Leben zwischen Scylla und Charybdis (Teil 3)

Schlussfolgerungen

Bild: Odysseus und die Sirenen; Quelle: Wikimedia

Die Angst vor der Charybdis mit ihren gefährlichen Infektionskrankheiten Pest, Cholera, Typhus, Tuberkulose u.a. (vgl. Teil 1 und Teil 2 des Artikels) führte die Menschen also zu weit in den Einflußbereich der Scylla, deren Bereich uns heute mit Allergien, Asthma sowie Autoimmun- und Tumor-Erkrankungen bedroht (siehe Abbildung unten). Es gibt keinen absolut sicheren ungefährlichen Weg, wir müssen zwischen beiden Übeln hindurch. Die durch die beiden gegensätzlichen Extreme unserer mikrobiellen Besiedelung ausgelösten Krankheiten haben aber aufgezeigt, was und wie das normale Mikrobiom unsere Entwicklung beeinflußt. Das wiederum ermöglicht neue Behand­lungen von Autoimmunkrankheiten, indem man den Patienten ausgewählte Bakterien von gesunden Menschen überträgt. Die Repertoires der Mikroben in den drei Bereichen Scylla, Norm und Charybdis zeigen zeitliche Fluktuation, die von der Art und Menge der Nah­rung ebenso wie von psychischen Faktoren wie Stress abhängt. Die Bereiche haben keine festen Grenzen, und die Übergänge sind fließend und individuell verschieden.

Abbildung: Abhängigkeit der Häufigkeit und des Schweregrades von Krankheiten vom Mikrobiom (eigene Grafik). Erläuterungen dazu siehe Teil 2

Können wir aus diesem Beispiel eines Lebens zwischen Scylla und Charybdis wirklich eine Lehre für unser `normales´ alltägliches Leben ziehen? Direkt sicher nicht, denn es ist eine sehr eigene Beziehung. Um eine Belehrung daraus zu ziehen, müßte man wohl das Prinzip solcher Wechselwirkungen kennen. Im beschriebenen Beispiel geht es offensichtlich darum, zwei extreme Gegensätze zu vermeiden. Da der Mensch in der Regel eine Erklärung für eine bestimmte Sachlage sucht, führt die Vermeidung der extremen Besiedelung mit Mikroben (Charybdis) zur Bekämpfung dieser Krankheitsursachen, und das extreme Gegenteil wäre dann das völlige Fehlen von Mikroben (Scylla). Erst der Weg in diese Richtung offenbarte, daß das Gegenteil von falsch nicht richtig oder besser wird, sondern wieder falsch wird, wenn auch in anderer Form. Wenn man dies als Regel fürs gesamte Leben anwendet, ergeben sich allerdings viele Lebenslagen wie zwischen Scylla und Charybdis, zwischen denen es gilt, hindurch zu manövrieren. Hier nur wenige Beispiele:

  • Hungern ist ein hartes Übel, aber Völlerei als das Gegenteil ist auch nicht erstrebens­wert.
  • Armut ist schlimm, aber der gegenteilige Überfluss macht auch nicht wirklich glücklich, denn der Mensch ist nicht zu befriedigen.

„Wonach du sehnlich ausgeschaut, / Es wurde dir beschieden. / Du triumphierst und jubelst laut: / Jetzt hab ich endlich Frieden! / Ach, Freundchen, rede nicht so wild, / Bezähme deine Zunge! / Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt, / Kriegt augenblicklich Junge.“ Wilhelm Busch

„Sucht nur die Menschen zu verwirren, / Sie zu befriedigen ist schwer – – “. J. W. v.Goethe

  • Das ewige Ziel des Menschen ist die Freiheit, und wir leben in einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung, unsere bekannte Freiheitliche demokratische Grundordnung. Jedoch:

„Unterdrücker, Unterdrücktes / Jedes Ding hat seine Last.“ Wilhelm Busch

  • Wir haben die Natur hinter uns gelassen, und haben uns durch Technik eine eigene Welt gezimmert. Auf diesem mittlerweile schon langen Weg haben wir die Dinge und unser Zusammenleben immer nur verbessert. Umso mehr erstaunt dann, daß wir als All­gemeinheit dabei nicht zufriedener geschweigen denn glücklicher geworden sind. Wir haben uns neue Probleme eingehandelt, die wir wieder lösen müssen. Das ist der Fort­schritt. Mittlerweile hat sich vielfach das Gefühl verbreitet, diese Probleme nicht mehr bewältigen zu können und möglicherweise daran zugrunde zu gehen. Und diese Angst vor der Zukunft wird geschürt. Beispiele gibt es viele – vom Verkehr­sinfarkt und der Verschmutzung der Welt mit Plastik, welche als Mikroplastik in unsere Nahrung gerät, bis zur Angst vor nicht enden wollenden Kriegen und einer allgemeinen Angst über die sog. Klimakatastrophe (fridays for future).
  • Das Pendel in der Erziehung ist von der`altdeutschen Art mit strenger Autorität, Gehorsam und Härte´ zur antiautoritären Erziehung und `Kuschelpädagogik´ umgeschwenkt (11).
  • Während in früheren Zeiten die gesellschaftlichen Probleme auf verschiedenen Ebenen von den Ältesten behandelt bzw. gelöst wurden, hat sich heute ein immer weiter um sich greifender Jugendwahn breitgemacht (siehe oben: Klimaveränderungen/-probleme und deren Lösung durch die Jüngsten; es gab ja auch schon mal Kinderkreuzzüge). Dazu zwei Zitate von Wilhelm Busch:

„Geschäftig sind die Menschenkinder, / Die große Zunft von kleinen Meistern, / Als Mitbegründer, Miterfinder / Sich diese Welt zurecht zu kleistern.

Nur leider kann man sich nicht einen, / Wie man das Ding am besten mache. / Das Bauen mit belebten Steinen / Ist eine höchst verzwickte Sache.

Welch ein Gedränge und Getriebe / Von Lieb und Haß bei Nacht und Tage, / Und unaufhörlich setzt es Hiebe, / Und unaufhörlich tönt die Klage.“

 „Oftmals paaret im Gemüte / Dummheit sich mit Herzensgüte, / Während höh’re Geistesgaben / Meistens böse Menschen haben“. (Siehe Mephisto in `Faust´ von J. W. von Goethe.)

  • Von `du bist nichts, dein Volk ist alles´ sind wir zum Gegenteil `du bist alles, dein Volk ist nichts´ (wenn es das überhaupt noch gibt) gekommen.

Es ist offensichtlich schwierig für uns, die Gesamtlage, in der wir leben, zu erkennen, richtig einzuschätzen und in ihren Ursachen zu verstehen. Die Menschen, die während der `kleinen Eiszeit´ (etwa von Mitte des 15. bis Mitte des 19. Jahrhunderts) lebten, waren sich dessen auch nicht bewusst (12). Es ist ein typisches Beispiel für Schopenhauers Einschätzung: „Meistens belehrt uns erst der Verlust über den Wert der Dinge.“ Dies gilt wohl für die meisten Situa­tionen zwischen Scylla und Charybdis. Wir pendeln offensichtlich immer wieder zwischen neuen Gegensätzen. Als grundlegende Belehrung und Aufgabe mag gelten, zwischen Tun und Lassen, zwischen Liebe und Hassen den eigenen Weg finden.

Literatur

  1. S. Winkle, Kulturgeschichte der Seuchen. (Artemis & Winkler, Düsseldorf / Zürich, 1997).
  2. G. Dedié, Gesellschaft ohne Ideologie – eine Utopie? Was die Naturwissenschaft von heute zur Gesellschaftsordnung von morgen beitragen kann. (Tredition, Hamburg, 2019).
  3. S. Kroonenberg, Der lange Zyklus: Die Erde in 10000 Jahren. (Primus Verlag, Darmstadt, ed. 2., 2006).

 

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1 Response to Leben zwischen Scylla und Charybdis (Teil 3)

  1. Wilfried Müller sagt:

    Diese drei Artikel sind sehr informativ, und sie enthalten Informationen, auf die ich noch nirgends gestoßen bin. Danke für diese Aufklärung. Damit wird mir viel klarer, wie die übermäßige Hygiene sich auswirkt (während ich mir über die Wirkungen der fehlenden Hygiene eher im klaren war).

    Interessant ist auch die Abbildung des Zwiespalts (Pendeln zwischen Gegensätzen) auf andere Bereiche, z.B. Volk-Individuum. Sehr gelungene Texte!

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