Anzügliches im Anzug

Bei ZmB wird Humor noch aus dem letzten Komma gezogen. Das Wort gezogen ist kein Verschreiber anstelle von gesogen, sondern Absicht. Es geht nämlich um den Zug (im Bild von lizzyliz, pixabay, ist nicht die neuste DB-Errungenschaft dargestellt, sondern eine Lok, die nur so tut, als ob sie dampft, und für die der Zug abgefahren ist).

Der Zug steckt im Anzüglichen ebenso wie im Anzug, bloß was sind das für Zugkräfte, die da walten? Anziehungskräfte natürlich, aber nur abzüglich dessen, was in Abzug gebracht wird.

Unter The Awful German Language kann man Mark Twains Beschwerde über den Zug nachlesen, da sind 28 Bedeutungen aufgelistet, die das deutsche Wort Zug auf englisch haben kann, und „was es noch alles bedeutet, wenn alle legitimen Übersetzungen ausgeschöpft sind, muss erst noch entdeckt werden“.

Wenn Twain französisch gekonnt hätte, dann hätte er auch The Awful French Language schreiben können, denn das französische Allzweckwort pile gibt bestimmt genausoviele Übersetzungen her (Haufen, Stapel, Säule, Pfeiler, Batterie …, Bild: Einfach-Eve, pixabay).

Daran hätte Twain auch seine Freude haben können, ehe er die Verdammnis der deutschen Sprache schrieb: Die schreckliche deutsche Sprache – „…oder warum Mark Twain die deutsche Sprache hasste…“

In diesem Text schreibt er: „Aufgrund meiner philologischen Studien bin ich überzeugt, dass ein begabter Mensch Englisch (außer Schreibung und Aussprache) in dreißig Stunden, Französisch in dreißig Tagen und Deutsch in dreißig Jahren lernen kann.“ Klarerweise hat Twain nicht versucht, die 30 Tage für französisch zu erübrigen, sonst hätte er schreiben müssen, 300 Jahre für korrektes Französisch (Tüdelchen inclusive).

Blöderweise ist pile nicht in Zug zu übersetzen – das ist eine der wenigen Bedeutungen, die Zug nicht annehmen kann. Dafür haben wir schöne Komposita mit Zug:

  • Zugfahrt
  • Zugsalbe
  • Zugspitze
  • Zugvogel
  • Zugluft (geht noch)
  • Zugehfrau (geht nicht mehr, obwohl es eine Gehfrau ist, die geht also doch?)
  • Zugereiste (geht nicht? Doch, als Zuzug)

Stotterverdächtig ist dieser Zuzug, neuerdings auch Immigration genannt, der folgenden tiefsinnigen Kommentar auf sich zieht:

  • zu Zuzug: zuviel => zumachen
  • zu zuviel: reicht viel zuviel oder muss es zuviel zuviel sein?
  • zu zumachen: viele denken dann dichtmachen, andere denken schnellmachen, und das ist ein großes Problem

Es geht aber auch umgekehrt, viele Schreibweisen für denselben Laut. In der Beziehung sind englisch und französisch der deutschen Sprache über. Chinesisch ist noch schlimmer: Da gibt es vier Ton-Varianten von der Silbe „i“. Allein die Variante mit abfallendem Ton hat 64 Bedeutungen, die mit lauter verschiedenen Zeichen geschrieben werden.

 

Wilfried Müller

(Dieser Artikel wurde am 9.2.14 publiziert und am 6.10.19 überarbeitet.)

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