Freier Wille und Emergenz

Bild: Der Denker von Auguste Rodin, Wikimedia Commons/Lukas Merl

Ist unser freier Wille eine Illusion? Die geistigen Fähigkeiten entstehen ja als kollektive Fähigkeiten der (materiellen) Nervenzellen des Gehirns. Wenn die Nervenzellen und generell die Natur deterministisch funktionieren, wären damit auch die geistigen Fähigkeiten determiniert. Deterministisch bedeutet, dass zukünftige Ereignisse durch aktuelle Ereignisse eindeutig festgelegt, d.h. vorhersagbar sind. Dann wäre unser freier Wille eine Illusion.

Dies ist auch immer wieder ein Thema in der Philosophie. Es wird dort mit etwas anderen Worten diskutiert, nämlich mit der Frage der Reduzierbarkeit mentaler Zustände auf physikalische Zustände. Denn wenn ein mentaler Zustand identisch ist mit einem Zustand, der auf deterministische physikalische Prozesse reduziert werden kann, dann sind auch mentale Zustände determiniert, und insbesondere willentliche Entscheidungen. Da die Anwendbarkeit des Reduktionismus schon in der Natur nicht nachgewiesen werden kann, spielt er für das Gehirn ebenfalls keine Rolle.

Die unterschiedlichen Prozesse in den hierarchischen Ebenen der Welt verhalten sich aber im Hinblick auf die Vorhersagbarkeit ihrer Ergebnisse sehr unterschiedlich:

  • Für einige wenige Vorgänge in der gewohnten makroskopischen Ebene des täglichen Lebens sind die Ergebnisse deterministisch vorhersagbar.
  • Bei den in der Natur allgemein dominierenden emergenten selbstorganisierten Prozessen herrscht das sog. deterministische Chaos. Es ist dadurch gekennzeichnet, dass beliebig kleine Änderungen am Anfang eines Prozesses sehr große Änderungen zu späteren Zeitpunkten zur Folge haben können.
  • Im atomaren Bereich kann man zu den Quantenobjekten nur Wahrscheinlichkeitsaussagen machen, wie beispielsweise die Unschärfe von Ort und Geschwindigkeit eines Quantenteilchens, oder die Nicht-Vorhersagbarkeit der Lebensdauer einzelner instabiler Quantenteilchen (für die Lebensdauer einer großen Anzahl gleichartiger instabiler Quantenteilchen gibt es eine definierte Zahl, die sog. Halbwertszeit).

Durch die Eigenschaften der emergenten Prozesse und der Quantenobjekte ist die Vorhersagbarkeit schon in Natur nicht mehr gegeben.

Auch die Religionsphilosophie wird von der Frage bewegt, ob die übliche Aussage „Gott ist allmächtig“ verträglich ist mit einem deterministischen Ablauf in der Natur und dem freien Willen des Menschen.  Ein Beispiel dazu: Wenn Gottes Wille ganzheitlich sofort und überall wirkt, dann müsste die Wirkung überall im Universum gleichzeitig eintreten. Das würde aber eine unendliche Geschwindigkeit der Wirkung von Gott im Weltall erfordern. Das ist schwer vorstellbar, denn das Weltall hat eine Größe von etwa 93 Mrd. Lichtjahren. Hinzu kommt das Problem der vierdimensionalen Raumzeit, die Raum und Zeit ursächlich miteinander verbindet. Wird Gottes Wirken aber so verstanden, dass es auf (lokale) Einzelereignisse beschränkt ist, dann bekommt man ein Problem mit der Vereinbarkeit des Bösen in der Welt mit der Güte Gottes, das sog. Theodizee-Problem. Ein weiteres theologisches Problem in diesem Kontext ist die Frage der Vorherbestimmung einzelner Individuen (sog. Prädestination).

Das ontologische Modell der Emergenz gibt auf diese Problematik folgende Antwort: Durch die Prozesse der emergenten selbstorganisierten Prozesse wird die Gegenwart mit der Zukunft zwar ursächlich verbunden, denn jeder genau definierte Zustand am Anfang eines Prozesses führt zu einem genau definierten Zustand zu jedem späteren Zeitpunkt im Verlauf des Prozesses. Das bedeutet aber nicht die vollständige Determiniertheit oder Vorhersagbarkeit materieller und geistiger Prozesse und das damit verbundene „Aus“ für den freien Willen.

Denn wenn man die Prozesse im Gehirn ganzheitlich analysiert, stellt man fest: Die geistigen Fähigkeiten entstehen emergent als Gesamtleistung des Kollektivs der etwa 100 Mrd. Nervenzellen.  Aufgrund des deterministischen Chaos der emergenten Prozesse im Gehirn und aufgrund von zufälligen Wechselwirkungen zwischen unterschiedlichen Prozessen sind die Prozesse im Gehirn nur sehr unvollständig determiniert. (Die Nicht-Determiniertheit von Quantenzuständen spielt dabei allerdings keine Rolle, denn die Prozesse im Gehirn sind kollektive chemische und elektrische Prozesse weit oberhalb der Quantenebene und deshalb nicht abhängig von dem zufälligen Verhalten einzelner Quanten. Bei wichtigen Verbindungen im Gehirn arbeiten beispielsweise tausende von Neuronen parallel.) Es kommt noch hinzu, dass das Gehirn immer im kritischen Bereich der emergenten Selbstorganisation arbeitet, an der Grenze zum chaotischen Verhalten. Das ist die Grundlage seiner enormen Leistungsfähigkeit, trägt aber auch sehr stark zum deterministischen Chaos der geistigen Prozesse bei.

Als Ergebnis können wir festhalten: Es gibt im Rahmen der emergenten Selbstorganisation genügend Freiheiten für den freien Willen und für menschliche Entscheidungen. Auch die o.g. religionsphilosophischen Probleme würden damit gelöst, wenn es sie denn gäbe.

Wichtig für die Entscheidungsfreiheit ist aber, dass die Vorgänge im Gehirn von den persönlichen Erfahrungen jedes einzelnen Menschen und den Einflüssen seiner Umwelt stark beeinflusst werden: Die Lernprozesse des Gehirns folgen dem Prinzip „what fires together, wires together“, d.h. oft benutze Verbindungen der Nervenzellen werden verstärkt. Deshalb können die Auswirkungen von ständiger Desinformation und Propaganda den freien Willen der Menschen durch die resultierenden Denkgewohnheiten schwer beeinträchtigen, insbesondere bei unkritischer oder gar gläubiger Rezeption. Demagogen und Propagandisten aller Art haben das schon immer zu ihrem Vorteil ausgenutzt.

Weitere Informationen zu emergenten Prozessen finden Sie im Buch des Autors Die Kraft der Naturgesetze, tredition 2015 und zur Rolle des Gehirns auch in Gesellschaft ohne Ideologie – eine Utopie? tredition 2019

Dieser Beitrag wurde unter Natur abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Responses to Freier Wille und Emergenz

  1. Wilfried Müller sagt:

    Ich freue mich dass die Argumentation in dieselbe Richtung geht wie bei meinen Freier-Wille-Artikeln. Allerdings gibt es ein weiteres Argument gegen die Definition des Freien Willens als Abwesenheit von vollständigem Determinismus: „wir sind keine Sklaven des Zufalls.“ Soll heißen, es wäre keine Freiheit, wenn der Quantenzufall letztlich die Entscheidungen bestimmt, also gäbe es keinen Freien Willen.

    Das basiert natürlich auf einem fehlenden Verständnis des Willens; da werden makroskopische Argumente auf mikroskopische Verhältnisse angewendet.

    PS Das Universum ist 2* 13,8 Milliarden Lichtjahre groß.

  2. Günter Dedie sagt:

    Lieber Wilfried, Du hast meinen Beitrag offenbar ziemlich missverstanden: In Deinen phantasievollen Beiträgen „… geht es um Auswirkungen von Quantenereignissen auf die Willensbildung“, in meinem Beitrag aber darum, dass Quantenereignisse keine Auswirkung darauf haben, sondern die Quasi-Statistik des deterministischen Chaos der emergenten Prozesse den freien Willen möglich macht.

  3. Wilfried Müller sagt:

    Vielleicht solltest Du wenigstens die 2* 13,8 Milliarden korrigieren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.