Philosophie: Bewusstsein I – kleine Übersicht

Die Bewusstseinsforschungen des hier Schreibenden verliefen nicht so ergiebig wie gehofft. Auch wenn viele Bücher Aufklärung über das Bewusstsein versprechen, bleiben sie oft in den Randbereichen stecken, wo die Autoren forschen. Die Zusammenfassungen umkreisen das Thema vielfach, ohne so richtig ins Eigentliche zu treffen. Tenor ist die Aussage, da muss noch viel geforscht werden, und die Begriffe müssen vereinheitlicht werden. Dies ist der Versuch, das Wesentliche rauszuziehen und ein paar daran hängende Fragen aufzuwerfen. Weitere vertiefende Artikel folgen (siehe Links unten, Bild: geralt, pixabay).

Ansatz

Gemeinsamer Standard ist die Aussage, es geht alles mit rechten Dingen zu. Nichts deutet auf das Gegenteil hin, wie es etwa der Dualismus behauptet. Auf der neuronalen Ebene folgt alles den Kausalitäten, und das Mentale ist eine emergente Eigenschaft davon. Autoren mit anderen Meinungen sind in diesem Zusammenhang hier ignoriert, aber die Mehrheit dürfte so denken, wie es auch bei Bunge/Mahner (unter Geist & Bewusstsein) vertreten wird.

Oft wird der Begriff Bewusstsein in dem Sinn gebraucht, dass es alles umfasst, was potentiell bewusst sein kann, also als Bewusstseinspotential. Oder auch als alles, was mal bewusst war, als Bewusstseinsgeschichte. Das sind nun Konstrukte, die nicht aus sich selbst heraus existieren, und die nicht Gegenstand dieses Artikels sind.

Es geht hier vielmehr um das Bewusstsein als aktueller Auszug aus den Hirnaktivitäten, auf den der Fokus des Bewusstseins hinzeigt. Das ist das Objekt des Interesses. Im weiteren sind ein paar Grundlagen zusammengetragen.

Neuronale Basis

Der relevante Datenverkehr im Hirn erfolgt über Rückkopplungen, auch rekurrente Netze, reziproke Kopplung oder Reentry genannt. Die Rückkopplungen organisieren sich selber, wobei sie evolutionären Prinzipien folgen: Bewahrung (entspr. Reproduktion), Variation und Selektion. Je mehr Rückkopplung, desto höher der neuronale Erregungspegel. So kann man sich den Fokus des Bewusstseins vorstellen, dass die neuronalen Rückkopplungsmuster hin und her schwappen und mal diesen Bereich und mal jenen einbeziehen.

Grundsätzlich sind die Bewusstseinsinhalte grob lokalisierbar: Zentrum sind die intralaminären Kerne im Thalamus, plus aufsteigende und absteigende Neuronenbahnen, wo die Erregungsmuster bottom up und top down laufen bzw. mit Feedback und Feedforward. Sie bilden Cluster, unter denen es die o.a. Selektion gibt, das Ganze ist ein dynamisches System.

Die Aktivitäten sind mit 40 Hz getaktet, im Wachzustand immer, im Schlaf ist das Bewusstsein abgeschaltet außer beim Träumen (REM-Phase, dann misst man auch die 40 Hz).

Das Bewusstsein hängt funktional eng mit dem Gedächtnis zusammen, nicht aber lokal. Das Gedächtnis ist über das ganze Hirn verstreut, verschiedene Areale speichern verschiedene Aspekte, wobei es anscheinend kaum Redundanz gibt. Das spricht dafür, dass Objekte und ihre Attribute nur einmal gespeichert sind und mehrfach genutzt werden. Begriffe und Wörter könnten so schon grundsätzlich angelegt sein.

Es gibt grob gesehen 2 Sorten Gedächtnis:

  1. das Kurzzeit- oder Arbeitsgedächtnis mit einem Fassungsvermögen von 7 ± 2 Einheiten (chunks), wobei die Speicherung anscheinend als Erregungsmuster im neuronalen Netz erfolgt
  2. das Langzeitgedächtnis als permanenten Speicher, wo die Informationen speichermäßig über Synapsenverstärkung bzw. -verschaltung codiert sind

Unterschieden werden bei 2. die bewussten Erinnerungen (Wissen oder descriptives bzw. explizites bzw. semantisches Gedächtnis) und die unbewussten Erinnerungen (Können oder nondescriptives bzw. implizites bzw. prozedurales Gedächtnis, z.B. wie zieht man einen Mantel an).

Mentale Eigenschaften

Das Bewusstsein macht nur ein paar % der ganzen Hirnaktivität aus; das allermeiste passiert unbewusst. Das Ich ist ein Konstrukt von beidem zusammen.  Das denkende Ich ist ein kleiner bewusster Ausschnitt der geistigen Prozesse, welche die Persönlichkeit ausmachen. Der Rest ist das ganzheitlich erkennende und intuitiv fühlende Selbst, von dem das Ich unbewusst gesteuert wird.

Das Ganze ist manipulativ, angefangen von den Speicherinhalten, die sich beim Zugriff verändern, sowie den starken Bestrebungen zu einem geschönten Selbstbild, während andere Personen eher realistisch wahrgenommen werden. Ebenfalls ein starkes Bestreben ist es, an eine gerechte Welt zu glauben. Das Gedächtnis dient der Bewältigung der Gegenwart; es nimmt, was weiterhilft, Unangenehmes sortiert es aus.

Das Ich verfügt über eine Erklärungsmaschine, die z.B. Willensentscheidungen vereinnahmt und Gründe dafür ersinnt, sogar wenn sie gar nicht im eigenen Hirn ausgelöst worden sind.

Entstehung

Für die Selbsterhaltung höherer Tiere war es anscheinend nützlich, eine Art inneres Kino zu entwickeln, eine Innensicht, einen Sinnes-Raum, wo das Lebewesen seinen Körper in der Umgebung verortet. Das liefert nämlich die Antwort auf die Existenzfrage Was ist in welcher Richtung wie weit weg, und kommt es auf mich zu und will mich fressen? Oder Was ist in welcher Richtung wie weit weg, und schmeckt es? usw. Daraus ergibt sich die dringende Notwendigkeit einer guten Orientierung im Raum, die durch Drehungen und Bewegungen nicht verlorengeht.

Die Evolution hat das stark ans Optische angelehnt realisiert, ein überwiegend grafisches user-Interface. Also ein einziger sequentiell orientierter Fokus der steuerbaren Aufmerksamkeit auf die Sensorik, und nicht parallel auf alles zugleich. Das System beherrscht die Fluchtpunktperspektive, rechnet Drehungen und Fortbewegungen blitzschnell in neue Bilder um und korrigiert Diskrepanzen automatisch.

Außer den Sinnen liefern auch die Körpergefühle Input, und schließlich noch das Denken. Letzteres könnte basierend auf den Begriffsbildungen entstanden sein, die fürs Gedächtnis nötig sind – weil ja auch die Tiere ihre Umgebung irgendwie erfassen, katalogisieren (mit wenig Redundanz) und speichern. Der Mensch konnte die Begriffe dann zu Denk- und Mitteilungszwecken codieren, also mundgerechte Codes für Objekte und Aktivitäten entwickeln. Das wäre dann die Sprache.

Funktion

Die mentale Verarbeitung im Kopf kennt zwei parallele Wege. Der eine Weg geht von den Sinnesorganen via bewusstes Denken in die Gefühlszentren usw. Der andere ist eine Abkürzung. Am Bewusstsein vorbei können auf direktem Weg emotionale u.a. Reaktionen ausgelöst werden, z.B. Flucht.

Sinne, Gefühle und Gedanken konkurrieren um Aufmerksamkeit, also darum, ins Bewusstsein vorzustoßen bzw. in den Fokus zu gelangen. Da steuert das Unbewusste mit, und wohl auch das Bewusstsein selber.

Das Bewusstsein ist nicht die Regierungsinstanz, die über die Willensausübung entscheidet. Aber ein wichtiger Zulieferer, denn es ist vielfach damit befasst, Alternativen abzuwägen. Die eigentlichen Willensentscheidungen fallen aber, bevor sie bewusst werden.

Fragen

In den Texten vermisst man die Begründung, wie das Wunder des Bewusstseins zustandekommt. Emergente Eigenschaft von 40 Hz-Neuronetz-Aktivitäten gut und schön, und auch die evolutionäre Entwicklung leuchtet ein (die wurde in den studierten Quellen allerdings nicht umfassend abgehandelt).

Ein Ansatz, um die Entwicklung des Bewusstseins auf sukzessive Weise nachvollziehbar zu machen wäre die Vorstellung, es gäbe nur Teile davon:

  • in der Primitivform gibt es nur einen chemischen Sinn plus ein rudimentäres Bewusstsein,
  • in der nächsten Stufe Gehör dazu und Sprache – das wäre wie blindes Radio,
  • der ganz große Sprung käme dann mit der Optik; ab dann ist die ganze Welt präsent, und man ist im Zentrum davon – alles als TV in 3D und Farbe.

Vielleicht ist das Geheimnis des Bewusstseins das Optische, dessen Verarbeitung ja große Teile des Hirns beansprucht? Vielleicht auch die Zentrum-der-Welt-Perspektive als solche, die dem Bewusstsein diese Power verleiht? Oder die Konnektivität zu den Hormonen, die das Ganze mit Gefühl unterlegt?

Man könnte auch untersuchen, was für Möglchkeiten es alternativ zu dem Kino des Bewusstseinsraums gibt. Ganz ohne Bewusstsein käme theoretisch ein Zombie aus, nur müsste der ja ebenfalls eine Schaltstelle mit einem Fokus haben. Damit er Entscheidungen fällen kann, muss er die Alternativen auch irgendwie mit Wertungen unterlegen, d.h. er braucht irgendeinen Gefühlshaushalt, der ihn mit Wertungen versorgt. Die Frage wäre, geht das, die gleiche Action zu leisten, aber ohne Bewusstsein?

Als Klärung könnte ein Gedankenexperiment dienen, bei dem das Bewusstsein abgeschwächt wird, indem die neuronalen Hormonwirkungen runterskaliert werden und das TV auf Oldtime-Röhre umgestellt werden usw. Ob man den Zombie damit ergründen kann? Vom evolutionären Standpunkt her muss das Bewusstsein jedenfalls einen Nutzen haben, sonst hätte es sich nicht in so vielen höheren Lebensformen durchgesetzt.

Aber warum es sich so anfühlt, ist damit im Grunde nicht erklärt.

 

Wilfried Müller

Die Bewusstseins-Artikel im Zusammenhang (z.T. noch nicht freigeschaltet):

Weitere Links dazu:

(Dieser Artikel wurde am 11.11.16 als Bewusstsein I – kleine Übersicht publiziert und wurde am 23.11.19 aktualisiert und überarbeitet.)

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2 Responses to Philosophie: Bewusstsein I – kleine Übersicht

  1. Johann Wolfgang Goethe sagt:

    Neben dem Bewusstsein haben wir auch ein Unterbewusstsein. Viele Dinge werden automatisch ausgeführt, also unbewusst.

    Gruß Wolfgang

  2. Johann Wolfgang Goethe sagt:

    Nachtrag:

    Ein Beispiel: Wenn ich einen Reifen am Auto das erstemal wechsel, mache ich es Schritt für Schritt bewusst: Habe ich den Reifen 100. Mal gewechselt, mache ich es im Unterbewusstsein, ohne hinzugucken, weil es im tiefsten des Gehirns abgespeichert wurde.

    Gruß Wolfgang

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