Philosophie: Bewusstsein II – Schritt für Schritt

Maßgebend für diese Artikelreihe war der Wunsch, die aktuelle Lage der Bewusstseinsforschung kennenzulernen (Bild: photo-graphe, pixabay, verkleinert). Ein Scan der verfügbaren Literatur lieferte ein uneinheitliches Bild, wo jeder Autor andere Forschungen besprach, zumeist auch mit einem anderen Vokabular als der nächste. Eine einheitliche Darstellung war nicht aufzufinden, einen Konsens scheint es nur für Teilaspekte zu geben, nicht aber fürs Gesamte. Nach den Vorbemerkungen zum Bewusstseinsraum und der Übersicht im Teil I geht es nun mit etwas eigener Nachhilfe voran.

Selbsthilfe

In der divergenten Lage war Selbsthilfe angebracht. Ausgehend vom materialistischen Weltbild, nach dem alles mit rechten Dingen zugeht, sollte eine konsistente Übersicht gefunden werden. Dazu wurde die evolutionäre Entwicklung unter dem Gesichtspunkt des Emergentistischen Materialismus‘ (Bunge) angeschaut. Solche Sicht der Emergenz stößt immer noch auf Akzeptanzprobleme, während das Gegenteil, die Submergenz, leichter akzeptiert wird.

Submergenz ist z.B., wenn etwas Lebendes die Eigenschaft Leben verliert. Emergenz heißt es dagegen, wenn z.B. Chemisches (ein chemisches System) neue Eigenschaften entwickelt, die seine Bestandteile nicht enthalten. Dann kann die Eigenschaft zu leben emergieren, und es ereignen sich Prozesse des Lebens wie fressen, sich bewegen, sich vermehren. Und es gelten die Gesetze der Biologie (genauer gesagt die Gesetzesaussagen – im weiteren sind mit Gesetzen immer Gesetzesaussagen gemeint).

Das Prinzip der Emergenz ist auf allen Ebenen zu beobachten, sowohl innerhalb der Ebenen als auch ebenenübergreifend, wobei sich eingebürgert hat, die Ebenen Physik, Chemie, Biologie usw. zu unterscheiden. Im Folgenden präsentiert der Autor ein ontologisches Ebenen-Modell , das dem von Bunge folgt, wobei es besonderes Gewicht auf Neuronales, Mentales und Bewusstes legt und insofern über das bisherige hinausgeht. Nunmehr soll die Ebenen-Definition auf das Neuronale (Punkt 4.) das Mentale (Denken, Punkt 5.) und das Bewusstsein (Punkt 6.) ausgeweitet werden.

Evolutionäre Ebenen

  1. Das evolutionäre Prinzip fängt auf der untersten Ebene, der Physik, an.
  2. Die nächste Ebene ist die Chemie. In physikalischen Systemen können neue Eigenschaften emergieren, die z.T. nicht mehr in der physikalischen Ebene liegen. Das sind dann chemische Eigenschaften; die physikalischen Systeme werden so zu chemischen Systemen, es finden chemische Prozesse statt, und es gelten die Gesetze der Chemie. Natürlich gelten auch noch die Gesetze der Physik, aber sie erfassen nicht mehr das Ganze. Ein Beispiel liefert das Wassermolekül H2O. Es hat Eigenschaften, die weder seine Bestandteile Wasserstoff noch Sauerstoff haben.
  3. Die nächste Ebene ist die Biologie. In chemischen Systemen können neue – biologische – Eigenschaften emergieren; sie werden so zu biologischen Systemen. Biologische Prozesse wie leben, fressen, sich bewegen, sich vermehren finden statt, und es gelten die Gesetze der Biologie. Natürlich gelten auch noch die Gesetze von Chemie und Physik, aber sie erfassen nicht mehr das Ganze.
  4. Darüber ist die Ebene des Neuronalen. Das Hirn hat eine besondere Struktur, die es rechtfertigt, ihm eine eigene Ebene zuzuchreiben. In biologischen Systemen, namentlich in Gehirnen, können neue – neuronale – Eigenschaften emergieren; das macht sie zu neuronalen Systemen, wo neuronale Prozesse stattfinden (Neuronen verarbeiten Inputs, erzeugen Outputs und managen ihre eigenen Erregungszustände in Loops), und wo die Gesetze des Neuronalen gelten. Natürlich gelten auch noch die Gesetze von Biologie, Chemie und Physik, aber sie erfassen nicht mehr das Ganze.
  5. Darüber ist die Ebene des Mentalen. In neuronalen Systemen, also in Gehirnen, können neue – mentale – Eigenschaften emergieren; die neuronalen Systeme werden so zu mentalen Systemen. Mentale Prozesse wie denken, lernen und erkennen finden statt, und es gelten die Gesetze des Mentalen, des Denkens. Natürlich gelten auch noch die Gesetze des Neuronalen und von Biologie, Chemie und Physik, aber sie erfassen nicht mehr das Ganze.
    Diese Sichtweise ersetzt die Identitätstheorie, nach der mentale Prozesse dasselbe sind wie neuronale Prozesse, nur dass deren Eigenschaften sich unterscheiden. Man würde ja nicht allen neuronalen Prozessen mentale Eigenschaften zugestehen, z.B. wo sie den Sinnesinput verarbeiten oder Motorik oder Hormonsysteme steuern.
    Insbesondere ist die Vorstellung erlaubt, dass derselbe Gedanke auf verschiedenen Neuronenloops laufen kann (bzw. abgearbeitet wird), also möglicherweise nicht festverdrahtet, sondern dynamisch alloziert. Das wäre quasi die Emanzipation des Mentalen vom Neuralen und spräche besonders für eine eigene mentale Ebene. Das Bild mit der emergenten Ebene des Mentalen dürfte somit konsistenter und konsequenter sein.
  6. Große Teile des Hirns arbeiten auf mentaler Ebene. Nur etwa 1/100 dieser Denkprozesse ist bewusst, die meisten sind unbewusst. Ein Beispiel ist das Mantel anziehen; das wird ohne bewusste Aktivität vom Gehirn gesteuert. Die Geschlechtsbestimmung von Hühnerküken scheint sogar unmöglich auf bewusste Weise erklärbar zu sein; sie kann anscheinend nur unbewusst durch Nachmachen gelernt werden.
    So darf man in voller Konsequenz oberhalb des Mentalen eine weitere Ebene annehmen – die Ebene des Bewusstseins. Die stoffliche Basis des Bewusstseins sind laut Literatur speziell die intralaminären Kerne im Thalamus mitsamt aufsteigenden und absteigenden dynamischen Neuronenbahnen. Das Konzept passt sogar noch besser, wenn auch das hormonelle System zum Bewusstsein beiträgt. In diesen neuronalen, mentalen und ggf. hormonellen Systemen können die neuen Eigenschaften des Bewussten emergieren; sie werden so zu bewusstseinstragenden Systemen. Bewusste Prozesse finden dort statt (bewusst im Sinne des Wortes!), und es gelten die Gesetze des Bewussten. Natürlich gelten auch noch die Gesetze vom Mentalen und vom Neuronalen, von Biologie, Chemie und Physik, aber sie erfassen nicht mehr das Ganze.

Denken und Bewusstsein aus neurologischer Perspektive

Das bewusste wie das unbewusste Denken sind in Form von neuronalen Erregungsmustern realisiert. Ein Neuron erregt über seine synaptischen Verschaltungen das nächste, jenes wiederum das nächste usw., bis das Ausgangsneuron selbst neu erregt wird. Diese Erregungs-Rückkopplungen (Loops) sind dynamisch und repräsentieren die Gesetze des Mentalen. Sie zeigen Fortpflanzung, Variation und Selektion, so dass von Evolution gesprochen wird: Es findet eine ständige Evolution der Gedanken statt.

Nur im Kurzzeitgedächtnis (als Zustand zu verstehen, nicht als Lokalität) wird wohl ein stationärer Zustand eingehalten. Das geht solange, bis die Erregungsmuster in Form von synaptischen Verknüpfungen permanent werden, also ins Langzeitgedächtnis eingehen, und dort können sie auch wieder reaktiviert werden. Das gilt für beide Formen vom Langszeitgedächtnis, für das unbewusste (Mantel anziehen = Können) und für das bewusste (= Wissen).

Die aufsteigenden und absteigenden dynamischen Neuronenbahnen von und zu den intralaminären Kernen im Thalamus sind nicht allgemein als neurologischer Sitz des Bewusstseins anerkannt, aber doch mehrfach erwähnt. Man kann sie sich möglicherweise als Zubringer von Gedanken zum Bewusstsein vorstellen. Inwieweit die intralaminären Kerne im Thalamus das neuronale Zentrum vom Bewusstsein darstellen, lässt sich aus der Literatur nicht schlüssig entnehmen.

Im Grunde reicht ja auch die Erkenntnis, dass die neuronale Basis des Bewusstseins nicht übers ganze Hirn verteilt ist wie die vom Gedächtnis. Ein Subsystem des Gehirns (plus ggf. des Hormonsystems) ist das bewusste System, so wie ein Subsystem des Körpers das mentale System ist.

Welche Vorteile liefert die Sichtweise mit Ebene 5. und 6.?

Einmal ernennt es den Knackepunkt Bewusstsein zu einer eigenen Ebene und macht damit die Ebene des Mentalen leichter akzeptabel. Mentale Eigenschaften können dann auch dem Computer zugeschrieben werden. Im Licht der Computertechnik ist es nicht schwer zu akzeptieren, dass denken, lernen und erkennen nicht exklusiv evolutionäre Produkte der Biologie sind. Sie können auch anders realisiert sein; die modernen der Computer tun das ja auch immer besser.

Über ein Bewusstsein verfügen die Computer aber noch lange nicht. Dieser Punkt wird nun explizit auf eine eigene Ebene gehoben; er ist nicht bloß Bestandteil des Mentalen. Das ist eine Einordnung, keine Erklärung, denn damit ist nicht erläutert, wie und warum das Bewusstsein funktioniert.

Der Ansatz dazu ergibt sich aber aus der Vorstellung des inneren Kinos (siehe auch Philosophie: Bewusstseinsraum). Dieser Ansatz findet sich in unterschiedlicher Form in der Literatur. Andere Bezeichnungen sind virtuelle Realität in unserem Kopf; Simulation des Gehirns, die seit Millionen von Jahren existiert; phänomenales Selbstmodell im Gehirn; transparente Repräsentation der Umwelt; überwiegend grafisches User-Interface; Selbstmodell mit einer biologischen Benutzeroberfläche; Qualitätssicherungssystem.

Das innere Modell verortet den Körper des Individuums im Raum: Bis wohin reichen die Beine? Welche großen Dinge sind wo, und sind sie gefährlich? Welche kleinen Dinge sind da, und schmecken sie? Der evolutionäre Nutzen einer solchen bewussten Wahrnehmung ist darin gespiegelt, dass es das anscheinend schon lange gibt und dass es sich weiterentwickelt hat. Es muss also erfolgreich sein. Das Sensorische geht mit ein, incl. der Innenwahrnehmung des Körpers und der Sekretion, die mit starken Emotionen einhergeht (Hunger! Flucht!). Leicht vorstellbar, dass sich das zu  mentalen Schleifen anreichert.

Möglicher Ablauf der Evolution

Der zweite Punkt zugunsten der diskreten evolutionären Geistes- und Bewusstseinsebene wäre dann, dass es den Ablauf der Evolution wiederspiegeln dürfte. Aus biologischen und neuronalen Systemen emergieren Systeme mit mentalen Eigenschaften. Anfangs gehörte wohl nicht viel dazu, ein kleiner Speicher, ein bisschen Kognition, und das Lernen und Erkennen wird möglich. So etwas wie Bewusstsein würde nach diesem Modell erst in späteren Evolutionsschritten auftreten, als bewusstseinstragendes System, in dem bewusste Prozesse stattfinden.

Dann evolviert das bewusste innere Kino, die Innensicht, die neuronale Repräsentation der Umgebung, das virtuelle Modell der Innen- und Außenwelt incl. Bauchgefühle, Gleichgewichtssinn und Raum- und Bewegungsempfindungen. Es entsteht als Ergebnis komplexer Berechnungsvorgänge (Metzinger). Das Wort Kino ist angebracht, weil das Bewusstsein stark am Visuellen orientiert ist. Wie der Blick sequentiell das Umfeld abtastet, so fokussiert auch das Bewusstsein die Punkte sequentiell nacheinander.

Sonst ist das Hirn parallel ausgerichtet; es könnte theoretisch 1000 Bewusstseins haben. Es hat aber nur das eine, von dem es heißt, es könne bis zu 6 Punkte parallel erfassen. Im Eigenversuch waren es aber nur 3, und auch die nur eingeschränkter Aufmerksamkeit (z.B. gleichzeitig lesen, Musik hören und essen).

Die Hirn-Perspektive ist eine Fluchtpunktperspektive, mit dem fiktiven Punkt hinter den Augen als geometrischem Ursprung. Kopf- und Körperbewegungen werden schnellstens umgerechnet, so dass das Bild nicht wackelt. Parallele Geraden schneiden sich dabei an beiden Enden im Unendlichen, ohne dass sie in der Mitte krumm aussehen. Fehlende Punkte werden automatisch ergänzt – die Wirklichkeit muss nicht so sein, wie sie subjektiv erscheint.

Warum erleben wir das so konkret?

Man könnte sich auf den Standpunkt stellen, mit dem Kino-Modell sei schon alles erklärt. Über die emergenten bewussten Eigenschaften und Gesetze hinaus sei keine Erklärung mehr nötig. Richtig befriedigend wirkt das nicht, aber was sollte sonst noch zur Erklärung des Ich-Gefühls und der Eigenwahrnehmung dienen? Oder soll man etwa den Skeptikern nachgeben, die das Ganze für ein ewiges Rätsel halten?

Vielleicht ist die Vorstellung hilfreich, wie sich das Bewusstsein entwickelt haben könnte. Das war bestimmt nicht der große Ahh-Effekt mit Tusch und Vorhang auf, sondern es dürfte graduell entstanden sein.

  • Im einfachsten Fall ist es vielleicht nur ein chemischer Sinn. Wenn Geruch/Geschmack bewusst wird und sonst womöglich noch Berührung, ist das nicht so sehr zu verwundern.
  • Das Gehör gibt als Fernsinn schon mehr her, zumal als beim Menschen noch die Sprache und deren Semantik dazu evolvierten.
  • Damit ist man schon bei den Gedanken, und dass man sich deren bewusst werden kann, ist schon ein wunderbarer Vorgang.
  • Der große Showeffekt kam wohl schon bei den Augen, die lange vor dem Menschen evolvierten. Wenn man die Augen aufmacht, ist auf einmal die ganze Welt präsent, und man ist im Zentrum davon. Alles in 3D und Farbe. Vielleicht ist es das Optische, dessen Verarbeitung ja große Teile des Hirns beansprucht, das dem Bewusstsein diese Power verleiht. Vielleicht ist es auch die Zentrum-der-Welt-Perspektive als solche. Oder der Durchgriff auf Motorik und Hormonsystem. So oder so, das Optische kann gut der größte Schritt zum Phänomen des Bewusstseins sein.

Es ist jedenfalls nicht vom Himmel gefallen, sondern es hat sich bedarfsgemäß als evolutionäres Element entwickelt. Sinne, Gefühle und Gedanken konkurrieren dort um Aufmerksamkeit, also darum, in den Fokus des Bewusstseins vorzustoßen. Letztlich ist es nicht so erschreckend anders als andere biologische Errungenschaften. Es ist auch nicht gesagt, dass irgendetwas davon über die Erkennungsmöglicheiten der Naturwissenschaft hinausgeht. Das festigt die Sicht des Bewusstseins als eine emergente Eigenschaft bestimmter neuronaler Systeme.

Andere Anschauungen

Die emergente Entstehung der mentalen und der bewussten Ebene ist in den Publikationen nur andeutungsweise bzw. gar nicht präsent. Vielmehr hört es da bei der biologischen Ebene auf. Der Konsens lautet, in den biologischen Systemen des Gehirns emergieren neben ihren neurophysiologischen Eigenschaften auch mentale Eigenschaften, zu denen das bewusst sein ebenfalls zählt. Das Mentale stellt aber kein eigenständiges materielles System dar (wie in 5.). Eine Systemebene des Bewusstseins wird überhaupt nirgends hergeleitet (wie in 6.).

Nach Bunge/Ardila lautet die Definition, das Bewusstsein eines Lebewesens b sei die Menge aller Zustände im Gehirn von b, bei denen sich b irgendeiner Wahrnehmung oder eines Gedankens bewusst ist. Unter Gehirnzustand wird dabei die Menge aller Gehirneigenschaften verstanden, zu denen die mentalen und bewussten Eigenschaften gehören. Bewusstsein wäre demnach keine Entität (also etwas real Existierendes), sondern eine Zustandsmenge (also ein Konstrukt).

Diese Mengen-Definition führt zu den Negationen: Mentale Systeme gibt es  genausowenig wie mentale Zustände, Ereignisse oder Prozesse (ein Prozess ist eine Folge von Zuständen mit Ereignissen der Zustandsänderung zwischendurch, also etwas Konkretes). Wenn es keine mentale Ebene gibt, ist eine weitere Ebene über dem Mentalen schon gar nicht herleitbar, so dass man weiter der Identitätstheorie anhängen kann.

Entgegnung darauf

Darauf muss man sich aber nicht einlassen. Wenn die bewussten Gehirnzustände das Bewusstsein konstituieren, kann man ihnen eigentlich nicht die Existenz absprechen. Nach der Bunge-Definition muss die es die mentalen Zustände also eigentlich geben, und damit auch eine mentale Ebene.

Dass das Bewusstsein ein Mengenbegriff ist, wie etwa auch Biologie oder Neurologie, zeigt nur die Klarheit der Definitionen bei Bunge. Real existent sind mentale Systeme, Zustände, Ereignisse und Prozessese. In diesem Punkt ist Bunge übrigens konziliant: Wer es für sinnvoll hält, denkfähige Organe zu einer Psycho-Ebene … zusammenzufassen, der möge dies tun …

Das wäre also mit Punkt 5.  Zusammen mit Punkt 6. wird die durchgängige Logik des emergentistischen Materialismus‘ komplettiert, bei der eine Ebene emergent aus der anderen hervorgeht. Immerhin sprechen ja noch mehr Argumente gegen die Verbannung von mentalen Zuständen, mentalen Ereignissen und mentalen Prozessen:

  • Weil es eine Wissenschaft gibt, die sich damit befasst, die Psychologie,
  • weil das Gehirn als Sitz des Geistes bekannt ist, mithin als mentales System,
  • weil die mentalen Zustände, Ereignisse und Prozesse aus der Innenperspektive bekannt sind.

In der Konsequenz erscheint es sinnvoll, die Sicht von Punkt 5. zu unterstützen, zumal wenn sich zeigt, dass die Gedanken nicht festverdrahtet, sondern dynamisch alloziert sind. Für die Trennung des Mentalen und des Bewussten in eigene Systemebenen gemäß Punkt 6. gilt dasselbe, zumal wenn sich zeigt, dass auch das Hormonsystem am Bewusstsein beteiligt ist. Für Punkt 6. lassen sich analog zu der kleinen Aufzählung oben weitere Gründe aufführen:

  • Auch wenn nur eine interdisziplinäre Wissenschaft für das Bewusstsein existiert, gibt es immerhin die Kognitionswissenschaft. Die befasst sich mit bewussten und potentiell bewussten Vorgängen, sowie der Innensicht, die ein starkes Argument für die bewusste Ebene liefert,
  • die Lokalisierung der neuronalen Basis in den intralaminären Kernen vom Thalamus mitsamt den aufsteigenden und absteigenden dynamischen Neuronenbahnen, so dass auch das bewusste System definiert ist, welches die Innensicht konstituiert, und
  • die bewussten Zustände, Ereignisse und Prozesse, deren Existenz sich schließlich jeder bewusst ist.

Die darauf aufbauende Definition wird dann lauten, das Bewusstsein ist die Menge der bewussten Prozesse im Gehirn, also der Bewusstseinsprozesse – womit die bewusste Ebene anerkannt wäre.

Für die Neuroforscher stellt sich damit das Problem, die richtigen Prozesse an den richtigen Stellen zu finden. Nicht ganz einfach, wenn man der Vorstellung folgt, dass die Stellen nicht auf der biologischen bzw. neuronalen Ebene festverdrahtet definiert sind, als bestimmtes Neuron oder bestimmte Synapse; sondern womöglich dynamisch auf mentaler Ebene, also als bestimmte Erregungs-Rückkopplung mit immer wieder anderer Lokalisierung.

Summarisch

Eine Anmerkung ist nachzutragen, betreffend Gesetze und Gesetzesaussagen. Dem Prinzip von Bunges Emergentistischen Materialismus‘ folgend, emergieren in zusammengesetzten Systemen neue Eigenschaften. Aufgrund der neuen Eigenschaften finden neue Prozesse statt, wie sie zuvor nicht möglich waren. Dazu werden neue Gesetze definiert – obwohl nach der Ansicht des Autors in Wirklichkeit nur die Naturgesetze auf der Ebene der Elementarteilchen wirken. Man kann diese Myriaden von Wechselwirkungen wegen ihrer unüberschaubaren Vielzahl nicht zur Erklärung der Phänomene auf höheren Ebenen nutzen. Um fassliche Erklärungen zu bekommen, werden Abstraktionen und Idealisierungen verwendet. Das sind die Gesetzesaussagen.

Konsequenterweise räumt diese Sicht auch mit der abwärtsgerichteten Kausalität von mentalen auf physikalische Prozesse auf. Weil die Kausalität sich komplett auf der niedrigsten Ebene der Physik abspielt, gibt es nicht mal echte Kausalität innerhalb der Ebenen darüber. Die Gesetzesaussagen tun quasi nur so.

Eine interessante Frage ist dann wieder der Nutzen des Bewusstseins. Wenn das Mentale/Bewusste keine Auswirkungen auf das Physikalische hat, läuft dann das Bewusstsein bloß als Ballast mit? Aber diese Frage ist falsch gestellt, denn es gibt natürlich viele Auswirkungen von Prozessen, die auf der Ebene der Naturgesetze das Bewusste konstituieren. Richtig betrachtet wirkt das Mentale/Bewusste also durchaus mit.

Als letzter Schritt lautet das Fazit: Das emergentistische Modell mit der emergenten Ebene des Mentalen und der emergenten Ebene des Bewussten ist konsistent und konsequent. Es liefert eine bessere Einordnung des Mentalen und des Bewussten, und es stellt die Schritte von Ebene zu Ebene nachvollziehbar dar.

 

Wilfried Müller

Die Bewusstseins-Artikel im Zusammenhang (z.T. noch nicht freigeschaltet):

Weitere Links dazu:

(Dieser Artikel wurde am 12.11.16 als Bewusstsein II – Schritt für Schritt publiziert und wurde am 23.11.19 aktualisiert und überarbeitet.)

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