Leben zwischen Scylla und Charybdis (Teil 1)

Bild: Odysseus und die Sirenen; Quelle: Wikimedia

Ich freue mich, Herrn Prof. Hilmar Lemke als Gastautor beim „mündigen Bürger“ begrüßen zu können. Herr Lemke war bis zu seinem Ruhestand Forscher und Hochschullehrer für Immunologie am Biochemischen Institut der Universität Kiel. Wir kennen uns seit mehreren Jahren per Email und haben uns intensiv über Emergenz und „umliegende Ortschaften“ ausgetauscht. Er hat als „Sparringspartner“ sehr viel zum Gelingen meines Buches Gesellschaft ohne Ideologie? beigetragen Sein aktueller Artikel behandelt in drei Teilen ein Thema, dass nicht nur wissenschaftlich höchst anspruchsvoll, sondern auch für unser tägliches Leben sehr wichtig ist: Das dynamische Gleichgewicht zwischen den Krankheitserregern und unserer körpereigenen Immunabwehr.

Leben zwischen Scylla und Charybdis

Der Rachefeldzug der vereinigten griechischen Stämme gegen Troja wegen des Raubes der Helena hatte schon zehn Jahre gedauert, als es den Griechen mit einer List des Odysseus doch noch gelang, die Stadt zu erobern. Sie bauten ein hölzernes Pferd, in welchem sich eine kleine Schar ihrer besten Krieger versteckte, und brachten die Trojaner dazu, das Pferd selbst in ihre Stadt zu ziehen und ermöglichten den Griechen so, Troja im Handstreich einzunehmen und den Krieg für sie glücklich zu beenden. Die Heimfahrt des Königs von Ithaka, Odysseus, nach dem Trojanischen Krieg wird aber zur Irrfahrt, welche der griechische Dichter Homer in der Odyssee beschreibt. Er läßt Odysseus und seine Gefährten viele sagenhafte Abenteuer beste­hen, bevor Odysseus nach weiteren zehn Jahren an den Strand der Phäaken gespült wird. Von dort – östlich von Helgoland (1-3) – gelangte er schließlich wieder nach Ithaka.

Bei einem dieser mythischen Abenteuer mußten Odysseus und seine Gefährten auf ihrer Fahrt eine Meerenge passieren, an der zwei Seeungeheuer hausten, dessen eines – Scylla – mit sei­nen Fangarmen alles fraß, was ihr zu nahekam – auch Seeleute, während das andere Monster – Charybdis – ganze Schiffe in einem ungeheuren Meeresstrudel verschlang. Bei der Durch­fahrt verliert Odysseus sechs seiner Gefährten, die von Scylla gefressen werden, kommt aber selbst mit dem Rest seiner Mannschaft heil hindurch. Dieser Mythos hat sich zu einem Gleichnis entwickelt, welches die Schwierigkeit beschreibt, seinen Weg zwischen zwei Übeln zu finden, die beide gleich gefährlich sind. Dies beschreibt Ludwig Fulda in einem kleinen Gedicht: „Liegt Scylla links Charybdis rechts bereit / was kann dem armen Erdenbürger glücken / der falsche Weg ist Meilen breit / der rechte schmäler als ein Messerrücken.“ Die Situation, sich `zwischen Scylla und Charybdis´ zu befinden, ist so bezeichnend, daß sie sich zur klassischen Rede­wendung entwickelt hat, die auf viele Situationen und Lebenszustände passt. Ein eindrückliches Beispiel findet sich in der Entwicklung der medizinischen Forschung.

Ursachen von Infektionskrankheiten

Eine der größten, wenn nicht die größte Errungenschaft der Medizin ist die Entdeckung der Ursachen von Krankheiten wie Cholera, Pest, Typhus, Tuberkulose, u.v.m. die als schwerste Geißeln der Menschheit unzählige Opfer gefordert hatten. Da man ihr Auftreten nicht ver­stand, wurden sie auch als Strafen Gottes angesehen. Die schnelle Verbreitung dieser Krank­heiten führte beispielsweise zu Seuchenzügen von Pest, Pocken, Cholera, Fleckfieber. Wohl am bekanntesten ist die Verbreitung der Pest ab 1347 nach einem Angriff der Tartaren unter ihrem Kahn Djam Bek auf die genuesische Enklave Kaffa, dem heutigen Feodossija auf der Krim. Die Tartaren katapultierten Pestleichen mit Wurfmaschinen in die Stadt, wodurch die Seuche dort ausbrach und durch Flüchtlinge übers Schwarze Meer verbreitet wurde. Innerhalb weniger Jahre zog der Schwarze Tod durch ganz Europa und forderte geschätzt 25 Millionen Opfer, etwa ein Drittel der Bevölkerung. Es dauerte bis ins 18. Jahrhundert, bevor man langsam lernte, sich gegen diese Krankheiten zu wehren. Das gelang auf zwei prinzipiell unterschiedlichen Wegen.

Der erste wichtige Schritt ergab sich aus der Erkenntnis, daß äußere Umstände diese Krank­heiten förderten oder regelrecht provozierten. So war allgemein bekannt, daß das Münchner Trinkwasser bei Neuankömmlingen Durchfallerkrankungen hervorrief, während die Einge­sessenen dagegen gefeit waren. Gewöhnung brachte mit der Zeit also Schutz. Die übelsten Mißstände in den mittelalterlichen Städten ergaben sich aus der Entsorgung der Abfälle und Fäkalien. In Orten mit fließendem Wasser hingen die Toiletten als sogenannte Abtrittserker außen an den Häuserwänden, und die Exkremente flossen in das darunter fließende Wasser. An derselben Stelle entnahm man auch das Wasser für den Haushalt. Wenn kein Bach zur Verfügung stand, schüttete man alle Abfälle wie Kot und Urin aus dem Nachttopf einfach zwischen die Häuser, den Ehgraben, wo Schweine alles auffraßen. Wenige Beispiele mögen die Vorstellungen über „Hygiene“ veranschaulichen. Johann Peter Frank (1745 – 1821), der Begründer der Hygiene als Wissenschaft, zog noch 1792 gegen die Unart der Bierbrauer zu Felde, die versuchten, hartes Brauwasser durch Zumischen von Kuhdung weich zu machen. Die allgemeinen hygienischen Bedingungen sind besonders gut durch eine Karikatur in der englischen satirischen Zeitschrift „Punch“ gekennzeichnet. Sie zeigt den englischen Natur­forscher und Physiker Michael Faraday (1791 – 1867), wie er sich die Nase zudrückt und mit weißen Karten die Trübung des Themsewassers bestimmen will. Es stinkt, und ein völlig verdreckter Neptun mit seinem Dreizack steigt aus dem Wasser empor, auf welchem Tier­kadaver schwimmen.

Ein tragisches Beispiel für die Ignoranz, ja man muß sagen Dummheit der Menschen ist das Leben und Werk von Ignaz Semmelweis (1818 – 1865), der die Hände-Desinfektion einführte, da er erkannt hatte, daß das Kindbettfieber durch die bei den Geburten mitwirkenden Ärzte verursacht wurde. Es gab Kliniken, in denen die durch das Kindbettfieber verursachte Sterberate bis zu 30% betrug! Durch die Hände-Desinfektion er­reichte Semmelweis einen dramatischen Rückgang und wurde so zum Retter der Mütter. Seine Erkenntnisse wurden aber von den meisten seiner Kollegen nicht anerkannt, sondern er erntete nur Hohn, Spott oder Missachtung. War diese Haltung verständlich, weil man die Ursachen ja nicht kannte?

Erreger von Infektionskrankheiten – Nachweis und Bekämpfung

Der entscheidende zweite Schritt, der eine aktive Bekämpfung ermöglichte, war der Nachweis von Bakterien als Auslöser dieser Krankheiten. Louis Pasteur (1822 – 1895) entdeckte die mikrobiellen Ursache der Fäulnis, und Robert Koch (1843 – 1910) wies die Erreger des Milz­brands (Bacillus anthracis) und der Tuberkulose (Mycobacterium tuberculosis) nach. Beide Forscher wurden damit zu Gründervätern der modernen Bakteriologie und Mikrobiologie. Die Möglichkeit, nicht nur Tiere, sondern auch Menschen mit abgeschwächten Erregern zu imp­fen und sie damit vor der durch diesen Erreger verursachten Krankheit zu schützen, brachte ungeahnte Erfolge. Nachdem Peter Plett (1766 – 1823) als Hauslehrer im holsteinischen Schönweide Kinder durch Impfung mit Kuhpocken erfolgreich gegen Menschenpocken ge­schützt hatte, und damit die Impfung durch Über­tragung von Eiter aus milden Pockenfällen, wie sie seit dem 1. Jahrhundert durch Brahmanen-Priester in Indien praktiziert wurde, ersetzt werden konnte, wurde der englische Arzt Edward Jenner (1749 – 1823) durch die Impfung mit Kuhpocken 5 Jahre später weltberühmt. Er gilt seitdem als Begründer der Immunologie als Wissenschaft.

Das Impfprinzip mit abgeschwäch­ten Erregern wurde durch Pasteur, Koch und anderen bis zum heutigen Standard weiterent­wickelt. Der letzte große Triumph war die aktive Impfung gegen die durch das Poliomyelitis-Virus ausgelöste Kinderlähmung, die jetzt fast ausgerottet ist. Das verleitete dazu, die Infek­tionskrankheiten ab Mitte des vorigen Jahrhunderts im Ganzen als besiegt anzusehen, denn man hatte ja gelernt, sie durch hygienische Maßnahmen zu vermeiden, durch Impfung zurück­zudrängen und mittels Antibiotika zu behandeln. Selbst neu auftretende Krankheiten wie beispielsweise viral-induzierte Ebola oder AIDS (`acquired immune deficiency syndrome´) können nicht wirklich schrecken, son­dern lösen eine intensive Forschung über die Vermeidung und zur Impfstoffherstellung aus. Tropenkrankheiten haben ihre Schrecken verloren, und vor den Reisen in tropische Länder läßt man sich entsprechend impfen. Ja, Impfgegner verlassen sich darauf, daß der Körper sich selbst hilft und genügend geimpfte Mitbürger eine Verbreitung der Erreger verhindern. Daher wurden die Infektionskrankheiten in den 60er bis 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts für besiegt gehalten. Doch änderte sich dies schon bald, und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnte im Jahr 2003 vor der Rückkehr dieser Krank­heiten, was wiederum dazu führte, die Hygiene-Maßnahmen zumindest punktuell zu verbes­sern. Es besteht die Gefahr, daß ein passiver Schutz durch Antibiotika zum einen durch die Resistenzentwicklung der Bakte­rien aber auch wegen der zunehmenden Schwierigkeit, neue Antibiotika zu entwickeln, immer schwieriger wird. Oder vielleicht nicht mehr möglich sein wird?

Furcht vor Krankheitserregern

Trotz des Wissens über die Vermeidung und Behandlung von Infektionskrankheiten hat sich eine allgemeine Furcht vor Bakterien und Viren verbreitet, was an vielen Dingen zu erkennen ist. Bakterien werden in Kinderbüchern als kleine ekelhafte Monster dargestellt, die uns Scha­den zufügen wollen. Alles muß steril verpackt sein. Kaufhäuser bieten den Kunden am Ein­gang Desinfektionsmittel zur Sterilisierung der Handgriffe des Einkaufwagens, und man sieht Menschen, die öffentliche Türen nicht anfassen mögen, sondern mit abgewinkeltem Arm öff­nen. Nach dem Anfassen von Tieren müssen sowieso die Hände gewaschen werden, der Hy­giene wegen. Die Erkenntnis über die Ursachen der Infektionskrankheiten hat sich zu einer Angst vor Keimen bis zu einer Hygienebesessenheit gesteigert (4).

Hygiene definiert sich als die Lehre von der Gesunderhaltung des Menschen, benannt nach der griechischen Göttin der Gesundheit Hygieia der Tochter Äskulaps (Asklepios), des Gottes der Heilkunst, dessen Stab mit der Schlange den ärztlichen und pharmazeutischen Stand symbolisiert. Wenn die uns be­siedelnden Bakterien und Viren wirklich so schrecklich sind und als unsere Feinde angesehen werden müßten, dann – könnte man erwarten – sollte jede Verminderung der Zahl dieser Mi­kroben uns `gesünder´ machen? Das ist sicher eine tief verwurzelte ältere und auch heute noch weit verbreitete Vorstellung in der Bevölkerung. Deshalb die Angst vor Keimen! Daraus ergibt sich als allgemeine Denkrichtung und logische Folgerung, daß Kontakte mit anderen Menschen unmittelbar oder mittelbar über Türklinken und Handläufe vermindert oder ver­mieden werden sollten und diese Feinde durch hygienische Maßnahmen und Antibiotika bekämpft werden müßten, – wenn man der Gefährdung durch krankmachende (pathogene) Mikroben, dem Einflussbereich der Charybdis, entfliehen und gesund bleiben will.

Teil 2 des Artikels finden Sie hier.

Literatur:

  1. J. Spanuth, Das enträtselte Atlantis. (Union Deutsche Verlags-Gesellschaft, Stuttgart, 1953).
  2. C. E. Lewalter, Atlantis lag hinter Helgoland. Die Zeit, (1953).
  3. K. Bartholomäus, Odysseus kam bis Helgoland. Bild der Wissenschaft 1, (1977).
  4. G. A. W. Rook, J. L. Stanford, Give us this day our daily germs. Immunol Today 19, 113-116 (1998).
Dieser Beitrag wurde unter Medizin abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.