklich keine Chance mehr, die synthetischen Steine von natürlichen Diamanten zu unterscheiden? Ist eine Panik in der Schmuckbranche angesagt?
    Solange die synthetisch hergestellten Diamanten gekennzeichnet werden, nicht unbedingt, wird abgewiegelt. In dem SZ-Artikel ist auch die Rede davon, dass sie unter dem Mikroskop zu erkennen seien, und zwar an der besonderen Reinheit. Natürliche Diamanten haben mehr Einschlüsse und Verunreinigungen. Die Frage ist, ob die Gemmologen das den Käufern als preissteigernden Vorteil verkaufen können? Denn bisher haben Verunreinigungen den Preis herabgesetzt.

Der Markt entwickelt sich jedenfalls zu den synthetische Diamanten hin. Die Produktionsgüte spricht dafür, und die Möglichkeit, Steine auf Bestellung herzustellen, in makelloser Reinheit und herrlichen Farben, und billiger als das geschürfte Material. Wird der Diamant zur Billigware?

Geht es De Beers endlich an den Kragen? Die Firma wird von Luxemburg (!) aus gelenkt und ist ein Kartell-Syndikat mit einem Monopol auf den Diamantenhandel. Dieses Monopol wird seit 15 Jahren stark bedrängt. Da helfen keine Diamond-Songs mehr und auch keine Werbepropaganda, wie etwa das Ideelle gebe es nur bei natürlichen Steinen. Angesichts der minimalen Qualitätsunterschiede zwischen künstlich und natürlich ist kaum mehr zu sagen, worin das Vertrauen eigentlich bestehen soll, auf dem das ganze Geschäft beruht.

Denn das wäre das Vertrauen, einen „echten“ Stein zu bekommen, der eigentlich nicht so gut ist wie ein synthetischer. Der Unterschied liegt bei der Absorption von Licht mit der Wellenlänge 415 Nanometern – noch. Bald wird er noch geringer, und der apparative Aufwand zur Unterscheidung wächst weiter.

Der Spruch zur Edelsteinbörse ist wohl wahr, dass die Branche mehr als andere auf Vertrauen beruhe. Logo, das De-Beers-Kartell hat den Preis mit rabiaten Methoden über zig Jahre hinweg künstlich hochgehalten. Es gab schon immer viele Diamanten, die aus dem Markt herausgehalten wurden, um überhöhte Preise zu kassieren. Und die Händler machten alle mit. Sie unterwarfen sich dem rigiden Diktat De Beers, um selber zu profitieren. Am meisten profitierte natürlich De Beers selber. Ein Wunder, wieso nie ein Kartellamt eingegriffen hat.

Die Kartellämter haben viele Jahre lang zugeschaut, wie das Diamantenkartell sich bereicherte. Deshalb ist es eine gute Entwicklung, dass De Beers jetzt Grenzen aufgezeigt bekommt. Der Konzern unterhält zwar ein eigenes Großlabor mit Millionenetat und nennt das „Gem Defence Programme“. Dabei werden jedoch nicht die Diamanten verteidigt, sondern die Profite der Schmarotzer, die sich daran bereichern.

Man darf davon ausgehen, dass die Marktmacht und die zusammengerafften Reserven des Konzerns irgendwann nicht mehr reichen, um noch weiter zu manipulieren. Dann nutzt auch das Markenzeichen nichts, das De Beers per Laser-Hologramm in die Steine prägen will, um seine „Echtheit“ zu zertifizieren. Alle Diamanten sind echt, auch wenn sie synthetisiert sind. Und das Unwesen des Diamantenkartells könnte vor dem Zusammenbruch stehen, genauso wie die künstlich hochgehaltenen Preise.

Wenn die Preise purzeln, werden alle Leute abgestraft, die auf die Werbung des Kartells vertraut haben, Diamanten seien eine gute Geldanlage. Waren sie nicht, weil der Preis künstlich überhöht war. Und sind sie weniger denn je, weil die Technik billigere Diamanten herstellt. Das darf man als gute Entwicklung ansehen. Diamanten sind hübsche Schmucksteine und wertvolle industrielle Rohstoffe. Vor allem wegen des letzteren ist es gut, wenn sie nicht so teurer sind.

Es heißt, bis jetzt habe die Diamantenbranche noch jeden plattgemacht, der ihr Geschäftsmodell infrage stellt. Die interessante Frage ist, schaffen die Kartell-Monopolisten das weiterhin? Ob es reicht, wenn sie PR-Offensiven lancieren, mit Facebook- und TV-Werbung, mit Instagram- und YouTube-Kanal? Die Botschaft ist schal, denn sie lautet: Nur ein in der Natur gewachsener Diamant ist ein echter Diamant. Ein synthetischer Diamant ist ein Fake, eine Lüge.

Wer also einen Verlobungsring kauft und wahre Liebe im Sinn hat, der möge einen echten Diamanten kaufen. Ob viele Leute so dumm sind, dass sie das schlucken?

 

Wilfried Müller

(Dieser Artikel wurde zuerst am  24.11.14 publiziert und am 4.10.19 komplett überarbeitet.)

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