Lou und die Höllenangst

Lou Andreas-Salomé, geb. 1861 (Bild 1877: www.flickr.com/photos/confetta/2975146841/, Wikimedia Commons) von Frank Sacco

Lou ist Schülerin Sigmund Freuds in Wien, die Beinahe-Ehefrau Nietzsches und Lebensbegleiterin Rilkes. Lou weiß: Die Angst vor Höllenstrafen würde uns „fernliegen“ (8. Dez. 1912). Diese Angst ist halt als Kern unseres kollektiven Unbewussten sehr tief verdrängt. Die Hölle mit der Angst davor sei aber „im Unbewussten uns aufbewahrt… als unsere ewige Wirklichkeit“ (2. Febr. 1913). Damit spricht sie die sog. „Glaubensgewissheit“ an, welche die Amtskirchen als „Wirklichkeit“ in den Köpfen unserer Kleinen zu implantieren versuchen. Glaube soll, so der Impetus der Amtskirchen, zu einer „Gewissheit“ werden. Bezüglich des Höllenglaubens ist das eines ihrer zahlreichen Verbrechen. Denn derartiger Glaube macht krank.

Lou erweist sich damit im Gegensatz zu unseren heutigen („modernen“) Nervenärzten noch als gute Analytikerin: Sie weiß noch um den Stellenwert der Hölle in unserem Unbewussten. Da sie es weiß, wird sie auch nicht psychisch krank – im Gegensatz zu einer Vielzahl der heutigen Psychiater. Diese erkranken aus Unkenntnis ihres Unbewussten. Aus dieser Unkenntnis heraus können sie die meisten ihrer Klienten auch nicht ausreichend therapieren.
Außerordentlich wichtig bei Rilkes Kampf gegen seine Kindheitsreligion war ihm die enge Freundin Lou. Sie war etwas älter als er und hatte Theologie, Philosophie und Kunstgeschichte studiert und einen Heiratsantrag Nietzsches abgelehnt. Wie Freud und Nietzsche zur, ich sage einmal katholisch – jüdischen Religion standen, ist hinlänglich bekannt. Das größte Unglück für die Menschheit sei das Christentum, so Nietzsche. Genug Tote hat es produziert. Und es produziert sie (über Suizide) weiter. Lou lieh bzw. übertrug Rilke Selbstbewusstsein. „Dein Wesen war so recht die Thür, durch die ich zuerst ins Freie kam“, schreibt der Dichter ihr. Sie wusste, entsprechend geschult, um die Folgen eines inneren Gottkampfes. Sie schreibt dem durch Kirche und Kaserne vergewaltigten Rilke im Jahr 1901:
„Das, was du und ich den „Andern“ in dir nannten, – diesen bald deprimierten, bald excitirten, einst Allzufurchtsamen, dann Allzuhingerissenen, – das war ein ihm ((dem befreundeten Psychiater Friederich Pineles)) wohlbekannter und unheimlicher Gesell, der das seelisch krankhafte fortführen kann …ins Geisteskranke.“ Unsere Lou sorgte dafür, dass Rilke ein Schicksal in ekklesiogener Geisteskrankheit, wie Hölderlin es in vier Jahrzehnten Schizophrenie durchleiden musste, erspart blieb.
Nicht nur von der Kirche kam wegen Rilkes neuer Definition eines Gottes, eines „lieben“ Gottes, der Blasphemievorwurf. Diesen haben Verwandte und Bekannte und Rilke sich natürlich auch selbst gemacht, anfänglich verdrängt in seinem Unter- und Vorbewussten. Rilke lässt aber von seinem tapferen Kampf um Humanität im Glauben nicht ab. Er schreibt für Kinder und Erwachsene die „Geschichten vom lieben Gott“ und ist damit therapeutischer als unsere heutigen Psychiater, die das Thema Kirche oder „krank durch Kirche“ streng zu meiden versuchen. Das so genannte Heilige Abendmahl greift Rilke an und lässt „seinen“ neuen Jesus sagen: „Mein Blut fließt ewig aus den Nagelnarbenund alle glauben es: mein Blut sei Wein, und trinken Gift und Glut in sich hinein.“
Wann hören wir endlich auf unsere Dichter? Die EKD-Verantwortlichen ließen in der jetzigen Postmoderne Vierjährigen im neu geschaffenen Evangelischen Kinderabendmahl (unwidersprochen von unseren heutigen Psychoanalytikern, Lou ist leider längst gestorben) das Abendmahl geben, so in einer Hamburger Kita Bisenort, und damit das Blut ihrer Schuld trinken. Sie trinken damit das „Gift“ einer in kirchlicher Suggestion (!) eingeredeten Schuld und erleiden die „Glut“ ihrer ihnen eventuell bevorstehenden Höllenqualen, falls ihnen der Pseudoerlöser Bibeljesus diese oder andere Schuld am Tage des Jüngsten Gerichtes nicht erlässt. So ein denkbarer „Grund“, der vom Kranken meist verdrängt ist, liegt oft in der Jugend oder Kindheit. Rilke lässt seinen jungen Tragy im Überschwang sagen: „Über mir ist niemand, nicht mal Gott.“ Ein starker, aber gewagter Ausspruch. Ein sensibler Jugendlicher mag sich das übel nehmen. Ist Tragy autobiografisch, ist Tragy Rilke? Ich meine: ja. Rilke ist mit Glück (und mit Hilfe Lou´s) noch an den härtesten Symptomen eines Sacco – Syndroms vorbeigekommen.

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1 Response to Lou und die Höllenangst

  1. Johann Wolfgang Goethe sagt:

    Wenn der Papst und seine Gefährten an Gott glauben, dann sollten sie sich an Gottes Wort erinnern: ″liebe deinen nächsten″, und keine Höllenangst und Gottesfurcht verbreiten.

    Die Amtskirchen und der Papst sollten erst einmal vor ihrer eigenen Kirchentür kehren, bevor sie ihren Glaubens-Blödsinn den Menschen und den Kindern aufdrängen. Einem Bericht zufolge gibt es in den Klöstern viele homosexuelle Priester – da sollte man erst einmal Ordnung schaffen!

    Eltern die ihre Kinder ″Gläubig″ erziehen und ihnen Höllenangst u. ä. eintrichtern, gebe ich eine Mitschuld, wenn die Kinder später einmal in der Psychiatrie landen. Die Kinder werden erst gar nicht gefragt, ob sie einer Religion angehören wollen. Das ist seelische Grausamkeit und gehört bestraft.

    Gruß Wolfgang

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