Die Übervölkerung

Mit wenig medialem Hintergrundrauschen tagt gerade die Weltbevölkerungskonferenz, ein Bericht dazu heißt Der Vatikan ist nicht dabei (FAZ 2019). Schon vor 25 Jahren gab es ein Meeting, das den  Geburtenzuwachs global „stabilisieren“ wollte, beim Stand von 5,6 Mrd. Menschen. Vergeblich; jetzt sind es 7,7 Mrd., und 2050 sollen es 10 Mrd. sein (Bild: DasWortgewand, pixabay).

In Afrika wird sogar mit einer Verdoppelung der Bevölkerungszahl von 1,3 Mrd. auf 2,6 Mrd. in 2050 gerechnet, d.h., 2/3 der Bevölkerungszunahme finden in Afrika statt. Dabei ist allen klar, dass die exorbitante Vermehrung der auf unserem Planeten lebenden Menschen zur Quelle von Not und Unterentwicklung wird (Die 20-20-Formel, der Freitag 2019).

Familienplanung wird noch nicht als allgemeines Menschenrecht betrachtet, aber die Konferenz vor 25 Jahren wollte sie als Anrecht für alle festschreiben. Überall sollte der Zugang zu Verhütungsmitteln gesichert sein, und ihr  Gebrauch sollte nicht durch dogmatische Vorgaben, z.B. von Kirchen, eingeschränkt werden. Gemäß des Freitag-Artikels wird aber kolportiert, dass gut 200 Mio. Frauen in Afrika keinen Zugang zu Kondomen, Pillen, Spiralen und anderen Verhütungsmitteln haben – mithin mindestens die Hälfte der afrikanischen Bevölkerung von 1,3 Mrd. Männern, Frauen und Kindern.

Dabei ist Geburtenkontrolle alleine nicht genug Familienplanung; dazu gehören auch bessere Bildung, Arbeit und Emanzipation für Frauen. Vor 25 Jahren wurde ein „Aktionsprogramm“ verfasst, das letztlich bloß ein moralischer Appell war. Ein Punkt darin verdient besonderes Interesse: Die fortschreitende Besiedlung von ungenutzten Erdregionen bedinge steigenden Konsum, Störungen des sozialen und ökologischen Gleichgewichts – und Klimawandel. Schon damals war klar, was die Übervölkerung anrichtet, während das heute nach Kräften ignoriert wird (Linksgrüne Denkverbote, ZmB).

Die Geschichte der Weltbevölkerungskonferenzen ist gekennzeichnet durch das Bremsen der Kirchen, durch deren Kampf gegen Abtreibung und „Verhütungsimperialismus“, durch das Fernbleiben des Vatikans. Deshalb wird jetzt auf den Zusammenhang zwischen Religion und Übervölkerung eingegangen. Man sollte meinen, der Fall ist klar: je religiöser, desto übervölkerter. Einige Statistiken sprechen aber dagegen. Laut denen ist die Übervölkerung kein Produkt der Religion, sondern nur eine Folge der elenden Lebensumstände. Das verdient genauere Betrachtung. Zunächst die Argumente der Religion-ist-nicht-schuld-Fraktion.

Argumente pro Religion-ist-nicht-schuld

Mit Seiten wie gapminder wird diese Ansicht vertreten. Dort werden beeindruckende Kurven gezeigt (Abnahme der Fertilität in Afrika, aber auch Abnahme der Kindersterblichkeit, man klickt unten links auf den Pfeil, um die Jahre durchzurollen). Es gibt auch andere Graphen, die jede Relation der Geburtenrate zur Religion negieren und nur eine Abhängigkeit vom mangelnden Wohlstand zeigen (der Link funktioniert leider nicht mehr). Die Aussage: Je ärmer, desto mehr Geburten, je reicher, desto weniger Geburten, und die Religion spielt keine Rolle. Wie mag das zu erklären sein?

Ist es wirklich vorstellbar, dass der religiöse Druck gar keine Wirkung haben soll? Verbot der Geburtenkontrolle, Sex nur zwecks Zeugung, Abtreibung ist Mord – das soll einfach so verpuffen? Oder die Behandlung der Frauen als Gebärmaschine, wo das ungeborene Kind viel wertvoller ist als die Mutter, vor allem, wenn es ein Junge ist? Das soll keinen Unterschied machen?

Es ist schon deshalb merkwürdig, weil die Religion eng mit Not und Elend verwoben ist. Beides geht Hand in Hand. Die Ärmeren sind frömmer, und die Frömmeren sind ärmer, und zwar beides als Kausalzusammenhang. Es bleibt das Geheimnis von gapminder, wie es den Zusammenhang von hoher Fertilität und mangelndem Wohlstand zeigen kann, aber den Zusammenhang von hoher Fertilität und Religion nicht.

Woanders finden sich auch nur spärliche Belege (z.B. Religiosität als demografischer Faktor, Marburg Journal of Religion, 2006). Das ist anscheinend ein Thema, das ungern vertieft wird, denn das Gegenteil ist viel correcter (z.B. Der Mythos hoher muslimischer Geburtenraten, fowid 2018 – die gezeigten Graphen zeigen allerdings einen Zusammenhang zwischen Fertilitätsrate und muslimischer Religion plus christlicher Stammesreligion).

Es gibt also durchaus einen Widerspruch in der Religion-ist-nicht-schuld-Argumentation. Viel einleuchtender ist die Standardargumentation.

Standardargumentation – Schuld

Demnach trägt die Religion schwere Schuld an der Übervölkerung der Welt, weil sie die Gläubigen zum Kinderkriegen anhält, auch wo gar kein Lebensraum mehr ist. Durch Tabuisierung der Familienplanung und durch moralischen Druck zum Kinderkriegen fördert die Religion jedoch nur ihren Eigennutz. Eine Religion ist um so erfolgreicher, je mehr Nachwuchs sie schafft; bloß für die Menschheit und die Umwelt ist das katastrophal. Beide werden in Not und Elend gestürzt.

Das ist ein selbstverstärkender Prozess, denn in Not und Elend gedeiht die Religion am besten, und die Übervölkerung nimmt noch mehr zu. Zunehmende Kinderzahl bei Armen schafft wiederum mehr Not und Elend, weil mehr Menschen zu ernähren sind.

Die Natur ist hart zu überflüssiger Population. Bei den Kaninchen wird die Übervölkerung durch die Staupe reguliert, bei den Ratten durch die Pest; dann sterben die meisten weg. Bei den Menschen drohen sogar noch mehr Gefahren. Mit der steigenden Bevölkerungsdichte nehmen nicht nur die Seuchen zu. Es gibt Hungersnot, Völkerwanderung und Bürgerkrieg. Es gibt Umweltzerstörung durch Verwüstung, Versteppung und Überflutung. Aus dem Überangebot von Menschen ohne Existenzgrundlage heraus gibt es Kriminalität, Menschenhandel und Organhandel.

Die Schuld an der Übervölkerung muss man nach dieser Argumentation zuförderst der Religion zuschreiben. Die Schuld lässt sich nicht auf Medizin und Hygiene abwälzen, mit denen vor allem die Kindersterblichkeit eingedämmt wurde. Da stellt sich sofort die Frage, warum wurden die modernen Methoden eingeführt ohne dazupassendes Ethos? Wieso Medizin und Hygiene ohne Modernisierung des Ethos‘ mit Familienplanung und Geburtenkontrolle? Das wurde von der Religion verhindert – zumal von der christlichen, die damit besonders viel Schuld auf sich geladen hat.

Standardargumentation – Tabuthemen

Allen Religionen gemein sind die Bestrebungen zur Unterdrückung von Bildung und Emanzipation, zwei der Hauptfaktoren, die gegen die Bevölkerungsexplosion wirken. Man sollte sich darüber im klaren sein, dass Mitteleuropa mit seinen reichlich 200 Menschen pro Quadratkilometer übervölkert ist. Das sind viel mehr, als das Land erhalten kann. Deshalb muss Mitteleuropa Energie und Rohstoffe importieren und insofern auf Kosten von anderen Ländern leben. Die notwendigen Importe machen die Europäer mehr oder weniger erpressbar, und Erpressungspotentiale bleiben heutzutage nicht lange ungenutzt (mit dem Erdöl funktioniert das derzeit allerdings nicht).

Erpressung ist auch die sogenannte „Bevölkerungswaffe“. Die wird eingesetzt als Drohung mit massiver Vermehrung. Weil es Beispiele für die gezielte Zunahme einer ethnischen oder religiösen Gruppe bis zur demokratischen Mehrheit gibt (Kosovo, Libanon, Bermuda), ist das Drohpotential realistisch. Das gilt auch für die Zuwanderung. „Gebt uns Geld, oder wir halten die Flüchtlinge nicht mehr auf“, kann es zum Beispiel heißen (Türkei). Damit ist ein Tabuthema angesprochen.

Territorialverteidigung gehört zwar zur biologischen Grundausstattung unserer Spezies, und früher betrieb man Reviermarkierung durch Kirchtürme bzw. Minarette. Aber um politisch correct zu sein, darf man heute nicht mehr gegen die Immigration sein. In Deutschland schlägt sich das besonders problematisch nieder. Unsere Immigranten werden nicht nach den gewünschten Fähigkeiten ausgesucht wie sonst in der Welt, und im Gegensatz zum Rest der Welt dürfen sie nicht arbeiten (während sie lange auf ihre Anerkennung zum Asyl, subsidiären Schutz, Abschiebungsverbot oder sonstigem Duldungsstatus warten).

Standardargumentation – Bevölkerungsrückgang / Bevölkerungsexplosion

Die Integrationsdebatte kaschiert das eigentliche Problem, nämlich die Übervölkerung. Die übermäßige Vermehrung der Menschen wird umdefiniert in ein Menschlichkeitsproblem bei der Immigration. Dabei sind es hunderte von Millionen, die ihr eigenes Land übervölkert haben und noch mehr übervölkern, und die gern anderswo mit der Übervölkerung weitermachen würden. Der Gedanke an die hunderte von Millionen muss aber die Vernunft über das Mitleid stellen. Es sind zu viele, die Hilfe brauchen. Die können nicht alle in die entwickelten Länder emigrieren, sondern allenfalls ein kleiner Teil davon. Weil die Betroffenen nach ihrer Fähigkeit, Schleuser zu bezahlen und Land und Meer zu durchqueren, ausgewählt werden und eher nicht nach der Bedürftigkeit, hat das mit Gerechtigkeit wenig zu tun.

Solange sich so viele auf so engem Raum drängen, ist bei uns in Deutschland keine Förderung des Kinderkriegens angebracht. Wir haben unsere Bevölkerungsexplosion schon hinter uns (Verfünffachung seit dem Mittelalter). Wenn die Geburtenrate niedrig bleibt, normalisiert sich bloß die die Bevölkerungsdichte – und das sollte eigentlich keine Einladung an die ganze Welt sein hierherzuziehen. Woanders soll man bitte auch dem Trend zum Wenigerwerden folgen. Wenn das der Religion zuwiderläuft, dann muss die Religion zurückstecken.

Die Religion muss sich den Bedürfnissen der Menschen anpassen, und nicht umgekehrt. Nur so kann sie überhaupt eine Existenzberechtigung haben.

Bevölkerungsrückgang steht für Nachhaltigkeit und Umweltschutz, deshalb wäre ein weltweiter Rückgang der Bevölkerung das beste. Selbstverständlich geht es auch um den schonenden Umgang mit den Ressourcen, der allen Menschen eine Verpflichtung sein sollte. Maßgeblich ist am Ende das Produkt Zahl mal Durchschnittsbedürfnisse – und sinnvollerweise sollten beide Faktoren runtergehen. Im Interesse der Menschheit und der Natur muss also die Tabuisierung der Geburtenkontrolle genauso abgeschafft werden wie jeder moralische Druck aufs Kinderkriegen. Es darf keinen wie auch immer gearteten Gebärzwang geben, auch wenn die Religion das anders wünscht. Die einzige gute Bevölkerungspolitik heißt sinkende Geburtenraten.

Die Prognosen sehen aber anders aus. Die Bevölkerungsexplosion geht weiter, es kommen immer noch 80 Mio. Menschen pro Jahr dazu. Aktuell wird von ca. 10 Milliarden als Spitzenwert ausgegangen. Manche Staaten arbeiten sogar daran, den Wert hochzutreiben. Im Iran drängen die Mullahs auf Geburtenfreudigkeit, und der türkische Möchtegernsultan tut das sogar im Hinblick auf die Türkischstämmigen in Deutschland. In Ägypten wurde unter Präsident Mursi die Familienplanung abgeschafft. Genau wie bei den christlichen Fundamentalisten heißt es dazu: „Der Schöpfer wird schon für seine Geschöpfe sorgen“. Dabei kann jeder sehen, dass das nicht stimmt. Für viele Menschen ist eben nicht gesorgt – soweit der konventionelle Standpunkt.

Die Weil ZmB-Autoren nicht stark im Glauben sind, wartet der Schreiber dieses auf belastbare Belege für den Gegenstandpunkt und vertritt derweil die Standardargumentation.

 

Wilfried Müller

(Ein Vorläufer des Artikels wurde am 8.8.13 und am 30.7.17 publiziert, am 15.11.19 wurde der Artikel überarbeitet.)

Links zu Statistiken und weiteren ZmB-Artikeln:

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3 Responses to Die Übervölkerung

  1. Johann Wolfgang Goethe sagt:

    Es muß bei armen Ländern mehr Aufklärung bei Verhütung geben. Es kann nicht sein, dass Familien in armen Ländern viele Kinder bekommen, die sie nicht ernähren können und durch Unterernährung wieder sterben, man gebärd keine Kinder um zu sterben. Afrika nur mit Spenden zuunterstützen reicht nicht aus.

    Das Problem in Afrika und anderen armen Ländern ist die Ausbeutung dieser Menschen. Leider tragen deutsche Unternehmen mit dazu bei.

    Gruß Wolfgang

  2. Johann Wolfgang Goethe sagt:

    Wenn man bedenkt, dass in den umliegenden Regionen von Afrika, Männer mehrere Frauen haben, ist die hohe Geburtenrate nicht verwunderlich: Zudem gelten Kinder bei einigen Frauen als Einkommen.

    Gruß Wolfgang

  3. Wilfried Müller sagt:

    Ich würde eigentlich erwarten, dass Frauen, die nur 1/4 Mann haben, weniger Kinder kriegen. Also daran liegts wohl nicht, Wolfgang.

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