Philosophie: Bewusstsein III – Bündeltheorie

Die Bündeltheorie ist ein selbstgestrickter Erklärungsansatz für Denken, Lernen & Erinnern, den der Schreiber nirgends in ähnlicher Form finden konnte. Der Text basiert auf den beiden vorangegangenen Bewusstseins-Artikeln. Immerhin dürfen an der Bewusstseinsforschung auch Amateure teilnehmen, denn sie sind mit dem grundlegenden Forschungsinstrumentarium ausgestattet – dem Bewusstsein. Um eine Grundlage zu bekommen, soll ganz schnell mitten hineingesprungen werden (Bild: uhelpt, pixabay, beschnitten).

Muster

Ausgangsbasis sind die Gedanken, die sich auf neuronaler Ebene als Erregungsmuster der Neuronen messen lassen. Was man da misst, sind Signale von  Rückkopplungsschleifen, in denen die Neuronen sich über einige Stationen hinweg selber anregen. Über die synaptischen Verbindungen werden andere Neuronen aktiviert oder deaktiviert, immer weiter im Kreis herum. Diese Zyklen (Loops) organisieren sich selber; sie halten sich selber aufrecht, und sie verändern sich auch selber. Die Veränderung der Muster ist ein dynamischer Prozess, der evolutionären Prinzipien folgt: Erhaltung, Variation, Selektion.

Die Frage, was die Muster im Einzelnen bedeuten und wie sie sich entwickeln, soll nur ganz grob angerissen werden. Für das Folgende reicht die Annahme, dass so ein Muster z.B. einen großen schwarzen Hund mit Halsband repräsentiert. Einzelne Elemente des Musters würden dann groß repräsentieren, schwarz sowie Hund und Halsband.

Das Halsband würde wiederum durch Muster repräsentiert, die für Leder und Schlinge stehen, der Hund durch 4 Beine, Fell, kann bellen. In der nächsttieferen Ebene würden die 4 Beine sich dann aus Mustern für 4, lang und dünn zusammensetzen usw.

Die Annahme einer solchen hierarchischen Organisation rechtfertigt sich aus der effizienten Speicherung der Inhalte, denn nach den Beobachtungen wird nichts mehrfach gespeichert. Das weist darauf hin, dass dem (erwachsenen) Hirn fertige Muster für Beine und Hund usw. zur Verfügung stehen. Auf der obersten Ebene müssen dann nur noch die fertigen Muster kombiniert werden.

Bündel

Wie kann das Speichern und Wiederherstellen solcher Muster implementiert sein, also das Lernen und Erinnern? Dazu soll die Bündeltheorie einen schlichten, primitiven Erklärungsansatz liefern. Weiterhin soll die Bündeltheorie auch auf das Erkennen angewendet werden. Sie schlägt eine Lösung für das Bindungsproblem vor, also auf die Frage, wie wird aus den Sinneseindrücken etwas erkannt?

In der Darstellung als Erregungsmuster von Neuronen läuft das die Frage hinaus, wie werden die einfachen Grundmuster, die das Sinnessystem abliefert, in Muster höherer Ebene umgesetzt, die z.B. Hund repräsentieren?

Wenn es nach der besprochenen Vorstellung geht, handelt es sich bei den Mustern um hierarchische Zyklen, um ganze Cluster. Also um Zyklen mit Unterzyklen, die wiederum Unterzyklen haben usw. Um mit dem Einfachsten zu beginnen, wird jetzt die Frage betrachtet, wie kann ein hierarchischer Zyklus wiederhergestellt werden?

Dazu müssen die Erregungsmuster der Neuronen in irgendeiner Form festgehalten werden. Jedes Neuron ist über seine Synapsen mit vielen anderen Neuronen verbunden, aber nur eine Auswahl davon gehört zum aktuellen Zyklus. Es müssen also die betroffenen Neuronen und Synapsen markiert werden.

Das soll im weiteren Bündeln heißen. Wie das konkret realisiert ist, sei erst einmal dahingestellt. Vorläufig wird so getan, als gebe es eine übergeordnete Neuronenebene, von der aus synaptische Verbindungen zu den aktivierten Neuronen des Zyklus‘ einer Ebene eingerichtet werden. Wenn so ein übergeordnetes Neuron nur ausgehende Synapsen zu den aktiven Elementen des Zyklus‘ hat, ist es ein Bündel, und es definiert diesen Zyklus. Entsprechendes gilt für die Zyklen in den untergeordneten Ebenen.

Durch die Aktivierung eines Bündels werden die bisherigen Aktivitäten der betroffenen Neuronen überschrieben. Dazu wird die Annahme getroffen, dass die Mittel des Hirns mit einer einfachen Konstruktion zurechtkommen: Werden die Neuronen eines Zyklus‘ aktiviert, sollten sie wieder in den Zustand finden, der den Zyklus von allein aufrecht erhält. Die Aktivierung über das Bündel muss wohl nur wenige zyklische Umläufe anhalten, bis sich das stabilisiert. Die Iteration dürfte schnell konvergieren.

Reaktivieren = Erinnern

Damit ist die Beschreibung eines Bündels gegeben, d.h. eines Bündel-Neurons, eines Neurons mit einem Bündel von Synapsen, über das sich ein Zyklus reaktivieren lässt.

Zu dem aktivierten Zyklus gehören Bündel-Neuronen, die wiederum Bündel von Synapsen haben, über die sich Unterzyklen aktivieren lassen, usw.

In dem Beispiel würde das oberste Bündel die Zyklen für groß, schwarz, Hund und Halsband aktivieren. In der nächsttieferen Ebene würde vom Zyklus, der Hund repräsentiert, dann 4 Beine, Fell, und kann bellen aktiviert, bis runter zu der tiefsten Ebene, wo die Zyklen nur noch für einfache Muster stehen.

Solche Bündel von Bündeln (Bündel-Bündel = BB) könnten das Erregungsmuster des Hirns auf effiziente Weise komplett wiederherstellen (= reaktivieren = erinnern).

Speichern = Lernen

Das führt zur Frage, was müsste nun passieren, um solche Bündel zu erzeugen (= aufzeichnen = lernen)? Wie kann aus einem aktiven Zyklus ein Bündel-Neuron oder BB werden?

Zunächst sollte man die Häufigkeit anschauen, mit der das passiert: nämlich viel seltener als das Wiederherstellen. Die Bündel oder BB müssen ja nicht jedesmal neu erzeugt werden, sondern nur beim 1. Mal. Einfache Bündel, also die unterste Ebene, werden nach der Kindheit wahrscheinlich kaum noch angelegt. Deshalb wird jetzt nur noch von Bündeln höherer Ebene gesprochen, von Bündel-Bündeln, kurz BB.

Wenn die schon in der Sammlung drin sind, werden sie allenfalls upgedated (die Frage, wie vorhandene BB erkannt werden, wird weiter unten bei Erkennen abgehandelt). Hier wird nun der Ausnahmefall diskutiert, dass ein BB für einen aktiven Zyklus neu erzeugt wird. Dafür lassen sich 4 Schritte definieren:

  1. Der Zyklus muss eine Weile festgehalten werden. Genau das leistet das Kurzzeitgedächtnis, es bewahrt Erregungsmuster sogar für ein paar Minuten.
  2. Ein Neuron müsste ausgewählt und initialisiert bzw. neu geschaffen werden. Dies Bündel-Neuron hat erstmal keine ausgehenden Synapsen.
  3. Synapsen vom Bündel-Neuron zu den aktiven Neuronen des festgehaltenen Zyklus‘ müssen generiert werden. Das ist die eigentliche Speicherung des BB. Zugleich ist das der Speichervorgang ins Langzeitgedächtnis.
  4. Das Bündel-Neuron muss auch eingehende synaptische Verbindungen kriegen, damit es aktiviert werden kann. Solche Bahnungen machen es erst benutzbar. Wenn es mehr davon kriegt, wird es von mehr Stellen aus aufrufbar, also leichter zugänglich.

Bündel-Folgen

Auf den unteren Ebenen gibt es wenige BB zu speichern, weil die meisten in der Sammlung schon drin sind. Auch auf den oberen Ebenen ist das meiste schon vorhanden, außer dass zu den 17 Hunderassen vielleicht noch der Westentaschen-Bulldoggpinscher ein 18. BB braucht.

Auf der allerobersten Ebene sieht es anders aus. Da gibt es ständig neue Kombinationen – vor allem, wenn das Zeitelement berücksichtigt wird. Es gibt ja nicht nur statische Muster wie den großen schwarzen Hund mit Halsband, sondern auch dynamische Änderungen.

Deshalb soll die Bündeltheorie nun erweitert werden. Das Modell vom Bündel-Bündel BB wird dazu durch Bündel-Folgen BF ergänzt. Ein BB beschreibt einen Zustand. Das ist ein Objekt mit seinen Eigenschaften, wie es dem erkannten Muster entspricht. Wenn der Erkennungsprozess auf eine Musteränderung zurückgeht, beschreibt er eine Aktivität. Objekte und Aktivitäten werden hier weitgehend gleich behandelt, weil das Hirn es wahrscheinlich auch tut.

Eine Aktivität lässt sich als Prozess auffassen, also als eine Folge von Zuständen. Eine Bündel-Folge BF beschreibt nun so eine Folge. Im Gedächtnis müssen dafür Abfolge oder Zusammenhang der BB aufgehoben werden (= record = mehrere nacheinender aufzeichnen), damit sie später wieder abgespielt werden können (= play = mehrere nacheinander reaktivieren).

Die Konstruktion einer BF ist fast genauso wie die eines BB. Man kann die Bündel-Folge-Neuronen als spezielle Bündel-Neuronen ansehen, bei denen die ausgehenden Synapsen zu den BB nicht gleichzeitig aktiviert werden, sondern nacheinander. Beim Erzeugen wird an die BF jedesmal eine neue Synapse angehängt, wenn ein neues Erregungsmuster erkannt wird. Die Synapse geht dann zu dem obersten BB, das den aktuellen Zustand repräsentiert, d.h. was gerade im Kurzzeitgedächtnis landet und gespeichert wird.

Die BF sitzt also noch eine Ebene höher als die obersten BB. Indem die BF die Folge der Elemente vom Kurzzeitgedächtnis recordet, macht es den zeitlichen Verlauf reproduzierbar. Beispiel: großer schwarzer Hund mit Halsband; im Zickzack laufen; alter Baum; pinkeln. Diese 4 Elemente vom Kurzzeitgedächtnis bilden eine Folge (4 BB in einer BF).

Motorik

Nichts spricht dagegen, dass BF auch Unter-BF aufrufen (reaktivieren), dass sich also eine Folge aus Unterfolgen zusammensetzt. Die Effizienz verlangt das im Grunde sogar. Dann würden häufig vorkommende Prozesse aus der fertigen Sammlung der BF genommen werden, und es müssten nicht jedesmal neue BF erzeugt werden.

Was damit skizziert wird, ist ein effizientes Instrumentarium, und mächtig ist es auch. Das Konzept erlaubt ja Zugriff auf alle passenden Bereiche des Hirns, also auch auf die Motorik.

Eine typische BF kann deshalb sein Mantel anziehen, im Einzelnen: Hand an den Kragen; Ärmel zurechtziehen; anderen Arm reinstecken usw. Die BF hat also Unter-BF, die wiederum BB aufrufen, Beispiel meine linke Hand; Hand anlegen; Mantel Kragen. Im Fall Hand anlegen werden Erregungsmuster bis in den motorischen Bereich hinein erzeugt.

Das elementare Lernen erzeugt demnach Bündel, BB und BF. Das alles kann in verschiedenen Kombinationen aufgerufen und abgespielt werden, ist also auf diverse Weise benutzbar. Die unteren Ebenen der BB werden nur manchmal aufgefüllt, aber die oberste Ebene der BF wird ständig ergänzt und fortgeschrieben.

(Hier lässt sich ein interessanter Abschweif zur Kunst machen: Man könnte sich vorstellen, dass das Wesen der Kunst darin besteht, nicht in den vorhandenen Bündeln oder BB aufgesaugt zu werden, sondern neue zu erzeugen. Vielleicht fühlt man sich künstlerisch, wenn das passiert?)

Mentales

Bisher wurde nicht nach bewusst oder unbewusst unterschieden. Es ging allgemein um die Erregungsmuster, die gespeichert und reproduziert werden. Wenn solche Muster für motorische Neuronen (die mit motorischer Steuerung befasst sind) erzeugt werden können, warum nicht auch für mentale Neuronen (die mit mentaler Verarbeitung befasst sind)?

Das Konzept erlaubt ja Zugriff auf alle Bereiche des Hirns, in denen die Erregungsmuster wirken. An dieser Stelle basiert der Text auf dem vorigen Artikel Philosophie: Bewusstsein II – Schritt für Schritt.

Dort werden die mentale und die bewusste Systemebene hergeleitet. Wenn man dem dargelegten Modell folgt, gibt es nicht nur Areale für Sensorik, Motorik und Sekretion, sondern auch für das Mentale (die große Menge des Hirns) und das Bewusste (laut Literatur die intralaminären Kerne vom Thalamus mitsamt den aufsteigenden und absteigenden dynamischen Neuronenbahnen, ggf. auch die Steuerung des Hormonsystems). Das Bewusstsein wird dort als Menge von Bewusstseinsprozessen beschrieben, die aus einer Folge bestimmter neuronaler Erregungsmuster bestehen.

Nun sind die BF ebenfalls Prozesse. Was liegt näher, als dass sie auch bewusste Prozesse erfassen und reaktivieren?

An dieser Stelle kommt endlich der Zusammenhang mit dem Titel, der ja von Bewusstsein spricht. Auch wenn die Bündel keine Erklärung für das Bewusstsein abliefern, so haben sie immerhin mit dessen Management zu tun. Nach dieser Vorstellung landen die Muster des bewussten Denkens (= Gedanken) im Kurzzeitgedächtnis wie andere Muster auch. Dort werden sie als BB gespeichert, sofern es die jeweiligen Begriffe (bzw. Objekte des Denkens) noch nicht gibt. Zugleich wird ihre Abfolge als BF recordet.

Am Ende lassen sich alle Muster, die in Form von BB gespeichert sind, über das Abspielen der BF reproduzieren. Das schließt ganze Bewusstseinsinhalte und ihre Veränderungen ein – also bewusste Gedanken. Eine BF führt BB aus, es ist das gleiche wie beim Mantel anziehen. Ein Beispiel wäre, sich an die PIN erinnern: Wie war nochmal mein Geburtstag; erste Ziffer nehmen; dann drei drauf usw.

Bündeln = Erkennen

Bei diesem Stand der Analyse wäre das Aufzeichnen und Abspielen recht plausibel abgedeckt. Das erfasst es aber nur von oben her, wenn also die fertigen Erregungsmuster präsent sind bzw. aus dem Speicher reaktiviert werden können.

Aber wie sieht es mit dem Entstehen der Muster aus, wenn es noch keine Zuordnung von BB und BF gibt? Wie gestaltet es sich von unten her?

Aus der Sensorik kommt ja keine BF mit fertigen BB. Vielmehr liefert das Sinnessystem als unterste Ebene eine Menge einfache Muster und Musteränderungen ab. Das Hirn steht vor der Aufgabe der Integration dieser Muster, also der Verknüpfung der Vielzahl von Sinneseindrücken zu einer einheitlichen Wahrnehmung, sprich zu Bündeln und BB. Nun soll begründet werden, wie die Bündeltheorie eine Lösung für dieses Bindungsproblem liefert.

Von der Annahme ausgehend, dass das Hirn über eine Sammlung von elementaren Bündeln (und BB und BF) verfügt, lässt sich nun die Bündeltheorie ergänzen. Sie muss ein weiteres Feature bekommen, einen Probiermodus.

Beim Reaktivieren bedeutet der Normalmodus, die BB aktivieren die Ziele ihrer Synapsen so lange und so heftig, bis sich die ursprüngliche Erregungsschleife restauriert, basta. Der Probiermodus muss empfindsamer sein:

  • Angenommen, die einzelnen BB können einen periodischen Testimpuls loslassen, der die angehängten Neuronen immer wieder kurz anstupst, ohne die ursprüngliche Rückkopplung zu erzwingen.
  • Angenommen, angestupste BB geben das Anstupsen weiter.
  • Angenommen, auf der untersten Ebene, also beim Ausgang der Sensorik, wird auf das Anstupsen reagiert: Wenn das abgelieferte Muster getroffen wird, gibt es einen Impuls, wenn nicht, dann nicht.
  • Angenommen, die BB schicken ihre Impulse nicht alle gleichzeitig, sondern sie sind individuell getaktet.

Das letztere ergibt sich automatisch, wenn die Bündel-Neuronen eine eigene kleine Rückkopplung aktivieren können, die nicht mit den Nachbarn synchronisiert ist. Die anderen drei Punkte ergeben interessante Möglichkeiten:

Damit lässt sich die Trefferquote verfolgen, und darüber können diejenigen BB lokalisiert werden, die dem von der Sensorik abgelieferten Muster am besten entsprechen.

Sieger

Beispiel: Die Sensorik liefert der untersten Ebene (u.a.) lange dünne Strichmuster. Die ganzen BB morsen nun ihre Impulse runter (Anstupsen). Der Anstups-Test von Kugel ergibt 3 Treffer, und der Test von Bein 57. D.h. in den Momenten, wo das BB Bein seinen Testimpuls gibt, leuchten besonders viele Treffer auf. Die Treffer teilen sich als allgemeines Erregungspotential überallhin mit. Die  Erregungsspitzen fallen mit den Impulsen vom BB Bein zusammen, aber nicht mit dem vom BB Kugel.

Sobald das Erregungspotential einmal bei einem Impuls wegbleibt, wird zurück auf Los gesetzt. Soll heißen, es wird angestupst, aber kaum ein Treffer. Das ist der Fall bei der BB Kugel, die ist damit aus dem Rennen. Bei der BB Bein gibt es dagegen eine Rückkopplung. Das Erregungspotential fällt mit dem Impuls zusammen und verstärkt diesen – nach ein paar Umläufen hat sich diese Schleife etabliert. Das Muster Bein hat gewonnen, es ist aktiviert. Der Testimpuls ist zur vollen Rückkopplung geworden, so dass auch die Unterzyklen von Bein voll aktiviert werden, falls sie es noch nicht sind. Auf der nächsthöheren Ebene gewinnt Hund usw.

Wahrscheinlich ist, dass alle Ebenen zugleich testen und so die Parallelität des Hirns ausnutzen, genauso wie seine Fähigkeit zur Iteration. Dabei würde das BB Hund auf der untersten Ebene die meisten Treffer und damit das höchste Erregungspotential erzielen. Mag sich da auch einiges überlagern, solange jedes BB seine Testimpulse mit einem anderen Rhythmus abschickt, wird die Zuordnung nach wenigen Umläufen eindeutig. Jeder Fehltreffer schaltet die falschen BB stumm, am Ende bleiben nur die Sieger übrig, in der obersten Ebene der Hund. Damit ist natürlich auch das Aufspüren vorhandener BB erledigt.

Semantik

Die Bündeltheorie liefert damit einen Erklärungsansatz, wie die Semantik des Hirns funktionieren kann, nämlich als Bündeln. Alle Elemente wie Anstupsen und Potentiale melden gehören zu den Grundfähigkeiten von Neuronen und ihren synaptischen Verbindungen.

Die Bündeltheorie macht Aussagen, die sich im Test verifizieren oder falsifizieren lassen. Wenn man tatsächlich Testimpulse zu unterschiedlichen Zeitpunkten und darauf folgende höhere Erregungspotentiale findet, würde das für die Bündeltheorie sprechen. Die semantische Verarbeitung wäre dann vom grundlegenden Wirkungsmechanismus her erklärt, das Bindungsproblem wäre geklärt.

Die von der Sensorik angelieferten Erregungsmuster werden nach dieser Vorstellung ganz elegant gebündelt. Nebenbei wird damit auch das Aufspüren vorhandener BB erledigt. Auf allen Ebenen werden die am besten passenden BB aktiviert und damit das Angelieferte erkannt. Das gilt für Objekte und Aktionen; das eine bündelt Muster, das andere Musteränderungen.

Das Beispiel mit dem Hund, der losläuft, um am Baum zu pinkeln, zeigt allerdings die grobe Rasterung des Modells. In Wirklichkeit realisiert man wohl zuerst eine Bewegung, die im Zickzack geht, bis man erkennt, das ist ein Hund usw.

Denken

Bis hierher liefert die Bündeltheorie plausible Vorstellungen davon, wie Erregungungsmuster des Hirns von der Sensorik her aufgebaut, im Gedächtnis niedergelegt und von da heraus reproduziert werden können. Was nun noch fehlt, ist ein Modell für das bewusste oder unbewusste Denken. Wenn schon, denn schon.

Wie sieht das also im Licht der Bündeltheorie aus?

Da lässt sich vorstellen, dass die neuronalen Prozesse des Denkens mit einer Menge BF operieren. Das würde die enge Verknüpfung von Denken und Gedächtnis wiederspiegeln. Fürs Denken dürften hochaggregierte BF sehr nützlich sein. Das Abspielen eines Musikstücks auf einem Instrument könnte z.B. eine lange BF erfordern, das Anziehen eines Mantels eine kürzere. Das bewusste Denken müsste von häufig wechselnden sehr kurzen BF gekennzeichnet sein (außer bei Betonköpfen).

Beim Denken werden nach dieser Vorstellung nicht nur BF abgespielt, sondern es werden auch ständig welche generiert, die wiederum abgespielt werden können. Also eine Mischung von neu entwickelten Folgen und vorgefundenen Folgen. Das Ganze in ständiger Variation und Wiederholung, wodurch die evolutionären Elemente des Denkens abgebildet sind. Die Entscheidungsprozesse dabei (mit welcher BF oder welchem BB geht es weiter?) sind ein eigenes Thema. Auch wenn unklar bleibt, wie das geht, drängt sich aus dieser Richtung zumindest kein Widerspruch zur Bündeltheorie auf – soweit das Grundsätzliche. Nun noch ein paar Alternativen für die Realisierung.

Varianten

Man könnte natürlich fragen, wieso es zwei Konzepte geben soll, einmal das hierarchische Bündel-Konzept, und außerdem das egalitäre Anstups-Konzept mit seiner evolutionären Selbstorganisation? Die Antwort darauf ist, das Bündel-Konzept muss gar nicht so hierarchisch sein.

Vielleicht operiert ja alles auf einer Ebene, und die Bündelung erfolgt nach einem anderen Mechanismus. Dann könnte eine Synapse reichen, die ein Neuron ansteuert und es in einen anderen Modus versetzt. Dieser Modus müsste den ursprünglichen Zyklus reaktivieren, indem nur die betreffenden Synapsen aktiviert werden, die wiederum die folgenden Neuronen in den anderen Modus versetzen usw.

Hier muss nicht darüber spekuliert werden, wie das realisiert sein könnte. Es ist ja nur eine andere Implementierung der Bündelung, so dass sich nichts an der Logik der Bündeltheorie ändert. Ähnliches gilt für andere Alternativen. Es wäre ja auch die inverse Struktur möglich, mit Synapsen zu den Bündel-Neuronen hin. Dann würde das Erkennen (= Bündeln) in einem Arbeitsgang gehen, während das Reaktivieren im Probiermodus erfolgen müsste. Schließlich wäre auch eine Verschaltung in beide Richtungen denkbar. Dann wäre das Probieren unnötig, erkauft durch entprechende Verschaltungsprobleme.

Nachdem das Hirn anscheinend sehr viel iteriert, liegt allerdings die Vermutung nahe, dass es keine doppelte Verschaltung gibt, dass also iteriert und probiert werden muss. Bleibt nur noch das, wovon zu viele Psychologiebücher zu voll sind – Fragen aufwerfen:

Es muss ja noch viel geklärt werden, ehe die Bündel eine solide Theorie hergeben können. Viele Mechanismen sind unklar, nicht nur die Entscheidungsprozesse, mit welchem BB oder BF es weitergeht. Wie werden die Bündel-Neuronen ausgesucht? Wo kommen Bahnungen für ihren Aufruf her? Wie machen sie die Testimpulse? Sind wirklich nur die Zyklen aus dem Kurzzeitgedächtnis dabei? Repräsentieren Aktionen zugleich Zusammenhänge, und Objekte womöglich auch? Ist damit auch die höhere semantische Auswertung erklärbar? Braucht es noch andere Grundmechanismen als das Selbstmanagement der Rückkopplungsschleifen und das Bündeln?

Und das Modell ist ein festverdrahtetes, wobei die Synapsen die Verdrahtung darstellen. Ob es wohl möglich ist, ein anderes Modell anzugeben, wo die beteiligten Neuronen nicht festgelegt sind und dynamisch ausgewählt werden? Immerhin interessante Fragen.

 

Wilfried Müller

Die Bewusstseins-Artikel im Zusammenhang (z.T. noch nicht freigeschaltet):

Weitere Links dazu:

(Dieser Artikel wurde am 13.11.16 als Bewusstsein III – Bündeltheorie publiziert und wurde am 23.11.19 aktualisiert und überarbeitet.)

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1 Response to Philosophie: Bewusstsein III – Bündeltheorie

  1. Günter Dedie sagt:

    Vor einer weiteren Exegese der Bündel-Vermutungen würde ich empfehlen, beispielweise „Geist im Netz“ von Manfred Spitzer zu lesen.

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