Tattoo for you, graffiti for the city

Passend zur ZmB-Leitkulturaufwärmung wird hier ein Artikel wiederbelebt, der einen Aspekt davon behandelt:

Wer nicht aussehen will wie Hinz und Kunz, der geht als Hunz, denn heute gilt die Selbstverhunzung als Selbstverwirklichung (Bild: Riae, SuicideGirls, Creative Commons Attribution 2.0 Generic).

Geneigte Zum-mündigen-Bürger-Leser erkennen dies unschwer als humoristische Anwandlung, nach dem Motto, Geschmack muss man haben, und wenn’s nur der eigene ist.

Als ob schlechter Geschmack so leicht definierbar wäre. Stören kann er heutzutage schon gar nicht mehr. Was anfangs noch als komische Frisur daherkam und heute als koreanisch inspirierte Fußballerfrisur grassiert, ist parallel zu stärkeren Reizen übergegangen. Zwischen niedlich und unappetitlich hat sich mit schöner Durchdringungskraft eine bunte Landschaft aufgetan. Früher hieß das Vandalismus, wenn die Sprayer kamen und sich die urbane Landschaft nach eigenem Geschmack umgestaltet haben. Heute macht der Vandalismus nicht vor der eigenen Körperlandschaft Halt, und kein Polizist schreitet ein, wenn sie mit Tätowiernadel und Piercing-Stichel umgepflügt wird.

Dabei hatte es gute Gründe, wenn solche Oberflächenvergütung bzw. -verschandelung dereinst den Lebensmitteln vorbehalten blieb. Keine Schweinehälfte ohne Veterinär-Stempel, keine Kuh ohne Ohr-Piercing. Na gut, Seebären und Knastis haben sich auch auf diese tierische Art geschmückt, und das gleiche galt für ferne Eingeborene und japanische Kriminelle namens Yakuzas. Die letzteren liebten es schön bunt auf der Haut, was ihnen wegen der großflächigen Hautschäden frühzeitiges Leberversagen einbrachte (Bild: alimustyoz, pixabay).

Aufs Leberversagen arbeiten ja auch die Alkoholiker hin, und wem das viele Trinken zu mühsam ist, der hat Alternativen. Früher gab’s Kneipen an jeder Ecke, heute gibt’s da Tätowier- und Piercing-Shops. Also warum nicht das Tapetenmuster auf sich herumtragen? Oder eine nette kleine Alptraumlandschaft aus Glyphen, Mustern und Runen?

Die Wegschmeißkultur ist endlich unter die Haut gegangen, könnte man sagen, denn was mal eintätowiert ist, das bleibt. Sogar Piercings können ewige Spuren hinterlassen. Die Spuren-Entfernung – sofern gewünscht – ist unangenehm bis unmöglich. Einmal Seemann, immer Seemann, so könnte man das sehen.

Außerdem kriecht die Werbung ja auch in alle Ecken, sie besudelt die Umgebung und verunziert die Kleidung. Wenn sie den Trendsettern noch nicht ganz auf die Pelle gerückt ist, handelt sich das nur um ein vorübergehendes Versäumnis, darf man annehmen. Blöder als Tattoo-Aarabesken und Arschgeweihe sind die Werbesprüche ja nun auch nicht (Bild: Lana Graves, Unsplash).

Vom Klamottatoo bis zum Body-Graffito ist es nicht weit. Man darf getrost davon ausgehen, dass der Modetrend auch nicht vor Piercings für Kleidung, Häuser, Autos zurückschreckt, nun ja, die Reifen vielleicht ausgenommen. Und warum keine Tatoos für Nahrungsmittel, die bisher ungestempelt blieben? Was der Pelle eignet, frommt auch der Wurstpelle. Schnitzel mit Branding sollten eine Selbstverständlichkeit sein, und Käse verfehlt als Berg-, Hütten- oder Höhlenkäse seine Bestimmung. Stinkekäse passt schon eher zur Intensivierung des Lebensgefühls, aber erst als Graffito-Käse verwirklicht er sich in voller Schönheit. Kunstkäse mit Käsekunst, so entspricht er dem Stil der modernen Zeit.

Das wirft nun die Frage nach der olfaktorischen Intensivierung auf. Herkömmliche Parfüms riechen meistens wie eine Stoffwechselstörung. Wenn es dem optisch aufgemotzten Menschen nach geruchlichem Hervorstechen aus der Menge gelüstet, mag er in Käserichtung allerlei Anregung finden. Das hat dann auch den sexy Einschlag, der das Streben nach immer neuen erogenen Zonen befeuert (Bild: Timothy Paul Smith, Unsplash).

Stinke, wem Gestank gegeben, wie der Dichter sagt, und wo man stinkt, da lass dich ruhig nieder.

Schön, wenn dieser Artikel hilfreich den Weg weist. Wenn’s in den Augen wehtut, muss es auch in der Nase wehtun, das wäre sonst eine Diskriminierung. Ein ganz leiser Gedanke mag daran verschwendet sein, was wäre wohl los, wenn die Körperverhunzung ein Ritual und eine Pflicht wäre?

Dann würden die Freigeister dagegen auf die Barrikaden gehen. Wie es jedoch ist, müssen sie dafür eintreten, falls jemand den Zauber verbieten möchte. Mal sehen, wie weit das wirklich noch geht. Das Lobotomie-Piercing lockt …

 

Wilfried Müller

(Dieser Artikel wurde am 13.4.14 publiziert und am 3.11.19 überarbeitet.)

Link dazu: Tattoos – Das geheime Leben der Haut (Zeit 2014, mit Zahlsperre). Demnach seien die Deutschen so volltätowiert, dass sie gar nicht mehr nackt sein können, die Tattoo-Mode mache aus ihnen ein Volk der Gezeichneten. Die Biologie nenne das Schrecktracht, wenn ein Lebewesen auf seinem Äußeren Zeichen ausbildet, mit denen Fressfeinde abgeschreckt werden sollen.

PS: Was niemend thematisiert, ist der Standpunkt der Mode. Der weibliche Aufschrei „Ich hab nichts anzuzieh’n!“ bedeutet übersetzt: „Ich trage nichts zweimal.“ Aber die selbstgestaltete Haut muss man jeden Tag tragen, und sie geht nicht mit der Mode mit …

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4 Responses to Tattoo for you, graffiti for the city

  1. Günter Dedie sagt:

    Tatoos und Piercing sind für mich ein Zeichen galoppierender gesellschaftlicher Dekadenz, und eine passende Steilvorlage für Teil 4 (demnächst) meiner kleinen Reihe zur kulturellen Evolution, bei der es auch um den Niedergang einer Kultur geht.

  2. Johann Wolfgang Goethe sagt:

    Wenn ich höre, dass Menschen sich über dicke Menschen lustig machen und behaupten, sie sehen unästhetisch aus, dann sollten die tätowierten und gepiercten sich erstmal selbst im Spiegel betrachten, wie unästhetisch sie aussehen – das ist nicht cool, das ist Dummheit.
    Frauen mit Tattoos und Piercing finde ich persönlich weder attraktiv noch sexy, das ist ekelhaft; zumal auch die Klitoris und die Schamlippen teilweise gepierct werden. Solche Frauen hätten bei mir keine Chance, ich will eine zarte und schöne Frau neben mir liegen haben und keine Bild-Galerie.

    Alkoholiker arbeiten nicht auf ein Leberversagen hin, Alkoholismus ist eine Krankheit – währenddessen Tattoos und Piercing eine Dummheit dieser Menschen ist – sie verhunzen ihren Körper absichtlich, nur wegen einer Modeerscheinung. Das hat mit Kultur nichts zu tun.

    Günter Dedie’s Kommentar stimme ich zu!

    Gruß Wolfgang

  3. Johann Wolfgang Goethe sagt:

    Ich möchte noch hinzufügen:

    Die Frau auf dem Foto ist eine süße Maus und sieht sexy aus: Warum muss sie sich mit Tattoos und Piercings so verschandeln? Warum ist sie nicht so geblieben, wie sie einst war?

    Gruß Wolfgang

  4. Wilfried Müller sagt:

    Das müssen wir sie mal selber fragen, Wolfgang.

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