Zur kulturellen Evolution (Teil 3) – die Leitkultur

Bild: Schloss Neuschwanstein als weltweit bekanntes deutsches Kultursymbol; Quelle Wikimedia

Wo steht Deutschland gegenwärtig im Rahmen seiner kulturellen Evolution? Bei den Diskussionen zur Integration der Migranten – aber auch unabhängig davon – spielt der Begriff der Leitkultur eine Rolle. Was ist der Unterschied zwischen Kultur und Leitkultur? Und warum ist die Leitkultur wichtig? Die Kultur hat sich in einer Ko-Evolution der Individuen mit der Gesellschaft entwickelt, und hat aktuell einen bestimmten Stand erreicht, der je Land oder Region unterschiedlich ist. Die Leitkultur ist sowohl ein Ziel für die kulturelle Orientierung der Bürger eines Landes als auch ein Ziel für die Weiterentwicklung der aktuellen Kultur. Wegen des globalen Wettbewerbs und der weltweiten Zusammenarbeit sollte die Teilmenge der Leitkultur, die diese Zusammenarbeit betrifft, auch eine weltweite Leitkultur sein.

Zum Vergleich: Im Sprachgebrauch der Regelungstechnik entspricht die aktuelle Kultur dem zu regelnden Wert und eine (verbesserte) Leitkultur dem Sollwert. Die Maßnahmen zur Annäherung an die Leitkultur stellen die Rückkopplung dar.

Die Leitkultur ist die kulturelle Vorgabe für alle Bürger des Landes, mit der sie sich identifizieren sollten, unabhängig davon, ob sie dort schon länger leben, oder ob es sich um Migranten handelt, die in das Land kommen und dort leben wollen. Es ist aber offenbar nicht einfach, die Leitkultur zu identifizieren und erst recht nicht, sich auf eine gemeinsame Vorstellung zu einigen.

Der Begriff Leitkultur wurde 1996 von dem Politologen Bassam Tibi benutzt, um einen auf europäischen Werten basierenden gesellschaftlichen Konsens zu beschreiben, der als Klammer zwischen Deutschen und Migranten dienen könnte. Er argumentiert: So wie jeder Mensch eine personale Identität hat, so besitzt auch jede Gesellschaft eine kollektive Identität. Das klingt zwar logisch, aber es scheint doch nicht so einfach zu sein. Ein paar Beispiele dazu:

Bei bpb heißt es: „Der Begriff „Leitkultur“ wird immer wieder benutzt, wenn über die Zuwanderungspolitik in Deutschland diskutiert wird. Manche Politiker/-innen sprechen davon, dass es eine „Leitkultur“ in Deutschland gebe, nach denen sich die Ausländer, die hier leben wollen, richten sollen. Damit meinen sie, dass es in der Kultur und im sozialen Miteinander etwas gibt, das die Menschen, trotz aller Verschiedenheit verbindet. Und dieses Gemeinsame, diese „Leitkultur“, müssten ausländische Menschen akzeptieren. Das sei Voraussetzung für ein gedeihliches Miteinander von Inländern und Ausländern. Andere Politikerinnen und Politiker lehnen diesen Begriff ab, weil sie ihn nicht für hilfreich halten. Wichtiger sei, sich darüber zu verständigen, was die Grundrechte wie Gleichberechtigung, Religionsfreiheit und Meinungsfreiheit für unser Zusammenleben bedeuten.“

Aydan Özoguz (SPD) hat im Mai 2017 in einem Interview mit dem Tagesspiegel zur Leitkultur gesagt: „Eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.“ Diese oberflächliche und provozierende Aussage muss man leider ernst nehmen, weil Frau Özoguz nicht irgendwer ist, sondern Migrationsbeauftragte im Rang eines Staatsministers im Kanzleramt. Auch die politische Diskussion dazu ist interessant, weil sie signalisiert, welche Kompetenz unsere Politiker in so einem wichtigen Punkt haben, oder auch nicht.

Auch andere Versuche der Politik, eine deutsche Leitkultur zu beschreiben, sind wenig überzeugend ausgefallen. Ein Versuch stammt vom Innenminister de Maizière (Zehn Thesen zur Leitkultur), ein anderer von der CSU-Landtagsfraktion (Die bürgerliche Leitkultur …, Februar 2016). Beiden ist gemeinsam, dass die Leitkultur auf einen simplen Verhaltenskodex für das tägliche Leben von Migranten beschränkt wird. Dadurch wirken diese Beschreibungen zwar sehr einfach, repräsentieren aber nicht die gesamte deutsche Leitkultur. Kultur ist halt weitaus mehr als Religion, Folklore und „Hände schütteln“. (Letzteres ist eine Anspielung darauf, dass islamische Männer aus religiösen Gründen Frauen nicht die Hand geben.)

Tibi hat die europäische Leitkultur in den Vordergrund gestellt, einen Wertekonsens basierend auf den Werten der „kulturellen Moderne“ nach Habermas. Er beinhaltet u. a den Vorrang der Vernunft vor religiöser Offenbarung, die Trennung von Staat und Religionen (sog. Laizität), den Pluralismus und die Toleranz. Er fordert (schon 2002!) eine geordnete Einwanderung statt unkontrollierter massenhafter Zuwanderung, sowie einen geordneten Kulturpluralismus statt der Beliebigkeit des Multikulturalismus. Parallelgesellschaften müssen vermieden werden. Die Statistik zeige aber, dass mehr Sozialhilfeempfänger als arbeitswillige oder für den Bedarf unserer Gesellschaft geeignete und qualifizierte Menschen zuwandern. Der „Fremdenhass“, der vielen Bürgern in den M-Medien in diesem Zusammenhang unterstellt wird, ist vor allem ein Ausdruck des Zorns der Bürger über das deutsche Staatsversagen wegen der unkontrollierten Zuwanderung: Frau Merkel hat zusammen mit den rot-grünen Sozialromantikern die BRD seit 2015 ohne zureichende Gründe, ohne ausreichende demokratische Legitimation und gesetzwidrig für Millionen von illegalen Einwanderern freigegeben.

Zum Verständnis dessen, was mit Kultur gemeint ist, beziehe ich mich auf einen Artikel der Bundeszentrale für politische Bildung zur Vielfalt der Kulturbegriffe:

  • Kultur bezeichnet das „vom Menschen Gemachte“ bzw. „gestaltend Hervorgebrachte“ – im Gegensatz zu dem, was nicht vom Menschen geschaffen wurde, sondern von Natur aus vorhanden ist.
  • Kultur ist deshalb deutlich mehr als Religion, Kunst und Brauchtum, es sind die „geistigen Güter, materiellen Produkte und sozialen Einrichtungen“ eines Volkes.
  • Kultur umfasst also die Gesamtheit „der typischen Arbeits- und Lebensformen, Denk- und Handlungsweisen, Wertvorstellungen und geistigen Lebensäußerungen einer Gemeinschaft“.
  • Ein wichtiger Teil der Kultur eines Volkes sind die von ihm geschaffenen Gemeingüter.
  • In unserer Zeit gilt ein weitgefasster, ziemlich wertneutraler Kulturbegriff, der sowohl die Hochkultur als auch die alltägliche Kultur umfasst. Im Fall der Musik z.B. klassische Musik bzw. Volks- und Popmusik.
  • In den letzten Jahrzehnten ist eine fachübergreifende Präferenz für einen wissensorientierten Kulturbegriff erkennbar, der berücksichtigt, dass Kulturen nicht nur eine soziale und mentale Dimension haben, sondern auch materielle und organisatorische.

Nach Wikipedia bezieht sich die Kultur auf die Lebensweise einer Gesellschaft. Für die deutsche Leitkultur sind deshalb folgende Aspekte wichtig:

  • Sie muss keine spezifisch deutsche Kultur sein, die Kultur Mitteleuropas ist eine gute Grundlage und braucht für Deutschland nur wenig angepasst werden. Für eine „gute“ Leitkultur ist aber eine Weiterentwicklung und „Verbesserung“ der heutigen Kultur nötig.
  • Für die notwendige Ordnung und Rechtsstaatlichkeit sind die Verfassung, die Gesetze und die übliche Ordnung wie die persönliche Identifikation (ohne Vermummung), Meldepflicht usw. verpflichtend. (Das bedeutet bspw., dass Migranten, auch wenn sie in Parallelgesellschaften innerhalb Deutschlands leben, sich uneingeschränkt an die deutschen Gesetze halten müssen. Dieben die Hand abzuhaken und Frauen, die fremdgegangen sind, zu steinigen, kann kein Teil einer deutschen Leitkultur sein.
  • Für den Wohlstand und die internationale Wettbewerbsfähigkeit sind in der BRD der gute Stand von Handwerk und Industrie entscheidend, und die Methoden zur Entwicklung und Fertigung technischer Produkte. Auch dieser Teil der deutschen Kultur ist als Leitkultur eine Verpflichtung. (Die gegenwärtigen, extrem neoliberalen Methoden der Finanzwirtschaft kann man allerdings nur als „Unkultur“ betrachten.)
  • Die Grundlage dafür bildet die Infrastruktur für die schulische, handwerkliche und Hochschulausbildung, für wissenschaftliche Forschung, für den Verkehr, die Hygiene, Gesundheit und Kommunikation.
  • Damit ist aber auch die Pflicht verbunden, die Chancen der Ausbildung zu nutzen, und anschließend eigenverantwortlich von seiner Arbeit zu leben, statt von der Wohlfahrt.
  • Eine weitere Grundlage sind allgemeine Verhaltensweisen von Individuen und Institutionen wie Verantwortlichkeit, Ehrlichkeit, Toleranz, Zuverlässigkeit, Engagement usw.
  • Andere Kulturgüter wie Literatur, Kunst, Musik, Gastronomie, die Inhalte der Medien usw. beeindrucken durch die Fülle und Vielfalt ihrer Angebote.

Einiges davon ist allerdings sehr fragwürdig: Angebote wie Drogen, extreme Gewalt, Pornographie, die Desinformation der Medien u.a. gehören sicher nicht zu einer deutschen Leitkultur, sondern als Folgen extremer Kommerzialisierung bzw. politischer Propaganda zu einer Art „Unkultur“. Adorno äußerte sich schon 1954 in seinem Beitrag zur Ideologienlehre sehr kritisch über die Rolle der damaligen Medien im Rahmen der deutschen Kultur als „… die primitiven Züge der heutigen Massenkultur … die uns von Leinwand und Fernsehschirm angrinsen.“ Dieses Niveau hat sich seither noch erheblich verschlechtert.

Besonders wichtig ist aber, dass Deutschland seit etwa 200 Jahren überwiegend humanistisch-naturwissenschaftlich-technisch geprägt ist, und schon lange kein christliches (oder gar jüdisches) Abendland mehr ist. Die konsequente Trennung von Kirchen und Staat (die sog. Laizität) fehlt aber bis heute und ist inzwischen überfällig, denn bis dato ist die BRD wegen der Allianz von Kirche und Staat noch ein Stück weit fundamentalistisch. Religiöse Toleranz bedeutet, dass Religionen zwar nicht verboten, aber Privatsache sind und in keiner Weise vom Staat gefördert werden dürfen; ein aufgeklärter Staat muss alle Weltanschauungen gleichbehandeln und darf nur Wissen fördern, nicht aber Glauben oder Ideologien. Die laizistische Trennung von Staat und Kirchen ist auch deshalb notwendig, damit der Islam die unzeitgemäßen Rechte der christlichen Kirchen nicht einfordern kann und keine neuen und erweiterten Religionskonflikte entstehen, oder stellvertretend für die Konflikte in anderen Ländern in Deutschland ausgetragen werden.

Eine Minimalversion der Leitkultur als Vorgabe für Migranten könnte auf dieser Basis etwa so aussehen: Unsere Leitkultur ist nicht religiös, sondern humanistisch-naturwissenschaftlich. Wir sind deshalb eine säkulare Gesellschaft; Religion oder anderer Aberglaube ist Privatsache und wird vom Staat in keiner Weise unterstützt. Wir bauen keine neuen „Gotteshäuser“ und dulden keine religiöse Propaganda. Wir dulden keine Parallelgesellschaften mit einem abweichenden Recht, organisierter Kriminalität oder einer stark abweichenden Kultur. Wir dulden keine religiös oder ethnisch bedingten Stellvertreter-Bürgerkriege in Deutschland. Wir haben uns über Generationen hinweg und oft unter schwierigen Bedingungen unseren wirtschaftlichen und kulturellen Stand erarbeitet und verlangen die Mitarbeit aller Bürger für ihren Erhalt und ihre weitere Entwicklung. Schweinefleisch gilt bei uns nicht als „unrein“. Wir trennen Mädchen und Buben weder in der Schule noch im Sport, wir vermummen uns nicht, außer wenn das Wetter oder die Helmpflicht es erfordert, die Beschneidung von Mädchen oder Buben ist verboten. Beiträge aus der sozialen Sicherung muss man sich durch vorab geleistete Arbeit erwerben; es gibt kein bedingungsloses Menschenrecht auf Wohlstand.

Dazu müssten sich die Migranten verpflichten, bevor sie die BRD betreten. Ihre erworbene und gewohnte Kultur ist oft völlig anders.

Ein Hinweis noch zu den Werten, die im Zusammenhang mit der (Leit-)Kultur oft pauschal genannt, aber kaum jemals definiert oder erklärt werden: Werte sind die ethischen Anforderungen der Kultur an wichtige charakterliche Eigenschaften der Bürger, wie bspw. Ehrlichkeit, Verantwortungsbewusstsein, Zuverlässigkeit usw. Die Werte sind damit auch eine kulturelle Grundlage der Gesetze. Bei Kindern und Jugendlichen entsprechen die Werte den Anforderungen der Kultur an ihre persönliche Entwicklung. Sie werden primär durch das Vorbild der Erwachsenen und durch die Erziehung vermittelt.

Auch die Medien hätten bei der Förderung dieser Werte eine große Verantwortung; ihnen sind aber seit Jahrzehnten beim Inhalt und bei der Wortwahl ihrer Berichte einerseits die Einschaltquoten bzw. Auflagen und andererseits die von ihnen vertretenen Ideologien wichtiger. Das ist derzeit der hohe und destruktive Preis für die sog. Pressefreiheit. Auch in der Politik predigt man gern Werte; Egon Bahr meinte dazu allerdings: „Wenn ein Politiker anfängt, über Werte zu schwadronieren, statt seine Interessen zu benennen, wird es Zeit, den Raum zu verlassen.“

Weitere Informationen zum Thema Kultur und Gesellschaft finden Sie in:

Günter Dedié: Gesellschaft ohne Ideologie – eine Utopie? Was die Naturwissenschaft von heute zur Gesellschaft von morgen beitragen kann; tredition 2019

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3 Responses to Zur kulturellen Evolution (Teil 3) – die Leitkultur

  1. Wilfried Müller sagt:

    Das seh ich anders. Bei der Leitkultur gibt es keinen „Sollwert“ und keine „kulturelle Vorgabe für alle Bürger des Landes“. Wer sollte denn die bestimmen? Sie kann nur ipso facto ermittelt werden, also rein deskriptiv, aber natürlich bezogen auf die Einheimischen. Nun muss man darüber reden, inwieweit sich Immigranten danach zu richten haben. Regulär Einwandernden wird das Bekenntnis zur Leitkultur auch in allen vernünftig regierten Ländern abverlangt. Asylanten und GFK-Flüchtlingen nicht, weil sie ja nur temporär aufgenommen werden sollen. Wenn die temporär Aufgenommenen allerdings hintenrum zu Immigranten gemacht werden, ohne dass sie sich zur Leitkultur bekennen müssen, handelt es sich um einen Verrat an unserer Leitkultur.

    „Eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar“. Zu diesem dummen Politikerspruch die Anmerkung, dass dieselben Leute, die das behaupten, kein Problem dabei haben, den Deutschen eine Sippenschuld, ein Nazigen oder eine „besondere Verantwortung“ zuzuweisen.

    Unterstreichen möchte ich die Aussagen zu unserer Leitkultur bezüglich Arbeitsethos und erst schaffen, dann Familie gründen bzw. „eigenverantwortlich von seiner Arbeit leben, statt von der Wohlfahrt“.

    Dass man sich Beiträge aus der sozialen Sicherung nur durch vorab geleistete Arbeit erwerben kann, geht allerdings aus sozialen Gründen nicht, schon mal weil manche Leute arbeitsunfähig sind.

    Dass Angebote wie Drogen, extreme Gewalt, Pornographie usw (wohl auch extreme Tattoos, Piercings und Body Modification) nicht zur deutschen Leitkultur gehören, ist eine problematische Forderung. Denn die Leitkultur wird ja gerade nicht nach dem wirtschaftlichen und kulturellen Stand unter Mitarbeit aller Bürger explizit erarbeitet, sondern sie ist einfach das, was unsere Leute machen. Man braucht gar nicht anzufangen, über Leitkulturlenkung nachzudenken, denn das machen dann die medial Mächtigen, die eh schon dauernd fehlsteuern.

    • Günter Dedie sagt:

      Lieber Wilfried, zu Deinem letzten Absatz: Ich mache einen Unterschied zwischen der aktuell praktizierten Kultur, die Missbrauch von Gewalt, Drogen uva. enthält (IST-Wert), und einer Leitkultur, die diesen Missbrauch ablehnt bzw. unter Strafe stellt (SOLL-Wert). Und dass die Mächtigen, seien es kirchliche oder mediale oder politische, nach den bisherigen Erfahrungen die Leitkultur nicht bestimmen dürfen, darin sind wir uns ja einig.

  2. Johann Wolfgang Goethe sagt:

    Leitkultur ist doch wieder ein neu erfundenes Wort: Jedes Land hat seine Leitkultur. Wenn Migranten eine deutsche Staatsangehörigkeit besitzen und integriert sind, gehören sie unserer Kultur an – alles andere ist keine Leitkultur, sondern nur Multi-Kulti.

    Gruß Wolfgang

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