Das schwärzeste Schwarz

Für alle, die nicht genug schwarzsehen können, kommt hier etwas besonders Schwarzes. 2014 wurde ein neues Schwarz entwickelt, Vantablack ist die Bezeichnung (Bild: Nemo, pixabay). 2018 beschichtete ein Künstler bei einer portugiesischen Kunstausstellung ein zweieinhalb Meter tiefes Loch mit diesem Schwarz. Ein Besucher hielt das Loch für einen Fleck auf dem Boden und stürzte hinein. 2019 wurde ein Auto damit beschichtet. Es verschwand aber nicht ganz aus der Sicht, denn es ist zum Glück ein modernes Auto, das blinkt, wenn man auf den Key drückt (Das schwärzeste Schwarz der Welt, Spiegel 2019).

Der Reihe nach: Der Independent berichtete 2014 über eine Farbe, die von jeher etwas Besonderes war – zumal die Wissenschaft sie gar nicht als Farbe sieht, sondern als die Abwesenheit davon. Außerdem gibt es die Theorie, dass man Farbwerte nicht steigern kann, also nicht das weißeste Weiß, das lilaste Lila oder das schwärzeste Schwarz. Die Wissenschaftler haben’s beim Schwarz trotzdem getan.

Blackest is the new black: Scientists have developed a material so dark that you can’t see it… … but you’ll have a long wait for the ultimate cocktail dress (Das neue Schwarz ist das schwärzeste Schwarz des Lebens: Wissenschaftler haben ein neues Material entwickelt, das ist so schwarz, dass man es nicht sieht … aber es wird noch lange dauern, bis man das ultimative Kleine Schwarze draus machen kann).

Der Sachgehalt in freier Wiedergabe: Schwarz war beliebt bei Puritanern, Goths, Avantgardekünstlern und Modeschöpfern, und nun gibt es die Steigerung davon. Ein Schwarz, das noch schwärzer ist. Der Independent verbindet etwas Mysterisches, Außerirdisches, damit, aber es reicht eigentlich, wenn man die Daten anschaut.

Da wurde eine Farbe produziert, die 99,96% des Lichts vom sichtbaren Spektrum absorbiert, und das war ein neuer Weltrekord. Das High-Tec-Produkt besteht aus Kohlenstoff-Nanoröhrchen (10.000-mal dünner als ein Menschenhaar). Die Schwärze ist so stark, dass sie das menschliche Auge irritiert, man kann nicht verstehen, was man da (nicht) sieht. Formen und Konturen verschwinden quasi in einem Schwarzen Loch (das allerdings 100% absorbiert).

Damit ließe sich, so spekuliert der Independent, ein Kleid machen, bei dem der Fotoeffekt eintritt, dass man nur Kopf, Arme und Beine sieht, aber ohne Beleuchtungstricks. Das Kleid selber wäre nur ein schwarzes Nichts dazwischen.

Was tatsächlich gemacht wird, ist seriöser. Die Farbe filtert Restlicht aus astronomischen Kameras bis in den Infrarot-Bereich hinein und verbessert ihren Wirkungsgrad. Man zielt auf die schwärzesten Stellen im Universum und hofft, dass die Kamera noch schwärzer ist, damit sich ein Bild ergibt. Nicht zu vergessen die militärischen Anwendungen, über die tunlichst geschwiegen wird. Der Schwarze Mann gehört dem Militär exklusiv.

Dies ungewöhnliche Material nennt sich Vantablack. Es wird auf Aluminiumfolien gezüchtet, deren Konturen unter der Beschichtung verschwinden. Selbst in der Mikroskopaufnahme sieht man nur noch schwarz. Der Artikel vergleicht die Röhrchen mit winzigen Trinkhalmen, die dicht an dicht gepackt sind, und zwischen denen sich das Licht verliert. Die Röhren sind so dünn, dass das Licht nicht hineinkommt, sondern nur in die Lücken dazwischen, und da wird es fast vollständig gestreut. Die Wirkung hat allerdings ihren Preis, das Material ist so teuer, dass noch nicht mal drüber geredet wird.

Das Vantablack filtert nicht nur Lichtstrahlen, sondern auch Partikel und behebt dadurch Verunreinigungen mit unkontrollierten Atomen und Photonen in empfindlichen Detektoren. Außerdem ist das Material ein 7-mal besserer Wärmeleiter als Kupfer und 10-mal fester als Stahl. (Anmerkung ZmB: die armen Damen, die das Kleine Schwarze daraus dann doch mal tragen, die dürften schön frieren, und niemand ist stark genug, um ihnen das Kleid vom Leibe reißen.)

Ein Wissenschaftler wird noch damit zitiert, dass viele Leute Schwarz für die Abwesenheit von Licht halten, aber er sehe das anders. Wer noch nicht in ein Schwarzes Loch geschaut hat, habe noch nie gar kein Licht gesehen. Das könne er nun haben, wenn der das neue Material anschaut – das sei so dicht wie möglich am Schwarzen Loch dran (ob der Professor eine lichtdicht geschlossene Kiste mit einkalkuliert hat, ist unbekannt).

Doch wer das Unsichtbare mit eigenen Augen sehen will, hat nun eine neue Option. Es gibt ein neues Material, das 99,995% des sichtbaren Lichts absorbiert, und das ist Schwärzer als das schwärzeste Schwarz (Spektrum 2019). Werkstoffforscher vom MIT haben das Vantablack überboten.

Auch wenn 99,995% gegenüber 99,96% eine gewaltige Verbesserung sind, ist für das menschliche Auge kein Unterschied wahrnehmbar. Um den nicht wahrnehmbaren Unterschied zu zeigen, nutzten die Forscher wiederum eine Kunstausstellung. Dort überzogen sie einen millionenteuren Diamanten mit ihrem Schwarz, und siehe da, man sieht ihn nicht (MIT news).

Das Schwarz besteht wiederum aus Kohlenstoffnanoröhrchen, die auf der Oberfläche aufrecht nebeneinanderstehen und das Licht in den engen Zwischenräumen noch stärker absorbieren. Es handelt sich also um eine verbesserte Variante vom Vantablack. Die Wissenschaft gibt sich einigermaßen beeindruckt von der neuen Schwarzseherei – gute Aussichten, könnte man sagen.

 

Wilfried Müller

(Dieser Artikel wurde am 15.7.14 publiziert und am 28.10.19 ergänzt.)

Siehe auch Was ist Nichts?

 

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3 Responses to Das schwärzeste Schwarz

  1. Johann Wolfgang Goethe sagt:

    Die Farbpalette die es gibt reicht aus, da braucht man nicht das schwärzeste Schwarz der Welt. Weiß ist Weiß und Schwarz ist Schwarz!

    Gruß Wolfgang

  2. Wilfried Müller sagt:

    Weiß und schwarz sind in der Farbpalette nicht drin, Wolfgang. Das schwärzeste Schwarz ist sinnvoll um Streulicht in optischen Meßgeräten wegzufiltern. Vor allem wird es aber beim Militär gebraucht, für Stealth-Waffen (Tarnkappentechnik).

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